Zukunft Inklusion - Wie gestalten wir unsere gemeinsame Zukunft inklusiv?

What is Zukunft Inklusion - Wie gestalten wir unsere gemeinsame Zukunft inklusiv??

Eine Podcastserie mit Gesprächen rund um die Aktionstage zu der Umsetzung der UNO-Behindertenrechtskonvention

Transkript zum Podcast mit Jahn Graf, Influencer und Youtuber
Sara Taubman: Ein Podcast von der Fachstelle Gleichstellung Kanton Zürich.
Jingle
Sara Taubman: Hallo miteinander, grüezi miteinander. Alle, die zuhören, schön seid ihr da. Ja, Jahn, so schön, dass wir zusammen hier im Studio sind.
Jahn Graf: Ja ich habe mich auch wahnsinnig gefreut.
Sara Taubman: Wie geht es dir?
Jahn Graf: Gut, gut, gut. Selber?
Sara Taubman: Ja, ja, ganz ordentlich würde ich sagen.
Jahn Graf: Schön.
Sara Taubman: Ich freue mich auf das Gespräch mit dir, weil du bist ja ein Profi. Du hast selber einen Podcast „Jahns rollende Welt“ und du forderst zu Beginn deine Inter-viewpartner:innen immer auf, sich vorzustellen.
Jahn Graf: Und was sie so machen, oder?
Sara Taubman: Jetzt, jetzt bist du mal dran. Jahn, wer bist du?
Jahn Graf: Also ich bin der Jahn, bin seit dem 14. Mai 32 Jahre alt und bin eben jetzt Youtuber/Podcaster. Seit meinem Engagement beim Schweizer Fernsehen, wo ich bei den Paralympics die Journalmoderation von der Sendung Para-Graf übernommen habe, bin ich auch noch Moderator. Und ich bin auch Journalist und Aktivist in Behindertenfra-gen.
Sara Taubman: Jahn, wir sprechen heute im Rahmen der Aktionstage Behinderten-rechte während dem es rund um die Umsetzung und auch um den Stand der Umsetzung der UNO Behindertenrechtskonvention geht. Wenn ich das zu Beginn einfach mal so in den Raum stelle: Die Umsetzung der UNO Behindertenrechtskonvention, was geht dir dabei durch den Kopf?
Jahn Graf: Dass die Schweiz das jetzt auf der Prioritätenliste nicht weit oben hat, son-dern so gemächlich und so: „ja wir sind ein bisschen dran, aber nur wenn die Selbstver-treter ein bisschen Druck machen. Aber selber haben wir es vom Bund her den Kanto-nen übergeben, wegen dem Föderalismus“. Und die dürfen jetzt auch ein bisschen ma-chen, wie es ihnen so gefällt. Gewisse nehmen sich da wirklich mehr Beispiele, andere nicht. Ich würde deshalb sagen, dass die Schweiz gemütlich bei der Umsetzung der UNO BRK joggt.
Sara Taubman: Okay, wo hapert es denn am meisten?
Jahn Graf: Wo hapert es, also wenn man mich fragt, hapert es bei der Barrierefreiheit, das ist auch digital gemeint. Wenn ich immer noch meine Verträge ausdrucken muss und eine Person fragen muss, ob sie mir die IBAN und so noch reinschreibt und ich aber schon weiss, dass es da digitale Lösungen gibt, dann frage ich mich dann eben schon, ja wann kommt das dann? Und wenn es um physische Barrieren geht, also ich habe manchmal die Urinflasche dabei, weil ich einfach nicht weiss, ob die Lokalität eine roll-stuhlgängige Toilette hat. So kann ich trotzdem in eine normale Toilette reingehen, weil ich die Urinflasche dabeihabe und solche Sachen. Ich muss mir einfach viel mehr über-legen, bevor ich auch überhaupt an die Arbeit gehen kann. Ich mache immer das schöne Beispiel von meinen Besuchen an der Hochschule in Luzern. Wenn ich mich dann so in einen Studenten versetze, der jetzt eine Behinderung hätte, dann muss er bevor er in den Hörsaal geht, bereits viel mehr Kraftaufwand und geistige Höchstleistung bringen, bis er überhaupt in den Hörsaal kommt. Andere Mitstudierende hingegen können einfach so im Halbschlaf am Morgen in die erste Lesung gehen.
Sara Taubman: Kannst du konkrete Beispiele nennen? Wo fängt es da mit der Barrie-refreiheit an?
Jahn Graf: Ja da fängt es an mit „wie mache ich die Türe auf?“ Wenn ich eine Türe mit einem Batch aufmachen muss, ist dieser Batch auf meiner Höhe oder muss ich da zwei Meter gross sein? Oder bei der Kantine, wenn ich nicht so mobil bin, muss ich meine Mitstudierenden fragen, ob sie mir das Tablet halten können. Und da merk ich einfach, das ist fucked up. Ich will es einfach mit Nachdruck sagen, der Mehraufwand um an das gleiche zu kommen wie Fussgänger:innen (ist gross). Wenn die Barrierefreiheit mal um-gesetzt werden sollte, dann ist meiner Meinung nach schon viel für die Inklusion ge-macht, weil dann für alle die Regeln gleich sind. Ob sie genutzt werden, ist dann das andere. Aber solange es für mich Mehraufwand bedeutet, um überhaupt irgendwo zu sein, ist das ungerecht.
Sara Taubman: Du hast auch erwähnt, dass es ist ein Flickenteppich ist, ja? Also kan-tonal grosse Unterschiede. Du wohnst im Kanton Zug.
Jahn Graf: Der (Kanton) ist klein, finanzstark und der (Kanton) hat sich auf die Fahne geschrieben, vor allem auch in der Barrierefreiheit, seine Bushaltestellen rollstuhlgängig zu machen. Aber wir haben eine Bushaltestelle, die in einen anderen Kanton geht und ich weiss jetzt nicht wie aktuell das ist, ob sie das jetzt gefixt haben. Aber dort war es lange Zeit so, dass ich in meiner Gemeinde einsteigen konnte, aber bei der Bushaltestel-le beim anderen Kanton eben nicht. Dort kam die Feststellung: „Ja die wird ja eh nicht genutzt von Menschen mit Behinderung“. Und das finde ich dann schon ein [Abbruch]
Sara Taubman: Das ist ein Schlag ins Gesicht oder?
Jahn Graf: Das auch aber das hat die Politik eben schon gut eingefädelt, weil man bei der Barrierefreiheit von der Verhältnismässigkeit spricht. Also umgebaut wird es erst, wenn es verhältnismässig ist. Ja dann frage ich immer: „Was erwartet ihr? Das wirklich Menschen mit einer Behinderung die Extrameile gehen um euch zu zeigen, dass es nicht barrierefrei ist um dann eine Verhältnismässigkeit zu bekommen?“ Also ich habe das Gefühl, erst wenn es barrierefrei ist, kann man von Verhältnismässigkeit sprechen, weil dann ist es eben für alle gleich. Aber wenn es das nicht ist, kann man auch nicht immer erwarten, dass die Menschen mit Behinderung sich solange an der Barriere reiben, bis es die Politik endlich für verhältnismässig anschaut.
Sara Taubman: Also wirst du auch politisch behindert, kann man sagen, oder ihr?
Jahn Graf: Ja, ja, doch, doch. Also ich jetzt weniger, weil je mehr Reibung ich bekom-me, desto lustiger finde ich es. Aber ich kann das nicht von jedem Menschen oder auch allgemein Individuum erwarten, dass man bei einem solchen Gegenwind das Segel rich-tigstellt. Es sollte auch nicht sein. Auch wenn ich es manchmal lustig finde, mich mit der Umgebung zu reiben, müsste es in einer gerechten Welt nicht sein.
Sara Taubman: Für dich wirkt es wie ein Katalysator, für andere wahrscheinlich sehr hemmend, wie du gesagt hast. Das wiederspiegelt dann auch die Sichtbarkeit von Men-schen mit Behinderung.
Jahn Graf: Eben, wenn es nicht barrierefrei ist, kann man auch nicht erwarten, dass dann Menschen mit einer Behinderung an ein Festival gehen. Ein anderes Beispiel: Wenn ich jetzt nächstes Jahr an das Bruce Springsteen Konzert gehe, muss ich um an ein Rollstuhlticket zu kommen, Extramails schreiben und kann nicht wie jede:r beim Ti-cketcorner meine Rollstuhltickets bestellen. Ich muss also schon wieder eine Extrameile gehen. Natürlich ist dann der Service gewährleistet, aber wieder eine Mail mehr schrei-ben, wieder sagen, dass ich etwas Spezielles bin, wieder auf Hilfe angewiesen sein müssen. Das müsste in der heutigen digitalen Welt nicht sein. Weil die Digitalisierung hilft uns ja schlussendlich immer mehr, nur verpennt die Schweiz das eben auch ein bisschen, diese Digitalisierung.
Sara Taubman: Inwiefern?
Jahn Graf: Ja einfach die Tools nicht zu nutzen. Langsam kommt es, dass man mit Twint bezahlen kann, dass man Tickets von zuhause ausdrucken kann, dass es eben digitale Signaturen gibt. Aber immer noch nicht flächendeckend, wegen dem Föderalis-mus. Jede Person kann ihr eigenes Süppchen kochen.
Sara Taubman: Oder zum Beispiel auch das E-Voting, oder? Das ist auch immer wie-der Thema. Die Digitalisierung per se hat ja durch Corona einen enormen Schub be-kommen, hast du das für dich gemerkt?
Jahn Graf: Ja, ich muss nicht mehr an jeder Sitzung physisch teilnehmen, das finde ich sehr sympathisch.
Sara Taubman: Du hast es erwähnt, es ist ein langer langer Marathon, diese Umset-zung der UNO Behindertenrechtskonvention, UNO BRK. Die UNO hat die Schweiz dies-bezüglich ja auch gerüffelt. Was fandest du gut daran?
Jahn Graf: Also erstens mal, dass wiedermal gezeigt wurde, wo es Verbesserung gibt. Ich finde es dann nicht so smart, wenn die Person [Abbruch], also ich weiss, dass die Person, die vom Bund angestellt ist, sich bei der Umsetzung wirklich Mühe gibt. Aber wenn dann ein Fussgänger beim Schweizer Fernsehen so wehmütig erzählt, dass es eben ein Marathon ist und es viel Geduld braucht, bin ich dann schon auch nicht so an-gesprochen als Mensch mit einer Behinderung. Natürlich weiss ich, dass es ein Mara-thon ist, aber wenn es vielleicht eine Person mit einer Behinderung gesagt, aber trotz-dem Energie ausgestrahlt hätte, hätte ich es eher abgekauft, als wenn man wehmütig erzählt, dass es ein Marathon ist und dass wir immer noch auf dem Weg sind. Ich möch-te da auch niemandem irgendwie kritisieren, aber einfach wie man es verkauft, ist manchmal auch die Frage.
Sara Taubman: Jahn, ein Zitat von dir: „Wir müssen mehr rausgehen, die Reibung aushalten, Bedürfnisse kommunizieren. Geht raus und verstopft die Bushaltestelle!“. Das hat mich fasziniert.
Jahn Graf: Das System zwingt uns ja dazu. Wie ich vorhin gesagt habe, bin ich ein wahnsinniger Fan davon, aber ich kann es nicht von jedem Menschen mit einer Behinde-rung erwarten, es so umzusetzen. Für die Politik wäre es einfacher zu sagen: „Wir haben jetzt alles umgebaut und wenn es nicht genutzt wird, seid ihr selber schuld.“ Ich hätte es lieber so, weil wenn es dann mal umgebaut wäre, wenn einmal die Barrieren weg sind, dann sind wir in der Pflicht am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Aber solange es eben die Schlupflöcher mit der Barrierefreiheit gibt, solange kann man uns auch nicht kritisieren, es nicht zu tun, ausser man will es.
Sara Taubman: Trotzdem hast du mir gesagt, du würdest dir wünschen, also du hast gesagt, die Community muss in die Pflicht genommen werden.
Jahn Graf: Ja, einfach sichtbar sein, weil momentan das System so läuft. Es passiert erst etwas, wenn man es sichtbar macht. Also der grosse Eisberg, der weisse Eisberg bewegt sich nicht, ausser man rüttelt ein bisschen daran. Wenn man ihn ganz liebevoll und fest umarmt, schmilzt er langsam. Aber sonst treibt er einfach in seinem Tümpel so rum und denkt das Leben ist schön, also mehrheitlich die grosse weisse Gesellschaft. Aber man muss mit ihnen in den Dialog gehen um so ein Bedürfnis klarzumachen. Ich sage ja immer, alle sollen ihr Bedürfnis sichtbar machen. Ich kann auch nicht von jedem verlangen, den Weg zu gehen wie ich, also wirklich jede Reibung auszuhalten. Aber die Bedürfnisse sichtbar zu machen, sich aktiv um seine Bedürfnisse auch zu kümmern. Das erwarte ich von jeder Person mit einer Behinderung.
Sara Taubman: Du bist sehr versiert, du hast auch bei SRF moderiert und so weiter, braucht es für dich trotzdem manchmal Mut?
Jahn Graf: Ja mehr als man mir sogar zuspricht, also ich muss mich dann schon auch manchmal in den Mut reinpushen. Auch ich habe manchmal düstere Tage, auch ich ha-be so meine Dämonen, aber ich sage dann immer, je mehr ich rausgehe, desto mehr dehne ich meine Komfortzone aus. Je weniger ich mache, desto enger wird meine Kom-fortzone. Darum nehme ich es auch ein bisschen sportlich.
Sara Taubman: Ich fand ganz spannend, dass du im Vorgespräch gesagt hast, dass du den integrativen Schulansatz schon sehr gut umgesetzt findest.
Jahn Graf: Also es würde jetzt den Podcast sprengen, wenn man darüber redet. Mei-ner Meinung nach müsste man das ganze Bildungssystem hinterfragen, aber der integ-rative Schulansatz ist für mich die richtige Richtung, um es auch sichtbar zu machen. Da nehme ich immer meine Schwester als Beispiel, die ist mit mir aufgewachsen. Für sie war ich lange der dumme ältere Bruder und da hat die Behinderung keine Rolle gespielt. Und das sehe ich auch, wenn sie jetzt mit Menschen mit Behinderung im Alltag umgeht. Die fragen sie dann oft, ob sie jemanden im Bekanntenkreis hat, weil sie so ganz ganz normal auf die Menschen zugeht. Und dann sagt sie: „Ja mein Bruder“ und der Nachna-me genügt dann um zu wissen, wer der Bruder ist. Aber mein bester Freund ist zum Bei-spiel auch im Rollstuhl und der ist integrativ in Einsiedeln geschult worden. Wenn ich jetzt seine ehemaligen Schulkamerad:innen sehe, sind die ganz anders sensibilisiert, weil sie eben mit einer Person (mit Behinderung), die Schulbank gedrückt haben. Darum sag ich integrativ, ob es jetzt auch Kitas sind, möglichst früh, weil wenn sich das etab-liert, werde ich nicht mehr angeschaut, als käme ich vom Mond, wenn ich beim Bahnhof Zug stehe. Und wenn ich dann alleine dort stehe und länger alleine dort stehe, werde ich dann auch noch oft gefragt, wo meine Begleitperson ist. Dann sag ich gerne: „Die ist mir davon gelaufen“. Und dann werde ich mit so einem Fragezeichen auf dem Gesicht an-geschaut, ein bisschen überfordert schon, aber mit der Frage: „Will der mich jetzt verar-schen, oder ist das jetzt wahr?“.
Sara Taubman: Willst du die Leute auch [Abbruch]
Jahn Graf: Ja, ja manchmal will ich sie auch verarschen, aber sie sehen dann, dass ich auf den Stockzähnen lache und dann wissen sie schon, dass es ein Scherz war. Aber eben um in das neue Thema einzusteigen, wenn man den integrativen Schulansatz zu Ende denkt, an diesem Punkt ist die Politik momentan, fehlen die Anschlusslösungen für die Berufswelt, oder? Und dann höre ich von Institutionen oft, dass das das schwie-rigste Klientel ist: integrativ geschulte Schüler:innen. Und dann frage ich, weshalb? Weil ich bin immer ein sehr wissbegieriger Mensch und dann bekomme ich dann die Antwort: „Ja weisst du, die haben jetzt zwar einen Sekundarabschluss, aber die Realität ist, dass sie trotzdem in die Werkstatt gehen, weil die Arbeitswelt noch nicht vorbereitet ist. Und die verstehen das nicht und sind frustriert.“ Dann sage ich: „Und sie sind das Problem?“. Und dann muss ich immer schauen, dass ich einen ruhigen Puls habe, weil mich das dann ein bisschen ärgert, weil da ist das System wieder das Problem. Und darum sage ich, oder?
Sara Taubman: Also ein integrativer Schulansatz nützt uns schlussendlich nichts, wenn es keine Anschluss- oder weniger [Abbruch]. Aber Anschlusslösungen fehlen.
Jahn Graf: Es nützt schon, es nützt schon. Die (Anschlusslösungen) fehlen natürlich, aber es nützt in dem Sinne, dass wir selbstbewusstere und kritischere Menschen mit Behinderung bekommen, die ein grosses Selbstbewusstsein haben, indem dass sie auch lernen zu fordern, weil sie einen Sekundarabschluss haben und sie das nicht ak-zeptieren müssen. Da bekommt der Eisberg wieder Druck und wir wissen ja, wenn man den Eisberg liebevoll und hart umarmt, dass der dann schmilzt. Also wenn der Druck zu gross wird, beugt sich irgendwann dann schon das System. Das ist eben auch der posi-tive Nebeneffekt, dass sich eben die Menschen auch wehren und dass es auch Selbst-vertreter gibt, die immer lauter werden und smarter in ihren Forderungen sind.
Sara Taubman: Also punkto Anschlusslösungen, müsste man auch Unternehmen, die Wirtschaft, in die Pflicht nehmen.
Jahn Graf: Also die Politik sagt ja immer, die Wirtschaft regelt sich selber. Da bin ich noch nicht schlau geworden, wie man diesen Hebel ansetzt. Ich denke schon, dass vie-les da auch unwissend ist. Viele Firmen sträuben sich dann dagegen jemanden mit einer Behinderung anzustellen, weil er könnte ja mehr krank sein, dann müsste es bauliche Massnahmen geben, wieder baulich, oder? Wenn man sich da eben informieren würde, wüsste man, dass die IV, was bauliche Massnahmen betrifft, einem extrem entgegen-kommen könnte. Die IV spricht auch Gelder für eine behindertengerechte Toilette oder so. Und es hat auch schon Studien gegeben, dass Menschen mit einer Behinderung nicht mehr krank sind, sondern eben weniger, weil sie ihren Körper und alles viel besser kennen und vielleicht schon im Vorfeld prophylaktisch ein Problem angehen können. Aber das Nichtwissen ist oft da. Dann sag ich eben auch wieder: „Geht raus und zeigt euch, nehmt eure Pflicht als Gesellschaft wahr.“
Sara Taubman: Spannend, ja absolut. Du hast schon so viel gute Inputs gegeben und deine Ansichten mit uns geteilt. Jetzt bin ich sehr gespannt, Jahn, du darfst jetzt König spielen.
Jahn Graf: Ich bin aber Graf.
Sara Taubman: Okay du bist der Graf, noch besser. Du bist der Graf, der alleinherr-schende Graf der Schweiz und du kannst, koste es was es wolle, an Geld, Ressourcen, zwei Massnahmen durchsetzen oder weil du es bist, Herr Graf, drei. Und was wären das für Massnahmen?
Jahn Graf: Ja sicher, also das ist wirklich das Thema, bei dem ich keine Kompromisse mache, das ist die Barrierefreiheit. Also das muss einfach umgesetzt werden, fertig, aus. Und dann Schulreformen, dass alle potenzialorientiert und nicht defizitorientiert die Schu-le geniessen dürfen. Und das dritte, der Weltfrieden, nein, es ist schon mehr zuhören und dass man auch alles fragen darf. Man darf alles fragen, wenn die Gegenseite, die fragt, auch ein „Nein“ als Antwort akzeptiert. Egal, ob bei Frauen, ob Menschen mit Be-hinderung, People of Color – ein „Nein“ darf als Antwort genügen. Das würde ich auch etablieren wollen, dass ein „Nein“ ein „Nein“ ist.
Sara Taubman: Was möchtest du abschliessend im Rahmen von den Aktionstagen noch platzieren? Gibt es noch etwas, eine Kernbotschaft, etwas, das dir auf dem Herzen brennt?
Jahn Graf: Obwohl das Thema ja sehr schwer ist: Den Spass nicht verlieren und das Miteinander auch ein bisschen zelebrieren. Und vielleicht schon fordern, aber auch da nicht immer zu viel mit dem Zeigefinger, weil man spricht da immer mit einem Gegen-über und das Gegenüber muss manchmal ein wenig geschubst werden, aber wenn man dann mit dem Zeigefinger immer sagt „du solltest“ und „du müsstest“ und so. Das sieht man gut bei Kindern, wenn Eltern dem Kind sagen „du solltest“ oder „du müsstest“ und das in Endlosschlaufe, irgendwann macht das Kind zu. Deshalb auch immer wieder sa-gen: „Ja, wenn wir das zusammen lösen, hast du den Benefit und ich auch“. Die Leute müssen bei solchen Aktionstagen mitgenommen werden.
Sara Taubman: Weil Druck erzeugt Gegendruck [Abbruch].
Jahn Graf: Und das löscht dann irgendwann ab.
Sara Taubman: Noch kurz, die UN BRK wurde ja 2014 unterzeichnet. Das sind jetzt doch einige Jahre, die vergangen sind.
Jahn Graf: Bald zehn.
Sara Taubman: Und du bist da ja sehr aktiv und hast eine gute Brille auf, eine sehr authentische und direkte. Was ist da in Sachen Mentalitätswandel in diesen Jahren ge-gangen?
Jahn Graf: Es ist viel gegangen. Wenn man die Geschichte der Menschen mit Behin-derung anschaut, sieht man da immer Wellenbewegungen. Vor circa 60, 70 Jahren hat man uns versteckt. Das muss man ganz klar so sagen. Dann kam die erste Krüppelbe-wegung, die sieht man heute noch bei so Veranstaltungen, das sind so die Silberrücken. Sie haben so richtig gekämpft, dass wir nicht mehr bei der SBB im Gepäckwagen trans-portiert werden und so. Dann kommt eine lange Zeit von Sondersettings und solche Sonderschulen und so. Da bin ich eben auch ein bisschen kritisch, man hat so eine Wohlfühloase vor allem für Kinder mit Behinderung gemacht, aber das hat mit der Reali-tät nichts zu tun. Da sieht man, dass da manchmal viel Potenzial liegengeblieben ist, weil da zu theoretisch und zu pädagogisch an die Sache rangegangen ist. Und jetzt sieht man eben wieder, dass der integrative Schulansatz gegriffen hat oder greift und wieder selbstbewusste Selbstvertreter:innen an den Start gehen. Und das hat sicher auch damit zu tun, dass sich die Schweiz zumindest für die UNO BRK committed hat und eben auch gewisse Kantone das höher auf der Prioritätenliste haben. Da hat sich die Ratifizierung gelohnt, dass da trotzdem vieles gegangen ist. Aber was ich da halt immer wieder kriti-siere, ist, man kann ja auf Probleme hinweisen, auch vor Gericht. Und da kann man auch Recht bekommen, also im Sinne eines Geldbetrages. Aber dass es dann geändert wird, also, dass es dann Konsequenzen hat, das hat ja die Schweiz nicht in der UNO BRK miteingenommen. Das habe ich immer so ein bisschen überspitzt gesagt, als ein Feigenblatt bezeichnet. Also theoretisch will man, aber wenn es dann um Klagen geht, da ist ja Amerika ziemlich krass mit dem Klagerecht, ich glaube, dass man das rausge-nommen hat. Man darf es sichtbar machen, aber geändert werden muss man es nicht. Finde ich dann ein bisschen schwierig.
Sara Taubman: Ein feiges Feigenblatt, ja. Ja Jahn, es gibt noch so viel zu tun, vielen Dank.
Jahn Graf: Aber mit Spass, mit Spass.
Sara Taubman: Ja absolut, mit einer Leichtigkeit. Ich glaube das ist auch ganz wich-tig. Vielen Dank für das offene und ehrliche Gespräch Jahn. Für die Zukunft, für all deine Engagements, viel Kraft, Energie und allerbestes positives Gelingen, dir.
Jahn Graf: Danke, danke für das angenehme Gespräch.