Zukunft Inklusion - Wie gestalten wir unsere gemeinsame Zukunft inklusiv?

What is Zukunft Inklusion - Wie gestalten wir unsere gemeinsame Zukunft inklusiv??

Eine Podcastserie mit Gesprächen rund um die Aktionstage zu der Umsetzung der UNO-Behindertenrechtskonvention

Transkript zum Podcast mit Karin Huber, Geschäftsführerin Avanti Donne
Sara Taubman: Ein Podcast von der Fachstelle Gleichstellung Kanton Zürich
Jingle
Sara Taubman: Hallo zusammen, schön seid ihr mit dabei, bei diesem Podcast im Rahmen der Aktionstage Behindertenrechte des Kanton Zürich. Karin Huber ist Ge-schäftsleiterin von Avanti Donne. Avanti Donne vertritt Interessen von Mädchen und Frauen mit Behinderung. Hallo Karin.
Karin Huber: Hallo Sara.
Sara Taubman: Schön, dass ich heute für dieses Gespräch bei dir sein darf, ich freue mich extrem darauf.
Karin Huber: Ich freue mich auch sehr auf das Gespräch.
Sara Taubman: Karin ich habe es soeben gesagt, Avanti Donne setzt sich für die Inte-ressen von Mädchen und Frauen mit Behinderung ein. Kannst du genauer erläutern, was das bedeutet? Was ist euer Ziel? Wofür setzt ihr euch ein?
Karin Huber: Avanti Donne ist eine Organisation, die sich bereits seit 2002 für die In-teressen von Frauen und Mädchen mit Behinderung einsetzt. Wir sind eine Organisation von Frauen mit Behinderung für Frauen mit Behinderung, also wir sind alles Selbstvertre-terinnen. Das Ziel, das statutarische Ziel des Vereins, ist die Umsetzung der UNO Be-hindertenrechtskonvention, speziell dort natürlich die Stärkung der Rechte von Frauen und Mädchen mit Behinderung. Der Verein setzt sich mittlerweile schon seit 20 Jahren für diese Interessen ein. Wir tun das mit Öffentlichkeitsarbeit, wir beteiligen uns an Pro-jekten, aber ganz wichtig ist auch die gegenseitige Unterstützung und Stärkung im Netz-werk von betroffenen Frauen. Es sind sehr vielfältige Aktivitäten.
Sara Taubman: Kannst du uns ein konkretes Beispiel geben, was dich momentan gerade beschäftigt?
Karin Huber: Es gibt verschiedene Themen, also bei Avanti Donne als Organisation, also als Frauenorganisation, ist natürlich der 14. Juni, der feministische Streiktag, auch ein Thema. Wir nutzen die Gelegenheit uns mit einer Arbeitsgruppe aus Lausanne zu vernetzen. Wir wollen dort ein Statement an diesem Tag nach Lausanne senden. Konk-ret ist eine Radioausstrahlung geplant, vielleicht auch ein Interview und wir nutzen diese Gelegenheit um auf die Situation der Frauen mit Behinderung, auf die Probleme und Schwierigkeiten im öffentlichen Leben, einfach ganz generell, aufmerksam zu machen. Das ist jetzt ein Beispiel.
Sara Taubman: 2016 wurde ja in der Deutschschweiz eine Studie über die aktuelle Situation von Frauen mit Behinderung in Bildung und Erwerb veröffentlicht und du hast diese im Vorgespräch erwähnt. Ich fand das noch spannend, könntest du verkürzt auf-zeigen, was diese Studie aussagte?
Karin Huber: Ja genau, das ist eine Studie, die Avanti Donne mitgetragen hat. Die Studie wurde zusammen mit dem eidgenössischen Büro für die Gleichstellung von Men-schen mit Behinderung umgesetzt. Inhaltlich hat sie die Situation von Frauen mit Behin-derung im Erwerbsleben und in der Ausbildung zum Thema. Es ist eine empirische Un-tersuchung, die zeigt, dass für Frauen und Mädchen mit Behinderung im Sektor Arbeit und Bildung die Gefahr der Mehrfachdiskriminierung besteht und dass die Chancen-gleichheit dort noch nicht verwirklicht ist.
Sara Taubman: Was bedeutet Mehrfachdiskriminierung, kannst du das definieren?
Karin Huber: Mehrfachdiskriminierung bedeutet, dass bei Frauen mit Behinderung die Dimensionen Geschlecht und Behinderung zusammenwirken und sich verstärken und dass das zu schlechteren Bildungschancen führt und auch zu einer schlechteren Stel-lung im Erwerbsleben.
Sara Taubman: Die Studie wurde ja 2016 gemacht. Hat sich in den letzten sechs Jah-ren etwas verändert?
Karin Huber: Wir wissen es nicht genau. Ein Problem ist natürlich die mangelnde Da-tenlage, also die Studie aus dem Jahr 2016 war die erste Studie, welche die Situation von Frauen mit Behinderung wissenschaftlich untersucht hat. Seither sind meines Wis-sens keine neueren Untersuchungen dazu gemacht worden. Ich kann vielleicht sagen, dass aus dem Kontakt mit unseren Mitgliedern, also gerade am Samstag hatten wir un-sere Mitgliederversammlung, und an einer Podiumsdiskussion hatten wir auch Einblick in die Situation von betroffenen Frauen. Aus dem, was dort zu hören war und was vielleicht auch Betroffene berichten, denke ich nicht, dass sich unterdessen die Situation wesent-lich verbessert hat.
Sara Taubman: In welchen Bereichen haben Frauen und Mädchen mit Behinderung in dieser Mehrfachdiskriminierung besonders zu kämpfen?
Karin Huber: Ich denke der Bereich Arbeit und Erwerbsleben ist zu nennen. Also dort haben wir die bekannten Schwierigkeiten wie bei Frauen generell. Nämlich aufgrund der immer noch häufig vorkommenden Rollenverteilung, dass Frauen einerseits eben im Erwerbsleben sind und andererseits auch eine Hauptverantwortung für die Betreuungs-arbeit von Kindern tragen. Das führt dazu, dass Frauen häufiger in Teilzeitjobs arbeiten und das ist bei Frauen mit Behinderung eigentlich nicht anders. Es kommt hier noch da-zu, dass Frauen mit Behinderung häufig dann bei der Berufswahl auch eingeschränkt werden und ich sage bewusst ‚werden‘, weil vielleicht gerade wenn eine Invalidenversi-cherung eine Umschulung anordnet oder bei der Berufswahl generell, dass die Gefahr für Frauen mit Behinderung besteht, dass sie in typische Frauenberufe gedrängt werden. Das sind dann Berufe, wo sie wieder weniger verdienen, was sich dann eben vielleicht in Kombination mit einer Teilzeit-Erwerbstätigkeit sehr negativ auf die Altersrenten aus-wirkt. Also eben eigentlich die bekannten Probleme [Abbruch]
Sara Taubman: verschärft
Karin Huber: verschärft, genau.
Sara Taubman: Was sagt es denn aus, dass es so wenig Studien und Forschung zu dieser Thematik gibt?
Karin Huber: Das ist auch ein Kritikpunkt, der, denke ich, generell häufig von Behin-dertenorganisationen kommt oder gemacht wird, auch, dass eben so wenig über die Si-tuation von Frauen und Mädchen mit Behinderung belegt, untersucht, bekannt ist. Also die mangelnde Datenlage [Abbruch]
Sara Taubman: Und alles, was man nicht weiss, was nicht sichtbar ist, kann auch nicht angepackt werden, eigentlich, oder?
Karin Huber: Also weil man dann [Abbruch]
Sara Taubman: Da beisst sich die Katze in den Schwanz dann sozusagen. Die Akti-onstage Behindertenrechte, Karin, nehmen ja die Umsetzung der UNO Behinderten-rechtskonvention in den Blick und natürlich vor diesem Hintergrund von dem wir jetzt gesprochen haben, wie gefällt dir der Status quo dieser Umsetzung?
Karin Huber: Die Umsetzung geht schleppend voran. Das wurde gerade im März auch vom UNO Ausschuss auch so festgehalten. Die Schweiz wurde nämlich über die Umset-zung der UNO Behindertenrechtskonvention überprüft. Ich glaube es findet alle vier Jah-re eine solche Überprüfung statt und die letzte war gerade im März. Im Bericht ist auch zu lesen, dass in verschiedenen Bereichen wirklich Handlungsbedarf besteht.
Sara Taubman: Zum Beispiel?
Karin Huber: Zum Beispiel bei der Sprache. Also in der Schweiz wird im Umgang mit Menschen mit Behinderung eine nicht-wertschätzende Sprache verwendet wie zum Bei-spiel der Begriff ‚Invalidität‘. Der Begriff deutet daraufhin, dass es eben nicht gültig, nicht wertvoll ist. Es ist abschätzend und sollte nicht verwendet werden.
Sara Taubman: Also zum Beispiel der Begriff ‚Invalidenrente‘ ist per se stigmatisiert?

Karin Huber: Ja, genau. Auch Begriffe wie eben ‚Hilflosenentschädigung‘ vermitteln einfach ein Bild von Menschen, das eben abwertend ist oder negativ und es wurde im Bericht kritisiert und ja, das ist ein Bereich. Auch bei der Mobilität, das ist jetzt nicht ein spezifisches Frauenthema, aber auch bei der Mobilität, bei selbstbestimmter Fortbewe-gung, ist die Schweiz noch nicht so weit, wie sie eigentlich sein sollte.
Sara Taubman: Woran mangelt es, dass das so schleppend geht?
Karin Huber: Ein Punkt ist, dass es an einem durchdachten übergreifenden Konzept fehlt. So wie es heute ist, ist es wirklich wie ein Flickenteppich. Einzelne Gemeinden sind vielleicht sehr fortschrittlich, machen Projekte oder in einzelnen Bereichen probieren sie einmal etwas aus, wie zum Beispiel E-Voting. Es gibt ab und zu so vereinzelte Beispiele oder Punkte, die dann angegangen werden, aber eigentlich nicht auf der Basis von ei-nem übergreifenden Konzept.
Sara Taubman: Das heisst, es wurde an die Kantone delegiert und die Kantone dele-gieren es dann an die kommunale Verwaltung und dort ist es dann im Ermessensspiel-raum der jeweiligen Gemeinden, was sie machen und was sie nicht machen?
Karin Huber: Ja also die UNO Behindertenrechtskovention, die muss eigentlich auf allen Ebenen umgesetzt werden. Und da gibt es halt auf der kommunalen Ebene Hand-lungsbedarf. Der Kanton ist daran, die Behindertenrechtskonvention auch auf Bundes-ebene umzusetzen.
Sara Taubman: Aber es gibt keine Deadline? Also ich möchte das ein bisschen fest-machen, ist es wegen Geld? Sind es persönliche Ressourcen? Was denkst du, was sind die grössten Stolpersteine, dass das so schleppend geht?
Karin Huber: Es ist schwierig, also diese Frage ist schwierig zu beantworten, ich habe da auch vielleicht zu wenig umfassenden Einblick, um das beantworten zu können.
Sara Taubman: Du lebst in einer ziemlich fortschrittlichen Gemeinde, oder? Würdest du das bestätigen?
Karin Huber: Genau ja, Uster hat sich in den letzten vier Jahren sehr stark für die Um-setzung der Behindertenrechtskonvention engagiert. Es gab ein Projekt und es wurde eigentlich auch viel erreicht, also meine Stadt hat das gut gemacht.
Sara Taubman: Und du bist bei der Schulgemeinde angestellt, was ist dort deine Auf-gabe?

Karin Huber: Genau, ich arbeite seit einigen Jahren als Juristin auf der Schulverwal-tung und dort habe ich verschiedene Aufgaben. Ich begleite zum Beispiel Revisionen von Verordnungen, beantworte verschiedene Fragen im Zusammenhang mit dem Schul-recht und ich berate die Schulleitungen.
Sara Taubman: Und insbesondere dann auch für Menschen mit Behinderung? Hast du da auch Projekte?
Karin Huber: Jetzt in dieser Funktion als Juristin ist das kein Fokus, aber ich treffe in meinem Arbeitsalltag auf der Schulverwaltung natürlich immer wieder auf das Thema Inklusion. Also der ganze Bereich der Sonderpädagogik, dort geht es ja genau darum.
Sara Taubman: Auch ein wichtiger Teil der UNO BRK, oder, also die integrative Be-schulung?
Karin Huber: Ja, genau. Das ist ein ganz wichtiger Teil. Die separative Beschulung in Sonderschulen ist gerade nicht im Sinne der UNO Behindertenrechtskonvention, es ist nicht Inklusion. Und dieses Beispiel hängt möglicherweise auch mit den fehlenden Res-sourcen zusammen. Und ich denke gerade im Bereich Bildung, erlebe ich, dass die Schule beschränkte Ressourcen hat und dass gerade die integrative Beschulung von Kindern mit Behinderungen sehr viele Ressourcen erfordert.
Sara Taubman: Du hast mir da auch von einem Beispiel erzählt, dass du selber erlebt hast mit einem Jungen, der in Uster integrativ beschult wurde. Was ist dir da aufgefal-len?
Karin Huber: Ich habe an unserem Infobulletin, da schreibe ich manchmal mit und bevorzuge das Thema Inklusion, also so neutral bin ich dann nicht (lacht). Und ich hatte einmal für einen Beitrag die Gelegenheit einen Schüler in einer Klasse zu besuchen, ein Schüler mit einer Sehbehinderung. Und bevor er in die Regelschule kam, ging er in Zü-rich in die Schule für Sehbehinderte. Er konnte dann an die Regelschule wechseln und ich durfte ihn besuchen und schauen, wie das im Alltag funktioniert. Ich konnte feststel-len, dass er von der Klassenlehrperson und der schulischen Heilpädagogin gut unter-stützt wurde. Zusammen mit seinen Hilfsmitteln, mit denen er im Unterricht arbeitet, ist der Schüler sehr gut in diese Klasse integriert und kann dort mehr oder weniger regulär lernen.
Sara Taubman: Wie ging das mit den Lehrmitteln? Das würde mich noch interessie-ren, weil Menschen mit Behinderung sind ja eine sehr heterogene Gruppe und haben verschiedene Bedürfnisse, gerade auch in Unterstützungsfragen. Ich kann mir gut vor-stellen, dass das Schulen natürlich vor besondere Herausforderungen stellt. Kennst du dich da in dem Bereich ein bisschen aus?

Karin Huber: Ja ein bisschen. Also mit diesen Hilfsmitteln ist es gut machbar. Dieser Schüler mit einer Sehbehinderung arbeitet beispielsweise mit einem Bildschirmlesegerät. Also das heisst, wenn jetzt Arbeitsblätter, die auf Papier gedruckt den Schüler:innen ab-gegeben werden, dann liest er das mithilfe eines Bildschirmlesegeräts. An seinem Gerät hat es auch eine Kamera, die er auf die Wandtafel richten kann. Wenn also die Lehrper-son etwas auf die Tafel schreibt, wird es auf seinem Bildschirm vergrössert dargestellt. Er nutzt auch eine Leselupe, also ganz unterschiedliche Hilfsmittel, die es ihm dann er-möglichen, die Lehrmittel so auch zu nutzen. Was an diesem Beispiel aber auch ganz wichtig ist, ist, dass die Klassenlehrperson sich sehr stark für die integrative Beschulung engagiert hat. Sie pflegte zum Beispiel einen sehr unkomplizierten und offenen Umgang mit diesem Schüler. Sie sagte zum Beispiel ganz unkompliziert ‚ja die anderen Schü-ler:innen haben jetzt die Ergebnisse mithilfe der Lösungen im Buch kontrolliert, für den Schüler mit der Sehbehinderung ist das jetzt schwierig, da korrigiere ich die Lösungen selbst‘.
Sara Taubman: Spannender Einblick.
Karin Huber: Ja total. Also ich fand es sehr spannend und es hat mir gezeigt, dass Integration und Inklusion möglich sind, aber dass sie auch einfach sehr stark vom Um-feld oder von den Schlüsselpersonen abhängig sind. Viele Faktoren spielen eine Rolle und diese Feststellung habe ich auch aus der Studie, die wir eingangs erwähnt haben. In der Studie ging auch hervor, dass es für den beruflichen Erfolg und für die Integration wichtig ist, dass unterstützende Personen vorhanden sind.
Sara Taubman: Karin, wir machen ein Gedankenexperiment, es ist immer spannend, was dabei herauskommt. Wenn du als Geschäftsleiterin von Avanti Donne Alleinherr-scherin in der Schweiz wärst und du könntest, koste es was es wolle, Geld, Ressourcen, zwei oder drei Massnahmen umsetzen mit sofortiger Wirkung sozusagen, was wären das für Massnahmen?
Karin Huber: Es wäre mir wichtig, dass die Sprache angepasst wird, weil ich denke, dass die Sprache einen Einfluss auf die Wahrnehmung der Menschen oder einer Gruppe hat.
Sara Taubman: Du hast ‚Invalidität‘ genannt, gibt es dort konkrete Beispiele, die du nennen kannst?
Karin Huber: Ja es gibt einfach in der ganzen Terminologie des Sozialversicherungs-rechts verschiedene Beispiele, die problematisch sind. Eben der Begriff der Invalidität, der ist einfach nicht gut gewählt, weil er wirklich abwertend ist, wenn man ihn übersetzt. Also wenn man weiss, was er eigentlich bedeutet, das ist ja ein Fremdwort, aber wenn man weiss, was er bedeutet, ist es nicht gut.
Sara Taubman: Also etymologisch ja, ist es total problematisch.
Karin Huber: Es ist auch wichtig, dass in der Bildung und im schulischen Bereich kor-rekt mit Sprache umgegangen wird. In der Schule werden Kinder mit ersten Eindrücken und Erfahrungen von der Gesellschaft und von der Welt konfrontiert. Und diese Werte, die dort vermittelt werden, sind prägend. Es ist eine Chance, aber es ist auch ein Recht von Kindern mit Behinderung, dass sie wenn immer möglich in die Regelschulen inte-griert sind.
Sara Taubman: Und dann auch eine Chance für die ganze Gesellschaft, oder? Weil Verschiedenheit auch sichtbar und normal wird, verstehe ich das richtig?
Karin Huber: Ich denke schon. Meiner Meinung nach führt sich Separation, die in der Schule beginnt, nachher auch fort. Wenn also Mitschüler:innen vielleicht Besonderheiten aufweisen oder nicht ganz der Norm entsprechen, kann eine solche Separation auch später bei Weiterbildungen oder im Arbeitsleben und einfach in der Gesellschaft generell fortführen.
Sara Taubman: Das ist ja auch noch spannend, weil man kann das mit dem ersten Punkt verknüpfen, mit der Sprache. Der Begriff ‘Sonderschule‘ per se ist ja auch ein stigmatisiertes Wort, weil man wird ja abgesondert oder als Sonderfall behandelt und ja, spannend.
Karin Huber: Absolut, das zieht sich dann durch. Also eben es gibt da verschiedene Beispiele, zum Beispiel auch der Begriff der Heilpädagogin oder des Heilpädagogen. Der Begriff deutet daraufhin, dass etwas geheilt werden soll. Dass die Verschiedenheit nicht als Verschiedenheit akzeptiert wird, sondern dass, wie die medizinische Sichtweise auf Behinderung, es etwas zu heilen gibt oder dass etwas überwunden werden kann. Das ist auch nicht optimal.
Sara Taubman: Dann haben wir also Sprache, der korrekte Umgang mit Sprache, ja? Also du gibst ein Glossar heraus (lachen), so wird das jetzt angewendet. Dann die integ-rative Beschulung, flächendeckend. Und jetzt hast du noch eine dritte Massnahme?
Karin Huber: Ich denke an die Mobilität, also an die Menschen mit Mobilitätsbeein-trächtigungen. Der öffentliche Verkehr muss zugänglicher werden oder dass nicht nur bei öffentlichen Gebäude, sondern auch bei privaten Gebäude der barrierefreie Zugang ge-währleistet wird. Da würden wir uns noch Verbesserungen wünschen. Also das Stichwort Barrierefreiheit. Es gibt wirklich immer noch sehr viele Hindernisse, vermeidbare Hinder-nisse.
Sara Taubman: Was beeinträchtigt zum Beispiel dich in deinem Alltag am meisten?
Karin Huber: Bei mir ist es dann eher der Zugang zu Informationen, weil ich ja eben eine starke Sehbehinderung habe, bin ich auf digitale Informationen und auf barrierefreie Websites angewiesen. Damit ich mich im Internet gut informieren kann, müssen die In-ternetseiten eben gewisse Standards erfüllen und barrierefrei sein. Und einige sind das, da funktioniert das eigentlich ganz gut, aber es gibt immer noch Beispiele von Internet-seiten, die eben nicht so einfach zugänglich sind.
Sara Taubman: Was ist dort für dich wichtig?
Karin Huber: Der Aufbau der Webseite, das ist dann ein technisches Thema. Eine barrierefreie Webseite herzustellen ist eigentlich nicht so kompliziert. Dort ist es dann mehr eine Frage des Wissens und der korrekten Umsetzung.
Sara Taubman: Des Bewusstseins?
Karin Huber: Des Bewusstseins, ja, aber ich denke, man muss wissen, wie man eine barrierefreie Webseite herstellt. Es gibt Stiftungen und Organisationen mit barrierefreien Webseiten, also das Know-How ist vorhanden.
Sara Taubman: Dir wird mit einem Programm die Webseite vorgelesen, oder?
Karin Huber: Genau. Also man nennt das eben ‚Screenreader‘ oder ‚Sprachausgabe‘. Das Programm kann mir zum Beispiel Überschriften auflisten oder es sagt mir ‚auf der Webseite hat es zehn Links‘. Und es nennt mir welche Links es hat und vielleicht möchte ich einen Begriff auf der Webseite suchen, dann finde ich auf diese Art und Weise das Eingabefeld für eine Suchanfrage. Aber damit das gewährleistet ist und ich die Webseite benutzen kann, muss sie eben richtig programmiert sein oder richtig hergestellt sein.
Sara Taubman: Zum Abschluss würde ich sehr gerne mit dir noch über die Sozialver-sicherung, das Thema oder der Bereich Sozialversicherung sprechen. Du hast im Vor-feld, als wir uns ausgetauscht haben, spannende Aspekte genannt, die Menschen mit Behinderung benachteiligen.
Karin Huber: Der Bereich Sozialversicherung ist sicher ein zentraler Bereich für Men-schen mit Behinderung, weil sie eben häufig auf Leistungen der Sozialversicherung an-gewiesen sind, speziell der Invalidenversicherung. Ich habe dort im Vorgespräch diese Tabellenlöhne erwähnt und ich wollte eigentlich damit zeigen, dass das ein Problem ist. Speziell auch für Frauen mit Behinderung ist es ein Problem, wenn es um Leistung der Invalidenversicherung geht. Sie haben dann sowieso schon tiefe Löhne, es wird eigent-lich zu ermitteln versucht, wie gross die Lohneinbusse aufgrund der Behinderung ist. Und hypothetisch geht man dann davon aus, welchen Lohn könnte jetzt eine Person in einem angepassten Beruf noch erzielen. Ein Beruf, der ja mit dieser spezifischen Behin-derung noch möglich ist. Im Vorgespräch habe ich das Beispiel erwähnt, dass jemand vielleicht vorhin in einem handwerklichen Beruf gearbeitet hat und dass dies dann auf-grund eines Unfalls und einer eingetretenen Behinderung nicht mehr möglich ist. Dann geht man davon aus, dass ein Beruf zum Beispiel als Rezeptionistin oder Rezeptionist möglich wäre. Bei der Bestimmung dieses möglichen Lohnes wird dann notorisch von zu hohen Löhnen ausgegangen. Oder einfach unrealistische Löhne, die diesen Tabellen zugrunde liegen. Das ist ein bekanntes Problem, das auch von Behindertenorganisatio-nen immer wieder kritisiert wird. Das Bundesgericht hat aber gerade, ich glaube das war letztes Jahr, in einem Urteil wieder bestätigt, dass die Anwendung dieser Tabellenlöhne korrekt und in Ordnung ist. Aber das Ergebnis für die Menschen mit Behinderung ist ei-gentlich, dass sie dann zu tiefe oder gar keine Renten zugesprochen bekommen. Bei Umschulungen oder sonst beruflichen Massnahmen werden diese unter Umständen gar nicht zugesprochen, weil der notwendige Invaliditätsgrad, gar nicht erreicht wird. Und Frauen mit Behinderung sind davon noch mehr betroffen, weil sie wie wir erwähnt haben, oft ohnehin schon in Teilzeitstellen tätig waren. Das Ganze ist teilweise auch so hypothe-tisch, wie zum Beispiel die Annahme, dass eine Person mit Behinderung wie eine Per-son ohne Behinderung in der gleichen Lage ist auf dem sogenannten ausgeglichenen Arbeitsmarkt eine Stelle zu finden. Das ist anzuzweifeln, ob das so gelingt oder in vielen Fällen eben nicht gelingt. Und ja das ist eine wiederkehrende Kritik an diesem System der Invalidenversicherung und auch der Rechtsprechung im Zusammenhang mit Leis-tungen der IV. Es ist zu hoffen, dass das noch überwunden wird.
Sara Taubman: Du hast jetzt mehrfach erwähnt, dass Teilzeit ein grosses Problem für Frauen und Mädchen mit Behinderung ist. Gibt es noch andere konkrete Aspekte, bei denen sie mehrfach diskriminiert werden?
Karin Huber: Ja ich denke wirklich der Bereich der Berufswahl ist zu nennen. Weil sich in Befragungen und Untersuchungen gezeigt hat, dass Frauen in diese typischen Frauenberufe gedrängt werden, obwohl es vielleicht gar nicht ihrem Potenzial und ihren Interessen und Fähigkeiten entspricht. Da besteht wirklich die Gefahr, dass Frauen und Mädchen mit Behinderung noch mehr als generell Menschen mit Behinderung unter-schätzt werden. Man bestimmt schneller über sie oder denkt ‚ja, wir wissen was gut für die Person ist‘. Und ich denke schon, dass hier das Geschlecht oder dass Mädchen noch mehr davon betroffen sind als Menschen mit Behinderung generell.
Sara Taubman: Das bringt mich auch auf das Stichwort Macht und Gewalt, wo wahr-scheinlich Frauen und Mädchen stärker noch betroffen sind, oder? Weil das Machtgefäl-le ja häufig sehr gross ist.
Karin Huber: Ja, also der Bereich Gewalt ist auch ein wichtiger Bereich und Avanti Donne ist auch seit längerem in diesen Fragen, also Gewaltprävention, engagiert. Das ist auch ein Punkt bei der Umsetzung der Istanbulkonvention. Die Schweiz ist ja auch verpflichtet, Massnahmen zu treffen um Gewalt gegen Frauen zu verhindern. Und Ge-walt gegen Frauen mit Behinderung ist dort vertreten und es zeigt sich, dass Frauen mit Behinderung noch stärker von Gewalt betroffen sind als generell Frauen.
Sara Taubman: Was würdest du dir da als Massnahme wünschen? Wie kann man da entgegenwirken?
Karin Huber: Im Schattenbericht zur Umsetzung der Istanbulkonvention hat Avanti Donne mitgearbeitet. Es müsste zum Beispiel die Barrierefreiheit von Unterstützungs- und Hilfsangeboten verbessert werden. Bei Einrichtungen, wie zum Beispiel eben Frau-enhäusern, dort müsste die Barrierefreiheit verbessert werden. Es gibt glaube ich in der Schweiz nur ein einziges Frauenhaus in Chur, dass barrierefrei ist. Die Sensibilisierung der Mitarbeitenden bei Organisationen oder auch bei Behörden im Zusammenhang mit Gewalt gegen Frauen müsste besser funktionieren und dass sie eben auch vorbereitet sind auf die Gruppe Frauen mit Behinderung. Dort besteht noch grosser Handlungsbe-darf.
Sara Taubman: Karin es war so spannend. Nicht nur deine Wünsche, auch sonst dei-ne Ausführungen zeigen, dass es noch sehr viel zu tun gibt. Wir müssen da alle dran-bleiben. Herzlichen Dank Karin für deine Zeit und für dieses Gespräch.
Karin Huber: Ich danke dir vielmals für das Gespräch Sara.