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      "body": "Morbus Crime. Ein Hörcast von Doktor Emilie Strzoda."
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      "body": "Produziert von Buchfunk Studio. Hi, ich bin Emilie und Ärztin. Es ist Throwback Thursday bei Morbus Crime und somit reisen wir gemeinsam in die medizinische Realität einer fernen Zeit. Anna. Anna."
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      "body": "Es ist neunzehnhundertsechsundvierzig in Heidelberg. Anna ist 25 Jahre alt, als sie ihr erstes Kind auf die Welt bringt. Die Geburt verläuft ohne große Komplikationen, die Schwangerschaft nimmt sie jedoch als schwierig und belastend wahr. Ihr Ehemann Emil versichert ihr, dass nach der Geburt alles wieder besser werde, ganz bestimmt. Leider kommt es anders."
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      "body": "Zeit ist für Anna unbedeutend geworden. Obwohl Anna weiß, dass sie reagieren sollte, wenn das Baby weint, bleibt sie sitzen und starrt ins Leere. Es ist nicht so, dass ihr Kind nicht lieben würde. Es ist nicht so, dass sie nicht weiß, was zu tun wäre, was von ihr erwartet wird, aber ihr fehlt es einfach an der Kraft, jegliche Aufgabe zu bewältigen. Anna versteht nicht, wo ihre Lebensfreude hin ist."
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      "body": "In letzter Zeit fallen immer wieder Kommentare darüber, dass er sich seit der Geburt des Kindes verändert hat und gestresst wirkt. Sein Nachbar empfiehlt ihn daraufhin einen Arzt, der darauf spezialisiert ist, Frauen zu behandeln, die plötzlich Stimmungsschwankungen haben. Endlich Erleichterung, ein Hoffnungsschimmer für Emil. Am nächsten Tag sitzen Anna und ihr Ehemann im Artzimmer des örtlichen Krankenhauses. Emil hat sofort einen Termin bekommen."
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      "body": "Sie werden abgewehrt, übergangen, nicht beantwortet. Jetzt stellen Sie sich meine Vorsicht doch nicht so viel ins Der Eingriff ist schnell. Und Sie schaffen es noch pünktlich zu Hause, gehen Wenn es schnell gehen muss, dass ich immer Kartoffelsalat esse, dann ich nicht die Kartoffeln erst zu kochen und einmal abkühlen zu lassen. Anna betritt den Untersuchungssaal. Die Luft ist kühl, fast feucht und jeder Schritt hallt kleines bisschen nach."
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      "body": "Sie zittert, als sie sich auf den schmalen silbernen Tisch legt, der sich hart unter ihrem Rücken anfühlt. Jemand greift nach ihren Beinen, hält sie fest, ein zweiter fixiert ihre Arme, Nasses, kaltes berührt ihren Kopf. Sie dreht sich, sucht nach einem Blick, nach irgendetwas, woran sie sich festhalten kann, doch dann fährt plötzlich ein Zucken durch ihren ganzen Körper. Anna bekommt Elektroschocks verabreicht. Kurzum, kontrollierte Stromstöße, die ihr Bewusstsein ausschalten sollen, ohne sie glücklich in einen schützenden Schlaf zu versetzen."
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      "body": "Eine vollständige Narkose gilt in vielen Einrichtungen dieser Zeit als unnötig für diesen Eingriff. Dann Stille in Annas Kopf. Der Arzt hält ein schlankes metallisches Instrument ähnlich einem langen, feinen Eispickel in der Hand und setzt an der Innenseite von Annas Augenlid an. Keine Sorge, meine Liebe. Das haben wir gleich."
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      "body": "Er dringt zu der dünnen Knochenlamelle hinter dem Augapfel vor. Mit einem kurzen Stoß ist er im Schädelaum. Annas Arzt führt gezielte Bewegungen aus, vor, zurück, seitlich. Dabei werden die Nervenbahnen durchtrennt, die den präfrontalen Kortex mit tieferliegenden Strukturen verbinden. Netzwerke, die für Emotion, Impulskontrolle und Persönlichkeit verantwortlich sind."
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      "body": "Niemand beschreibt es ihr in Worten, die sie behalten könnte und kurze Zeit später steht sie bereits vor dem Krankenhaus. 6 Wochen nach dem Eingriff. Anna steht am Herd und rührt in einem Topf. Ihre Bewegung ist gleichmäßig, fast mechanisch. Das Essen wird nicht anbrennen, der Tisch ist gedeckt."
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      "body": "Und Anna? Sie spürt und weiß, dass das nicht stimmt. Sie versteht nicht warum, findet keine Worte dafür und kann diesen Gedanken nicht richtig greifen. Er gleitet weg, rutscht ihr durch die Finger, unhaltbar und hinterlässt eine Leere. Sie empfindet weder Trauer noch Freude."
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      "body": "Ihr Kind kümmert sie sich gewissenhaft, ordnungsgemäß, aber sie empfindet dabei nichts. 3 Monate nach dem Eingriff. Anna sitzt am Frühstückstisch und will ihrem Kind die Flasche geben. Sie hebt den Arm, hält inne. Der Arm zittert, nicht leicht, nicht kurz, sondern in 1 Welle, die von der Schulter bis in die Finger läuft und nicht aufhört."
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      "body": "Sie schaut auf die unaufhörliche Welle, die ihr Arm beschreibt und ihr wird flau im Magen. Dann verliert Anna das Bewusstsein. Der Eingriff hat weit mehr zerstört als geplant. Das Narbengewebe, das sich in den Wochen nach der Operation gebildet hat, drückt auf umliegende Strukturen. Kleine Blutgefäße, die beim Einführen des Instrumentes verletzt wurden, haben sich entzündet."
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      "body": "Anna hat einen epileptischen Anfall, den ersten von unzähligen weiteren. In der Folge leidet sie täglich an einem Anfall. Es sind fokale und generalisierte, tonisch klonische Anfälle. Das Gehirn entlädt sich unkontrolliert, die Muskeln verkrampfen, der Körper verliert jede Steuerung. Nach jedem Anfall folgt eine Phase tiefer Erschöpfung, Verwirrung, Orientierungslosigkeit, die sogenannte postektale Phase."
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      "body": "Bei Anna dauert die Phase immer länger an, Stunden, manchmal einen ganzen Tag und schließlich folgt eine rapide fortschreitende Demenz. Jede epileptische Episode hinterlässt neue Schäden in einem Gehirn, das sich nicht mehr erholen kann. Es ist, als ob dieses Gewitter im Kopf die letzten verbliebenen Reste ihrer Persönlichkeit systematisch auslöscht. Sie entwickelt eine epileptische Enzephalopathie, ein sich selbst verstärkener Kreislauf. Krampf, Schädigung, weitere Krämpfe, Beschädigung, Wiederkrampf, Wiederschädigung."
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      "body": "Krampf, Schaden, Krampf, Schaden, Krampf, Schaden. 4 Monate nach dem Eingriff. Anna kann keine zusammenhängenden Sätze mehr bilden. 6 Monate nach dem Eingriff. Sie erkennt ihren Ehemann und ihr Kind nicht mehr."
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      "body": "8 Monate nach dem Eingriff. Sie fragt täglich nach ihrer Mutter, die seit Jahren tot ist. Anna zieht in eine psychiatrische Einrichtung. Ihr Kind ist noch keine 2 Jahre alt. Die Ärzte dokumentieren schwere postlobotomische kognitive Defizite."
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      "body": "Anna kann nicht mehr alleine essen, nicht mehr alleine gehen. Ihr Sprachvermögen beschränkt sich auf einzelne Wörter, manchmal Satzfragmente ohne Zusammenhang. Sie ist 27 Jahre alt und ihr Körper eine leere Hülle ohne Zukunft. Wir sind zurück im Jahr 20 26 und mich erschüttert Annas Geschichte spürbar. Annas Geschichte ist zwar fiktiv, aber die medizinische Methode, die hier beschrieben wurde, ist real und hat unzähligen Menschen das Leben zerstört."
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      "body": "Über mehrere Jahrzehnte hinweg wurde diese Praxis angewendet, da sie als fortschrittlich und effektiv galt. Das Ziel des Eingriffs war übrigens die Durchtrennung von Nervenbahnen zwischen dem präfrontalen Kortex und subkortikalen Strukturen, insbesondere also dem Thalamus und Teilen des limbischen Systems. Der präfrontale Kortex, das weiß man mittlerweile aus heutiger Sicht, ist eine zentrale Schaltstelle für sogenannte exekutive Funktionen. Das heißt, für die Entscheidungsfindung, die Impulskontrolle, Planung, soziale Anpassungsfähigkeit sowie die Integration von Emotionen verhalten. Die ursprüngliche Hypothese war, dass psychische Erkrankungen durch falsche Verschaltung innerhalb dieser Netzwerke entstehen und mit Durchbrechung gelindert werden könnten."
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      "body": "In den Neunzehnhundertvierzigerjahren wurde diese Methode insbesondere in den USA durch den Neurologen Walter Freeman weiterverbreitet. Er entwickelt die transorbitale Lobotomie, bei deren Instrument über die Augenhöhle in den Schädel eingeführt wurde. Dieser Eingriff wurde oft ohne sterile OP Bedingungen und teilweise ohne vollständige Narkose durchgeführt, aus heutiger Sicht eher eine grobe mechanische Zerstörung der ganzen neuronalen Bahn ohne präzise Kontrolle über Ausmaß oder Lokalisation der Schädigung. Also klar, die unmittelbaren Auswirkungen könnte man zunächst als Erfolg sehen. Patienten wirkten ruhiger, weniger ängstlich, weniger impulsiv."
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      "body": "Aber diese Veränderung beruht nicht auf Verbesserung der Erkrankung, sondern auf eine funktionelle Zerstörung der zentralen Hirnleistung. Es zeigen sich aber auch schwerwiegende neurologische und psychiatrische Komplikationen. Durch diese mechanischen Schädigungen des Gehirngewebes können intracepraale Blutungen, entzündliche Prozesse und auch die Narbenbildung im Hirngewebe entstehen, die dann wiederum zu 1 epileptischen Enzephalopathie führen können wie bei Anna. Bei 1 so rasch fortschreitenden Demenz im Verlauf verlieren die Patienten dann ihre Sprachfähigkeit, erleben auch den Verlust autobiografischer Erinnerungen und haben eine zunehmende Pflegebedürftigkeit. Zwischen neunzehnhundertdreißig und den Fünfzigern ungefähr wurde die Lobotomie weltweit zehntausendfach durchgeführt, insbesondere bei Depressionen, Schizophrenie und Angststörungen und das großteils bei Frauen."
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      "body": "Und jetzt fragt ihr euch natürlich, warum diese Praxis an so vielen Menschen durchgeführt wurde, obwohl sie offenbar fatale Folgen hatte. Diese Antwort ist gar nicht mal so einfach und ganz schön komplex, denn der problematische Umgang mit seelischen Leiden reicht weit in die Geschichte zurück. Jahrhundertelang galt für mentale Erkrankungen nicht als medizinische Fälle, sondern als theologische Bedrohung. Wer unter Schizophrenie, Epilepsie oder auch schweren Depressionen litt, wurde als vom Teufel besessen stigmatisiert. Und die Konsequenzen waren fatal."
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      "body": "In der frühen Neuzeit änderte dieser religiöse Wahn für unzählige psychisch Kranke auf dem Scheiterhaufen. Wenn man das aus der düsteren historischen Perspektive betrachtet, wirkt die Lobotomie paradoxerweise schon fast fortschrittlich und deutlich weniger martialisch als frühere Jahrhunderte der Folter und Vernichtung. Doch der brutale Kern blieb irgendwie ähnlich. Selbst zeitgenössische Alternativen jener Zeit wie das systematische Eisbad waren im Grunde reine Foltermethoden. Diese extreme Kälte beruhigte die überreizten Nerven der Patienten jedoch so, dass nach außen hin der perfekte Eindruck von Heilung vermittelt wurde, aber in Wahrheit war es nur eine bloße Ruhestellung."
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      "body": "Und ein wirklich nicht zu vernachlässigender Aspekt ist dabei, dass solche Grausamkeiten vor allen Frauen betrafen. Gefangen in diesen patriarchalen Strukturen müssen Frauen 1 streng vorgegebenen Rolle folgen. Wer unangepasst war oder den Erwartungen nicht entsprach, wurde schnell als besessen, krank oder schlicht hysterisch gebrandmarkt. Untersuchungen zeigen, dass bei der Lobotomie mit schätzungsweise 70 bis 80 Prozent mehr Frauen als Männer mit dieser Methode behandelt wurden und damit gezielt rückgestellt wurden. Und oft reichte es schon, wenn eine Ehefrau als schwer erziehbar oder unruhig galt, sie den Eingriff zu unterziehen."
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      "body": "Doch glücklicherweise brachte die Forschung schließlich die langersehnte Wende. Mit der Einführung moderner Psychopharmaka in den Neunzehnhundertfünfzigerjahren, insbesondere der ersten Antipsychotika wie Chlorpromazin sowie ein besseren Verständnis neurobiologischer Zusammenhänge begann der Rückgang dieser Methode. Und auch in den Sechzigern und Siebzigerjahren wurde die Lobotomie den meisten Ländern schrittweise aufgegeben und gilt heute Gott sei Dank als medizinisch obsolet und ethisch nicht vertretbar. Aber knapp 40 Jahre lang haben Zigtausende Patientinnen ihr Leben durch lobotomische Eingriffe verloren. Wenn man das aus heutiger Sicht betrachtet, zeigt die Lobotomie eindrücklich, wie gefährlich medizinische Eingriffe werden können, wenn sie nicht ausreichend erforscht sind."
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      "body": "Es war halt kein präziser therapeutischer Eingriff, sondern eine irreversible Schädigung neuronaler Netzwerke mit oft schwerwiegenden und dauerhaften Folgen für die betroffenen Menschen. Ein solcher Missbrauch wäre heutzutage übrigens kaum noch denkbar. Medizinische Geräte müssen strenge Prüfungsverfahren durchlaufen und jedes medizinische Verfahren wird von Ethikkommission sowie durch ausgiebige Forschung genauestens kontrolliert. Und da die moderne Psychiatrie enorme Fortschritte gemacht hat, lassen sich die Ursachen mentaler Erkrankungen mittlerweile weitaus genauer nachweisen. Ich bin Doktor Emilie Strzoda und das war Morbus Crime."
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      "body": "Danke fürs Zuhören und bis zur nächsten Folge."
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