Skeptitalk

Hier kommt ihr zu meinem Buch: Von Eis-Nazis, Flugscheiben und geheimen U-Booten
Hier könnt ihr Mitglied der GWUP werden.

Nazis, Antarktis und geheime Missionen – das klingt bereits nach dem perfekten Ausgangspunkt für eine Verschwörungserzählung. Doch die wirkliche Geschichte der deutschen Antarktisexpedition von 1938/39 beginnt erstaunlich profan: mit Margarine, Waltran und der sogenannten „Fettlücke“ des Deutschen Reiches. Wir erzählen, warum die Schwabenland in Richtung Südpol aufbrach, wer Expeditionsleiter Alfred Ritscher war und welche wirtschaftlichen, wissenschaftlichen und politischen Ziele tatsächlich hinter der Unternehmung standen. Eine Geschichte, die auch ganz ohne Flugscheiben bemerkenswert genug ist. 

Creators and Guests

Host
Onkel Michael
Blogger und Podcaster

What is Skeptitalk?

Der einzig wahre skeptische Podcast der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) mit dem legendären Blogger Onkel Michael.
Wir widmen uns vielen verschiedenen Themen aus dem Bereich der Parawissenschaften und berichten, was wirklich dahinter steckt. Egal ob die so genannte Alternativmedizin, Verschwörungstheorien oder andere Mythen: wir sagen euch Bescheid!

Herzlich willkommen, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer da draußen im weiten Podcast-Land. Mein Name ist Michael Scholz und dies ist die 22. Folge des Skepti-Talks, des einzig wahren skeptischen Podcasts der GWUP, der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften. Wie immer gilt, wenn ihr Vorschläge, Anregungen, Wünsche, Lobkritik oder Beschimpfungen habt, Schickt sie mir an skeptitalk.gwup.org oder meldet euch auf unseren Social-Media-Kanälen.

Meine lieben Zuhörerinnen und Zuhörer, heute wollen wir eine kleine Serie beginnen, die sich mit dem Themenkomplex Neuschwabenland beschäftigt. Darin soll es darum gehen, warum das Deutsche Reich 1938 eine Expedition in die Antarktis geschickt hat und welche Mythen und Verschwörungstheorien sich darum gebildet haben.

Wer sich intensiver mit der Thematik auseinandersetzen möchte, dem kann ich mein Buch von Eisnazis, Flugscheiben und geheimen U-Booten empfehlen, das ich euch in den Shownotes verlinken werde. Heute nun der erste Teil mit dem Titel »Wegen der Fettlücke ins ewige Eis – Warum die Deutschen 1938 wirklich nach Neuschwabenland fuhren«. Wenn man im Internet nach Neuschwabenland sucht, landet man erstaunlich schnell in einer Welt, in der offenbar alles möglich ist. Unter dem Eis sollen sich riesige Bunkeranlagen befinden, U-Boote sollen in geheimen Häfen verschwunden sein, Adolf Hitler soll dort nach 1945 weitergelebt haben, Dazu kommen Reichsflugscheiben, Außerirdische vom Aldebaran, geheimnisvolle Energiequellen und schließlich sogar amerikanische Atombomben, die angeblich auf eine letzte Nazi-Festung in der Antarktis geworfen worden seien.

Das Ganze klingt nach einer Mischung aus Indiana Jones, HP Lovecraft, Akte X und einem besonders wild gewordenen Geschichtskanal um 3 Uhr morgens. Tatsächlich aber beginnt die ganze Geschichte viel prosaischer. Nicht mit Aliens, nicht mit Flugscheiben, nicht mit einem geheimen Führerhauptquartier im ewigen Eis, sondern mit Margarine.

Genauer gesagt mit Fett, mit Öl, mit Tran und mit einem wirtschaftlichen Problem des Deutschen Reiches, das in den 30er Jahren unter dem Begriff Fettlücke diskutiert wurde. Damit sind wir schon bei einem Punkt, der für die gesamte Neuschwabenland-Erzählung wichtig ist. Verschwörungstheorien funktionieren besonders gut, wenn ein historischer Vorgang tatsächlich geheimnisvoll wirkt, wenn er mit militärischen oder geheimen Akten verbunden ist und wenn später Lücken in der Überlieferung entstehen. Bei der deutschen antarktischen Expedition von 1938-39 kommt all das zusammen. Nur führt die wirkliche Geschichte eben nicht zu einer unterirdischen Festung, sondern zu Walfang, Autarkiepolitik, Wissenschaft und imperialen Ambitionen. Schauen wir uns also zuerst an, warum Deutschland überhaupt eine Expedition in die Antarktis schickte. Das Deutsche Reich war bei Fetten und Ölen stark vom Ausland abhängig. Ein wichtiger Handelspartner war Norwegen. Von dort bezog man Walthran, der unter anderem für die Herstellung von Margarine benötigt wurde.

Das klingt heute reichlich fern, war damals aber ein handfestes wirtschaftliches und strategisches Problem, denn seit Mitte der 30er Jahre bereitete sich das nationalsozialistische Regime immer stärker auf einen zukünftigen Krieg vor. Und Krieg bedeutet nicht nur Panzer, Flugzeuge und Munition. Krieg bedeutet auch Rohstoffe, Lebensmittel, Treibstoffe, Schmierstoffe, Devisen und Transportkapazitäten. Im Oktober 1936 wurde der sogenannte Vierjahresplan verkündet. Hermann Göring erhielt weitreichende Vollmachten, die deutsche Wirtschaft auf Kriegsfähigkeit und möglichst große Autarkie auszurichten. Einer seiner engen Mitarbeiter dabei war Ministerialdirektor Helmut Wohltat. Ein Mann mit großer Erfahrung im Bereich Öle und Fette und genau hier läuft eine der Linien zusammen, die später zur Antarktis-Expedition führen. Schon vorher hatte man versucht, eine eigene deutsche Walfangflotte aufzubauen.

1935 gründete Henkel die erste deutsche Walfanggesellschaft. In der Saison 1936-37 fuhr die Jan Wellem und der Kapitän Otto Kraul in den Walfang. Das Schiff diente als Mutterschiff für mehrere Fangboote. Das Ziel war ganz nüchtern, weniger abhängig von norwegischen Lieferungen zu werden. Im Auswärtigen Amt tauchten bald Überlegungen auf, wie man den deutschen Walfang langfristig durch eigene Stützpunkte oder sogar territoriale Ansprüche in der Antarktis absichern könnte.

Zunächst blieb das recht vage, aber im Mai 1938 legte Wohltat Reichsmarschall Göring einen Plan für eine deutsche Antarktisexpedition vor. Verschiedene Ministerien wurden einbezogen, die Idee wurde geprüft und schließlich dem Reichsluftfahrtministerium zur weiteren Planung übergeben. Als Expeditionsleiter kam damals Alfred Ritscher ins Spiel.

Ritscher ist eine interessante Figur, weil seine Biografie sehr deutlich zeigt, dass hier kein esoterischer Fantast am Werke war, sondern ein erfahrener Seemann, Navigator und Polarfahrer. Geboren 1879 in Lauterberg, begann er als Schiffsjunge, machte das Steuermannsexamen und später das Kapitänspatent.

1912 nahm er an der Deutschen Arktischen Expedition unter Herbert Schröder Stranz teil. Diese Expedition verlief dramatisch. Schröder Stranz verschwand mit einer Schlittenabteilung auf Spitzbergen. Das Expeditionsschiff gerät im Bedrängnis. Richard spielte bei der Rettung eine entscheidende Rolle und bewältigte unter arktischen Bedingungen einen Gewaltmarsch von rund 210 Kilometer in nur siebeneinhalb Tagen, um Hilfe herbeizuholen. Er hatte also genau die Art von Erfahrung, die man für eine gefährliche Unternehmung in der Polarregion brauchte. Später arbeitete er unter anderem bei der Lufthansa als Spezialist für Luftnavigation und ab 1934 wieder im Bereich der Kriegsmarine. Als er 1938 gefragt wurde, ob er die Leitung der Antarktisexpedition übernehmen wolle, sagte er praktisch sofort zu. Die Planungen liefen unter enormen Zeitdruck, denn die Expedition sollte bereits im Dezember des selben Jahres auslaufen und sie hatte mehrere Ebenen.

Offiziell handelte es sich um eine wissenschaftliche Expedition. Und das war sie auch. Die Wissenschaft war nicht bloß Fassade. Geografie, Meteorologie, Ozeanografie, Erdmagnetismus, Biologie, Nautik, all das gehörte tatsächlich zum Programm. Es wurden Wissenschaftler verschiedener Fachrichtungen eingeplant, Messprogramme vorbereitet und Geräte beschafft. Gleichzeitig gab es aber politische und wirtschaftliche Ziele, die nicht öffentlich im Vordergrund stehen sollten. Hermann Göring formulierte Anfang September 1938 in einer geheimen Reichssache, was man beabsichtigte. Das bislang wenig erforschte Küstengebiet östlich des Weddelmeers sollte erkundet werden. Durch das Abwerfen von Flaggenmarkierungen wollte man Grundlagen für eine spätere deutsche Besitzergreifung schaffen. Im Hintergrund stand die Sicherung des deutschen Walfangs. Das ist wichtig, weil genau dieser geheime Teil später von Verschwörungstheoretikern ausgeschlachtet wurde. Da war also tatsächlich etwas geheim. Nur war das Geheimnis kein unterirdisches Reich, sondern knallharte Wirtschafts- und Machtpolitik. Man plante, meteorologische, ozeanografische und erdmagnetische Beobachtungen vorzunehmen. Man wollte Küstenlinien kartieren, Tiefen messen, Wetterdaten sammeln und das Hinterland aus der Luft fotografieren.

Es ging außerdem um die Frage, wie tragfähig das Eis war und wie man in Zukunft gegebenenfalls Stützpunkte oder Stationen errichten könnte. Dazu kam ein kleiner, tatsächlich militärischer Zusatzauftrag, der mit der Antarktis selbst wenig zu tun hatte. Auf dem Weg sollten die Inseln Trinidad und Martin Was vor Brasilien unter militärischen Gesichtspunkten beobachtet werden. Gibt es geeignete Ankerplätze? Gibt es Frischwasser? Sind die Inseln bewohnt? Könnten sie für Hilfskreuzer oder U-Boote relevant sein? Auch das war geheim.

Und auch das ist eine schöne Erinnerung daran, dass reale Geheimoperationen meist viel banaler aussehen als die Fantasien, die später daraus gemacht werden. Die organisatorische Konstruktion dahinter war typisch für ein Unternehmen, bei dem viele Stellen gleichzeitig beteiligt waren. Die deutsche Forschungsgemeinschaft wurde erst wenige Tage vor der Ausreise offiziell als Trägerin eingesetzt. Die Finanzierung kam aus Mitteln des Vier-Jahres-Planes. Nach außen sollte der wissenschaftliche Charakter dominieren, während die wirtschaftspolitischen Ziele nicht breit kommuniziert wurden.

Geheime Meldungen sollten kodiert über die Lufthansa laufen und von dort an Wohltat weitergegeben werden. Auch das ist ein Detail, das später sensationell klingt. Geheimcodes, verschlüsselte Meldungen. Nur ist Verschlüsselung bei einem Unternehmen mit politischen und militärischen Interessen weder überraschend noch ein Hinweis auf übernatürliche Technik. Wenn ein Staat 1938 eine Expedition mit territorial-politischem Hintergrund losschickt, wäre es eher erstaunlich, wenn jede Nachricht als Postkarte verschickt worden wäre. Die Vorbereitungszeit war so kurz, dass vieles parallel geschehen musste. Während die wissenschaftlichen Programme formuliert wurden, baute man das Schiff um, bereitete die Flugzeuge vor, beschaffte Ausrüstungen und entwickelte die Abwurfmarkierungen. Gleichzeitig mussten Zuständigkeiten geregelt, Mannschaften zusammengestellt, Proviant beschafft, Treibstoffmengen berechnet und Funkwege festgelegt werden.

Wer schon einmal eine größere Reise organisiert hat, kann sich ungefähr vorstellen, was das bedeutet und darf dann alles mit dem Faktor Antarktis multiplizieren. Als Expeditionsschiff wurde die Schwabenland ausgewählt. Ursprünglich hieß sie Schwarzenfels und war ein Frachtschiff. 1934 ging sie an die deutsche Lufthansa und wurde zum Katapultschiff umgebaut. Solche Schiffe waren Teil des transatlantischen Luftpostverkehrs. Flugboote konnten mit Hilfe eines Katapults vom Schiff gestartet werden.

Für eine Antarktisexpedition war das ausgesprochen praktisch, denn damit konnte man große Gebiete aus der Luft erkunden. Die Schwabenland war knapp 149 Meter lang, gut 18 Meter breit und konnte etwa zwölf Knoten erreichen. An Bord befanden sich zwei Dornier-Wahl-Flugboote, die Boreas und die Passat. Genau diese Flugzeuge sollten später einen wesentlichen Teil der wissenschaftlichen Arbeit leisten. Wenn man die späteren Geschichten von einer gigantischen geheimen Nazi-Basis im Hinterkopf hat, lohnt es sich, sich dieses reale Expeditionsschiff einmal ganz konkret vorzustellen. Da ist kein futuristischer Wunderwaffenträger, kein schwimmendes Tor zu einer Science-Fiction-Welt.

Da ist ein umgebautes Handelsschiff mit Mannschaft, Technikern, Wissenschaftlern, Funkern, Köchen, Matrosen, Mechanikern und zwei Flugbooten. Die Personalplanung war entsprechend umfangreich. Schiffsmannschaft und Fliegerpersonal mussten ebenso eingeplant werden wie Meteorologen, ein Biologe, ein Geophysiker, ein Geograf und ein Ozeanograph. Dazu kamen Techniker und Spezialisten für die Katapultanlagen, die Flugzeuge, die Funktechnik und die wissenschaftlichen Geräte. Die Zusammensetzung des Teams zeigt noch einmal, wie breit das Unternehmen angelegt war. Die Personalplanung war entsprechend umfangreich. Schiffsmannschaft und Fliegerpersonal mussten ebenso eingeplant werden wie Meteorologen, ein Biologe, ein Geophysiker, ein Geograf und ein Ozeanograf.

Dazu kamen Techniker und Spezialisten für die Katapultanlage, die Flugzeuge, die Funktechnik und die wissenschaftlichen Geräte.

Natürlich gehörte dann noch die normale Schiffsbesatzung, Funkoffiziere, Ingenieure, Elektriker und all jene Berufe, ohne die ein Schiff schlicht nicht funktioniert, noch mit dazu. Diese Namen und Funktionen wirken auf den ersten Blick wie ein trockenes Personaltableau.

Für die Prüfung der späteren Legende sind sie aber wichtig, denn eine Expedition dieser Größe hinterlässt Spuren. Personalakten, Publikationen, Erinnerungen, Todesdaten, berufliche Laufbahnen, die Teilnehmer verschwinden nicht kollektiv in einer geheimen Parallelgeschichte. Viele lassen sich nach dem Krieg in ganz normalen Biografien weiterverfolgen. Auch die Finanzierung und Zuständigkeiten waren bürokratisch geregelt. Lufthansa und Werft kümmerten sich um technische Umbauten, Richard um Expeditionsausrüstung und Durchführung, wissenschaftliche Institute um ihre jeweiligen Programme. Das ist keine kleine Fußnote. Solche Projekte brauchen ebenso Bürokratie wie alles andere auch. Mitte Dezember 1938 fand eine Probefahrt statt. Vertreter der beteiligten Ministerien, Behörden und Institute überprüften Schiff, Ausrüstung und Mannschaft. Richard schildert in seinem Bericht neben all den technischen Dingen auch die gesellige Seite der Unternehmung. Eintopf, Lapskaus, Kaffee, Likör und Rauchwahn. Man darf nicht vergessen, dass solche Expeditionen nicht nur aus dramatischen Eisstürmen bestehen. Ein großer Teil ist Organisation, Routine und sehr viel Warten.

Aber am 17. Dezember 1938 war es dann soweit. In Hamburg herrschten minus 13 Grad. Das Schwabenland lag abfahrbereit im Hafen. Letzte Treibstoffmengen wurden übernommen, Post- und Büroausrüstung kamen an Bord, Besucher verabschiedeten sich und am Nachmittag wurden die Leinen losgeworfen. Richards eigene Schilderung, der Abfahrt ist erstaunlich atmosphärisch. Er beschreibt den sonnigen, eisig-kalten Hamburger Wintertag, letzte Besucher an Bord, die Expeditionskasse und die Post, die noch kurz vor dem Ablegen gebracht wurden.

Nach dem Loswerfen der Leinen zog das Elbufer vorbei, später blinkte bei Cuxhaven das Leuchtfeuer der alten Liebe. Abends saß die Mannschaft noch zusammen, während in den Kabinen Kisten, Koffer und Weihnachtspakete gestapelt waren. Das ist vielleicht die schönste Gegenfolie zur späteren Geheimnisromantik. Der Beginn des mysteriösen Neuschwabenland-Unternehmens sieht in der zeitgenössischen Beschreibung aus wie der Beginn einer großen, anstrengenden Forschungsreise mit Papierkram, Abschiedsschmerz, überfüllten Kabinen und Geschichten im Salon. Die Reise führte zunächst die Elbe hinunter, dann durch die Nordsee und weiter nach Süden. Vor der Expedition lag eine gewaltige Strecke, von Hamburg über den Ärmelkanal vorbei an den Kanaren und Kapverden über den Äquator weiter Richtung Ascension und den Bouvet-Inseln und schließlich in die Antarktis.

Vielleicht lohnt es sich an dieser Stelle, bei der Planung noch etwas länger zu verweilen, denn gerade hier zeigt sich, wie weit die historische Wirklichkeit von der späteren Legende entfernt ist. Wer eine geheime Festung im Eis bauen will, muss vor allem eines tun. Material transportieren, Stahl, Zement, Maschinen, Treibstoff, Nahrungsmittel, Generatoren, Werkzeuge, Unterkünfte und tausend Dinge, an die man zunächst gar nicht denkt, wie beispielsweise Dixi-Klos.

In den Akten zur Expedition finden wir stattdessen genau das, was man bei einer Forschungs- und Erkundungsfahrt erwarten würde. Messaufgaben, Flugplanung, Kartenarbeit, Funkverbindungen, wissenschaftliche Zuständigkeiten und Fragen der Versorgung an Bord.

Die wissenschaftliche Aufgabenliste liest sich fast wie ein kleines Lehrbuch der Polarforschung. Es sollte gelotet werden, um den Meeresboden besser zu erfassen. Ozeanografen sollten Wasserproben nehmen und Temperaturprofile erstellen. Geophysiker sollten das Erdmagnetfeld untersuchen. Meteorologen sollten Wetter- und höhere Luftschichten beobachten. Biologen interessierten sich für Wale, Robben, Vögel und Plankton. Nautiker sollten Geräte erproben, Seekarten überprüfen und Küstenansichten anfertigen. Und aus der Luft wollte man mit Reihenbildkameras eine fotogrammetrische Kartierung vornehmen. Fotogrammetrie klingt trocken, ist aber für unsere Geschichte wichtig. Vereinfacht gesagt werden Landschaften aus überlappenden Luftbildern vermessen. Aus solchen Bildserien lassen sich Entfernungen, Höhen und Karten ableiten. Die Flugboote sollten also nicht einfach ein paar spektakuläre Fotos machen, sondern systematisch Streifen abfliegen und das Gelände dokumentieren. Genau deshalb waren die beiden Dornier-Wale so zentral.

Auch die Flaggen, die später in fast jeder Neuschwaben-Landerzählung auftauchen, waren Teil dieser territorialpolitischen Ebene. Man fertigte spezielle Abwurfpfeile an, an denen kleine Reichsflaggen befestigt werden konnten. Die Vorstellung war, aus der Luft Markierungen zu setzen und damit den Anspruch auf das erkundete Gebiet symbolisch zu unterstreichen. Das wirkt heute ein wenig wie eine Mischung aus Vermessung und imperialem Theater, passt aber genau in die Zeit.

Und noch etwas wird gerne übersehen. Die Planung war keineswegs auf einen einzigen großen geheimen Schlag ausgerichtet. Sie war als Beginn einer Reihe gedacht. Die Expedition 1938-39 sollte nur erkunden. Für den folgenden Südsommer war eine weitere Fahrt vorgesehen. Später dachte man sogar an feste Lager und wissenschaftliche Stationen. Das bedeutet aber gerade nicht, dass diese Lager schon 1938 existierten. Es zeigt vielmehr, dass man damals noch ganz am Anfang stand. Die Quellenlage ist deshalb so aufschlussreich, weil wir Planungen und Realität auseinanderhalten können. Es gibt Entwürfe für das, was man später tun wollte. Es gibt Berichte über das, was tatsächlich geschah. Und zwischen beidem liegt der Krieg, der viele dieser Pläne beendete. Verschwörungserzählungen verwischen genau diese Grenze gerne. Aus »Man plante eine Station« wird dann »Es gab eine Station«. Aus »Man wollte territoriale Ansprüche vorbereiten« wird »Deutschland hatte dort ein geheimes Reich«. Und aus »Man wollte weitere Expeditionen durchführen« wird, es gab fortlaufend geheime Nachschubfahrten.

Schauen wir noch einmal auf Alfred Ritscher, denn auch seine Person wird durch den späteren Mythos manchmal seltsam überhöht. Ritscher war ohne Zweifel ein außergewöhnlich erfahrener Polarfahrer. Seine Rettungsleistung auf Spitzbergen war bemerkenswert, aber er war kein mysteriöser SS-Forscher und kein Konstrukteur fantastischer Waffen. Er war Seemann, Navigator, Luftfahrtexperte und später Expeditionsleiter. Nach dem Krieg engagierte er sich weiter in der deutschen Polarforschung. Die ursprünglich geplante zweite Antarktisexpedition kam wegen des Kriegsausbruchs nicht zustande. Das ist eigentlich schon ein ziemlich starkes Gegenbild zur Legende. Wenn es eine große, über Jahre fortgesetzte geheime Antarktis-Operation gegeben hätte, müsste man erwarten, dass gerade Alfred Ritscher daran irgendwie beteiligt war oder zumindest Spuren davon hinterlassen hätte. Stattdessen sehen wir einen Mann, dessen dokumentierte Arbeit in der Polarforschung weiterläuft und dessen große Pläne für eine zweite Expedition am Krieg scheitern.

Dasselbe gilt für die Schwabenland. Später wird sie in verschwörungstheoretischen Erzählungen gerne zum geheimnisvollen Mutterschiff einer verborgenen Organisation. Tatsächlich war ihre Geschichte ziemlich gut dokumentiert. Sie war ein ehemaliger Frachter, dann Katapultschiff der Lufthansa und für die Expedition zum Forschungsschiff umgebaut worden. Nach dem Krieg endete ihre Geschichte wenig romantisch. 1946 wurde sie von der Royal Navy mit Giftgasmunition beladen und im Skagerrak versenkt. Auch hier kein Verschwinden in einem geheimen Eistunnel, sondern ein sehr konkretes, ziemlich düsteres Nachkriegsschicksal.

Und wenn wir schon bei der Schwabenland sind, lohnt sich noch ein Blick auf die Technik. Ein Katapultschiff war damals etwas ausgesprochen Modernes. Die Flugbote wurden auf einem Katapult beschleunigt und konnten so mit hoher Zuladung starten. Nach einem Flug landeten sie auf dem Wasser und wurden wieder an Bord genommen. Das erklärt, warum spätere Betrachter die Expedition leicht mit einem Hauch Wundertechnik versehen konnten. In den 30er Jahren sah so etwas tatsächlich spektakulär aus. Aber moderne Technik ist noch keine Geheimtechnik. Ein Dornier-Waal ist ein beeindruckendes Flugboot und trotzdem keine fliegende Untertasse. Auch die Geheimhaltung muss man in ihrem historischen Kontext betrachten. Regierungen hielten wirtschaftliche und territoriale Absichten geheim, vor allem dann, wenn sie in internationale Konkurrenz eingriffen.

Das Deutsche Reich wollte seine Karten nicht offen auf den Tisch legen. Die wissenschaftliche Fassade war dabei nützlich, aber eben keine vollständige Täuschung. Die Wissenschaftler an Bord führten reale Forschung durch und die Ergebnisse wurden später in umfangreichen Bänden veröffentlicht. Das ist ein Muster, das uns in dieser Serie immer wieder begegnen wird. Ein wahrer Kern wird nicht erfunden, sondern überdehnt. »Ja, die Expedition war teilweise geheim. Daraus folgt nicht, dass alles an ihr geheim war. Ja, sie hatte politische und sogar militärische Aspekte. Daraus folgt nicht, dass sie eine geheime Militärbasis errichtete. Ja, sie verwendete moderne Flugtechnik. Daraus folgt nicht, dass sie mit Antigravitation experimentierte.«.

Die Kunst beim Debunking besteht deshalb nicht darin, einfach Unsinn zu rufen. Man muss den wahren Kern finden, ihn sauber vom späteren Zusatz trennen, und dann fragen, welche Behauptung ist tatsächlich belegt, welche Quelle sagt was und was wird nur von einem Auto zum nächsten weitergereicht. Für Neuschwabenland beginnt diese Quellenarbeit überraschend bodenständig. Es geht um Verwaltungsakten, Expeditionsberichte, Fahrtrouten, Wetterdaten und Luftbilder. Und genau darin liegt der Reiz. Je genauer man hinsieht, desto weniger braucht man die fantastische Geschichte. Die wirkliche Expedition war riskant, technisch anspruchsvoll und wissenschaftlich ergiebig genug.

Bevor wir in der nächsten Folge mit der Schwabenland das Eis erreichen, sollten wir noch einmal festhalten, was wir bis hierhin wissen. Erstens, die Expedition hatte einen klaren wirtschaftspolitischen Hintergrund. Das Deutsche Reich wollte seine Rohstoffversorgung verbessern und den Walfang unabhängiger von Norwegen machen. Zweitens, es gab tatsächlich geheime Aspekte. Die politische Absicht, später territoriale Ansprüche geltend zu machen, wurde nicht an die große Glocke gehängt. Auch militärische Beobachtungsaufträge existierten. 3. Die Expedition war zugleich eine ernsthafte wissenschaftliche Unternehmung Es gab ein umfangreiches Forschungsprogramm und qualifizierte Wissenschaftler 4.

Nichts von dem, was wir bislang gesehen haben, weist auf eine geheime unterirdische Festung Flugscheiben oder Außerirdische hin, Das klingt banal, aber genau diese Banalität ist zentral. Denn Verschwörungserzählungen funktionieren häufig dadurch, dass reale Einzelteile aus ihrem Zusammenhang gerissen werden. Ein geheimes Dokument wird zu dem Beweis, dass alles geheim war. Ein militärischer Auftrag wird zum Beweis für eine militärische Großoperation. Ein Katapultschiff mit Flugboten wird in der Fantasie zur Keimzelle geheimer Hochtechnologie und eine geplante spätere Station wird rückblickend zu einer angeblich tatsächlich gebauten Festung. Die reale Geschichte ist kompliziert, aber gleichzeitig viel weniger spektakulär und sie ist, wenn man genauer hinsieht, trotzdem spannend genug. Denn die Schwabenland sollte in den kommenden Monaten tatsächlich große Teile eines bis dahin kaum kartierten Gebietes aus der Luft aufnehmen. Ihre Besatzung sollte Flaggen abwerfen, Gebirge fotografieren, meteorologische Daten sammeln und Gebiete benennen und gerade diese Flaggen, diese Luftbilder und die späteren Lücken in den Unterlagen sollten Jahrzehnte später zu einem wunderbaren Rohstoff für Mythen werden.

In der nächsten Folge begleiten wir die Expedition bis nach Neuschwabenland. Wir schauen uns an, was die Besatzung dort wirklich tat, was aus den berühmten Hagenkreuzflaggen wurde und warum ein ganz anderes amerikanisches Unternehmen, die Operation Highjump, später zum wichtigsten Baustein der Legende von der letzten Nazifestung im Eis werden sollte. Wenn ihr auch mithelfen wollt, solche Verschwörungstheorien, solche Erzählungen zu debanken, dann werdet Mitglied der GWUP. Dann kann euch auch keiner ein X für ein Ufo machen. Wir freuen uns auf euch. Bis zum nächsten Mal. Euer Onkel Michael.