Raidsthemen

Mit 18 gegründet, kurz darauf Millionär – und mit Anfang 20 insolvent.

Alex Wonner erzählt in dieser Folge von einem extremen Aufstieg und einem ebenso heftigen Absturz. Er spricht über den Geldrausch, falsche Freunde, den Moment, in dem in seinen Betrieben der Strom abgeschaltet wurde, und darüber, warum Scheitern ihn lange mit Scham erfüllt hat.

Danach beginnt sein zweites Kapitel: Bundeswehr, Afghanistan, Würth, Vertriebskarriere und schließlich der erneute Weg ins Unternehmertum.

Heute berät Alex mittelständische Unternehmen. Wir sprechen deshalb auch darüber, warum viele deutsche Firmen beim Vertrieb und bei der Digitalisierung zurückliegen, was KI im Sales verändern wird und warum Alex überzeugt ist: Deutschland braucht wieder mehr Stolz auf Leistung.

🎙️ Raidsthemen – Klare Fragen. Echte Antworten.

What is Raidsthemen?

In Raidsthemen spreche ich mit Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft, die Ecken und Kanten haben. Wir sprechen über Reizthemen in unserer Gesellschaft: Integration und Migration, über politische Parteien, Außen- und Sicherheitspolitik sowie über den Nahen und Mittleren Osten.

Raid: Herzlich willkommen bei einer neuen Folge von Raidsthemen. Heute zu Gast: Alex Wonner, eine richtige Powermaschine. Wir reden über Leistung, über Unternehmertum. Wir unterhalten uns darüber, wie man sehr schnell Millionär und genauso schnell bei null landet und darüber, was es braucht, damit Deutschland wieder nach vorne kommt. Alex, schön, dass du da bist.

Du bist 1990 mit deiner Familie aus Rumänien nach Deutschland gekommen. Ihr seid Siebenbürger oder Siebenbürger Sachsen?

Alex: Siebenbürger, Siebenbürger Sachsen, da gibt's verschiedene Begriffe, aber es ist immer das Gleiche.

Raid: Okay. Und vielleicht kannst du uns mal so ein bisschen über deinen Background sagen, was das auch mit dir gemacht hat, dass du ja eigentlich bei null angefangen hast.

Alex: Des Öfteren, aber da kommen wir später noch drauf. Ja, wie du richtig sagst: in Rumänien aufgewachsen, in den Kindergarten gegangen. Ich war fünf oder sechs und dann sind wir ja quasi vor dem Kommunismus geflohen. Zu Ceaușescu-Zeiten sind wir nach Deutschland geflohen, weil die ursprünglichen Wurzeln der Siebenbürger Sachsen ja 800 Jahre zurückreichen, vom Rhein, von der Mosel, aus Luxemburg, Frankreich, so aus der Ecke. Das heißt, ich glaub, 98, 99 Prozent aller Siebenbürger Sachsen sind in den Neunzigern, Anfang der Neunziger, nach Deutschland zurück. Und damals war es ja noch ein bisschen anders, da hat der Ostblock die Türen geöffnet.

Ich glaub, viele aus Russland, aus Polen, aus Rumänien sind dann nach Deutschland gekommen. Und dann hast du halt gemerkt, muss man sagen, es gab Unterschiede. Die Russlanddeutschen wurden damals aufgrund der Historie bevorzugter behandelt. Sie hatten wirklich vereinfachte Bedingungen, auch Rahmenbedingungen, Liquiditätsbeschaffung im privaten Segment. Es war alles viel, viel einfacher und wir hatten, glaube ich, ein Startkapital von 500 Mark.

Raid: Startkapital heißt, ihr habt's bekommen, oder?

Alex: Die kamen vom Staat. 500 Mark so als Aussiedler und das war's. Mit den 500 Mark solltest du deinen Start hinlegen. Meine Eltern haben es dann glücklicherweise geschafft, innerhalb von zwei Wochen eine Arbeit zu finden. Klassische Arbeiterfamilie, ja, da gab es jetzt kein Unternehmertum oder irgendetwas und das war so der Start in Deutschland, in Süddeutschland.

Raid: So ein bisschen parallel zu mir: Wir sind 87 nach Deutschland gekommen, ich war damals vier Jahre alt. Also wir sind ungefähr auch gleiches Baujahr. Weil du sagst, die anderen wurden bevorzugt: Wir haben ja derzeit in der Flüchtlingsdebatte immer auch diese Fragen von Leuten mit Migrationshintergrund, die sagen, als wir gekommen sind, hatten wir's schwer.

Oder die türkischen Gastarbeiter oder die anderen Gastarbeiter sagen, wir haben das Land mit aufgebaut oder wir haben zum Wohlstand dieses Landes beigetragen. Und jetzt kommen die ganzen Migranten und bekommen alles hinterhergeschmissen. Wenn du jetzt so sagst, wir als Siebenbürger Sachsen waren benachteiligt gegenüber den anderen: Du bist ja eigentlich Deutscher. Also ich sag jetzt mal, ethnisch, vom familiären Hintergrund, bist du ja eigentlich Deutscher und bist nach Deutschland gekommen, hast aber trotzdem dieses Gefühl gehabt. Das heißt, das Gefühl der Benachteiligung hat gar nicht so viel mit dem Hintergrund zu tun, sondern vielleicht mit den Rahmenbedingungen, die man vorfindet?

Alex: Das Thema „Ich bin deutsch“ ist, glaube ich, da muss ich noch mal tiefer reingehen.

Raid: Ja, bitte.

Alex: Natürlich tut es sehr, sehr weh, was wir gerade erleben, was wir gerade sehen, was wir gerade spüren. Wir sind ja aus Rumänien geflohen und da gab es einen wichtigen Aspekt. Wenn du Immobilien hattest damals in den Neunzigern, hast du die Immobilien dem Staat schenken müssen oder für einen Betrag, den sie für richtig erachten, und nur dann kriegst du deine Papiere. Oder du gehst einfach ohne Papiere. Wir sind gegangen ohne Papiere.

Das heißt, ich hab bis heute keine Geburtsurkunde aus Rumänien. Also ich hab keine originale Geburtsurkunde. Was hat das für ein Ausmaß? Deswegen bin ich deutsch. Ich hab einen deutschen Pass.

Ich hab einen deutschen Führerschein. Meine Kinder auch, alles deutsch, und ich war bei der deutschen Bundeswehr. Ich war im Afghanistan-Einsatz und im Kosovo-Einsatz für Deutschland. So, bis zu diesem Punkt kann man sagen: Ich bin richtig deutsch. So, jetzt wollte ich vor ein paar Jahren glücklicherweise meine Frau heiraten.

Ich durfte in Deutschland nicht heiraten.

Raid: Weil du keine Geburtsurkunde hattest?

Alex: Sagst du zu mir, ich bin deutsch. Deutscher Pass, deutscher Führerschein, deutsche Sprache, Kinder deutsch. Ich war bei der deutschen Bundeswehr, für Deutschland im Auslandseinsatz, Afghanistan-Kriegseinsatz. Und dann komm ich zurück und will heiraten und dann heißt es: Du darfst hier nicht heiraten.

Raid: Weil dir die Geburtsurkunde fehlt.

Alex: Genau, lediglich wegen der Geburtsurkunde. Im Umkehrschluss sind wir nach Dänemark, so eine Blitzhochzeit, Las-Vegas-Hochzeit. Meine Frau und ich haben uns ins Auto gehockt, sind nach Dänemark gefahren, mit irgendwelchen wildfremden Standesbeamtinnen und Trauzeugen, und ich hab heiraten dürfen. Bin mit diesen Unterlagen ins deutsche Standesamt, die zu mir gesagt haben, ich darf nicht heiraten, und hab gefragt: Ist das jetzt anerkannt? Sagt sie: Ja klar. Jetzt wird's auch eingetragen.

Da sag ich: Ihr wollt mich doch verarschen. Ihr wisst doch, dass ich keine Geburtsurkunde mehr holen kann. Ich war jetzt in Dänemark heiraten, mit den gleichen Voraussetzungen, und das wurde anerkannt. Also so viel zum Thema: Wie deutsch fühlst du dich? Also ich fühl mich mehr deutsch, als ich in Deutschland wahrscheinlich gewertet werde.

Raid: Das ist interessant. Also meine Hypothese bei dieser ganzen Identitätsdebatte ist ja immer, dass man das Ganze auch ein Stück weit kontextbezogen sehen muss. Also wenn man sich anschaut: Wir haben wieder diese krasse Diskussion Ostdeutsche gegen Westdeutsche, Ossi-Wessi-Diskussion nach 36 Jahren.

Wo das Land zusammen hätte wachsen sollen. Wir haben noch den Solidaritätszuschlag, der das sogar in jedem Steuerbescheid, egal für Unternehmer oder für Privatpersonen, belegt, dass wir solidarisch zueinander sein sollen. Trotzdem haben wir diese Debatten und ich finde es deshalb immer spannend, das aus verschiedenen Perspektiven zu zeigen, weil jeder sich immer irgendwie als Opfer fühlt oder sogar als Opfer fühlen will. Der Migrant sagt: Ja, ich bin Migrant und da kommen die ganzen Deutschen, die werden besser behandelt.

Auf der anderen Seite sehen viele Leute das als soziales Thema: Wir Deutschen werden benachteiligt und dann kommen die Migranten, die bekommen alles hinterhergeschmissen. Wenn du dann bei den Migranten schaust, sagen die einen: Ja, aber ich bin aus Afghanistan, schau mal die Syrer und die Ukrainer an. Die Syrer sagen: Schau mal die Ukrainer an.

Also jeder zeigt immer auf den anderen und versucht, sich mal als Opfer zu stilisieren. Aber das Spannende finde ich dann, wenn Leute wie du, die trotz dieser – oder auch ich, die trotz dieser Herausforderung, dieser vermeintlichen Benachteiligung sagen: Scheiß drauf, ich mach mein Ding. Du hast dann dein Ding gemacht.

Alex: Ja, das ist eine Grundeinstellung. Du musst ja dein Ding machen. Wenn du als junger, heranwachsender Aussiedler kommst, musst du ja in irgendeiner Form Anschluss finden. Du musst dich integrieren, du musst Anschluss finden. Es war, glaube ich, in den Zeiten – verbesser mich – nicht immer einfach.

Ich hab's vielleicht ein bisschen einfacher gehabt, weil ich von meinem Typ her eher ein hellerer Typ bin. Hab jetzt besser ins Profil gepasst, aber ich kenn viele. Meine Frau kommt aus Serbien, ein bisschen dunkelhäutiger. Da war's teilweise ein bisschen anders in den Zeiten, muss man einfach so sagen.

Also hast du zwei Möglichkeiten: Du lässt dich in eine Ecke drängen oder, wie du sagst, scheiß drauf und ich mache jetzt mein Ding. Ich ziehe mein Ding durch, ich will was bewegen, ich will was erreichen. Das war schon immer mein Ansporn, seit ich denken kann. Ich will etwas bewegen, etwas Sinnhaftiges bewegen. Ich will in irgendeiner Form etwas prägen.

So, das war immer schon mein Ansporn, ohne zu wissen, was. Aber das war so meine Intention, meine intrinsische Motivation.

Raid: Und dann hast du mit 18 gegründet und warst mit 21 insolvent.

Alex: Ja, aber davor war ich noch Millionär.

Raid: Erzähl mal, das ist ja die spannende Geschichte. Also ich sag's ja deshalb, weil es immer spannend ist, finde ich: Die Leute reden viel lockerer über eine Insolvenz,

Alex: Ja.

Raid: Wenn sie danach wieder aufgestanden sind,

Alex: Ja.

Raid: als über ihre Angst, wenn sie gerade drin sind, zu sagen: Ich könnte insolvent werden. Aber Angst nehmen kann ja auch die Erkenntnis: Selbst wenn du mal alles vor die Wand fährst, man kann noch mal aufstehen. Wie bist du aufgestanden? Also wie ist es passiert, dass du insolvent gegangen bist? Dazwischen ja Höhen und Tiefen.

Und dann bist du danach wieder aufgestanden. Nimm uns noch mal kurz auf die Reise mit.

Alex: Ich mach's mal in einer kurzen Version. Ich hab eine Berufsausbildung gemacht als Verfahrensmechaniker für Kunststoff- und Kautschuktechnik. So ein ewig langer Beruf oder Begriff, aber ich hab mich da nie wohlgefühlt. Ich hab da relativ schnell gemerkt: Ich brauch Menschen. Ich kann mit Menschen, ich kann Menschen begeistern, ich kann mit Menschen arbeiten. Mein Ausbildungsberuf war halt eher sehr technisch, sehr maschinengetrieben.

Parallel habe ich in der Gastro gearbeitet, so ein bisschen nebenbei noch mein Taschengeld erhöht oder meinen Lifestyle ein bisschen angepasst und hab gemerkt: Die Gastro, das macht Spaß. Man sagt ja so: einmal Blut geleckt. Das hat richtig Spaß gemacht. Ich war auch überraschend sehr erfolgreich als Kellner, als Barkeeper und nach der Ausbildung habe ich mir gedacht: Nee, Alter, kannst du nicht machen.

Das ist nicht das, was ich machen will. Und da wurde mir parallel ein Lokal, so eine kleine Cocktailbar, angeboten. Da hab ich gedacht: Boah, kannst du das machen, kannst du das nicht machen, was denken deine Eltern? Scheiß drauf. Hab unterschrieben.

Und hab meinen Eltern gar nichts erzählt. Meine Mutter und mein Vater haben's aus der Zeitung erfahren, dass ihr Sohn da eine Bar gegründet hat. Riesentheater. Aber das ging sehr, sehr gut. Also es ging wirklich steil mit 18, 19, 20. Ich hab das Geld meines Lebens damals verdient.

Also aber das Problem war wiederum...

Raid: Ganz kurz: mit Cocktailbar Millionen? Sorry, das hört sich wieder an wie aus einem schlechten Film.

Alex: War aber der Start. Parallel habe ich ein Riesenbistro gemacht, parallel eine Disco und noch Events und Festivals gemacht. Overall bin ich da so reingerutscht.

Overall waren es dann wirklich einige Millionen und es war halt sehr, sehr viel Bargeld. Es war ausschließlich Bargeld und ich war gefangen in diesem Rausch, in diesem Geldrausch, muss man so sagen. Zu schnell erfolgreich geworden, viel zu schnell, hab den Boden unter den Füßen verloren und mich konnte keiner mehr bremsen. Das war einfach die bittere Wahrheit. Ich war ein arrogantes Arschloch, ein überhebliches Arschloch, weil der Erfolg mir einfach sehr viel gerechtfertigt hat.

Und jeder aus meinem engeren Umfeld, der es gut gemeint hatte, der war für mich so: Der gönnt es mir nicht. Weißt du, was ich meine? Obwohl die es echt so gut gemeint haben. Natürlich hast du viele falsche Freunde, falsches Umfeld, weil die halt davon partizipieren, aber der enge Kreis hatte mich schon gewarnt oder versucht zu bremsen. Aber ich bin so was von überspaced.

Ich hab mich gefühlt wie Paris Hilton aus Baden-Württemberg. Also ich hab keine Klamotten mehr gewaschen. Ist wirklich so. Ich hab jeden Tag neue Klamotten gekauft. Zu Hause essen hab ich ein paar Jahre nicht gemacht.

Ich war nur draußen essen. Ich bin nach Paris Kaffee trinken gegangen, in die Schweiz Mittagessen gegangen. Das war mein Leben auf einmal. So, jetzt erzähl mir mal so einem Achtzehn-, Neunzehn-, Zwanzigjährigen, Überheblichen: Du machst da was falsch. Nee. Und der Knackpunkt, warum ich dann pleitegegangen bin: Umsatz ist nicht gleich Gewinn.

Hätte mir mal jemand vorher erzählen sollen. Und dann ist halt alles aus dem Ruder gelaufen. Es war dann in Kurzversion alles selber: Ich war selber verantwortlich, dass ich sehr erfolgreich geworden bin, aber genauso hauptverantwortlich, dass ich alles gegen die Wand gefahren hab, aber mit Vollgas.

So, und jetzt hast du halt zwei Möglichkeiten. Was machst du? Für mich ist, um deine Frage zu beantworten, Scheitern: Wie gehst du mit Scheitern um? Aber wir hängen es meiner Meinung nach viel zu hoch auf.

Eine Beziehung scheitert doch auch zwischen Freunden. Man steht doch wieder auf. Eine Beziehung zwischen Mann und Frau scheitert auch im Leben. Also du scheiterst doch in so vielen Punkten im Leben. So, jetzt, weil ich eine Firma an die Wand gefahren hab, weil ich gescheitert bin, werde ich gefühlt behandelt und dargestellt wie ein Schwerverbrecher in Deutschland.

Und das ist für mich eines der größten Dilemmata, die wir in Deutschland haben.

Raid: Nicht nur vielleicht, wenn ich da einhaken darf. Nicht nur wie ein Schwerverbrecher. Also das deutsche Insolvenzrecht ist – kann man darüber streiten, wie sinnhaft das manchmal ist – sondern du wirst auch gesellschaftlich

Alex: Das ist viel schlimmer, find ich.

Raid: bist du dann der Paria, also der, der es vermasselt hat.

Alex: Ja, das finde ich noch viel, viel schlimmer. Das eine ist, dass du damals sechs Jahre lang nicht mal eine Packung Kaugummi auf Raten kaufen konntest. Also du bist sechs Jahre lang mit allem blockiert.

Du kriegst keinen Handyvertrag, du kannst keine Möbel auf Raten kaufen, du kannst gar nichts. Du musst in diesen Modus reingehen: nur noch Cash.

Raid: Alles Cash.

Alex: Alles Cash.

Raid: Kennst dich doch damit aus, oder?

Alex: Ja, kenne ich mich damit aus. Aber ich war danach auch in dieser mentalen Krise. Man muss überlegen: von diesem Hype auf einmal runtergefallen, das musste ich ja erst mal verkraften. Ein Mensch wie ich damals in der Situation, der für alles Schuldige hatte, so am Anfang. Ich war doch nicht schuld dafür.

Also es waren doch die anderen. Da musste ich erst mal lernen, damit umzugehen. Mir hat aber sehr, sehr stark die Bundeswehr geholfen, weil ich mich danach mit Anfang 20, direkt nach dem Scheitern, selbst gemeldet habe, um zur Bundeswehr zu gehen.

Raid: Welches Jahr war das?

Alex: 2005, 2006.

Raid: Okay. Aber ich würd noch mal ganz kurz einen Schritt zurück. Was war der Moment, wo du wusstest: Ich bin am Arsch? Was war der Moment, wo du wusstest, es geht nicht mehr weiter?

Also ich find, das ist der wichtigste Moment, weil dann triffst du ja keine Entscheidung, sondern du wirst mit deinen früheren Entscheidungen konfrontiert. Und was war deine Reaktion darauf?

Alex: Du meinst es in Bezug auf die Selbstständigkeit damals? Scheitern?

Raid: Die Insolvenz, genau.

Alex: Ja, die Insolvenz war relativ rational. Also gefühlt spürst du das ja im Vorfeld, aber du ignorierst es. Du verdrängst es, du redest es dir schön, du feierst es weg, keine Ahnung. Aber als dann der Strom weg war, also wirklich kein Strom mehr da war – und wie willst du jetzt Gastronomiebetriebe leiten, wenn auf einmal kein Strom da ist? Das war so der Wendepunkt, wo ich dachte: Alles klar.

Jetzt hast du drei Läden und bei allen drei Läden gibt's keinen Strom. Das war der große Wendepunkt. Und dann beschäftigst du dich mit Sachen: Dann bist du mit Mieten hinterher, dann bist du mit Stromrechnungen hinterher, dann kommt das Finanzamt, setzt dir die Pistole auf die Brust. Das kam so alles in ein, zwei Wochen geballt in die Fresse, so die Realitätsklatsche: Junge, wach auf, komm zu dir.

Raid: Was hat dein Umfeld dazu gesagt?

Alex: Das Umfeld hat sich radikal reduziert. Es ging relativ schnell. Sei ich dir ehrlich, von gefühlt 200, 300 Leuten in deinem Umfeld war es am Schluss ein einziger Freund, den ich bis heute noch hab, und die enge Familie.

Raid: Der Rest wollte nur am Erfolg teilhaben?

Alex: Exakt.

Raid: Und beim Misserfolg sind sie weg?

Alex: Exakt. Die waren weg. Da hast du natürlich einen Kreis gehabt: „Hab ich doch gewusst, wir haben es dir doch gesagt.“ Jetzt hatten sie ja mit allem recht. Nur in dem Moment willst du es ja nicht so unbedingt hören. Aber letztendlich: Was fängt dich immer wieder auf? Die Familie.

Also dein enger Kern der Familie, und das prägt mich bis heute. Ich erziehe auch meine Kinder so. Also meine Frau und ich erziehen unsere Kinder so: Das Rückgrat, das, worauf du dich zu 100 Prozent immer im Leben verlassen kannst, ist dein Zuhause, deine Familie. Und das hat mich damals auch aufgefangen.

Ja.

Raid: Es gab vor einiger Zeit eine Studie zum Thema Einsamkeit.

Alex: Mhm.

Raid: Und also, ich hab die Zahl nicht mehr genau im Kopf, aber eine brutal hohe Zahl. Es müssen über 60 Prozent gewesen sein, die Einsamkeit fühlen oder Angst haben, jetzt oder im Alter einsam zu werden.

Alex: Ja.

Raid: Ich finde, es ist ein ganz, ganz großes Thema, weil wir viel über soziale Solidarität et cetera reden. Also wir haben das ganze Thema ja immer so ein bisschen an den Staat abgeschoben oder wir versuchen es zu rationalisieren, zu institutionalisieren. Aber Solidarität fängt ja erst mal im eigenen Umfeld an, also Familie, Freunde, auch Partner, Geschäftspartner et cetera. Und da finde ich diese Diskussion und diese Sichtweise interessant von Leuten, die scheitern, die merken dann: Nicht der Staat ist da, der Staat muss uns alle organisieren, sondern die Familie, also die persönlichen Beziehungen, die sind es, die einen aufrichten und wieder aufheben. Wie kam es dann mit der Bundeswehr?

War das dann ein Impuls von dir? Kam das von außen?

Alex: Das war ein Impuls von mir, dieses Gefühl des Gesichtsverlusts. Einfach geschämt. Ich wollte gar nicht mehr auf die Straße in meiner Stadt raus. Öhringen damals, relativ klein, überschaubar. Jeder kennt jeden. Also ich hab mich einfach dafür geschämt, dass ich gescheitert bin.

Ich konnte damals nicht darüber reden. Ich konnte damals nicht damit umgehen. Es war für mich das Schlimmste, was mir je hätte passieren können. Also war es im Endeffekt so eine Art Flucht, aber auch tief im Inneren, glaube ich, der Drang: Ich brauche keine Unterstützung, ich brauche keine Hilfe, aber ich brauche jetzt gefühlt eine harte Hand. Und ich war der Meinung, die Bundeswehr ist so diese harte Hand, die mich jetzt formt, die mich schleift. Das ist das, was ich jetzt brauche. Ich hab mich zur Bundeswehr gemeldet und dann: Herzlichen Glückwunsch, bin bei den Gebirgsjägern gelandet.

So richtig tief in Mittenwald, also unten an der Zugspitze.

Raid: Hardcore, ne?

Alex: Hardcore, richtig in die Fresse. Und nach drei Monaten hatte ich einen guten Job gemacht. Ich war ja auch ein bisschen älter als die anderen, die anderen sind so 17, 18, 19, ich war dann 21. Und ich war ja ein gewisser Typ, ein gewisses Format, ein gewisses Profil, einen gewissen Charakter hatte ich ja. Und dann bin ich da relativ schnell in die Kosovo-Einsatzausbildung und in den Kosovo, nach Afghanistan. Direkt? Ja.

Und dann nach eineinhalb Jahren bin ich raus.

Raid: Also als Gebirgsjäger in Afghanistan, was hast du dort gemacht?

Alex: Wir waren im Aufklärungszug, also im Norden in Faizabad. Das heißt, bevor die Patrouille irgendwo hingeht, waren wir vorher da, haben alles gesichtet, haben gesagt: Okay, könnt durch. Gebirgsjäger sind nicht das Kanonenfutter, aber sehr beliebt für Afghanistan, weil Afghanistan aus Bergen besteht und die Gebirgsjäger aus Deutschland genau dafür ausgelegt sind. Und es war in der Zeit, wo die NATO noch sehr, sehr stark in Afghanistan war. Daher: Herzlichen Glückwunsch, ab nach Afghanistan.

Raid: Hast du Sachen erlebt, die dich auch geprägt haben in Afghanistan?

Alex: Ja. Also ich war jetzt nicht in diesen Hardcore-Auseinandersetzungen. Wir hatten zwar einen Hinterhalt, wurden einmal beschossen, aber du bist darauf trainiert. Hätte ich nicht erwartet. Du trainierst wirklich Szene für Szene, Phase für Phase, Situation für Situation und dann in dem Moment funktionierst du wirklich.

Die anderen waren alle sehr, sehr viel geprägter als ich, weil sie das dritte, vierte Mal in Afghanistan waren. Also die waren wirklich mit Schlafstörungen, mit Verhaltensstörungen. Das habe ich dann schon wahrgenommen und hab gedacht: Nee. Noch mehr Verhaltensstörungen brauche ich nicht.

Raid: Also du hast keine posttraumatische Belastungsstörung?

Alex: Nein, ich hab die Reißleine gezogen, wo ich gemerkt hab: Okay, das passt. Also es hat mich geprägt ohne Ende, bis heute. Hab viel mitnehmen können, aber du musst schon den Ausweg rechtzeitig finden.

Raid: Ich finde es deshalb spannend, weil, wenn du so eine Niederlage kassierst im Leben, gibt's ja verschiedene Verhaltensweisen. Manche fallen dann in ein Loch, kriegen dann Depressionen, kommen aus dieser Scham nicht heraus. Andere suchen Schuldige und dann gibt's wieder andere, die sagen: Okay, jetzt muss ich's noch mal beweisen. Also ich nehm das so ein bisschen wahr.

Du wolltest dir selbst oder anderen schon mal beweisen: Ich kann noch was. Und ich finde, das ist, glaube ich, auch der Unterschied zwischen jemandem, der letztlich erfolgreich ist, und den Leuten, die auf dem Weg dahin scheitern. Ich meine, wir wiederholen es immer wieder. Ich bin auch Unternehmer und sag den Leuten: Natürlich erzähle ich immer die Erfolge, weil man sich irgendwie auch feiern lassen will, und das ist ja auch richtig und in Ordnung, weil man damit auch andere motivieren will.

Gleichzeitig sage ich: Auch ich hab meine Niederlagen gehabt. Ich hab mal Projekte in den Sand gesetzt oder Geld in den Sand gesetzt mit Projekten, die nicht erfolgreich waren, nicht so krass wie du, aber eben auch. Und das gehört einfach zur Story dazu. Ich find's eben wichtig, den Leuten auch zu sagen: Okay, pass mal auf, es geht nicht darum, dass der erste Schuss sofort sitzt. Sondern es geht darum, eben immer wieder, auch wenn's eine Floskel ist, aufzustehen. Aber du bist ein schönes Beispiel dafür.

Was kam nach Afghanistan, also als du zurückgekommen bist? Du bist ja jetzt wieder Unternehmer.

Alex: Unternehmer, ja. Aber ich hatte nach Afghanistan und vor dem Unternehmertum eine der erfolgreichsten und prägendsten Zeiten bei der Firma Würth. Ich bin dann nach Afghanistan in den Telefonvertrieb bei der Firma Würth eingestiegen. Also vom Freigeist auf dem Feld mit Waffen und Ausrüstung in ein Callcenter.

Trennwand links, Trennwand rechts, Trennwand vorne, Kopfhörer und davon zehn in einer Reihe. Und wir telefonieren jetzt und rufen Kunden an und verkaufen denen Befestigungsmaterial, von dem ich keine Ahnung hatte. Das war der Start. Hatte aber ein gutes Händchen, ein gutes Gespür, war relativ erfolgreich, war dann die Nummer eins bei Würth. Als Verkäufer. Das habe ich dann ein, zwei Jahre wiederholt und bin dann in die ...

Raid: Nummer eins von was? Also Nummer eins deutschlandweit?

Alex: Deutschlandweit. Ist so wie Olympiagold. Also bei dreieinhalbtausend Verkäufern, die Würth hat, ist dann so die Nummer eins zu sein, fühlt sich an wie das Gold bei Olympia. Dann habe ich eine ordentliche Würth-interne Karrierelaufbahn gemacht, bis zur Vertriebsleitung, und habe sehr, sehr viel geprägt, sehr, sehr viel mitgemacht, sehr, sehr viel gelernt.

Auch da immer wieder Höhen und Tiefen gehabt. Natürlich bist du auch bei Würth an Grenzen gekommen und Projekte sind gescheitert, Projekte waren erfolgreich. Aber das war so die Phase und da kam der Punkt, weil ich auch geheiratet hab, Kinder in die Welt setzen durfte. Und da war meine große Familie, also groß: drei Kinder, Frau. Ich war nie zu Hause, nur unterwegs, und da war die Grundsatzentscheidung: Mehr zu Hause, mehr Familie oder mehr Karriere?

Das war wirklich dieser Wendepunkt. Und ich habe mich für die Familie entschieden, was auch richtig war und ich es auch jederzeit wieder tun würde. Und dann kommst du halt in die Phase: Okay, was kannst du, was machst du jetzt? Da habe ich mich so selbst reflektiert: Okay, Gastro, nee, ich glaube, ist jetzt nicht mehr so. Nee, Gastro will ich nicht.

Was kannst du gut, was konnte ich bei Würth, was hat mich bei Würth ausgemacht, geprägt? Das war Sales in all seinen Facetten. Und dann fängst du halt an als klassischer Soloselbstständiger, als Sales-Coach. So, das war der Start.

Raid: Und dann hast du aber verschiedene Sachen gemacht. Also du hast ja nicht einfach nur Sales gemacht, sondern du berätst auch Unternehmen, wie sie ihre Sales-Strukturen aufbauen.

Alex: Ja.

Raid: Und hast so einen sehr, sehr guten Ein- und Überblick über die Situation der Unternehmen. Wenn du so aus deinen persönlichen Erfahrungen der letzten ein, anderthalb Jahre reflektierst: Wie geht's den Unternehmen in Deutschland? Also man erfährt ja immer so von den Statistiken: Alle 20 Minuten geht ein Unternehmen in Deutschland pleite oder macht zu.

Gibt ja beides. Es gibt ja so dieses natürliche Auslaufen, der Laden wird einfach zugemacht, das wird bei „alle 20 Minuten“ oft unterschlagen. Aber das ist ja immer sozusagen das statistische Endergebnis. Auf dem Weg dahin passiert aber sehr, sehr viel. Wie würdest du aus deiner persönlichen Erfahrung sagen: Wie geht's den Unternehmen generell gerade?

Alex: Man muss unterscheiden: Über welche Art von Unternehmer oder über welche Größe von Unternehmen sprechen wir? Als wir angefangen haben, oder ich angefangen habe vor vielen Jahren, waren es eher kleine Unternehmen, so kleine Handwerker, kleine Personaldienstleistungsbuden. Inzwischen sind wir speziell auf den großen Mittelstand spezialisiert, also zwischen 250 und 1.000 Mitarbeitern. Das ist so unser Kunde, den wir beraten und betreuen, also ein Segment, und die haben alle ein gleiches Muster. Ich glaub, die Kleinen haben ganz andere Herausforderungen, aber der große Mittelstand, kann man und muss man sagen, war verwöhnt.

Die haben die letzten 30 Jahre nicht wirklich Vertrieb machen müssen. Wenn du ein geiles Produkt hattest, in einer geilen Nische drin warst, bist du einfach gewachsen, gewachsen, gewachsen. Was wir halt feststellen: Die Strukturen sind nicht mitgewachsen. Die IT-Infrastruktur, die Intelligenz, die Vielfalt ist nicht mitgewachsen. Die Art und Weise zu verkaufen ist in den Köpfen noch wie vor 30 Jahren. Das heißt: Ich muss ja nicht verkaufen, ich tue abwickeln.

Wir haben viele unserer Kunden, musst du dir überlegen, die machen 70, 80, 100 Millionen Euro Umsatz im Jahr ohne CRM, mit einer Excel-Liste. Ich glaube, Menschen wie du und ich denken uns: What the fuck? Wie? Warum? Aber das ist das, was ich meinte. Viele haben es einfach nicht gebraucht, weil sie einfach – das ist das, was Deutschland, glaube ich, auch sehr, sehr auszeichnet.

Diese Ingenieurskunst. Diese Entwicklergabe, diese Fähigkeit, das ist Deutschland, das hat Deutschland geprägt. Und wenn du da ein geiles Produkt hattest, eine geile Technologie, eine geile Lösung, ein Problem gelöst hast, dann hast du richtig gut Geld verdient. Und jetzt merkst du halt: Okay, es geht so nicht weiter. Wir müssen Vertrieb machen. Das Ausland wird stärker, die Rahmenbedingungen werden erschwert. Dann will ich gar nicht anfangen mit höchster Steuerlast, höchsten Personalkosten, höchsten Energiekosten. Das erschwert das alles zusätzlich, plus, dass viele einfach nicht aufgestellt sind. So, und da setzen wir an.

Wir haben ja eine klare Vision: authentisch, datengetrieben, KI-gestützt. Das muss der Vertrieb der Zukunft sein. Wann ich jetzt welche KI brauche in meiner Customer Journey oder in meinen Sales-Prozessen, das ist dann immer sehr, sehr individuell. Aber ich glaube, Kaufen wird in Zukunft immer noch zwischen Mensch und Mensch stattfinden. Die Kaufentscheidung. Die Abwicklung, glaube ich, wird in Zukunft nicht mehr von Menschen geprägt.

Raid: Du hast einen guten Punkt genannt: deutsche Ingenieurskunst, Made in Germany. Ich mach ja mit Asamodo auch Made in Germany, das hat nach außen immer noch einen sehr, sehr guten Ruf. Aber ich hab ein erklärungsbedürftiges Produkt.

Wir sind eine Nische. Ich muss verkaufen. Was ist die wahre Stärke von Deutschland und wie können wir damit wieder nach vorne kommen? Weil du hast die Punkte alle genannt: Wir sind teuer und wenn etwas teuer ist, dann muss es eben seinen Preis wert sein. Das heißt, ich muss erklären, dass es diesen Wert hat, und ich muss aktiv etwas tun.

Wo siehst du da die größten Herausforderungen auf dem Weg dahin?

Alex: Wie weit hole ich aus? Hast du die erste Rede von Jürgen Klopp als Nationaltrainer gehört?

Raid: Ja, ich liebe ihn.

Alex: Ich hab Gänsehaut gekriegt und ich hätte so eine Rede von anderen Menschen erwartet, die gerade an der Spitze in Deutschland sind. Er hat, glaube ich, was Grundlegendes gesagt: Wir müssen wieder anfangen, stolz zu sein auf das Land. Wir müssen anfangen, stolz zu sein, dieses Trikot zu tragen, die Fahne zu tragen. Aber diesen Aspekt möchte ich gerne hier anbringen.

Wenn wir nicht stolz sind auf das, was wir tun, wenn wir nicht dahinterstehen, weißt du, was ich meine, fällt's uns doch sehr, sehr schwer. Wir haben keine Leistungsgesellschaft mehr. Ich bin auch noch Fußballtrainer. Weil mein Sohn Fußball spielt, bin ich auch noch Fußballtrainer. Und wenn ich dann auf Turniere gegangen bin oder immer noch gehe und merke: Alle kriegen einen goldenen Pokal, weil jeder ein Gewinner ist.

Das geht nicht. Wo ist diese Leistungskultur, dieser Leistungsgedanke? Ich bin natürlich vom Vertrieb geprägt, auch Reinhold Würth hat mich sehr, sehr stark geprägt. Aber wir können auch nicht sagen: Mitmachen ist alles, Hauptsache, wir haben alle Spaß, aber einen Gewinner und Verlierer gibt's nicht. Wir ruinieren uns somit.

Das ist meine felsenfeste Meinung. Das ist eine ganz, ganz schlechte Kultur.

Raid: Ist das eine Generationssache? Weil viele der Älteren kloppen ja so ein bisschen auf den Jüngeren rum: Gen Z, die kriegen's nicht, die kriegen den Arsch nicht hoch, die sind ständig am Handy. Ich persönlich seh das anders, weil ich kenn Gen-Z-Leute, die haben Feuer, die haben halt anders Feuer.

Alex: Ja, ich find, das ist nicht nur pauschal eine Generationssache. Ich find, wenn wir jetzt in das Politische reingehen, es ist schon sehr, sehr stark links geprägt. Da sind auch viele sehr, sehr stark in Social Media und die prägen gewisse Leute. Also ich führ teilweise auch Gespräche mit Achtzehn-, Neunzehnjährigen, die sehr links geprägt sind, aber nicht, weil sie sich ihr Leben lang damit befasst haben, sondern weil sie auf TikTok sehr, sehr präsent sind, das konsumieren und irgendwann auch glauben: Doch, die machen das gut.

Also ich weiß nicht, ob da wirklich tiefgründige Überzeugung dahintersteht, weißt du, was ich meine? Einfach zu sagen, die Generation ist Schrott oder ist Müll: Nein, das ist falsch, das ist oberflächlich. Aber Deutschland hat sich schon ein bisschen verloren, was die Mitte angeht.

Raid: Okay. Du hast jetzt so ein bisschen links-rechts gemacht. Also ich find, ich mach da persönlich keinen Unterschied, zumindest bei den Extremen.

Also wenn ich mir anschaue: Die Linken sagen ja, es sind immer die Reichen schuld. Oder der Unternehmer, der ist ja immer raffgierig und will nur seinen Gewinn maximieren. Und ich sag: Ja klar, ich bin Unternehmer, das ist mein Job.

Alex: Aber das fängt doch schon im Tatort an. Tatort ARD, wer ist denn immer der Böse? Der Unternehmer.

Raid: Ist auch ein guter Punkt. Und der zweite Punkt ist: Wenn wir bei den Extremen sind, die suchen immer Schuldige. Und ich sag immer: Hey, der Starke, der Erfolgreiche sucht keinen Schuldigen, der sucht eine Lösung. Der schaut: Wo ist die Ursache?

Lass uns eine Lösung finden. Und deswegen finde ich, wir müssen – also die Frage für mich ist: Wie kriegen wir wieder diesen Leistungsgedanken positiv besetzt? Ich mein, ich als Unternehmer, natürlich denke ich an Gewinnmaximierung, aber die Gewinnmaximierung im 21. Jahrhundert ist nicht dasselbe wie vor 150 Jahren zur Zeit der Industrialisierung. Ich kann Mitarbeiter ausbeuten und damit Gewinne machen – das funktioniert heute nicht mehr. Das heißt, dieses Links-rechts-Schema: Ich muss den armen Mitarbeiter vor dem Arbeitgeber schützen, das funktioniert überhaupt nicht mehr.

Wenn ich mich persönlich und formal so verhalte, dass ich meinen Mitarbeiter ausnehmen will, dann bin ich unternehmerisch nicht mehr erfolgreich. Und ich find, wir müssen das Grundkonzept von Arbeit und von Leistung noch mal definieren. Also nicht nur Leistung, sondern auch Arbeit neu definieren.

Alex: Ich hab eine ganz klare Meinung dazu. Wir beraten ja unsere Unternehmen, unsere Kunden in eine sehr, sehr spezielle Richtung. Für mich ist der Motor jedes Unternehmens die Sales-Abteilung. Sales ist für mich hier oben.

Raid: Champions League.

Alex: Sales. Wenn ich mein Sales nicht im Griff hab, kann ich meine ganze Firma nicht finanzieren. Alles, was dahinterkommt mit Logistik, Produktion, Versand, Verwaltung, kann ich nicht finanzieren. Das heißt für mich: Das Erste, was ich machen muss, ich muss Sales in den Griff kriegen. Sales finanziert alles.

Wenn wir jetzt ins Politische gehen: Was ist der Motor in der Politik, was ist der Motor in Deutschland? Für mich persönlich: die Unternehmer. Wenn die Unternehmen in Deutschland laufen, kleiner, mittlerer, großer Mittelstand und die Konzerne, wenn die laufen, können wir doch den ganzen Staat und alles, was damit zusammenhängt, finanzieren. Aber da haben wir einen kompletten Paradigmenwechsel irgendwie in den letzten Jahren herbeigerufen. Der Unternehmer ist der Böse, der Unternehmer ist der Schlechte.

Es wäre, wie wenn ich zu dir sage: Hör mit Sales auf. Sales ist das Schlechteste, was du in deiner Firma machen kannst. Hör bitte auf damit. Es funktioniert doch nicht.

Und so sehe ich's. Also wenn ich jetzt ein Unternehmen und eine Regierung vergleiche, ist es für mich der gleiche Ansatz. Bei dem einen muss Sales funktionieren, bei dem anderen müssen die Unternehmen funktionieren. Und der Rest funktioniert dann automatisch.

Raid: Du hast vorhin so ein bisschen angedeutet, du bist mit der Politik nicht zufrieden.

Alex: Nein.

Raid: Welche Note würdest du der aktuellen Regierung geben?

Alex: Jetzt einfach pauschal zu sagen: sechs – dazu neigt man sehr, sehr schnell. Aber wenn man dann ein bisschen tiefgründiger geht: An was machst du's fest? An was mach ich's jetzt fest, dass die aktuelle Regierung schlecht ist? Ich stell mir persönlich immer die Frage: Würde ich's besser machen? Könnte ich's besser machen? Ich glaub, Friedrich Merz hat einfach die Arschkarte.

Er steht halt da und ist einfach der Buhmann. Hat er Fähigkeiten? Ich glaub, er hat Fähigkeiten. Hat er die Mittel, die Möglichkeiten? Nein, weil in Deutschland einfach die Regierungsbildung eine andere ist.

Was läuft denn schlecht? Ich find diesen Fokus, den wir eingeschlagen haben – und ich möchte da niemandem zu nahe treten –, dass wir aus Solidarität einem Land wie der Ukraine sehr, sehr viel Aufmerksamkeit schenken, dadurch in Kauf genommen haben, dass wir keine bezahlbare Energie mehr in Deutschland haben, was wiederum Einfluss hat, dass viele Unternehmen dadurch leiden, mit dem ganzen außenpolitischen Kram et cetera. Ich find, das ist ein großes Problem, ein Riesendilemma.

Raid: Hat aber Friedrich Merz

Alex: nicht

Raid: zu verantworten.

Alex: Nicht zu verantworten. Deswegen meinte ich ja, das ist, glaube ich, das, weil viele vermischen das gerade. Viele sagen, die Regierung ist schuld, weil es im Land gerade sehr, sehr schmerzt, sehr, sehr wehtut. Aber meiner Meinung nach kommt der größte Schmerz von diesen außenpolitischen Themen, also der Einfluss von diesen außenpolitischen Themen.

Und im Inneren vom Land haben wir halt eine drastische Spaltung, eine drastische Unruhe. Wir haben viele Silos. Wir sind kein Volk. Wenn wir jetzt vergleichen, nehmen wir meine Frau: Sie ist Serbin. Die Serben, wenn was ist, da gehen Millionen auf die Straße, weißt du, was ich meine?

Oder die Franzosen, die sind noch extremer, die halten zusammen. In Deutschland hast du das so nicht. Du hast die Russen, du hast die Syrer, du hast die Ukrainer, du hast die Italiener, die Türken, die Deutschen. Aber dass jetzt mal alle an einem Strang ziehen, das fehlt mir so ein bisschen, weißt du, diese Kultur. Was kannst du als Regierung besser machen?

Ist eine sehr, sehr spannende Frage, die ich, glaube ich, gar nicht beantworten kann. Bin ich unzufrieden? Ja. Über die aktuelle Situation und über den aktuellen Rahmen, über die aktuellen Möglichkeiten, auch aus unternehmerischer Sicht. Aber ist es jetzt allein auf die Regierung zuzuschieben?

Wahrscheinlich nicht.

Raid: Vielen Dank. Du hast einen Punkt gesagt, der, glaube ich, so ein bisschen unterging, also in den vielen guten Sachen, die du gesagt hast. In ein paar Punkten hab ich dir auch schon widersprochen. Also für die Außenpolitik kann keine Regierung was. Ich mein, wir hatten die Ampel, als der Krieg in der Ukraine losging.

Und ein grüner Wirtschaftsminister, über den man halten kann, was man will, ist nach Katar gegangen, um die Gaslieferungen für den Winter zu sichern. Das muss man auch akzeptieren und jede Regierung muss das mehr schlecht als recht organisieren, was gerade von außen an Krisen auf uns zukommt. Aber ich find einen ganz wichtigen Punkt in der gesamten Diskussion, unabhängig davon, wer regiert, also ob jetzt früher Ampel, jetzt schwarz und keiner weiß, was in drei oder vier Jahren oder früher auf uns zukommt, welche Regierungskonstellationen. Ich find, du hast einen ganz wichtigen Aspekt genannt.

Die Wahrnehmung der Probleme ist bei uns in Deutschland völlig verquer. Also es geht keiner auf die Straße wegen zu hoher Steuern, wegen zu hoher Preise, wegen zu viel Bürokratie, wegen zu wenig Leistung. Es gehen die Leute auf die Straße wegen Israel, Palästina, wegen Ukraine.

Also wegen Sachen, die eigentlich vielleicht gar nicht so sehr rational und wichtig für die Gesellschaft sind, sondern eher irgendwo von außen reingetragen werden. Also diese Neigung, auch in der Bevölkerung die Probleme, die relevant sind, zu identifizieren und daraus auch eine politische Bewegung oder politische Positionen abzuleiten und dann auch gerne dagegen zu demonstrieren, also wie in Frankreich zum Beispiel, ist überhaupt nicht da. Sondern wir demonstrieren gegen die falschen Sachen, find ich.

Alex: Ja. Wir laufen auch Gefahr, dass wir das Land noch viel, viel mehr spalten. Weißt du, so im Umfeld kriegst du dann auch manchmal so oberflächliche Aussagen. Dann bringen manche einfach so einen Spruch wie: Guck mal, in Deutschland müssen die Rentner Pfandflaschen sammeln und im gleichen Atemzug schenken wir der Ukraine Milliarden. Das ist einfach mal so eine Pauschalaussage. Und das ist, finde ich, inzwischen immer mehr so in den Köpfen. Aber wie viel Gewichtung, wie viel Wahrheit steckt dahinter, kannst du das miteinander vergleichen?

Nein, weißt du, was ich meine? Aber wenn das schon so in den Köpfen ist und wahrgenommen wird, dass alle anderen wichtiger sind als die Bürger aus dem eigenen Land und die Rentner, die ja mehr oder weniger aus unterschiedlichen Herkünften auch das Land mit aufgebaut haben nach dem Zweiten Weltkrieg, müssen jetzt Pfandflaschen sammeln – das ist so das Bild. Und wem gibst du die Schuld? Der Regierung.

Aber da steckt halt viel mehr dahinter und ich glaub, deswegen verschwimmt und vermischt sich so die Wahrnehmung in Deutschland gerade. Aber auch drastisch in einer hohen Geschwindigkeit.

Raid: Vielen Dank, Alex. Wir haben einen krassen Ritt durch verschiedene Themen gemacht. Es gab keinen Leitfaden. Wir wollten uns ja austauschen zum Thema Unternehmertum und Leistung und ich find, wir haben ziemlich viele gute, wichtige Themen angesprochen.

Ich freue mich, wenn wir uns bald wieder treffen und das ein oder andere noch mal vertiefen.

Alex: Sehr gerne.

Raid: Auf jeden Fall weiterhin alles Gute und Gottes Segen dir.

Alex: Dankeschön, ebenso. Vielen Dank.