Schwarze Erde, weisses Licht

Auf Lanzarote gibt es keinen einzigen Fluss, keine Quelle, keinen See – und trotzdem fliesst Wasser aus jedem Hahn. Die Geschichte einer Insel, die ihren Durst besiegte, dabei Europas Entsalzungspionier wurde und sich eine neue Abhängigkeit einhandelte.

Show Notes

Agua – Die Insel, die das Meer trinkt

Episode 17 • Erinnerung vom 2026-07-17 Duration: 11:41

Auf Lanzarote gibt es keinen einzigen Fluss, keine Quelle, keinen See – und trotzdem fliesst Wasser aus jedem Hahn. Die Geschichte einer Insel, die ihren Durst besiegte, dabei Europas Entsalzungspionier wurde und sich eine neue Abhängigkeit einhandelte.

Warum diese Folge hängen bleibt

Ein Wasserhahn, abends im Norden – was herausläuft, war vor Tagen noch Atlantik. Wie überlebt eine Insel ohne Süsswasser – und was kostet das Wunder, das Meer trinkbar zu machen?

Drei Dinge, die bleiben

  • Die ärmste Ecke Europas baute neunzehnhundertfünfundsechzig die erste städtische Meerwasser-Entsalzung des Kontinents
  • Über sechzig Prozent des teuer entsalzten Wassers gehen im maroden Leitungsnetz verloren, bevor sie aus irgendeinem Hahn kommen
  • Die Umkehrosmose presst Meerwasser mit dem Fünfundfünfzig- bis Siebzigfachen des Atmosphärendrucks durch eine Membran

Das Bild, das bleibt

  • Ein Glas Leitungswasser auf schwarzem Lavastein – derselbe Atlantik, der dreissig Meter weiter ans Ufer schlägt, nur ohne Salz.
  • Emotionaler Bogen: Vom Staunen über die Technik zur Erkenntnis, dass jeder Schluck an einer dünnen Kette aus Membranen, Pumpen und Kabeln hängt.

Ein Satz aus der Folge

  • "Was wir ihm nehmen, geben wir salziger zurück."

Über den Podcast

Geschichten mit Bernd ist ein von Matthias kuratierter und produzierter Podcast über Erinnerungen, Handwerk, Reisen, Familie und Lebensgeschichten rund um Bernd. Jede Folge beginnt bei einem konkreten Moment und öffnet daraus ein größeres Fenster in Geschichte, Kultur, Orte und verschwindende Welten.

What is Schwarze Erde, weisses Licht?

Schwarze Erde, weisses Licht ist ein Reise-Podcast über Lanzarote, für Matthias, Waltraud, Marie und Julia. Vom 2. bis 16. Juli 2026 wohnen sie im Centro Antroposófico im Norden der Insel und nähern sich der Vulkaninsel Folge für Folge: dem Feuer von Timanfaya, dem Werk von César Manrique, den Pflanzen und Tieren der Lava, dem Wein von La Geria, der Geschichte der Insel, dem Tourismus und dem Wasser. Jede Folge ein Thema, dicht, überraschend und voller Vorfreude.

Agua – Die Insel, die das Meer trinkt
Folge 17 | Erinnerung vom 2026-07-17
Schwarze Erde, weisses Licht – der Lanzarote-Podcast

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[00:07] Erzähler: Ein Wasserhahn. Abends, irgendwo im Norden der Insel. Ihr dreht auf, es läuft – klar, kühl, ganz selbstverständlich. Was da rauskommt, war vor ein paar Tagen noch Atlantik. Dreieinhalb Prozent Salz. Untrinkbar.

[00:22] Gesa: Und das ist kein Sonderfall. Praktisch das gesamte Trinkwasser auf Lanzarote – rund siebenundneunzig Prozent – stammt aus dem Meer. Entsalzt, aufbereitet, durch Leitungen gepumpt. Jeder Hahn, jede Dusche, jeder Hotelpool.

[00:36] Erzähler: Kein einziger Fluss auf der ganzen Insel. Keine Quelle. Kein See. Und trotzdem versorgt dieses System über hundertfünfzigtausend Einwohner und Millionen Gäste im Jahr. Wie das geht – von der Zisterne bis zur Membran – darum geht es jetzt.

[00:52] Gesa: Und um den Preis. Denn jeder Schluck aus diesem Hahn hängt an einer Kette, die bis ins Kraftwerk reicht.

[00:59] Erzähler: Wenn ihr über die Insel fahrt, seht ihr es sofort: kein Bach, kein Teich, kein Grün am Strassenrand, das auf Wasser hindeutet. Die barrancos – die Rinnen in der Landschaft – sind fast immer staubtrocken. Sie führen nur nach seltenen Starkregen ein paar Stunden lang Wasser, dann ist wieder Schluss.

[01:19] Gesa: Im Schnitt fallen auf Lanzarote rund hundertfünfzig Millimeter Regen pro Jahr. Im Schweizer Mittelland sind es tausend bis zwölfhundert Millimeter – das Sieben- bis Achtfache. Und selbst diese hundertfünfzig verteilen sich auf wenige Tage. Wochenlang fällt nichts.

[01:36] Erzähler: Hundertfünfzig Millimeter – das ist eine Pfütze von anderthalb Zentimetern, verteilt auf ein ganzes Jahr.

[01:43] Gesa: Und der vulkanische Untergrund macht es schlimmer. Basalt und Lava sind porös, das Wasser versickert, aber es sammelt sich nicht. Kein Aquifer, der Reserven hält. Die Insel ist wie ein Sieb – alles läuft durch.

[01:58] Erzähler: Also wie hat das funktioniert, jahrhundertelang, ohne Technik? Mit einer Geduld, die man sich kaum vorstellen kann. Die Menschen haben buchstäblich jeden Tropfen gefangen. Maretas – flache Sammelbecken aus Stein und Erde, die Regen und Abfluss auffingen, zurück bis zu den Majos, den Ureinwohnern. Die grösste, die Gran Mareta von Teguise, versorgte in Dürrezeiten praktisch die ganze Insel – Wasser als Gemeinschaftsgut, das jeder Haushalt mit einem kleinen monatlichen Beitrag mitunterhielt.

[02:31] Gesa: Dazu die aljibes, unterirdische Zisternen: verputzte Kammern, in die das Regenwasser von Dächern und gepflasterten Flächen floss. Und der picón, die schwarze Vulkanasche – wie in der La-Geria-Folge: diese poröse Schicht hält Feuchtigkeit, fängt nachts den Tau und bremst tagsüber die Verdunstung. Ein Trockenfeldbau, der vom nächtlichen Tau lebt.

[02:54] Erzähler: Aber wenn der Regen ausblieb – und er blieb oft aus, in verheerenden Dürren immer wieder bis ins zwanzigste Jahrhundert – dann wurde es ernst.

[03:04] Gesa: Ernten verdorrten, die Zisternen fielen trocken, das Vieh verendete.

[03:08] Erzähler: Dann kam Wasser per Schiff. Ab neunzehnhundertvierzehn brachte die Compañía Transmediterránea in Dürrejahren Wasser von Teneriffa und Gran Canaria herüber. Tanker der spanischen Marine halfen aus. An Land wurde es mit Kamelen und Karren verteilt. Trinkwasser als Frachtgut – wie Kohle oder Zement.

[03:29] Gesa: Und wenn selbst das nicht reichte?

[03:31] Erzähler: Dann gingen die Leute. Familien verliessen die Insel, weil es schlicht nichts mehr zu trinken gab.

[03:37] Gesa: Das muss man sich klarmachen. Wir reden nicht vom Mittelalter. Wir reden vom zwanzigsten Jahrhundert. Menschen, die wegen Durst ihre Heimat aufgeben.

[03:48] Erzähler: Und irgendwann muss sich doch jemand gedacht haben: Wir sind von Meer umgeben. Warum trinken wir es nicht einfach?

[03:55] Gesa: Weil es so einfach nicht ist. Okay, pass auf. Salz im Meerwasser ist nicht wie Sand in einer Pfütze – man kann es nicht raussieben. Die Salz-Ionen sind auf molekularer Ebene gelöst, komplett in die Wasserstruktur eingebaut. Man muss das Wasser vom Salz trennen. Und das braucht Energie.

[04:14] Erzähler: Also kochen? Verdampfen?

[04:16] Gesa: Das war der erste Ansatz. Meerwasser erhitzen, den Dampf auffangen, kondensieren – was zurückbleibt, ist Salz, was ankommt, ist Süsswasser. Im Prinzip der natürliche Wasserkreislauf, nur mit Feuer statt Sonne. Das Problem –

[04:31] Erzähler: – braucht wahnsinnig viel Energie.

[04:33] Gesa: Ganz genau. Verdampfen ist einer der energieintensivsten Vorgänge überhaupt. Aber auf einer Insel, wo Durst die Menschen in die Emigration treibt, ist selbst der teuerste Tropfen besser als keiner.

[04:46] Erzähler: Und genau hier kippt die Geschichte. Neunzehnhundertvierundsechzig. Arrecife. Ein Marineingenieur namens Manuel Díaz Rijo – gebürtig aus La Vegueta auf Lanzarote – treibt ein Projekt voran, das damals verrückt klingt: eine Anlage, die Meerwasser durch Verdampfung trinkbar macht. Nicht für ein Schiff oder ein Militärlager – für eine ganze Stadt.

[05:09] Gesa: Die Technik kam aus den USA. Westinghouse hat sie designt, Burns and Roe gebaut. Als Vorbild diente eine Anlage in San Diego, Kalifornien.

[05:18] Erzähler: Ab Frühjahr neunzehnhundertfünfundsechzig floss erstmals entsalztes Wasser direkt in die Häuser von Arrecife. Es war die erste Meerwasser-Entsalzungsanlage für die öffentliche Trinkwasserversorgung in ganz Europa.

[05:33] Gesa: Die erste in Europa! Ausgerechnet Lanzarote, eine der ärmsten Ecken des Kontinents – noch vor jeder reichen Industriemetropole.

[05:41] Erzähler: Aus purer Not geboren. Die Anlage hiess Termolansa und machte Wasser und Strom gleichzeitig – zweitausenddreihundert Kubikmeter Wasser und eintausendfünfhundert Kilowatt am Tag.

[05:53] Gesa: Multi-Stage-Flash-Destillation. Das Meerwasser wird erhitzt und durch Kammern mit immer niedrigerem Druck geleitet. Bei jedem Druckabfall verdampft ein Teil schlagartig – daher flash – und der Dampf kondensiert zu Süsswasser. Clever, aber energiehungrig. Es ging – aber es musste besser gehen.

[06:13] Erzähler: Und diese bessere Idee – das ist die Umkehrosmose?

[06:16] Gesa: Richtig. Ab den Siebzigern und Achtzigern hat sie sich auf den Kanaren durchgesetzt – und sie ist ziemlich elegant. Okay, von vorne.

[06:25] Erzähler: Bitte.

[06:25] Gesa: Zuerst Osmose. Stell dir eine hauchdünne Membran vor, die nur Wassermoleküle durchlässt, aber kein Salz. Wenn auf der einen Seite Süsswasser steht und auf der anderen Salzwasser, wandert das Süsswasser von selbst zur salzigen Seite – es will das Salz verdünnen. Das ist Osmose. Ein ganz natürlicher Vorgang, der Druck dahinter heisst osmotischer Druck.

[06:49] Erzähler: Und Umkehrosmose dreht das um.

[06:51] Gesa: Man kehrt die Natur um und presst das Salzwasser mit einer Hochdruckpumpe gegen diese Membran – mit fünfundfünfzig bis siebzig bar, das ist das Fünfundfünfzig- bis Siebzigfache des normalen Luftdrucks. Bei diesem Druck werden die Wassermoleküle durch die Membran gedrückt, aber die Salz-Ionen bleiben hängen. Kein Kochen, kein Dampf – nur Druck und eine kluge Wand.

[07:15] Erzähler: Und wie viel Salz bleibt dabei wirklich draussen?

[07:18] Gesa: Über neunundneunzig Prozent – ein einziger Durchgang macht aus Atlantikwasser Trinkwasser. Und der Clou moderner Anlagen: die Sole, die übrig bleibt, steht noch unter hohem Druck. Druckaustauscher geben diesen Restdruck an das einströmende Meerwasser zurück – das senkt den Strombedarf der Pumpen um bis zu sechzig Prozent. Der spezifische Energiebedarf sank von über acht Kilowattstunden pro Kubikmeter in den Siebzigern auf heute etwa drei bis vier. Das hat Entsalzung erst im grossen Stil bezahlbar gemacht.

[07:52] Erzähler: Günstiger als früher, klar. Aber – der Druck kommt von Pumpen, die Pumpen brauchen Strom, und Strom kommt von –

[07:59] Gesa: – zu rund einundneunzig Prozent aus fossilen Kraftwerken. Importiertes Öl, importierter Diesel. Die Entsalzung ist der grösste Stromverbraucher der Insel – gut ein Fünftel des gesamten Inselstroms fliesst allein in die Wasserproduktion.

[08:15] Erzähler: Wasser gleich Strom gleich Öl. Ein Glas Leitungswasser ist ein Stück fossile Energie.

[08:20] Gesa: Und das macht die Insel verletzlich. Im August zweitausendzweiundzwanzig brachte ein einziger Stromausfall die Wasserreserve der gesamten Insel ans Minimum. Kein See als Puffer, kein Fluss als Backup.

[08:34] Erzähler: Und Mai zweitausendvierundzwanzig – Elektroarbeiten des Netzbetreibers nahe der Hauptentsalzungsanlage, der Díaz-Rijo-Anlage. Produktion gestoppt. Fünfundzwanzig Ortschaften, rund vierundzwanzigtausendzweihundert Anschlüsse – grossflächig ohne Wasser. An einem normalen Mittwoch.

[08:53] Gesa: Und dann die Leitungen. Das ist die Zahl, die mich am meisten erschreckt: zweitausendeinundzwanzig gingen rund zweiundsechzig Prozent des entsalzten Wassers im Verteilnetz verloren. Jahrzehntealte Leitungen, vom salzhaltigen Boden zerfressen, dazu Lecks und illegale Anschlüsse.

[09:11] Erzähler: Moment – mehr als die Hälfte?

[09:13] Gesa: Mehr als die Hälfte. Man entsalzt Meerwasser mit enormem Aufwand, und der grösste Teil versickert im Boden, bevor er aus irgendeinem Hahn kommt. Umweltverbände sagen zurecht: bevor man neue Anlagen baut, müsste man die alten Rohre reparieren.

[09:29] Gesa: Und es gibt noch eine Seite. Wenn man dem Meerwasser das Süsswasser abzieht, bleibt ein Konzentrat – die Sole, die brine. Fast doppelt so salzig und schwerer als normales Meerwasser, und die geht zurück in den Atlantik. Pro Liter Trinkwasser entsteht mindestens ein Liter Sole.

[09:48] Erzähler: Und die sinkt zum Grund.

[09:49] Gesa: Genau. Die schwere Sole sammelt sich am Meeresgrund und kann dort empfindliche Lebensräume belasten – Seegraswiesen, Bodenorganismen. Moderne Anlagen arbeiten mit Diffusoren, die das Konzentrat besser verteilen und verdünnen. Ganz spurlos bleibt auch die beste Anlage nicht.

[10:08] Erzähler: Was wir ihm nehmen, geben wir salziger zurück. Kein sauberes Wunder.

[10:12] Gesa: Und dazu der Tourismus – wie wir in der Folge über den Preis des Paradieses gehört haben: Gäste verbrauchen laut dem Hydrologischen Plan Lanzarotes bis zu dreimal so viel Wasser pro Kopf wie Einheimische. Pools, Hotelgärten, alles zusammen. Und der Spitzenverbrauch fällt genau in die heisse, trockene Saison.

[10:33] Erzähler: Also genau dann, wenn ihr auf der Insel seid.

[10:36] Gesa: Aber es gibt einen Ausweg. Lanzarote hat guten Wind und viel Sonne. Studien halten es für machbar, dass Erneuerbare bis zu siebenundachtzig Prozent des Inselstroms liefern – oft in Kombination mit Speichern. Die Insel war die erste auf den Kanaren, die sogenannte Beschleunigungszonen für Erneuerbare vereinbart hat: über dreitausendeinhundert Hektar, knapp vier Prozent der Inselfläche.

[11:01] Erzähler: Die Idee ist schön: Wind und Sonne treiben die Entsalzung, und das Meer tränkt die Insel sauber.

[11:08] Gesa: Die Spannung bleibt, ob das mit dem Biosphärenreservat zusammengeht. Windräder und Solarfelder auf einer Insel, die von ihrer unverbauten Landschaft lebt – das wird nicht einfach.

[11:20] Erzähler: Wenn ihr das nächste Mal auf Lanzarote den Hahn aufdreht – erinnert euch an den Weg dieses Wassers. Aus dem Atlantik, mit fünfzig, sechzig bar Druck durch eine hauchdünne Membran gepresst, mit Strom durch die Leitung, bis in euer Glas.

[11:36] Gesa: Trinkt ein Glas für Manuel Díaz Rijo.

[11:39] Erzähler: Das machen wir. Bis zum nächsten Mal.

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Ende der Folge. Laufzeit 11:41.