Schwarze Erde, weisses Licht

Lanzarote aus dem Flugzeugfenster: schwarz, fremd, ohne einen einzigen Fluss. Eine Auftaktfolge über die Vulkaninsel näher an Afrika als an Europa – Feuer, Kunst, Stille und der stille Norden, in dem alles beginnt.

Show Notes

Die Insel, an der jemand die Farbe abgestellt hat

Episode 1 • Erinnerung vom 2026-07-01 Duration: 13:08

Lanzarote aus dem Flugzeugfenster: schwarz, fremd, ohne einen einzigen Fluss. Eine Auftaktfolge über die Vulkaninsel näher an Afrika als an Europa – Feuer, Kunst, Stille und der stille Norden, in dem alles beginnt.

Warum diese Folge hängen bleibt

Fensterplatz, Anflug: unter der Tragfläche kippt die Farbe weg – schwarz, ocker, rostrot, Krater bis zum Horizont. Drei Kräfte prägen diese Insel: Feuer, Kunst und Stille. Wir packen sie in einen Bogen, der Lust macht auf alles, was kommt.

Drei Dinge, die bleiben

  • Lanzarote liegt achtmal näher an Afrika als an Spanien – bei der calima weht Saharastaub bis über die Insel
  • Fast dreihundert Jahre nach dem Ausbruch ist der Boden am Timanfaya wenige Meter tief noch mehrere hundert Grad heiss
  • In La Geria wächst preisgekrönter Wein einzeln in Gruben aus Vulkanasche, ganz ohne Bewässerung

Das Bild, das bleibt

  • Abendlicht im Norden: die schwarzen Lavafelder färben sich violett, über der Meerenge nach La Graciosa sinkt die Sonne ins Meer.
  • Emotionaler Bogen: Vom Befremden beim Anflug (was ist das für ein Planet?) zur warmen Stille am Ende, die Vorfreude statt Verstörung hinterlässt.

Ein Satz aus der Folge

  • "Stellt euch den Abend vor. Der Passat legt sich, und die schwarzen Lavafelder, die aus dem Flugzeug noch so fremd wirkten, färben sich in der tiefen Sonne violett. Und dann wird es ganz still."

Über den Podcast

Geschichten mit Bernd ist ein von Matthias kuratierter und produzierter Podcast über Erinnerungen, Handwerk, Reisen, Familie und Lebensgeschichten rund um Bernd. Jede Folge beginnt bei einem konkreten Moment und öffnet daraus ein größeres Fenster in Geschichte, Kultur, Orte und verschwindende Welten.

What is Schwarze Erde, weisses Licht?

Schwarze Erde, weisses Licht ist ein Reise-Podcast über Lanzarote, für Matthias, Waltraud, Marie und Julia. Vom 2. bis 16. Juli 2026 wohnen sie im Centro Antroposófico im Norden der Insel und nähern sich der Vulkaninsel Folge für Folge: dem Feuer von Timanfaya, dem Werk von César Manrique, den Pflanzen und Tieren der Lava, dem Wein von La Geria, der Geschichte der Insel, dem Tourismus und dem Wasser. Jede Folge ein Thema, dicht, überraschend und voller Vorfreude.

Die Insel, an der jemand die Farbe abgestellt hat
Folge 1 | Erinnerung vom 2026-07-01
Schwarze Erde, weisses Licht – der Lanzarote-Podcast

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[00:08] Erzähler: Fensterplatz, rechte Seite. Ihr schaut runter und erwartet das, was man von einer Kanareninsel erwartet – Grün, Blau, Palmen, vielleicht ein Golfplatz. Und dann kippt unter der Tragfläche die Farbe weg.

[00:22] Gesa: Schwarz. Ocker. Rostrot. Kein Wald, kaum eine gerade Linie – Krater neben Krater bis zum Horizont.

[00:29] Erzähler: Der erste Gedanke ist nicht «schön». Der erste Gedanke ist: Wo bin ich hier gelandet?

[00:35] Gesa: Und genau das ist der richtige Gedanke. Weil diese Insel tatsächlich anders funktioniert als alles, was ihr aus Europa kennt. Fangen wir mal mit der simpelsten Frage an: Wo liegt das hier eigentlich?

[00:49] Erzähler: Kanarische Inseln, klar. Spanien. Aber wenn man die Karte aufmacht –

[00:53] Gesa: – dann wird es seltsam. Lanzarote ist die nordöstlichste der Kanaren. Bis zur afrikanischen Küste, Höhe Westsahara, sind es rund einhundertfünfundzwanzig Kilometer. Bis zum spanischen Festland über tausend. Ihr wohnt auf einer spanischen Insel, die rund achtmal näher an Afrika liegt als an dem Land, zu dem sie gehört.

[01:15] Erzähler: Und merkt man dieses Afrika auch, wenn man da unten steht?

[01:19] Gesa: Und es ist nicht nur die Karte. Der Sand, der bei bestimmten Winden über die Insel weht – die sogenannte calima – kommt tatsächlich aus der Sahara. Saharastaub in der Luft, die Sicht wird milchig, die Temperatur kann dann kurzzeitig über vierzig Grad steigen.

[01:37] Erzähler: Vierzig Grad? Im Juli?

[01:38] Gesa: Das ist die Ausnahme, nicht die Regel. Normalerweise sind es im Juli um die achtundzwanzig Grad, nachts so zwanzig, einundzwanzig. Angenehm. Aber was die meisten unterschätzen, ist der Wind. Juli ist der windigste Monat auf Lanzarote – der Nordost-Passat bläst im Schnitt mit rund dreissig Stundenkilometern. Im Norden, wo ihr seid, spürt man das richtig.

[02:03] Erzähler: Also Sonnencreme und etwas gegen den Wind. Notiert.

[02:07] Gesa: Genau. Der Wind macht die Hitze angenehm, aber an Stränden und Aussichtspunkten kann er kräftig zerren. Jetzt aber – die Frage, die mich viel mehr beschäftigt: Warum sieht diese Insel so aus, wie sie aussieht?

[02:22] Erzähler: Das ist der Punkt. Die Landschaft da unten – das ist kein Zufall, das ist kein normaler Fels. Das ist –

[02:29] Gesa: – eine Vulkaninsel. Und zwar eine, die man sich als einen riesigen Unterwasserberg vorstellen muss. Was wir sehen, ist nur die Spitze. Der Rest steht unter Wasser. Lanzarote ist über einem sogenannten Hotspot entstanden – einer ortsfesten heissen Zone tief im Erdmantel. Die Afrikanische Platte zieht langsam darüber hinweg, und weil Lanzarote und Fuerteventura am östlichen Rand liegen, sind sie die ältesten der Kanaren. Die ersten Gesteine hier: rund fünfzehn Millionen Jahre alt.

[03:02] Erzähler: Fünfzehn Millionen – und trotzdem sieht alles aus, als wäre es gestern passiert.

[03:07] Gesa: Weil das, was man sieht, tatsächlich jung ist. Das heutige Bild prägt nicht das Alter der Insel, sondern die Jugend der letzten Ausbrüche. Und da reden wir von etwas, das – – fast unvorstellbar ist.

[03:21] Erzähler: Okay, pass auf. Siebzehnhundertdreissig. Im Westen der Insel reisst die Erde auf. Und sie hört sechs Jahre lang nicht auf.

[03:30] Gesa: Sechs Jahre am Stück. Sechs volle Jahre. Von siebzehnhundertdreissig bis siebzehnhundertsechsunddreissig bricht im Westen die Erde auf, immer wieder, an verschiedenen Stellen. Rund dreissig neue Vulkankegel entstehen. Am Ende liegt etwa ein Viertel der Inselfläche unter Lava und Asche.

[03:49] Erzähler: Ein Pfarrer namens Andrés Lorenzo Curbelo greift zur Feder. Er schreibt auf, was er sieht – weil ihm sonst niemand glauben würde.

[03:58] Gesa: Ein ganzes Viertel der Insel. Für Schweizer Verhältnisse: stellt euch vor, die Fläche vom halben Kanton Zug – ein kleiner Kanton, rund zweihundertvierzig Quadratkilometer – verschwindet unter Lava. Dörfer verschwinden, ganze Täler.

[04:14] Erzähler: Und das Verrückte – die Lava, die damals ins Meer floss, hat der Insel neues Land angehängt. Wo heute Küste ist, war vorher offener Atlantik.

[04:24] Gesa: Und fast dreihundert Jahre später ist der Boden an manchen Stellen wenige Meter unter der Oberfläche noch mehrere hundert Grad heiss. Parkranger führen das heute vor – sie schütten Wasser in ein Loch, und es schiesst als Dampf wieder raus.

[04:40] Erzähler: Der Vulkan ist nicht tot. Er schläft.

[04:43] Gesa: Der Pfarrer Curbelo schrieb, das Meer habe gekocht und tote Fische seien an die Küste getrieben. Und heute grillen die Parkranger am Timanfaya ihr Hühnchen über einem Erdloch, allein mit der Hitze, die von unten kommt.

[04:58] Erzähler: Gut. Jetzt haben wir eine Insel, die halb unter frischer Lava liegt. Karg, schwarz, dramatisch. Und auf den meisten Inseln der Welt passiert dann das Vorhersehbare: jemand kommt und baut Betontürme an den Strand.

[05:13] Gesa: Passiert hier auch. In den Sechzigern beginnt der Massentourismus auf den Kanaren. Hotels, Appartementkomplexe, Leuchtreklame –

[05:21] Erzähler: – und dann kommt einer zurück. César Manrique. Geboren neunzehnhundertneunzehn in Arrecife, Maler und Architekt, hat Jahre in Madrid und New York verbracht. Mitte der Sechziger kehrt er heim – und sieht, was passiert.

[05:36] Gesa: Und er macht etwas, das es so nirgendwo sonst gibt. Er setzt durch, dass keine hohen Bauten und keine Plakatwände die Landschaft zerschneiden. Es gibt diese Geschichte, dass er nachts losgezogen ist und Werbetafeln eigenhändig zerstört hat. Er sagte, Lanzarote sei der erste Ort Europas gewesen, an dem die Werbung aus der Landschaft verschwand.

[06:00] Erzähler: Der Mann hat nachts Schilder abgerissen.

[06:02] Gesa: Und es hat funktioniert. Faustregel bis heute: niedrig bauen, weiss, keine grelle Reklame. Darum wirkt Lanzarote aufgeräumt, nicht zubetoniert. Selbst die Busstationen und Kreisverkehre tragen seine Handschrift. Er starb neunzehnhundertzweiundneunzig bei einem Autounfall, direkt bei seiner Stiftung in Tahíche. Dreiundsiebzig Jahre alt.

[06:26] Erzähler: Sein Wohnhaus baute er direkt in fünf Lavablasen, die eine Eruption im Boden hinterlassen hatte. Wohnzimmer im erstarrten Feuer, ein Feigenbaum, der mitten durchs Dach wächst.

[06:38] Gesa: Okay, ich will jetzt über etwas reden, an das man beim Blick auf die Lava überhaupt nicht denkt. Wo kommt hier eigentlich das Wasser her?

[06:48] Erzähler: Brunnen? Quellen? Es regnet ja –

[06:50] Gesa: Es regnet fast nie. Lanzarote hat keinen einzigen Fluss. Kein nennenswertes Grundwasser. Keine Quelle, die reichen würde. Jahrhundertelang haben die Menschen hier von Regenzisternen gelebt – und wenn die leer waren, kam Trinkwasser per Schiff von Gran Canaria und Teneriffa. Kamele und Karren haben es verteilt.

[07:11] Erzähler: Trinkwasser per Schiff importieren. Auf einer Insel, die im Atlantik schwimmt.

[07:17] Gesa: Genau. Und dann passiert neunzehnhundertvierundsechzig etwas Entscheidendes: auf Lanzarote geht die erste grosse Meerwasser-Entsalzungsanlage Europas in Betrieb. Anfangs rund zweitausenddreihundert Kubikmeter pro Tag. Seitdem kommt das Trinkwasser praktisch komplett aus dem Atlantik.

[07:36] Erzähler: Also, das Wasser aus dem Hahn – das war vor Kurzem noch Meer?

[07:40] Gesa: Atlantik, ja. Rund hundertdreiundsechzigtausend Menschen leben auf dieser Insel, dazu Millionen Gäste pro Jahr – und fast jeder Tropfen Süsswasser wird aus dem Meer gewonnen. Man presst Meerwasser mit hohem Druck durch feine Membranen, die das Salz zurückhalten. Umkehrosmose nennt sich das: vorne geht Atlantik rein, hinten kommt Trinkwasser raus.

[08:05] Erzähler: Jetzt kommt etwas, das mich am meisten überrascht hat. Wir haben eine Insel ohne Wasser, mit Boden aus Vulkanasche – und auf dieser Insel wird Wein angebaut.

[08:15] Gesa: Preisgekrönter Wein.

[08:17] Erzähler: In La Geria, im Zentrum der Insel, sieht man von oben etwas Surreales: Hunderte von Gruben in schwarzer Asche, jede trichterförmig, jede mit einem Halbmond aus aufgeschichteten Steinen als Windschutz. Und ganz unten in jedem Trichter: eine einzelne Rebe. Grün in Schwarz.

[08:35] Gesa: Der Trick dahinter ist elegant. Die Asche – man nennt sie picón – ist porös. Die gängige Erklärung: Sie hält die Feuchtigkeit im Boden, schützt vor Verdunstung und fängt den wenigen Niederschlag und Tau auf, statt ihn verdampfen zu lassen. So kommt die Rebe ohne künstliche Bewässerung aus. Die Asche macht das, wofür es anderswo Rohre und Pumpen braucht.

[09:00] Erzähler: Also gerade weil der Boden aus Vulkanasche besteht, wächst hier Wein. Genau deswegen.

[09:06] Gesa: Die Rebsorte heisst Malvasía volcánica. Trockene Weissweine vor allem, mineralisch, mit einer Säure, die man der Lava anschmeckt – sagen jedenfalls die Winzer. Geerntet wird hier übrigens alles von Hand, Grube für Grube, mit dem Esel dazwischen.

[09:23] Erzähler: So. Feuer, Kunst, Wasser, Wein – und jetzt der Gegenpol zu all dem. Der Norden.

[09:28] Gesa: Der Norden ist das andere Lanzarote. Während der Süden um Playa Blanca und die Mitte touristisch sind, ist es hier oben grün, sanft und – ja – deutlich windiger.

[09:40] Erzähler: Haría nennen sie das Tal der tausend Palmen – grün und still, ein Gegenbild zu allem Schwarzen weiter südlich. Und darüber thront das Famara-Massiv, der höchste Punkt der Insel, gut sechshundertsiebzig Meter.

[09:54] Gesa: Und an der Nordwestküste fällt genau dieses Massiv fast sechshundert Meter fast senkrecht ins Meer – einer der dramatischsten Küstenabschnitte der Kanaren. Direkt davor die kleine Insel La Graciosa, Sandstrassen statt Asphalt, kaum sechshundert Einwohner.

[10:11] Erzähler: Hier oben im Norden – das ist euer Ausgangspunkt. Ruhig, abseits der grossen Hotels. Nah an allem, was spannend ist: Lavaröhren, Aussichtspunkte, die Fähre nach La Graciosa.

[10:24] Gesa: Und noch etwas, das die wenigsten wissen. Seit neunzehnhundertdreiundneunzig ist ganz Lanzarote von der UNESCO als Biosphärenreservat anerkannt. Das war weltweit das erste Mal, dass eine ganze Insel mit all ihren Ortschaften diesen Status bekam. Kein abgegrenztes Schutzgebiet, jeder Quadratmeter.

[10:44] Erzähler: Nicht ein Park auf der Insel – die ganze Insel.

[10:47] Gesa: Und das knüpft direkt an Manrique an. Seine Idee, dass Mensch und Landschaft zusammen funktionieren – die UNESCO hat das bestätigt.

[10:56] Erzähler: Okay. Stellt euch das jetzt mal als Ganzes vor. Die Feuerberge des Timanfaya. Eine Lavaröhre im Norden, in der ein unterirdischer See liegt, mit einem Konzertsaal darin – und einem krebsweissen Blindkrebs, der nur dort lebt, nirgendwo sonst auf der Welt.

[11:13] Gesa: Munidopsis polymorpha. Wenige Millimeter gross, vollständig blind, durchsichtig.

[11:19] Erzähler: Ein Tier, das die Evolution im Dunkeln vergessen hat: kein Sonnenlicht, keine Augen, keine Farbe, in einem See tief unter der Lava. Dazu die alte Piratenhauptstadt Teguise und papas arrugadas mit scharfem mojo, den runzligen Salzkartoffeln. Aber dieser blinde, durchsichtige Krebs im Schwarzen – der bleibt hängen.

[11:41] Gesa: Zu jedem einzelnen davon machen wir eine eigene Folge. Was die Insel geologisch treibt, was Manrique gebaut hat, wie man ohne Wasser überlebt, was auf dem Teller landet, was unter den Sternen passiert. Das Ziel: wenn ihr dort steht, wisst ihr nicht nur, was ihr seht – sondern warum es so aussieht.

[12:01] Erzähler: Diese Insel hat gerade mal rund achthundertfünfundvierzig Quadratkilometer – für Schweizer Verhältnisse etwa wie der Kanton Schaffhausen, einer der kleinsten. Und auf diesem winzigen Fleck findet man Vulkane, die noch heiss sind, Wein, der aus Asche wächst, Architektur, die Kunstgeschichte geschrieben hat, und eine Stille, die es in Europa fast nirgendwo mehr gibt.

[12:27] Gesa: Es ist diese Dichte. Alles liegt nah beieinander, alles hängt zusammen – die Lava mit dem Wein, der Wein mit dem Wasser, das Wasser mit der Landschaft, die Landschaft mit Manrique. Man kann diese Insel nicht in Einzelteile zerlegen.

[12:44] Erzähler: Stellt euch den Abend vor. Der Passat legt sich, und die schwarzen Lavafelder, die aus dem Flugzeug noch so fremd wirkten, färben sich in der tiefen Sonne violett. Und dann wird es ganz still.

[12:57] Gesa: Diese Stille – die gehört für die nächsten Tage euch.

[13:01] Erzähler: Schwarze Erde, weisses Licht. Der Lanzarote-Podcast. Wir hören uns in der nächsten Folge.

[13:07] Gesa: Bis dann.

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Ende der Folge. Laufzeit 13:08.