Der einzig wahre skeptische Podcast der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) mit dem legendären Blogger Onkel Michael.
Wir widmen uns vielen verschiedenen Themen aus dem Bereich der Parawissenschaften und berichten, was wirklich dahinter steckt. Egal ob die so genannte Alternativmedizin, Verschwörungstheorien oder andere Mythen: wir sagen euch Bescheid!
Herzlich willkommen, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, an den Podcast-Empfangsgeräten. Mein Name ist Michael Scholz und dies ist die zweite Folge des Skepti-Talks, des skeptischen Podcasts der GWUP, der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften.
Ja, und einige Zuhörerinnen und Zuhörer werden es schon gemerkt haben, ab dieser Folge senden wir komplett in Farbe für ein ganz neues Hörerlebnis.
Auch heute gilt wieder, wenn ihr Fragen, Themen, Wünsche, Anregungen oder Beschimpfungen habt, schickt mir diese gerne an skeptitalk@gwup.org.
Ich schreibe es euch nochmal in die Shownotes, die E-Mail-Anschrift und auch unsere Kanäle auf Social Media.
Schauen wir mal, was ich euch heute mitgebracht habe. Ein Thema, das heute eigentlich ist als je zuvor, wenn wir in die USA schauen.
Denn dort haben wir mit Robert F. Kennedy Junior einen ausgemachten Impfgegner als Gesundheitsminister. Zwar gibt er heute an, kein Impfgegner mehr zu sein, denn seit seiner Ernennung zum Gesundheitsminister und angesichts schwerer Masernausbrüche in mehreren Bundesstaaten der USA hält er sich anscheinend mit extremen öffentlichen Aussagen zurück.
Doch dieser abrupte Kurzwechsel wirkt die wenig glaubhaft. Insbesondere, da Kennedy bis kurz vor seiner Berufung eine zentrale Figur der amerikanischen Anti-Impf-Bewegung war.
Aber warum rufen Impfungen, ja auch bei uns in Deutschland, bei manchen Menschen so einen Widerspruch hervor?
Wir machen uns auf Spurensuche. Und dazu begeben wir uns in das Jahr 1796 wo ein englischer Landlerarzt namens Edward Jenner in seinem Garten steht.
Vor ihm ein achtjähriger Junge, James Phipps mit Namen, und Jenner kratzt ihm mit einer Lanzette etwas Flüssigkeit von einer Kuhpockenblase in die Haut.
Es ist ein Experiment, ein riskantes, aber eines, das die Welt verändern wird. Denn James Phipps wird nicht krank. Und kurz darauf wird er immun. gegen die tödlichen Pocken.
Das ist die Geburtsstunde der modernen Impfung. Und, tja, fast gleichzeitig der Geburtsmoment ihrer Gegner. Aber schauen wir uns erst einmal genau an, was Jenner da entdeckt hat.
Bevor er im Jahre 1796 seine Lanzette ansetzte, gab es schon eine jahrhundertealte Idee, Menschen absichtlich mit Pocken zu infizieren, in der Hoffnung, sie dadurch zu schützen.
Diese Methode hieß Variolation, abgeleitet vom lateinischen variola, also Pocken. Diese Methode kam aus Asien. In China pusteten Heiler gemahlene Schorfkrümel von Pockenbläschen in die Nasenlöcher ihrer Patienten.
Im Osmanischen Reich wurde Pockenmaterial in kleine Hautritzen gerieben. Die Logik, die dahinter stand, war erstaunlich modern. Eine milde Infektion sollte den Körper abhärten gegen eine tödliche.
Aber die Risiken waren immens. Etwa zwei bis drei Prozent der Behandelten starben direkt an dem Pocken und viele wurden selbst Überträger und lösten neue Epidemien aus.
In England war es Lady Mary Wardley Montagu, die Anfang des 18. Jahrhunderts diese Technik aus Istanbul mitbrachte und im Adel bekannt machte.
Doch sie wurde belächelt, und ihre Methode galt vielen Ärzten als barbarisch. Edward Jenner war kein Medizingenie auf einer Universität, sondern ein Landarzt aus Gloucestershire, der Bauern, Mägde, Viehhirten behandelte und der diesen zuhörte.
In den Milchmädchen seiner Gegend fiel ihm etwas auf, viele von ihnen bekamen nie die gefürchteten Pocken.
Warum? weil sie sich regelmäßig an Kühen ansteckten, mit einer harmlosen Krankheit, den Kuhpocken. Jenner schreibt dazu in seinem Tagebuch, die Milchmädchen prahlen, sie fürchteten keine Pocken.
Ich vermutete, sie schuldeten dies einer leichten Infektion, die sie von den Kühen erhielten. Jenner hatte also etwas erkannt, das wir heute Kreuzimmunität nennen würden.
Eine Infektion mit einem verwandten Virus, kann gegen ein gefährlicheres schützen. Im Mai 96 wagte er dann den Schritt vom Verdacht zum Beweis und kratzte eben jenen achtjährigen James Phipps etwas Flüssigkeit aus einer Kuh-Pockenblase in die Haut.
Der Junge bekommt leichtes Fieber, aber erholt sich rasch wieder. Einige Wochen später spürt Jenner im Material einer echten Pockenpustel.
Und was passiert? Nix. Der Junge bleibt gesund. Jenner wiederholt den Versuch mehrfach, auch an anderen Freiwilligen. Er dokumentiert, vergleicht, schreibt akribisch auf.
1798 schreibt er etwa, das Kuhpockensekret schützt vor der Ansteckung mit den Menschenpocken und das ohne Gefahr.
Sein Bericht erscheint 1798 und verbreitet sich rasant. Der Begriff Vakzination entsteht aus dem lateinischen vacca, die Kuh. Jenner hat also buchstäblich eine Revolution aus dem Stall geholt.
Das Entscheidende an Jenners Methode war nicht nur ihr Erfolg, sondern ihre Sicherheit. Bei der alten Variolation wurde das gefährliche Virus selbst eingesetzt.
Bei Jenner kam ein verwandtes, aber harmloses Virus zum Einsatz. Die Todesrate sank von mehreren Prozent auf nahezu Null. Und Die Geimpften wurden selbst nicht infektiös.
Sie konnten keine Epidemien mehr auslösen. Das war die Geburt eines neuen medizinischen Prinzips. Den Körper kontrolliert mit etwas Ähnlichem zu konfrontieren und entgegen das Schlimmere zu wappnen.
Heute nennen wir das Immunisierung, aber damals war das beinahe Magie. Jenner wurde gefeiert und bekämpft. Manche Ärzte hielten seine Experimente für unethisch, andere für Aberglauben.
Und viele Prediger wetterten gegen ihn, er habe den Willen Gottes beleidigt. Tierisches in den Menschen gebracht. Was, wenn den Kindern Hörner wachsen? Was, wenn sie in der Kirche anfangen zu muhen?
Die Karikaturen jener Zeit zeigten Menschen mit Kuhköpfen. Eine frühe Form medizinischer Desinformation. Und doch, die Zahlen sprachen für Jenner. Innerhalb weniger Jahrzehnte sanken die Pockenfälle drastisch.
1840 verbot Großbritannien die gefährliche Variolation und machte die Impfung zur offiziellen Methode.
Edward Jenner wurde zur Symbolfigur des Fortschritts und zugleich zum Ziel der ersten großen Anti-Impf-Bewegung.
Denn wo Wissenschaft Erfolg hat, entsteht oft Angst davor, was sie verändert. Schon die ersten Impfungen rufen Widersprüche hervor. Wir haben es gerade gehört, in London korrosieren Karikaturen mit Menschen, denen nach der Impfung Kuhköpfe aus den Schultern wachsen.
Der Gedanke, etwas Tierisches in den eigenen Körper zu bringen, war damals buchstäblich monströs. Auch die Kirchen waren gegen Impfungen und so wurde Sonntag für Sonntag von den Kanzeln gegen sie gewettert.
Dort hieß es etwa, »Die Impfung ist ein unnatürlicher Eingriff in Gottes Schöpfung. Wer sie vornimmt, stellt sich gegen die göttliche Ordnung.« Von Anfang an ist die Debatte also moralisch, religiös und zutiefst emotional.
Es geht nicht nur um Medizin, sondern um Identität. Wer bestimmt über meinen Körper, über mein Kind? Wer bestimmt über mich? Aber es gab auch einflussreiche Impfgegner, die ihre ganz eigenen Ziele verfolgten.
An erster Stelle ist beispielsweise der Leibarzt der Kaiserin Maria Theresia, Herr Doktor Jan Ingenhaus, zu nennen.
Ingenhaus war ein hervorragender Arzt und Botaniker, der beispielsweise als erster grundlegend die Photosynthese der Pflanzen erforschte.
Er korrespondierte mit Benjamin Franklin, war Mitglied der Royal Society und der American Philosophical Society.
Aber er mochte Jenners Faxination nicht leiden. Warum? Nun, Dr. Ingenhaus war ein bekannter und anerkannter Anwender der sogenannten Variolation, also der Vorgängermethode, von der wir schon gehört haben.
Diese wandte er beispielsweise bei König Georg III. von Großbritannien und seiner Familie an, bei der Kaiserin Maria Theresia und ihrer Familie und anderen Mitgliedern des europäischen Hochadels, die Christen.
Variolation von Kaiserin Maria Theresia zum Beispiel brachte ihm die Stellung als Hofarzt ein und ein jährliches Salär von 5000 Gulden.
Von daher war es nicht verwunderlich, dass er bereits im Oktober 1798 begann, trotz aller vorliegenden Beweise zu behaupten, dass eine durchlebte Kuhpockeninfektion keinen Schutz gegenüber den Menschenpocken büte.
In meinen Augen ist das Verhalten von Dr. Ingenhaus nur natürlich. stellte Jenner mit seiner neuen Methode quasi sein medizinisches Lebenswerk in Frage und damit seine Reputation und sein Auskommen.
Ich weiß nicht, ob ich anstelle des niederländischen Doktors nicht auch so vehement gegen die Vakzination eingetreten wäre.
Im 19. Jahrhundert werden Impfungen zunehmend Pflicht. In England etwa gilt ab 1853 eine gesetzliche Impfpflicht gegen Pocken mit Strafen für Eltern, die sich weigern.
Das ruft Proteste hervor. Nicht nur von religiösen Gruppen, sondern auch von frühen Liberalen, die sagen, der Staat darf nicht in die Haut seiner Bürger eingreifen.
In der britischen Stadt Leicester marschieren 1885 Zehntausende gegen die Impfpflicht. Mit allem, was dazugehört. Fackeln, Schildern, Freedom for the Children rufen.
Die Szene erinnert fast an heutige Corona-Demos. Nur mit Zylindern und vielleicht ein bisschen besser gekleidet. Die Parole ist dieselbe geblieben, Freiheit.
Nur der Gegner hat sich verändert, von der Regierung damals zu den Pharmafirmen heute. Im Deutschen Reich wurde 1874 eine Impfpflicht verabschiedet, besonders befürwortet vom eisernen Kanzler Otto von Bismarck.
Das Reichsimpfgesetz hatte aber auch Auswirkungen auf die schon damals umfangreich vorhandenen Impfgegner.
Die Parallelen zu den damaligen Debatten sind frappierend. Noch immer führen medizinische Laien die Front der Impfgegner an. Und noch immer treten dieselben lautstarken Wortführer auf den Plan, während die Ärzteschaft weitgehend schweigt oder sich nur zögerlich zu Wort meldet.
Durch das Gesetz begannen die bis dahin versprengten Gruppen und Einzelpersonen an Impfgegnern, sich zu organisieren.
1881 wurde beispielsweise eine monatlich erscheinende Zeitschrift mit dem Titel »Der Impfgegner« gegründet.
Diese Zeitschrift sollte ein öffentliches Forum sein und verstand sich auch als Organisationsplattform für die diversen Netzwerke.
Die Herausgeber verstanden sich als Sprachrohr gegen die Zwangsimpfungen, aber auch persönlich gegen die Befürworter des Impfens.
Man sieht, schon damals wurden die Befürworter persönlich angegriffen. Eine der Impfgegnergruppen war beispielsweise der Deutsche Bund der Impfgegner, der 1908 sogar einen Ratgeber für Impfprozesse veröffentlichte, in dem detaillierte Verhaltensregeln für Impfgegner sowie Vorlagen für Schreiben an die Behörden gesammelt wurden, um die Pockenimpfung zu umgehen, möglichst unter Vermeidung von Strafen.
Also auch hier wieder das analoge Äquivalent zu den heutigen Telegram-Kanälen. Tja, zu Beginn des 20. Jahrhunderts drohe dann ein neuer Akteur auf die Bühne.
Rudolf Steiner, Philosoph, sagen wir mal, Begründer der Anthroposophie und Erfinder, Ausdenker, sagen wir mal Erfinder der Waldorfpädagogik.
Und das wird oft übersehen einer der einflussreichsten Kritiker moderner Medizin seiner Zeit. Steiner sah Krankheit nicht bloß als biologisches Problem, sondern als Teil einer geistigen Entwicklung.
Masern oder Keuchhusten waren für ihn notwendige Reinigungsprozesse der Seele. Eine Impfung, die solche Prozesse verhindert, greife also in die spirituelle Entwicklung des Menschen ein.
Steiner schreibt etwa 1917, Es wird einmal eine Impfung geben, durch die der Mensch seiner geistigen Bestimmung beraubt wird.
Der Mensch wird nicht mehr dazu fähig sein, die Seele als Geistwesen zu empfinden. Diese Idee, dass Impfungen den freien Geist beschneiden, wirkt bis heute fort.
In großen Teilen der anthroposophischen Szene werden Impfungen noch immer mit Skepsis betrachtet oder komplett abgelehnt.
Waldorfschulen warnen während der Masernausbrüche der letzten Jahre regelmäßig Brennpunkte von Infektionen.
Und dabei geht es nicht um Fakten, sondern allein um Weltbilder. Was Steiner formulierte, war mehr als esoterische Medizin in seinen späteren Schriften finden sich auch rassistische und antisemitische Ideen der Gedanke einer geistigen Hierarchie der Völker, die Vorstellung, dass Juden etwa in der Verkörperung zurückgeblieben seien und genau hier kreuzen sich Esoterik und Antisemitismus.
Denn die Vorstellung, dass falsche Mächte, ob Dämonen, Pharmafirmen oder geheime Eliten in den menschlichen Körper oder Geist eingreifen, ist ein uraltes antisemitisches Motiv.
Im 19. Jahrhundert sprach man vom jüdischen Arzt, der das christliche Blut verunreinige. Heute ist es Big Pharma oder Bill Gates, die uns Chips implantieren wollen.
Die Sprache hat sich geändert, die Struktur der Erzählung nicht. 1881 schrieb etwa Eugen Düring in seinem antisemitischen Pamphlet »Die Judenfrage als Rassensitten- und Kulturfrage«, dass die Schutzimpfung nur ein Aberglaube sei, den die Juden erfunden hätten, um sich die Taschen voll zu stopfen.
Das Bild des raffgierigen Juden, der sich entweder an den Impfungen bereichern oder damit tapfere, ärrische Kindlein meucheln will, zieht sich durch die ganze Zeit des sogenannten Dritten Reichs.
So gab es beispielsweise den Reichsimpfgegnerverein, der mit seinen Flugblättern und Schriften gegen Impfungen agitierte.
Auch in der nationalsozialistischen Propaganda-Zeitung der Stürmer wurde regelmäßig gegen den jüdischen Impfwahn gewettert.
Wenn man Impfgegner hört, die von Selbstbestimmung reden, klingt das zunächst noch nachvollziehbar.
Doch die Rhetorik kippt schnell hin zu Verschwörungsdenken, zur Suche nach Schuldigen, zur moralischen Überhöhung.
Wir sind die Erwachten, die anderen sind die Schlafschafe. Von Telegram-Gruppen über YouTube bis Esoterik-Messen Heute verschmelzen unterschiedliche Milieus.
Rechtsextreme, Anthroposophen, Esoteriker, Impfkritiker. Eine seltsame Allianz aus Räucherstäbchen und Reichsbürgerfahnen. Als 2020 ein unsichtbares Virus die Welt in Atem hält, steht die Wissenschaft im Rampenlicht und mit ihr fast automatisch ihr Gegenüber.
Das Misstrauen. Plötzlich kursieren wieder Dieselben Mythen wie vor 200 Jahren. Nur diesmal nicht auf Flugblättern, sondern in Gruppen von Telegram.
Die Impfung verursacht Krebs. Bill Gates will uns chippen. Die Impfung verändert die DNA. Man kann den Chatverlauf dieser Jahre lesen wie eine moderne Offenbarungsschrift.
Und wieder geht es weniger um Fakten als um Glauben. Wer zweifelt, gehört dazu. Wer widerspricht, ist der Systemling. Diese Dynamik, das Aufgehen in einer Gemeinschaft des Zweifelns, hat eine soziale Funktion.
In einer Welt, die komplexer wird, bietet sich etwas sehr Einfaches. Klarheit. Ein Wir gegen die da oben. Nur, dass dieses Wir oft von denselben antisemitischen Mustern getragen wird, die schon im 19.
Jahrhundert Impfgegner formten. Eliten vergiften das Volk! Dieser Satz könnte aus einem Telegram-Chat stammen. Aber er steht in einer antisemitischen Schrift des 19.
Jahrhunderts. Damals war die Angst, jüdische Ärzte würden Krankheiten verbreiten, um Christen zu schwächen.
Heute heißt es, Big Pharma will uns krank machen, um an uns zu verdienen. Wir sehen die Chiffren wechseln, der Kern bleibt. Und in der Pandemie zeigte sich, wie eng Spiritualität, Esoterik und rechtes Denken ineinandergreifen können.
Auf Demos liefen Impfgegner mit Yogamatten neben Reichsbürgern, Anthroposophen neben Identitären, gemeinsam skandierten sie Parolen von Freiheit und schoben Verantwortung für die Krise einer unsichtbaren Elite zu.
Es war, als hätte sich das 19. Jahrhundert digital neu erfunden. Aber warum halten sich diese Ideen so hartnäckig? Wir kennen da mehrere Antworten. Die erste, Kontrollverlust.
Wenn Menschen das Gefühl haben, Ereignisse nicht steuern zu können, wie in der Pandemie eben, Suchen Sie nach klaren Mustern.
Eine Verschwörung ist psychologisch beruhigend. Sie erklärt das Unerklärliche. Zweitens Identität. Wer sich als Widerständiger versteht, erlebt Selbstaufwertung.
Man selbst steht auf der Seite der Wahrheit, während andere nur blind folgen. Ein moralisches Helden-Narrativ also. Und drittens Misstrauen als Kultur. In einer Gesellschaft, in der Institutionen an Glaubwürdigkeit verlieren, kann jedes YouTube-Video so glaubwürdig wirken wie eine Studie.
Das Netz hat die Tür geöffnet, nicht für Information, sondern für das Gefühl, endlich Selbstexperte zu sein.
Impfkritik ist aber auch längst ein Geschäftsmodell. Globale Influencer verkaufen Detox-Kuren, natürliche Immunbooster und Seminare zur Befreiung von Impfdruck.
Die alte Anti-Impf-Bewegung hat sich professionalisiert. Hinter ihren Social-Media-Kanälen stehen heute Verlage, Spendenstrukturen, Merchandise-Shop.
Das Misstrauen ist monetarisiert. Und das Gefährliche daran, mit jedem Klick, jeden Euro, wird die Empörung bestätigt.
Das System füttert sich selbst. Natürlich ist Kritik an Medizin legitim. Die Geschichte der Impfstoffe kennt Fehler. Von riskanten Chargen über unklare Nebenwirkungen bis zu realen Skandalen.
Aber Wissenschaft unterscheidet sich von Verschwörung. Sie lernt dazu, sie korrigiert, sie sagt manchmal, wir wissen es einfach noch nicht.
Oder, wie wir bei der GWUP immer so schön sagen, wir irren uns empor. Das ist keine Schwäche, das ist die eigentliche Stärke. Wer alles sofort zu wissen glaubt, landet oft bei Dogmen.
Egal ob in der Kirche, der Esoterik oder auf Telegram. Es lohnt sich, noch einmal an Edward Jenner zu denken. An den jungen James Phipps, an die Angst, an die Skepsis und an das Ergebnis.
Im 20. Jahrhundert starben noch Millionen an Pocken. Heute ist diese Krankheit ausgerottet. Nicht durch Gebete, nicht durch Bewusstseinserweiterung, sondern durch Impfungen.
Und das ist keine Meinung, das ist Geschichte. Das ist aber auch ein Problem. Dadurch, dass durch Impfungen Krankheiten mehr und mehr seltener werden, geraten auch ihre Gefahren immer weiter in Vergessenheit.
Wenn ich an die Erzählungen meiner Großmutter denke, die 1911 in Schlesien beim Daiblub der Renni geboren wurde, dann hatte sie mehr als Glück, dass sie das Erwachsenenalter überhaupt erreicht hat.
Denn für sie waren Masern, Mumps oder Röteln eben keine lustigen Kinderkrankheiten wie Dinkeldörde oder Sojasüren uns das heute weismachen wollen.
Von Polio, Wundstarkrampf oder der spanischen Grippe wollen wir gar nicht erst reden. Aber dadurch, dass diese Erfahrungen eben heute nicht mehr oder sagen wir lieber selten auftauchen, heißt das nicht, dass die Krankheiten ihre Gefährlichkeit verloren haben.
Erinnern wir uns, gegen Masern gibt es keine spezifische und ursächliche Behandlung, da sie viral bedingt ist.
Die Behandlung konzentriert sich stattdessen auf die Linderung der Symptome wie Fieber und Schmerzen sowie auf Ruhe.
Und Masern können auch ernsthafte Spätfolgen haben, darunter die tödliche und fortschreitende Gehirnerkrankung subakutes glariosierende Panencephalitis SSPE, die bis zu 10 Jahre nach der Infektion auftreten kann.
Zudem schwächen Masern das Immunsystem nachhaltig, was die Anfälligkeit für weitere Infektionen über Jahre hinweg erhöht.
Impfgegner warnen aber nie nur gegen Spritzen. Sie waren gegen eine Idee, dass Wissen kollektiver ist als das eigene Bauchgefühl.
Doch Aufklärung war immer unbequem. Sie verlangt den eigenen Glauben an Kontrolle loszulassen und stattdessen Vertrauen zu wagen.
Vielleicht ist das der eigentliche Konflikt nicht zwischen Impfen und Nicht-Impfen, sondern zwischen Angst und Verantwortung.
Am Ende dieser Geschichte bleibt kein Triumph, sondern eine Aufgabe, die Vernunft immer wieder zu erklären, auch wenn sie sich leiser anhört als der Lärm.
Und genau deswegen solltet auch ihr Mitglied der GWUP werden, damit Ockhams Rasiermesser immer schön scharf bleibt.
Bis zum nächsten Mal, euer Onkel Michael.