A bavarian Stranded in Ireland - Tips und Tricks fuer Deutschsprachige zum Leben in Irland

Irland gilt als eines der freundlichsten Länder Europas.
Doch hinter dem Lächeln und dem berühmten
„Ah sure, it’ll be grand“
verbergen sich zunehmende soziale Spannungen.

In dieser Folge sprechen wir über die leisen Probleme Irlands –
nicht laut, nicht wütend, sondern müde, still und oft überdeckt von Humor.


Themen der Episode:

• Wohnungs- und Mietkrise: hohe Mieten, fehlende Planbarkeit
• Soziale Folgen der Wohnungsnot für junge Erwachsene
• Pub-Kultur, Alkohol und mentale Gesundheit
• Einsamkeit – besonders unter Männern
• Wirtschaftlicher Erfolg vs. soziale Realität
• Zwei-Klassen-Gefühl und stiller gesellschaftlicher Frust
• Jugend, Perspektivlosigkeit und unsichtbare Ausgrenzung


Take-away:

Irland funktioniert –
aber es zahlt gerade einen hohen sozialen Preis dafür.


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What is A bavarian Stranded in Ireland - Tips und Tricks fuer Deutschsprachige zum Leben in Irland?

Weil man immer wieder von Deutschen und anderen Deutsch-Muttersprachlern liest die sich fuer die Grüne Insel sehr faszinieren und sich einen Ausgedehnten Urlaub, einen Studienaufenthalt oder ein Ganz neues Leben in Irland vorstellen können aber oft nur schwer oder teilweise Infos finden, möchte ich hier fuer alle Interessierten Einblicke zur Vorbereitung und zum Start hier in Irland (Arbeits- und Wohnungsmarkt, Sozialversicherung, Infrastruktur etc) sowie zum Alltagsleben bieten - Genauso möchte ich euch aber in meine eigenen Einblicke und Eindrücke mitnehmen, Land, Leute, Kultur und Ausflugsziele (inklusive und über die weltbekannten Attraktionen) und vieles weitere, eventuell finden wir ja auch im weiteren Verlauf fuer die ein oder andere Episode eine(n) Gesprächspartner/in. Wenn Ihr also Fans des Landes von Joyce und Connolly, des schwarzen Biers und der Grünen Wiesen seid, würde ich mich freuen wenn Ihr einschaltet und den Podcast euren Freunden und Bekannten weiterempfehlt

Speaker 1:

Servus und willkommen bei, dem Podcast über Leben und Gesellschaft in Irland, gesehen durch die Brille 1 Bayern. Ich möchte euch damit ganz herzlich willkommen heißen zu Episode 71 und 1, in der wir uns eine geringe über das soziale Leben in Irland gemeinsam anschauen und an deren Ende ihr vielleicht ein zumindest klareres, aber eventuell auch leicht verändertes Bild dazu habt, wie denn das soziale Gefüge auf der grünen Insel ist. Irland gilt als 1 der freundlichsten Länder Europas Und ich glaub, da widerspricht erst mal niemand. Die Leute lächeln viel, sie entschuldigen sich dauernd, selbst wenn Du ihnen auf den Fuß steigst. Und sie sagen auch Sätze wie, was ungefähr so verbindlich ist wie ein bayerisches.

Speaker 1:

Wie machen wir das schon mal? Und das sag ich ganz ohne Zynismus. Ich sag das mit gewissen Grundverständnis, weil ich halt inzwischen einen gewissen Einblick bekommen hab, was sich dahinter verbirgt, wie es denn gemeint ist. Denn Irland ist freundlich, aber, und das ist der Punkt dieser Folge, es ist zeitgleich auch irgendwo müde, zum Teil überfordert und manchmal auch völlig still, wenn's die eigenen Probleme geht. Ich lebe jetzt seit vielen Jahren hier.

Speaker 1:

Ich arbeite hier. Ich geh hier auch mal ins Stadion und sitz öfter mal im Pub. Und irgendwann fängst Du an, zwischen den Gesprächen zuzuhören. Nicht dem, was gesagt wird, sondern in allererster Linie dem, was nicht gesagt wird. Und genau darüber möchte ich jetzt sprechen.

Speaker 1:

Da kommt vielleicht bisschen der Konflikt des Postkartenirlands im Vergleich mit der Realität mit rein. Wenn man Irland von außen betrachtet, gerade auch in deutschen Medien, dann ist das Bild ziemlich klar Pubs. Musik, Humor, freundliche Menschen, grüne Landschaften, bisschen Chaos, aber sympathisch. Und ja, das stimmt alles auch. Aber das Bild hat halt auch 'n Problem.

Speaker 1:

Es bleibt dafür wenig Raum, für Schwäche. Denn das kulturelle Grundrausch in Irland ist ganz einfach, ah, schon. Von dem Satz geht halt auch ungefähr ungemein viel Erklärungskraft aus. Es heißt nicht unbedingt, alles ist gut. Es heißt oft eher, reden wir nicht drüber.

Speaker 1:

Und das zieht sich durch nicht wenige soziale Themen durch. Probleme werden dabei aber nicht ignoriert. Sie werden halt irgendwie verpackt in Humor, Swah Talk, in Freundlichkeit. Bei mir macht sich auch bisschen das Gefühl breit, er läuft es ein Land, das extrem gut drin ist, durchzukommen, aber nicht unbedingt gut drin stehen zu bleiben und einfach mal innezuhalten, zuzuschauen. Mit diesen Schlagworten möcht ich auch direkt das größte soziale Problem aufmachen.

Speaker 1:

Wohnen, 1, das, wie gesagt, sehr raumgreifend ist, aber über das oft erstaunlich emotionslos und beiläufig gesprochen wird. Nur paar Zahlen, damit wir mal eine Größenordnung haben, damit wir da eine gewisse Einordnung haben, wovon wir hier sprechen. Ich hab zum Thema Wohnraum ja auch schon Folgen gemacht, ziemlich am Anfang und dann Mitte 20 23 auch noch mal zur Wohnraumkrise. Aber seitdem ist die Uhr nicht stehen geblieben und auch das Rad mit den Mietpreisen hat sich weitergedreht. In Dublin liegen Mieten für eine Wohnung, also eine Zweizimmerwohnung auf gut Deutsch gesagt, im Durchschnitt inzwischen bei über 2000 Euro.

Speaker 1:

Gleichzeitig sind, und das ist weiterer Ausdruck des Problems, von dem wir hier sprechen, national 17000 Menschen als wohnungslos gemeldet. Viele davon nicht auf der Straße, sondern in Behelfsunterkünften, aber so oder so eine Zahl, die alarmierend und tendenziell stabil hoch ist. Und jetzt vielleicht mal neben den nackten Zahlen bisschen was zur Umgebung. Ich kenne doch nach vielen Jahren, kein Wunder, einige Iren, viele auch in ähnlichen Lebenssituationen wie ich Anfang, Mitte 30. Durchaus gute Jobs, Vollzeit, keine Chaoten, sondern wirklich irgendwie im Leben verankert, keine Ascher, Wirtschaft Typen.

Speaker 1:

Und es gibt da auch welche, die zwischen wieder bei ihren Eltern nehmen oder nach wie vor in WGs nicht unbedingt nur, weil sie irgendwie geistig im Studentenalter geblieben sind, sondern oft einfach aus der Not heraus. Oder aber in einfach einem prekären Mietverhältnis, aus dem heraus man jederzeit vor der Tür stehen kann. Und das ist was, was in Menschen arbeitet. Damit planst Du halt nicht langfristig. Du sagst, darauf basierend nicht, ja, schauen wir mal in 5 Jahren, sondern Du sagst, ja, schauen wir mal, ob ich nächstes Jahr noch hier bin, wo ich jetzt aktuell bin.

Speaker 1:

Und das hält halt so sozial vieles zurück, wirkt oft bisschen lähmend. Eine Sache, die dabei oft wirklich untergeht, ist, was passiert als Folge mit der Psyche der Menschen? Es geht längst nicht immer unbedingt nur ums Geld. Es geht den Planungsfaktor, die Zukunft und die wird halt mit zunehmendem Lebensalter auch immer kürzer. Vor allem, wenn man gewisse Ziele hat, die natürlich dabei auch nach und nach bisschen ausbleichen, das Gefühl, irgendwo wirklich anzukommen, wenn man's knapp zusammenfassen will.

Speaker 1:

Laut CSU, der zentralen Statistikbehörde des Landes, leben 25 bis 34 Prozent nehmen von den Fünfundzwanzig- bis Vierunddreißigjährigen ungefähr 60 Prozent noch oder wieder bei ihren Eltern. Ist damit 1 der höchsten Werte in Westeuropa. Und was dahintersteckt, ist nicht unbedingt Nostalgie oder Bequemlichkeit, sondern weil die realistischen Alternativen langsam aber sicher ausgehen. Und das ist auch bei 60 Prozent definitiv kein Randproblem in der Gesellschaft. Das betrifft Lehrer genauso wie Krankenpfleger, IT Fachkräfte, also allgemein Menschen in absolut stabilen Jobs, wo jetzt nicht auch die Sorge noch dazukommt, dass in 6 Wochen der Arbeitsvertrag ausläuft.

Speaker 1:

Ich hab schon öfter Gespräche geführt, da saßen Leute gegenüber in ähnlichen grundlegenden Lebenssituation wie ich wie ich vorhin schon beschrieben hab, so 30 plus, die hier auch wirklich die langfristige Perspektive, was den Wohnungsmarkt und damit sprech ich nicht unbedingt vom Mieten, sondern auch vom Kaufen, irgendwie abgehakt haben. Die sagen, alles, die er noch und trink and oder buy here animal. Und das ist Satz, der so als Erkenntnis auch brutal wirkt. Weil er halt irgendwo bedeutet, ich rechne nicht mehr mit normalen Erwachsenenleben, wo halt grade in Land wie Irland, das traditionell eine wesentlich höhere Eigenheimquote als zum Beispiel Deutschland hat, so dieses Ziel Eigenheim irgendwo auch mit dazugehört. Und auch da macht sich dieser soziale Stillstand, von dem ich vorhin schon kurz gesprochen hab, bemerkbar, Weil mit dieser Planungssicherheit verschiebst Du halt Dinge wie Familienplanung, teilweise sogar die Grundlage dafür.

Speaker 1:

Eine langfristige Beziehung ist was, wo sich viele nicht mehr wirklich dran festhalten können, geschweige denn Dran tragen. Nicht, weil der Wille fehlt, sondern weil halt irgendwo mit der Wohnsituation oft der Anker bisschen fehlt. Und draußen steht neben der Resignation oft mit Sicherheit gewisser Frust. Und der dringt halt nicht laut nach außen, sondern bleibt in Stillen verborgen und äußert sich im Zweifel eher im Sarkasmus als in der Wut. Neben diesem sich in Sarkasmus ergeben kommt halt aber auch oft 'n ungesunder Coping Mechanismus hinzu.

Speaker 1:

Irland hat eine massive, oft fast identitätsstiftende Pappkultur. Und wenn ich jetzt was anderes behaupten würde, als zu sagen, ich mag sie, will ich lügen und das absolut ernsthaft. Aber man darf halt nicht vergessen, was alles mitten hinten dranhängt und was damit vielleicht abgefedert wird. Die Folge aus Pubs an jeder Straßenecke und dem Faktor, dass halt dort dann meistens auch nicht unbedingt nur Fanta getrunken wird, führt dazu, dass Irland seit Jahren konstant über dem EU Durchschnitt liegt, was den Alkoholkonsum angeht. Erzähl ich wahrscheinlich wenigen was Neues damit.

Speaker 1:

Rund ein Drittel der Erwachsenen gibt an, regelmäßig viel zu trinken. Man könnte jetzt natürlich schauen, was heißt regelmäßig im Detail? Da kommen wir grade später noch mal dazu. Bei Männern zwischen 25 und 44 sind Suizide eine der häufigsten Todesursachen. Jetzt hab ich eine drastische Folge miteingegriffen, die dabei aber nicht unerwähnt bleiben darf.

Speaker 1:

Auch das Punkt, den ich einfach mal vorneweg gestellt haben will, ist am Ende eine Konsequenz von allen Faktoren, muss man sagen. Aber der, über den wir jetzt und hier reden, tut der Sache sicher nichts Gutes. Und trotzdem fühlt sich alles, was damit einhergeht, doch relativ leise an und wird halt im Endeffekt unter der Glocke des Pubs irgendwie nicht zu Grabe getragen, aber sogar verschwiegen, weil dieses öffentliche Wohnzimmer halt auch alles irgendwie mit auffängt. Da sprechen wir über Frust, Einsamkeit, oft natürlich und da kommen wir zu dieser Corporate Reality Stress und Überforderung. Natürlich sitzt man dort zusammen, man redet und man lacht auch irgendwie.

Speaker 1:

Nicht nur irgendwie, sondern auch ganz laut und deutlich. Und alles ist, und da sind wir jetzt wirklich beim irgendwie, okay, zumindest bis man den Heimweg eintritt. Und genau liegt dort das Problem. Wir sprechen hier von Gesellschaft, in der man selten wirklich allein im Bezug auf nur unter sich selbst ist. Aber damit geht auch oft einher, dass man selten ehrlich ist.

Speaker 1:

Man kann in Irland oft nicht offen über soziale Probleme sprechen, ohne auch den Alkohol mit aufzugreifen. Und ich sag das als jemand, der wie vorhin schon gesagt, dort selber gern mal einen Pub besucht. Der Pub ist in Irland nicht nur Ort, den man aufsucht, wegzugehen. Er ist, wie ich vorhin schon gesagt hab, mit dem, was er denn alles abfängt. Auch Ort, der eben dabei hilft, funktional zu bleiben.

Speaker 1:

Und selbst wenn jemand den Stress oder den Frust oder die Einsamkeit dort lassen möchte, dann ist es was, was eben wie gesagt Zeichen der Funktionalität ist und wo mir dann nicht auffällt. Am Ende trinken und lachen und funktionieren alle. Und die Probleme sind halt die, die dabei, na ja, damit da versteckt werden. Und das ist genau der Grund auch, warum nicht nur die besagten Probleme oft nicht als solche erkannt werden, sondern warum auch genau dieser Mechanismus damit in Anführungsstrichen umzugehen, dass 1 vielleicht mal doch öfter einen Peind zu viel trinkt, auch eher nicht als Problem erkannt wird, sondern Stück weit als Teil der Normalität und der Funktionalität, wie ich vorhin schon sagte. Und den Fokus und die Leistungsfähigkeit hochzuhalten, bleibt grade in der modernen Gesellschaft, in der Leistungsdruck längst angekommen ist, auch in manchen Fällen der Alkohol nicht die einzige Droge, die das Funktionieren unterstützt.

Speaker 1:

Kokain ist in vielen urbanen Instinern längst normalisiert. Nicht sichtbar, nicht offen, aber doch Stück weit, für viele nicht gänzlich fremd. Als Leistungsdroge mit relativ deutlich absehbaren physischen Folgen verschärft sie bereits bestehende Probleme oft deutlich. Jetzt ist es natürlich nicht so, dass es was ist, was die Mehrheit tut, aber die Akzeptanz und die Verfügbarkeit in der jüngeren Vergangenheit steigt alarmierend. Wenn man mit all dem im Hinterkopf dann weiß, dass mentale Probleme eben aufgrund des Alltagslebens und möglicher Substanzgebrauchsstörungen, die wir hier jetzt schon angedeutet haben, oft noch mal deutlich weiter nach vorne katapultiert werden.

Speaker 1:

Plus, wie ich vorhin schon kurz angeteaselt hab, als direkte oder mindestens indirekte Folge drauf, Suizid bei Männern unter 45 eine der häufigsten Todesursachen ist. Und dem vorzubeugen Therapieplätze schwer zugänglich sind, die Wartezeiten drauf oft Monate betragen, wird noch mal deutlicher, wie wichtig der PAP für viele ist, das Ganze im Sinne 1 sozialen Struktur am Laufen zu halten, wirklich ist. Er ersetzt also quasi Dinge, die in der Gesellschaft oft Stück weit fehlen. Und das funktioniert oft relativ lang, Ist halt irgendwann doch Faktor in Zukunft, auf dem, dass es doch gänzlich aus dem Rudel läuft und eben nicht mehr funktioniert im Einzelfall. Ein weiterer Faktor, der in dieses Konstrukt oft mit reinkommt, ist unerwarteterweise die Einsamkeit.

Speaker 1:

Unerwarteterweise sag ich deswegen, weil Irland doch 1 der geselligsten Länder ist, die ich kenne. Und gleichzeitig 1 der Länder, in denen mir am häufigsten Menschen gesagt haben, gerade bei Männern. Freundschaften sind hier oft auf eine Aktivität ausbauend, Ritual folgend und in der Folge konfliktarm. Also Zahn Hamsterrad wie Fußball, PAP, wieder Fußball, wieder PAP. Fußball kann hier natürlich beliebig durch Rugby oder eine der GAA Sportarten ersetzt werden.

Speaker 1:

Es funktioniert, solange 1 läuft. Aber wenn jemand nicht mehr mitläuft, wenn er rausfällt, weiß oft keiner, wie man wirklich drüber spricht. Nicht aus Kälte oder Desinteresse, sondern aus Unsicherheit, weil man's einfach nie wirklich gelernt hab. Und das überrascht viele, weil Irland, wie ich gerade schon gesagt hab, wirklich extrem gesellig wirkt. Aber genau da liegt der Knackpunkt.

Speaker 1:

Geselligkeit ist nicht automatisch dasselbe wie Nähe. Wenn doch sone mentale Ausnahmesituation einträgt, dass der Job oder vielleicht die Beziehung weg ist oder sonst irgend Tiefschlag die Ecke kommt, werde schnell still. Man will auf der einen Seite nicht aufdringlich sein und ja niemanden bloßstellen und auf der anderen Seite aber auch niemandem zur Last fallen. Also sagt man, ah, oder und hofft einfach nur, dass es stimmt. Einsamkeit ist in Irland deshalb selten sichtbar.

Speaker 1:

Sie ist tief versteckt hinter Humor, hinter Aktivitäten jeglicher Art. Oft, wie ich schon meinte, sportlich oder aber auch musikalisch und sehr, sehr häufig hinter dem nächsten Peint. Ähnlich zwiespältig wie das gesellige Gesicht und die dahinter verborgene Einsamkeit ist aber auch die Schere innerhalb der Gesellschaft, die gefühlt immer weiter aufgeht. So kann man in manchen Ebenen in bedenklicher Art und Weise von einem Zweiklassenirland sprechen. Klar, Irland ist wirtschaftlich erfolgreich.

Speaker 1:

Da kann man im großen Ganzen wohl wenig wegdiskutieren. Hohe Wachstumsraten, was das BIP betrifft, niedrige Arbeitslosenzahlen, internationale Konzerne in 1 Dichte, die fast beängstigend ist, volle Büros, neue Glasfassaden, gerade in Dubletten. So auf den ersten Blick und auf dem Papier, welches geduldig ist, steht Irland ziemlich gut da. Und trotzdem habe ich in den letzten Jahren immer öfter Gespräche geführt, die sich ganz anders angefühlt haben. Nicht wütend, nicht laut, aber irgendwie müde und resigniert.

Speaker 1:

Denn dieser wirtschaftliche Erfolg, der aus dem, was wir gerade genannt haben, sichtbar wird, kommt definitiv nicht bei allen an. Auf der einen Seite gibt es dieses moderne, internationale Irland, Tech Finance, gut ausgebildete Leute, nicht selten Expats von all von all der Herren Länder kommend, gut bezahlt, mobil und flexibel. Auf der anderen Seite stehen Menschen, die das Gefühl haben, dass sie zwar funktionieren, aber irgendwo festhängen, nicht wirklich vorankommen. Und das Spannende ist, man hört darüber erstaunlich wenig offene Wut, auch wenn's natürlich in letzter Zeit Stimmen gibt, die ziemlich laut schreien. Wir alle haben irgendwo die Bilder von krakeelenden Menschen und Mythenprotesten im Kopf und auch die gibt's natürlich in Irland.

Speaker 1:

Und wie ich grade meinte, in den letzten Jahren deutlich mehr als noch, ja, vor 10 oder 12 Jahren. Aber auch wenn da die Coronapandemie da mit Sicherheit irgendwo ein Katalysator war, ist es halt so, dass doch deutlich weniger Leute zu diesen Lautsprechern gehören als tatsächlich auf der benachteiligten Seite dieses Booms stehen. Denn und man muss irgendwo sagen, zum Glück lässt sich die klare Minderheit derer, die bislang nicht wirklich vom Aufschwung profitieren, nicht von Populisten einfangen, sondern gibt sich eher zum Beispiel dem Sarkasmus hin. Galgenhumor, oftmals auch leider Refignation. Und Sätzen wie oder Ich hab das oft im Pub gehört.

Speaker 1:

Nach der Arbeit, nachm Spiel, nach paar Pines. Menschen sitzen dort, reden über Mieten, über Jobs, über das Leben. Und irgendwann kommt dieser Punkt, an dem jemand sagt, Und dann wird das Thema gewechselt. Nicht, weil's egal wer, sondern weil man gelernt hat, nicht zu viel Raum dafür zu nehmen. Denn das kulturelle Grundmuster in Irland ist, in solchen Belangen macht kein Drama draus.

Speaker 1:

Und das ist erst mal eine Stärke. Es macht das Zusammenleben angenehm. Es verhindert Eskalation. Sorgt dafür, dass Dinge ruhig bleiben. Aber genau diese Stärke wird in schwierigen Zeiten auch gerne mal bisschen zerschwächen.

Speaker 1:

Denn wenn man immer lernt, Dinge runterzuschlucken, dann fehlt vielen die Sprache für echten Frust. Ein Beispiel, das in mir hängen geblieben ist. Beispiel, das mir da irgendwie verhaften geblieben ist, ich hab vor einiger Zeit mit Bären gesprochen. Mitte 40 kein schlechter Job. Handwerker, der von der Selbstständigkeit träumte, aber doch irgendwie Angestelltenverhältnis festhing, aber definitiv kein schlechtes Leben hatte.

Speaker 1:

Und sagt irgendwann fast nebenbei, Und dieser Satz klang absolut nicht bitter in dem, wie er es sagte. Er war ruhig, fast sachlich. Und genau das ist das, was das Ganze irgendwie hart wirken lässt. Weil er zeigt, dass er sich hier etwas auseinanderzieht, ohne dass jemand wirklich laut drüber spricht. Es ist was, das auch statistisch messbar wird.

Speaker 1:

Irland hat hohes Durchschnittssa hinkommen, aber gleichzeitig ist es auch mehr als viele andere europäische Länder von multinationalen Konzernen abhängig. In Branchen, die zwar erst mal sicher wirken, aber wenn sich hier der Wind dreht, ist halt auch schnell mal Fass ohne Boden offen. Und gerade die aktuelle geopolitische Lage ist mit Sicherheit son Punkt, der vielen in dieser Hinsicht Sorgen bereitet. Und man muss sagen, die Schere zwischen diesen genannten Branchen Tech und Finance und den meisten anderen ist halt doch ziemlich weit. Und die vielen, die nicht auf diesem von der Globalisierung angetriebenen Zug sitzen, haben oft bisschen das Gefühl, auf der Stelle zu treten, verständlicherweise.

Speaker 1:

Aber statt das laut auszusprechen, passiert an der Stelle etwas, das wieder symptomatisch ist. Es ist fast was Komödiantisches. Man sagt einfach, ne, Das, was hier so lapidar abgetan wird, ist was, was trotzdem innerlich mit Sicherheit oft eine gewisse Wirkung hat. Ich mein, es wird trotzdem nach oben geschaut und verglichen, weil 1 ist offensichtlich, mit dem, dass man nicht Teil dieses Hypes ist, geht oft gravierender Unterschied im Einkommen einher. Und damit hinsichtlich Wohnmöglichkeiten, grade in sonem überhitzten Markt wie dem, über den wir grade schon gesprochen haben und damit die zukunftsweitere Lebensplanung.

Speaker 1:

Es heißt also in anderen Worten, dass das Schweigen oft kein Ausdruck von Zufriedenheit ist, sondern eher von stiller Angepasstheit. Liegt mit Sicherheit auch an einigen Lektionen aus der irischen Historie, denn dieses kleine Land hat in der Vergangenheit gelernt, dass Durchhalten oft wesentlich erfolgreicher und sinnvoller ist als auf Begehren. Und so hält es hier auch oft der Einzelne, der doch über die eigene Lage ganz schön frustriert ist. Es führt dazu, dass soziale Spannungen oft nicht verschwinden, sondern quasi einzigern, wenn man's so sagen will. Es wäre also leiser und das macht's oft bisschen schwieriger zu greifen.

Speaker 1:

Eng damit verbunden sind auch Auswirkungen auf Jugendliche und das Aufwachsen derer in benachteiligten Bedingungen. Ein Aspekt, über den in Irland vergleichsweise wenig gesprochen wird, auch wenn er so offensichtlich scheint, ist die Situation junger Menschen, die aus Gegenden mit schlechtem Ruf oder aus sozial- und bildungsschwachen Haushalten stammen. Und obwohl dieses Problem doch allgemein bekannt ist, wird es oft nicht gesehen. Weil wenn öffentlich über Jugend gesprochen wird, sind's halt doch meistens eher Erfolgsgeschichten wie Start ups rund die Stripe Brüder zum Beispiel, über junge Leute, die's in irgendeiner Form geschafft haben, auch über Bildung als Aufzug nach oben. Weniger hört man über die, an denen der Aufzug einfach vorbeigefahren ist.

Speaker 1:

Ich mein damit in erster Linie Jugendliche aus bestimmten Vierteln, aus Gegenden, die man, wenn man sich bisschen damit befasst, kennt, über die viele aber nicht gern sprechen, oft in sichtbar prekären Verhältnissen groß werden und damit, ja, ganz offensichtlich und auch selbstgefühlt abgehängt und automatisch weit weg genug vom sogenannten Irland, der Moderne, dass sie sich selbst nicht darin wiederfinden. Was mir dabei auffällt, es ist zwar immer mal wieder, was das auch im antisozialen Verhalten Ausdruck findet. Also sei es Joyriding mit gestohlenen Fahrzeugen oder Kleinkriminalität, aber oft auch nicht direkt rebellisch, nicht offensichtlich wütend wie bei den Ausschreitungen in der in der Dabliter Innenstadt im November 20 23 und oft auch nicht sichtlich auch auf Krawall gebürstet, sondern oft erschreckend früh, pragmatisch abgeklärt und resigniert. Oft auch nicht unbedingt dieses Ich will raus hier, wie's oft jungen Leuten zwischen den Schichten geht, die recht früh Australien beispielsweise als die wirklich beste Option sehen. Sondern oft kommt damit einher ein, wie ich schon meinte, fast resigniert klingendes, das ist halt so.

Speaker 1:

Und das ist der vielleicht beunruhigendste Punkt, denn Perspektivlosigkeit ist nicht immer unbedingt laut. Sie zeigt sich oft einfach darin, dass Erwartungen erst gar nicht aufkommen. Wenn niemand in der Familie studiert hat, wenn Arbeit immer mit 1 gewissen Unsicherheit verbunden ist, wenn Du früh lernst, dass Stabilität etwas ist, das anderen gehört, dann träumst Du nicht weniger, Du träumst einfach anders oder irgendwann gar nimmer. Ein Lehrer hat mir einmal gesagt, Und das trifft's in dem Fällen ziemlich genau. Denn was soll all die Anstrengungen, wenn das Ergebnis ohnehin weit weg scheint?

Speaker 1:

Da werden wir wieder beim Punkt abgehängt. Was bringt Bildung? Wenn Jobs, von denen man hört, gefühlt nicht für Leute wie einen selbst gedacht sind. Da sind wir oft auch bei gewissen Herkunftsstigma, wenn man eine gewisse hat, so wie's vielleicht auch der ein oder andere aus Deutschland kennt. Ich mein, München, Hasenberger, Berlin, Neukölln sind oder waren da auch Beispiele, wie sie heute Darndale, Bally Ferment oder Bally Bond sein können?

Speaker 1:

Was bringt Hoffnung, wenn man im Alltag kaum Beispiele sieht, dass es funktionieren kann? Denn da wären wir wieder dabei, Die wenigsten wirklichen Erfolgs- und Aufstiegsstorys beginnen so, wenn man's mal in Anteilen sieht und nicht in absoluten Zahlen. Diese Jugendlichen wachsen in einem Land aus, das offiziell erfolgreich ist und das es für viele Menschen auch sichtbar ist, aber für sie persönlich wenig anbietet außer durchhalten. Und wieder ergibt sich dieses Muster draus, das wir schon ein-, zweimal hatten heute. Kein Drama draus machen, kein lautes Klagen, kein offenes Aufbegehren.

Speaker 1:

Stattdessen viel Galgenhumor, viel Kuhnes, viel und genau hier wird es gesellschaftlich gefährlich. Denn wenn Frust keine Sprache bekommt, sucht er sich andere Ausdrucksformen. Nicht immer politisch, nicht immer extrem, aber oft identitär, auch wenn man grade in den letzten 3 bis 5 Jahren sieht und wie ich's vorhin auch schon erwähnt hab, dass sich durchaus auf politische Extreme genau diese Dinge und genau diese Ausgangslagen oft zunutze machen und hier in die Perspektivlosigkeit hinein ideologische Brandstiftung betreiben. Zugehörigkeit wird dann wichtiger als Perspektive, Respekt wichtiger als Aufstieg, Gesehenwerden wichtiger als Verstandenwerden und das erklärt auch, warum manche einfache Erzählungen plötzlich greifen. Nicht, weil sie klug sind, sondern weil sie klar sind.

Speaker 1:

Wenn das Leben komplex und unsicher wird, wirken einfache Antworten plötzlich beruhigend. Nicht als Ideologie, sondern als Gefühl. Und genau deshalb ist die Frage nach Jugendperspektiven keine Sozialromantik. Sie ist zentral für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Denn eine Gesellschaft, in der ein Teil der Jugend früh lernt, dass Erwartungen Luxus sind, zahlt dafür langfristig einen Preis.

Speaker 1:

Nicht sofort, nicht spektakulär, aber schleichend. Und wieder passt es zum Grundmotiv dieser Folge. Irlands Probleme explodieren nicht, sie sickern ein. Was bleibt als Fazit übrig? Irland ist kein kaputtes Land, ganz im Gegenteil.

Speaker 1:

Aber es ist ein Land, das gelernt hat, Probleme freundlich zu überdecken. Nicht, weil man etwa gleichgültig wär, sondern weil's halt Probleme gibt, mit denen die Gesellschaft irgendwo überfordert ist. Und auch aus dem Wunsch, niemandem zur Last zu fallen. Freundlichkeit ist eine enorme Stärke, aber sie ersetzt halt Sicherheiten auch nicht zwangsläufig. Und vielleicht ist genau das eine der großen Herausforderungen, die in den nächsten Jahren auf dieses schöne Land zukommen.

Speaker 1:

Also Irland funktioniert sehr wohl, aber auf manchen Ebenen zahlt's halt aktuell einen hohen Preis dafür. Und für euch, wer Irland wirklich verstehen will, muss hinter das Lächeln schauen, was ich heute mit einem etwas anderen und etwas ernsteren Blickwinkel als sonst versucht habe zu tun. Und akzeptieren, dass Freundlichkeit nicht automatisch bedeutet, dass es den Leuten gut geht. Oftmals ja, aber wie wir spätestens heute gelernt haben, bei Weitem nicht immer. Das lass ich mal in der etwas schwereren heutigen Folge als Schlusswort so stehen.

Speaker 1:

Ich hoff, dass ihr euch trotzdem gefallen, informiert und unterhalten habt. Freu mich sehr, wenn wir uns schon in der nächsten Woche wieder hören. Bis dahin, macht's gut. Das war ab bei Variance trendet in Island, ein Podcast über Leben und Gesellschaft in Irland, gesehen durch die Brille 1 Bayern. Wenn Du Gedanken, Fragen oder Anmerkungen zu dieser Folge hast, schreib mir gerne eine Mail oder melde dich über die Social Media Kanäle.

Speaker 1:

Danke fürs Zuhören und bis zur nächsten Folge.