Schwarze Erde, weisses Licht

Was passiert, wenn man zwei Wochen nicht in einem Resort wohnt, sondern in einem Ort, der auf die Ideen eines einzigen Mannes zurückgeht? Von Lavakies-Beeten, die nachts Wasser ernten, über die älteste Bio-Marke der Welt bis zum Fischerdorf, das niemandem etwas verkaufen will.

Show Notes

Ein ganzes Weltbild in einem Garten

Episode 12 • Erinnerung vom 2026-07-12 Duration: 12:27

Was passiert, wenn man zwei Wochen nicht in einem Resort wohnt, sondern in einem Ort, der auf die Ideen eines einzigen Mannes zurückgeht? Von Lavakies-Beeten, die nachts Wasser ernten, über die älteste Bio-Marke der Welt bis zum Fischerdorf, das niemandem etwas verkaufen will.

Warum diese Folge hängen bleibt

Der Motor aus, die Türen zu – und plötzlich klingt die eigene Stimme zu laut für diese Stille. Was Anthroposophie wirklich ist, warum ihr Weltzentrum in der Schweiz steht, und wie ein kleines Centro auf Lanzarote die ganze Idee auf einen Fleck bringt – anfassbar, ohne Bekenntnis.

Drei Dinge, die bleiben

  • Das Weltzentrum der Anthroposophie steht gut eineinhalb Autostunden von zu Hause: in Dornach bei Basel
  • Demeter ist die älteste Bio-Marke der Welt – aus acht Vorträgen von neunzehnhundertvierundzwanzig
  • Arrietas Strand La Garita ist fast einen Kilometer lang und trägt die Blaue Flagge – mitten im vergessenen Norden

Das Bild, das bleibt

  • Beete unter schwarzem Lavakies, der nachts das Wasser aus der Atlantikluft einfängt – ein Garten, der das Prinzip der Insel ist.
  • Emotionaler Bogen: Von neugieriger Offenheit über faire Kritik zu einem stillen Ankommen – zwei Arten von Abseits als bewusste Wahl.

Ein Satz aus der Folge

  • "Und genau diese Haltung nehmen wir mit auf die Reise."

Über den Podcast

Geschichten mit Bernd ist ein von Matthias kuratierter und produzierter Podcast über Erinnerungen, Handwerk, Reisen, Familie und Lebensgeschichten rund um Bernd. Jede Folge beginnt bei einem konkreten Moment und öffnet daraus ein größeres Fenster in Geschichte, Kultur, Orte und verschwindende Welten.

What is Schwarze Erde, weisses Licht?

Schwarze Erde, weisses Licht ist ein Reise-Podcast über Lanzarote, für Matthias, Waltraud, Marie und Julia. Vom 2. bis 16. Juli 2026 wohnen sie im Centro Antroposófico im Norden der Insel und nähern sich der Vulkaninsel Folge für Folge: dem Feuer von Timanfaya, dem Werk von César Manrique, den Pflanzen und Tieren der Lava, dem Wein von La Geria, der Geschichte der Insel, dem Tourismus und dem Wasser. Jede Folge ein Thema, dicht, überraschend und voller Vorfreude.

Ein ganzes Weltbild in einem Garten
Folge 12 | Erinnerung vom 2026-07-12
Schwarze Erde, weisses Licht – der Lanzarote-Podcast

---

[00:08] Erzähler: Der Motor geht aus. Die Türen fallen zu. Und dann merkst du, dass deine eigene Stimme zu laut ist für diesen Ort. Kein Empfangstresen, kein Bändchen am Handgelenk. Nur Wind, irgendwo ein Hund, und dieser Geruch – trockene Erde, Feige, etwas Salziges vom Meer.

[00:26] Gesa: Und kein Programm, das dir sagt, was du jetzt tun sollst.

[00:30] Erzähler: Genau. Stattdessen eine Adresse. Calle Salinas, Puerto del Carmen – aber nicht das Puerto del Carmen mit den Bierbars und den Souvenirläden. Ein ruhiges Wohnviertel oberhalb der Küste. Und dort steht ein Haus, das auf die Ideen eines einzigen Mannes zurückgeht.

[00:48] Gesa: Zwei Wochen werdet ihr auf Lanzarote wohnen, mitten in einer Idee. Und um zu verstehen, warum dieser Ort so tickt, wie er tickt, muss man erst wissen, was diese Idee eigentlich meint. Die meisten kennen sie nur als Etikett.

[01:03] Gesa: Also: Anthroposophie. Das Wort heisst frei übersetzt «Weisheit vom Menschen», und es geht auf einen einzigen Kopf zurück – Rudolf Steiner, achtzehnhunderteinundsechzig bis neunzehnhundertfünfundzwanzig, österreichischer Philosoph und Pädagoge. Was haben eine Waldorfschule, ein Demeter-Rüebli und eine Weleda-Creme gemeinsam? Diesen Mann.

[01:27] Erzähler: Moment – Weleda auch?

[01:28] Gesa: Weleda auch. Sitz in Arlesheim, Kanton Basel-Landschaft. Aber der Reihe nach. Steiners Kern ist ein ganzheitliches Menschenbild: der Mensch als Zusammenspiel von Körper, Seele und Geist. Und alles – Erziehung, Landwirtschaft, Medizin, Kunst – soll diesem Zusammenspiel dienen. Das ist keine Kirche und keine geschlossene Lehre. Eher ein weit verzweigtes Feld aus Praxis, Reflexion, und – das gehört dazu – auch Widersprüchen.

[01:57] Erzähler: Also kein Glaubenssystem, sondern eher eine... Haltung, aus der Schulen und Firmen und Höfe gewachsen sind?

[02:04] Gesa: Genau. Und das Verrückte ist: Die meisten Menschen benutzen Produkte dieser Haltung, ohne je den Namen Steiner gehört zu haben.

[02:13] Gesa: Und jetzt kommt der Teil, der euch als Schweizer direkt betrifft. Das Weltzentrum dieser ganzen Bewegung steht nicht irgendwo weit weg – es steht in Dornach, Kanton Solothurn, gleich bei Basel.

[02:26] Erzähler: Das kenne ich – dieser wellenförmige Betonbau.

[02:30] Gesa: Das Goetheanum. Von Steiner selbst entworfen, nach Goethe benannt. Der erste Bau war ein Holzgebäude mit einer doppelten Kuppel, ab neunzehnhundertneunzehn in Betrieb. Und dann, Silvesternacht neunzehnhundertzweiundzwanzig auf dreiundzwanzig – Feuer. Alles weg.

[02:47] Erzähler: Und der zweite Bau?

[02:49] Gesa: Ab neunzehnhundertachtundzwanzig. Eine der frühen Grosskonstruktionen aus Sichtbeton überhaupt – geformt wie eine Skulptur. Fliessende Formen, bewusste Abkehr vom rechten Winkel. Wer in einem anthroposophischen Gebäude steht und denkt, warum sind hier alle Ecken rund, warum fehlt die Kante – das kommt von dort. Aus Dornach. Gut eineinhalb Autostunden von Zürich.

[03:14] Erzähler: Und dieselbe Haltung, die Beton runden lässt statt ihn in Kästen zu giessen – die spürt man hier auf Lanzarote. Ein Gegenentwurf zu den geraden Betonklötzen der Ferienanlagen ringsum.

[03:26] Erzähler: Also zurück ins Centro selbst. Ihr kommt an, und es ist – kein Hotel. Kein Buffet, keine Poolbar, kein Animationsprogramm. Stattdessen: Apartments, ein Bio-Restaurant unter einer Pergola, ein Bioladen, in dem ihr einkauft wie im Quartier.

[03:43] Gesa: Und nebenan ein Therapeutikum mit Heileurythmie, Kunsttherapie, Massagen – auch mit Vulkansteinen, das passt hierher –, ein Bewegungsbad. Dann Seminarräume. Und das Herzstück: eine biodynamische Finca.

[03:56] Erzähler: Dreieinhalb Hektar. Gemüse, Obst, Trauben, Bienenstöcke. Und die Beete – die Beete sind das Schönste. Schwarzer Lavakies auf der Erde, dieser poröse Picón. Wie in La Geria mit dem Wein – erinnert ihr euch, Folge vier? Aber wie kommt der eigentlich an sein Wasser?

[04:15] Gesa: Über die Nacht. Die Steine strahlen die Tageswärme ab und kühlen unter den Taupunkt der feuchten Atlantikluft – dann schlägt sich die Feuchtigkeit im porösen Gestein nieder, wie Beschlag an einer kalten Scheibe. Tagsüber bremst dieselbe Lavaschicht die Verdunstung. Bei rund hundertfünfzig Millimetern Regen im Jahr entscheidet dieser Tau darüber, ob überhaupt etwas wächst. In La Geria für den Malvasía, hier für Rüebli und Kräuter. Dazu eine Bibliothek mit Steiner-Werken und Belletristik, Workshops, in denen Kräuter destilliert werden, und ein Waldorfkindergarten auf dem Gelände.

[04:55] Erzähler: Landwirtschaft, Pädagogik, Medizin, Ernährung, Kultur – alle Zweige der Anthroposophie auf einem Fleck. Man kann die ganze Idee hier anfassen, Zweig für Zweig.

[05:06] Gesa: Okay, pass auf – die Finca bringt mich zu etwas, das die meisten Leute überrascht. Ihr kennt alle das Demeter-Label. Das ist die älteste Marke des ökologischen Landbaus der Welt – und sie geht direkt auf Steiner zurück.

[05:21] Erzähler: Direkt? Nicht bloss inspiriert von?

[05:23] Gesa: Direkt. Neunzehnhundertvierundzwanzig, Koberwitz in Schlesien. Steiner hielt dort acht Vorträge auf Bitten von Landwirten, die gesehen hatten, wie chemischer Dünger ihre Böden und ihr Vieh ruinierte. Das gilt als die erste bekannte Darstellung von biologischem Landbau überhaupt. Jahrzehnte bevor das Wort «Bio» existierte.

[05:45] Erzähler: Acht Vorträge. Und daraus wird eine weltweite Marke.

[05:49] Gesa: Die Kernidee ist eigentlich simpel: der Hof als ein einziger lebendiger Organismus. Geschlossener Kreislauf, eigener Dünger, Förderung von Bodenleben. Das hat vieles vorweggenommen, was moderne ökologische Landwirtschaft heute anstrebt. Und dann gibt es den Teil, über den man streiten muss.

[06:09] Erzähler: Und jetzt kommt der Teil mit den Präparaten, oder? Hornmist und Mondkalender.

[06:15] Gesa: Genau die. Dazu kosmische Rhythmen. Für ihre spezifische Wirkung gibt es keinen naturwissenschaftlichen Nachweis. Die ökologischen Effekte – bessere Böden, mehr Biodiversität – sind belegt, aber die hängen am ökologischen Landbau als solchem, nicht an einem vergrabenen Kuhhorn. Beides stimmt gleichzeitig. Das eine entwertet das andere nicht.

[06:38] Erzähler: Auf dem Gelände tobt ja auch ein Waldorfkindergarten – Kinder, die zwischen Lavendel und Bienenstöcken auf schwarzer Vulkanerde spielen. Und Waldorf ist der Zweig, den wirklich jeder kennt, zumindest vom Namen. Wie fing das an?

[06:54] Gesa: Die erste Waldorfschule eröffnete am siebten September neunzehnhundertneunzehn in Stuttgart. Ein Unternehmer namens Emil Molt gründete sie für die Kinder der Arbeiter seiner Zigarettenfabrik – die hiess Waldorf-Astoria. Daher der Name. Heute gibt es weltweit über zwölfhundert Waldorfschulen in rund achtzig Ländern – eine der grössten Schulbewegungen in freier, nichtstaatlicher Trägerschaft.

[07:21] Erzähler: Also eine Schule, die als Fabrikschule für Arbeiterkinder begann – das vergisst man leicht.

[07:27] Gesa: Und wie überall gibt es auch hier eine offene Flanke: Der anthroposophische Hintergrund fliesst teils in den Unterricht ein, ohne dass das immer transparent gemacht wird. Das sollte man wissen, wenn man ein Kind anmeldet.

[07:42] Erzähler: Und Eurythmie? Das steht ja auch auf dem Therapieangebot des Centro.

[07:47] Gesa: Eurythmie! Eine Bewegungskunst, die Sprache und Musik in sichtbare Bewegung übersetzt. Jeder Laut, jeder Ton bekommt eine eigene Geste – ein A wird anders getanzt als ein O, ein hoher Ton anders als ein tiefer. Von Steiner zusammen mit Marie von Sivers entwickelt, ab etwa neunzehnhundertacht. Der Name kommt aus dem Griechischen – «schöne Bewegung». Als Therapieform heisst das Heileurythmie, genau das, was im Therapeutikum des Centro angeboten wird.

[08:18] Gesa: Ich will noch etwas sagen, bevor wir weitergehen. Zur anthroposophischen Medizin. Sie versteht sich ausdrücklich als Ergänzung zur Schulmedizin, nicht als Ersatz. Aber einzelne Therapien – die Misteltherapie bei Krebs zum Beispiel – sind umstritten. Die Evidenz ist in der Gesamtschau widersprüchlich. Fachgremien sehen die Wirksamkeitsbelege als unzureichend.

[08:43] Erzähler: Das muss man so deutlich sagen. Gerade bei einer Krebsdiagnose.

[08:47] Gesa: Unbedingt. Und trotzdem lohnt es, zwei Dinge gleichzeitig auszuhalten: Manches hat einen ernst zu nehmenden Kern – der frühe Blick auf gesunde Böden, Rhythmus im Lernen, Aufmerksamkeit für den ganzen Menschen. Anderes ist nicht belegt und steht zu Recht in der Kritik. Beides darf nebeneinander stehen.

[09:08] Erzähler: Und genau diese Haltung nehmen wir mit auf die Reise. Man muss nicht an alles glauben, um zwei Wochen gern an einem Ort zu wohnen, der aus dieser Idee entstanden ist. Neugierig sein, ohne bekehrt zu sein.

[09:22] Gesa: Ein Ort, der den ganzen Menschen meint – Körper, Seele, Geist – wird für diese Wochen einfach der Ort, an dem man ist. Man darf sich da einlassen. Und man darf Fragen stellen.

[09:34] Erzähler: Und dann, zweite Woche, ein kompletter Szenenwechsel. Ihr zieht nach Norden. Nach Arrieta. Ein Fischerdorf an der Nordost-Küste, Gemeinde Haría, rund dreissig Kilometer von Arrecife.

[09:47] Gesa: Kein Therapeutikum, kein Programm. Nur Meer und Lava und Alltag.

[09:52] Erzähler: Schwarze Felsen, in die das Meer natürliche Becken geschnitten hat – flach genug, dass man hineinsteigt wie in ein Bad aus Lava. Ein heller Strand, die Playa de la Garita, fast einen Kilometer lang, mit Blauer Flagge. Und kleine Restaurants so nah am Wasser, dass die Gischt fast auf den Tisch spritzt.

[10:12] Gesa: Und das Tal dahinter – Haría, das Valle de las Mil Palmeras, das Tal der tausend Palmen. Die stehen dort, weil es im Norden ein feuchteres Mikroklima gibt. Kanarische Dattelpalmen, die auf dem trockenen Rest der Insel fehlen. So bleibt der Norden grün, wo der Süden längst kahl ist.

[10:32] Erzähler: Wenig Tourismus, mehr Landwirtschaft, ein langsamerer Takt. Und die grossen Ausflugsziele der Insel liegen von hier aus trotzdem alle in kurzer Fahrt.

[10:42] Gesa: Was ich an diesem Bogen mag – erst das Centro, dann Arrieta – ist, dass es zwei völlig verschiedene Arten von Abseits sind. Erst das gestaltete Zuhause einer Idee: durchdacht, rhythmisch, mit Haltung. Dann das gewachsene Dorf am Atlantik: ungeplant, ungeschminkt, ein Ort, der niemandem etwas verkaufen will.

[11:03] Erzähler: Und beide eint dieselbe Wahl: weg von der Resortmeile. Weg von den Bierbars von Puerto del Carmen, weg von den Hotelkästen an der Playa Blanca. Warum fast der gesamte Tourismus im Süden sitzt und was das für die Insel bedeutet – das ist ein eigenes Thema, dazu gibt es eine eigene Folge.

[11:23] Gesa: Aber der Norden, der bleibt euer Geheimnis für die zweite Woche. Ein Stück Insel, das den meisten Touristen nur vom Durchfahren bekannt ist.

[11:33] Erzähler: Leg mal die Hand auf diesen Stein ... Nicht auf den heissen am Timanfaya. Auf den kühlen Lavafels am Meer bei Arrieta. Abends, wenn der Fels die Wärme des Tages noch hält und die Luft schon abkühlt. Und dann wird es ganz still.

[11:49] Erzähler: Am Ende bleibt das hier: Zwei Wochen lang war Lanzarote für euch keine Sehenswürdigkeit, sondern ein Zuhause. Erst ein Haus, das den ganzen Menschen meint. Dann ein Dorf, das einfach da ist.

[12:02] Gesa: Und man spürt, was diese Idee im Kern will: Aufmerksamkeit für den Ort, an dem man gerade lebt. Vielleicht ist das der leiseste Luxus, den diese Insel zu bieten hat.

[12:14] Erzähler: Zurück zu dem Moment, als die Motoren ausgingen und die Stille kam. Der leiseste Teil der Insel wurde der Ort, an den ihr von jedem Ausflug zurückgekommen seid.

[12:25] Gesa: Bis zur nächsten Folge.

[12:26] Erzähler: Bis dann.

---

Ende der Folge. Laufzeit 12:27.