Skeptitalk

Wie entsteht eine Verschwörungstheorie? Und warum halten sich manche Lügen über Jahrtausende? 
In dieser Folge begeben wir uns auf eine historische Spurensuche – von der antiken Metropole Alexandria über das mittelalterliche Europa bis in die sozialen Netzwerke der Gegenwart. Wir verfolgen die Geschichte der Ritualmordlegende, einer der langlebigsten und folgenreichsten antisemitischen Verschwörungserzählungen überhaupt, und zeigen, wie sich ihre Motive über mehr als zweitausend Jahre hinweg immer wieder neu erfunden haben. 
Dabei geht es nicht nur um Geschichte. Es geht auch um die Psychologie von Gerüchten, Propaganda und Verschwörungserzählungen – und um die Frage, weshalb sie bis heute so wirkungsvoll sind. 
Eine dokumentarische Reise durch Geschichte, Psychologie und Mediengeschichte – und ein Blick darauf, warum historisches Wissen helfen kann, Manipulation in der Gegenwart besser zu erkennen.

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Creators and Guests

Host
Onkel Michael
Blogger und Podcaster

What is Skeptitalk?

Der einzig wahre skeptische Podcast der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) mit dem legendären Blogger Onkel Michael.
Wir widmen uns vielen verschiedenen Themen aus dem Bereich der Parawissenschaften und berichten, was wirklich dahinter steckt. Egal ob die so genannte Alternativmedizin, Verschwörungstheorien oder andere Mythen: wir sagen euch Bescheid!

[Intro-Musik] Herzlich willkommen, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer draußen im weiten Podcast-Land. Mein Name ist Michael Scholz und dies ist die achtzehnte Folge des Skepti-Talks, des einzig wahren skeptischen Podcasts der GWUP, der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften. Wie immer gilt, wenn ihr Vorschläge, Anregungen, Wünsche, Lob, Kritik oder Beschimpfungen habt, schickt sie mir an skeptitalk@gwup.org oder meldet euch auf unseren Social-Media-Kanälen.

In der heutigen Episode möchte ich mit euch über ein Thema sprechen, das auf den ersten Blick weit in der Vergangenheit zu liegen scheint, tatsächlich aber aktueller ist, als viele glauben. Es geht um antisemitische Verschwörungstheorien, genauer gesagt um eine der ältesten und hartnäckigsten Verschwörungstheorien der Menschheitsgeschichte, die sogenannte Ritualmordlegende oder Blutbeschuldigung.
Vielleicht fragt ihr euch jetzt, warum sollte man sich heute noch mit einer Geschichte beschäftigen,
die vor Jahrhunderten oder sogar vor Jahrtausenden entstanden ist. Die Antwort ist ganz einfach:
Weil diese Geschichte niemals wirklich verschwunden ist. Sie hat lediglich ihre Gestalt verändert.
Die Namen der angeblichen Täter wechseln, die Opfer wechseln, die politischen Verhältnisse wechseln.
Selbst die Kommunikationsmittel ändern sich von handgeschriebenen Chroniken über Flugblätter und
Zeitungen bis hin zu sozialen Netzwerken und Messenger-Diensten.
Doch das Grundmuster bleibt seit fast zweitausend Jahren erstaunlich konstant.
Immer wieder wird behauptet, eine kleine geheimnisvolle Gruppe ziehe im Verborgenen die Fäden.
Diese Gruppe soll angeblich grausame Verbrechen begehen, Kinder entführen, Menschen opfern,
die Gesellschaft manipulieren oder sogar die Weltherrschaft anstreben.
Für all diese Behauptungen gibt es keine belastbaren Belege.
Trotzdem finden sie immer wieder Anhänger. Und genau das macht dieses Thema so faszinierend.
Es geht nämlich nicht nur um Antisemitismus. Es geht um die grundsätzliche Frage,
warum Menschen bereit sind, selbst die absurdesten Behauptungen zu glauben,
wenn sie nur oft genug erzählt werden oder ihre eigenen Ängste bestätigen.
Bevor wir gemeinsam in die Geschichte eintauchen, möchte ich einen Gedanken voranstellen.
Die Menschheit hat in den vergangenen zweitausend Jahren eine Entwicklung vollzogen,
die in vielerlei Hinsicht atemberaubend ist. Wir haben Kontinente entdeckt,
die Naturwissenschaften begründet und Krankheiten bekämpft,
die früher Millionen Menschen das Leben kosteten. Wir haben Maschinen entwickelt,
die ganze Fabriken antreiben können. Wir haben Elektri-Elektrizität nutzbar gemacht,
Automobile gebaut und Flugzeuge erfunden. Wir haben Computer entwickelt,
das Internet geschaffen und tragen heute Geräte in der Hosentasche,
deren Rechenleistung jene der Großrechner übertrifft,
mit denen einst die ersten Menschen zum Mond geschickt wurden.
Auch unser Verständnis von der Welt hat sich grundlegend verändert. Die Aufklärung lehrte uns,
Autoritäten kritisch zu hinterfragen. Die Evolutionstheorie veränderte unser Bild vom Menschen.
Die moderne Medizin, Psychologie und Soziologie eröffnete völlig neue Möglichkeiten,
menschliches Verhalten zu verstehen. Kurz gesagt,
der technische und wissenschaftliche Fortschritt der Menschheit ist enorm.
Doch ausgerechnet auf einem Gebiet scheint dieser Fortschritt erstaunlich gering ausgefallen zu
sein, nämlich dort, wo es um Vorurteile, Feindbilder und Verschwörungserzählungen geht.
Denn betrachtet man antisemitische Verschwörungstheorien, dann entsteht fast der Eindruck,
als würden seit Jahrhunderten dieselben Geschichten immer wieder erzählt. Nicht wortwörtlich,
aber nach demselben Drehbuch. Man ersetzt lediglich die Namen.
Aus dem römischen Kaiser wird ein amerikanischer Präsident,
aus einer mittelalterlichen Stadt wird eine moderne Großstadt.
Aus geheimen Handschriften werden geleakte E-Mails,
aus angeblicher Hexerei werden geheime Labore oder unterirdische Tunnel.
Und aus dem Marktplatz wird Facebook, Telegram oder X. Die Geschichte bleibt erstaunlich ähnlich.
Genau deshalb lohnt sich der Blick in die Vergangenheit. Denn wer verstehen möchte,
warum antisemitische Verschwörungstheorien heute noch Menschen überzeugen können,
muss zunächst verstehen, wie sie überhaupt entstanden sind. Dabei werden wir feststellen,
dass viele der Behauptungen, die uns heute in sozialen Netzwerken begegnen, keineswegs neu sind.
Im Gegenteil, sie sind oft mehrere Jahrhunderte oder sogar Jahrtausende alt.
Sie wurden immer wieder angepasst, modernisiert und an die jeweilige Zeit angeglichen.
Die Mechanismen dahinter blieben jedoch nahezu unverändert.
Im Laufe dieser Episode werden wir gemeinsam eine Reise durch rund zweitausend Jahre Geschichte
unternehmen. Wir beginnen im Alexanderjahr des ersten Jahrhunderts nach Christus. Wir werden sehen,
wie dort eines der ersten historisch belegten Pogrome gegen Juden entstanden und welche Gerüchte
diesem Gewaltausbruch, äh, vorausgingen.
Anschließend verfolgen wir die Entwicklung der Ritualmordlegende durch das Mittelalter bis in die
Neuzeit. Wir werfen einen Blick darauf, wie solche Erzählungen von Predigern,
Chronisten und später von Zeitungen weiterverbreitet wurden.
Wir sprechen über ihre Rolle im Nationalsozialismus und schließlich werden wir feststellen,
dass dieselben Erzählmuster Heute erneut auftauchen in modernen Verschwörungstheorien wie Pizzagate
oder QAnon, in antisemitischer Propaganda gegen den Staat Israel oder in den sozialen Medien,
wo sich Falschinformationen heute schneller verbreiten als jemals zuvor.
Dabei möchte ich eines ganz deutlich sagen:
Diese Folge beschäftigt sich mit zahlreichen historischen Lügen, Hasslegenden und Propagandamythen.
Ich werde viele dieser Behauptungen ausführlich schildern,
nicht weil an ihnen irgendetwas Wahres dran wäre, sondern weil man nur verstehen kann,
warum sie bis heute wirken, wenn man ihre Entstehung,
ihre Verbreitung und ihre Funktionsweise kennt.
Historiker beschäftigen sich mit diesen Quellen nicht, um sie zu bestätigen. Sie untersuchen sie,
um nachvollziehen zu können, wie Vorurteile entstehen,
wie sie sich über Generationen weiterverbreiten und warum sie immer wieder zu Ausgrenzungen,
Gewalt und schließlich zu Pogromen führen können.
Denn genau das ist vielleicht die wichtigste Erkenntnis dieser ganzen Geschichte.
Verschwörungstheorien sind keine harmlosen Spinnereien. Sie bleiben nur selten bei Worten.
Immer wieder gingen ihren Diskriminierung, Vertreibung, Gewalt oder sogar Massenmorde voraus.
Geschichten können Menschen begeistern, sie können Hoffnung geben, sie können Wissen vermitteln,
aber sie können eben auch Hass erzeugen.
Und manche Geschichten haben über Jahrhunderte hinweg unzählige Menschen das Leben gekostet.
Eine dieser Geschichten wollen wir heute gemeinsam untersuchen.
Unsere Reise beginnt im ersten Jahrhundert nach Christus,
genauer gesagt in einer der bedeutendsten Städte der antiken Welt, Alexandria. Ich hoffe,
ihr begleitet diese Reise durch die Geschichte. Macht es euch bequem und beginnen wir dort,
wo viele der späteren antisemitischen Verschwörungserzählungen erstmals greifbar werden.
Stellen wir uns für einen Moment vor,
wir könnten eine Reise fast zweitausend Jahre in die Vergangenheit unternehmen.
Unser Ziel ist eine Stadt,
die damals zu den größten und beeindruckendsten Metropolen der Welt gehörte: Alexandria.
Wer diesen Namen heute hört, hat vielleicht Bilder einer modernen Hafenstadt in Ägypten vor Augen.
Doch das Alexandria des ersten Jahrhunderts nach Christus war weit mehr als das.
Die Stadt galt als eines der kulturellen und wissenschaftlichen Zentren der gesamten antiken Welt.
Hier befand sich die berühmte Bibliothek von Alexandria,
der Name bis heute nahezu sprichwörtlich für Wissen geworden ist.
Auch wenn sie im Laufe ihrer Geschichte mehrfach beschädigt wurde und ihre Bedeutung zu diesem
Zeitpunkt bereits abgenommen hatte, blieb Alexandria ein Ort,
an dem Gelehrte aus den verschiedensten Teilen der damals bekannten Welt zusammenkamen.
Philosophen diskutierten über die Natur des Universums, Mathematiker entwickelten neue Theorien,
Ärzte betrieben medizinische Forschung, Händler brachten Waren aus Afrika, Arabien,
Indien und Europa in den riesigen Hafen der Stadt. Überall hörte man unterschiedliche Sprachen:
Griechisch, Latein, Hebräisch, Ägyptisch, Aramäisch.
Kaum eine andere Stadt war so vielfältig wie Alexandria.
Doch genau diese Vielfalt brachte nicht nur kulturellen Reichtum hervor,
sie erzeugte auch Spannungen. Denn überall dort, wo Menschen unterschiedlicher Herkunft,
Religion und Kultur eng zusammenleben, entstehen zwangsläufig Konflikte.
Die meisten lassen sich friedlich lösen, manche jedoch eskalieren.
Alexandria gehörte damals zum Römischen Reich.
Die Stadt war zwar ursprünglich von Alexander dem Großen gegründet worden,
stand aber inzwischen unter römischer Herrschaft. Die Römer hatten großes Interesse daran,
die Region stabil zu halten. Ägypten war gewissermaßen die Kornkammer ihres Reiches.
Ein erheblicher Teil des Getreides, das Rom versorgte, stammte von hier.
Ein Aufstand in Alexandria war deshalb keineswegs nur ein lokales Problem.
Er konnte die Versorgung einer Millionenmetropole gefährden.
In Alexandria lebte auch eine der größten jüdischen Gemeinden der damaligen Welt.
Historiker gehen davon aus, dass dort bereits seit mehreren Jahrhunderten Juden ansässig waren.
Viele ihrer Vorfahren waren schon in der Zeit der Ptolemäer nach Ägypten gekommen.
Sie betrieben Handel, arbeiteten als Handwerker,
Beamte oder Gelehrte und waren ein fester Bestandteil des wirtschaftlichen Lebens der Stadt.
Man darf sich diese jüdische Gemeinde also keineswegs als kleine Minderheit vorstellen.
Je nach Schätzungen könnte sie mehrere hunderttausend Menschen umfasst haben.
Damit gehörte sie zu den größten jüdischen Gemeinden außerhalb Judäas.
Gleichzeitig bewahrte sie ihre eigene religiöse und kulturelle Identität und genau hier begann eines
der Probleme.
Während die meisten Bewohner Alexandrias den zahlreichen Göttern der griechisch-römischen Welt
huldigten, bekannten sich die Juden ausschließlich zu einem einzigen Gott.
Für uns klingt das heute selbstverständlich,
doch im religiösen Denken der Antike war das keineswegs normal.
Die meisten Menschen hatten kein Problem damit, neue Gottheiten in ihren Glauben aufzunehmen.
Wenn man in eine andere Stadt reiste, opferte man eben zusätzlich den dortigen Göttern.
Religion war vielfach etwas Additives. Der jüdische Monotheismus funktionierte völlig anders.
Er sagte nicht, unser Gott ist einer unter vielen. Er sagte, es gibt nur einen Gott.
Alle anderen Götter existieren nicht. Das führte zwangsläufig zu Missverständnissen.
Viele Heiden empfanden diese Haltung als arrogant oder ablehnend.
Nicht selten wurde den Juden deshalb unterstellt,
sie würden die Götter anderer Völker verachten oder beleidigen. Hinzu kam ein weiterer Punkt:
Im Römischen Reich spielte der Kaiserkult eine wichtige politische Rolle.
Der Kaiser wurde vielerorts auch religiös verehrt.
Für die meisten Bewohner stellte das kein Problem dar. Man opferte eben zusätzlich dem Kaiser.
Die Juden lehnten dies jedoch aus religiösen Gründen ab.
Sie erhielten von den Römern besondere Ausnahmeregelungen, die ihnen erlaubten,
ihren Glauben auszuüben, ohne am Kaiserkult teilzunehmen. Aus heutiger Sicht könnte man sagen,
das war ein Ausdruck religiöser Toleranz.
Viele nichtjüdische Einwohner Alexandrias sahen das allerdings anders.
Sie empfanden diese Sonderregelung als ungerecht. Es entstand der Eindruck,
eine Bevölkerungsgruppe genieße Privilegien, die anderen verwehrt blieben.
Ob diese Wahrnehmung berechtigt war, ist eine andere Frage. Entscheidend ist vielmehr,
dass genau solche Vorstellungen häufig den Nährboden für Ressentiments bilden.
Wenn wirtschaftliche Konkurrenz, politische Spannung und religiöse Unterschiede zusammentreffen,
genügt oft ein vergleichsweise kleiner Anlass, damit Vorurteile in offenen Hass umschlagen.
Und genau das geschah im Jahr achtunddreißig nach Christus.
Damals regierte der römische Kaiser Caligula.
Bis heute gilt er als eine der schillerndsten und zugleich umstrittensten Gestalten der römischen
Geschichte. Vieles, was antike Autoren über ihn berichten,
dürfte überzeichnet oder propagandistisch gefärbt sein. Unbestritten ist jedoch,
dass seine Regierungszeit von politischen Spannungen geprägt war und seine Herrschaft zahlreiche
Konflikte auslöste. In dieser Zeit besuchte Herodes Agrippa der Erste,
ein Enkel Herodes des Großen und enger Vertrauter Caligulas, Alexandria.
Eigentlich hätte dieser Besuch kaum Anlass zu größeren Problemen geben müssen.
Doch in der aufgeheizten Stimmung der Stadt wirkte er wie ein Funke in einem Pulverfass.
Der Besuch wurde von Teilen der griechischen Bevölkerung verspottet.
Es kam zu öffentlichen Demütigungen, Provokationen und schließlich zu offenen Ausschreitungen.
Aus den Spannungen entwickelte sich innerhalb kurzer Zeit ein Gewaltausbruch.
Der jüdische Philosoph Philo von Alexandria, der die Ereignisse miterlebte,
schilderte in seinen Schriften ein erschütterndes Bild. Jüdische Häuser wurden geplündert,
Geschäfte verwüstet, Synagogen entweiht. Menschen wurden auf offener Straße misshandelt,
gefoltert und ermordet. Familien verloren ihr gesamtes Hab und Gut.
Viele mussten aus der Stadt fliehen.
Auch der Historiker Flavius Josephus berichtete später über diese Ereignisse und beschreibt,
dass die römischen Behörden nur unzureichend eingriffen. Ob aus Überforderung,
politischem Kalkül oder mangelndem Willen, darüber diskutiert die Forschung bis heute.
Für die Betroffenen machte das allerdings keinen Unterschied.
Das Pogrom von Alexandria gilt deshalb als das erste historisch gut belegte Pogrom gegen eine
jüdische Gemeinde. Doch so erschütternd diese Gewalt war, sie kam nicht aus dem Nichts.
Ihr ging eine Geschichte voraus. Gerüchte, Anschuldigungen, Erzählungen,
die Menschen gegeneinander aufbrachten. Und genau diese Geschichten sind der eigentliche Grund,
warum wir uns heute mit Alexandria beschäftigen.
Denn hier begegnen uns zum ersten Mal viele jener Behauptungen,
die den Antisemitismus über die nächsten zwei Jahrtausende prägen sollten.
Die Gewalt begann nicht mit Schwertern, sie begann mit Worten, mit Gerüchten,
mit erfundenen Geschichten, mit Verschwörungserzählungen.
Und genau diesen wollen wir uns jetzt zuwenden.
Nachdem wir nun die Ereignisse in Alexandria kennengelernt haben,
stellt sich eine entscheidende Frage: Wie konnte es überhaupt so weit kommen?
Menschen werden nicht plötzlich über Nacht zu Tätern. Gewalt entsteht selten aus dem Nichts.
Fast immer gibt es eine Vorgeschichte. Es gibt Gerüchte, Vorurteile, Feindbilder.
Und irgendwann werden aus diesen Feindbildern Geschichten. Geschichten,
die zunächst in kleinen Gruppen weitererzählt werden,
dann von Rednern aufgegriffen werden und schließlich als vermeintliche Tatsachen gelten.
Genau das gesch-- Auch in Alexandria.
Schon lange bevor die ersten Häuser brannten und die ersten Menschen ermordet wurden,
kursierten Gerüchte über die jüdische Bevölkerung. Es waren Erzählungen, die Angst erzeugen sollten.
Sie zeichneten das Bild einer Gemeinschaft, die angeblich nicht nur anders lebte als ihre Nachbarn,
sondern im Verborgenen finstere Pläne verfolgte. Wenn wir diese Geschichten heute lesen,
wirken sie geradezu grotesk und doch wurden sie damals von vielen Menschen geglaubt.
Eine der ältesten Anschuldigungen lautete, die Juden würden jedes Jahr einen Nichtjuden entführen,
ihn über Monate hinweg mästen, anschließend rituell töten,
sein Fleisch verzehren und sein Blut trinken.
Allein dieser Vorwurf erscheint aus heutiger Sicht völlig absurd, nicht nur moralisch,
sondern auch religiös. Denn wer sich auch nur oberflächlich mit dem Judentum beschäftigt, weiß,
dass der Verzehr von Blut nach den Speisegesetzen der Tora ausdrücklich verboten ist.
Tiere müssen nach den jüdischen Speisegesetzen sogar so geschlachtet werden,
dass ihr Blut möglichst vollständig ausläuft.
Blut gilt als Träger des Lebens und darf deshalb gerade nicht verzehrt werden. Mit anderen Worten:
Ausgerechnet den Juden wurde ein Verbrechen unterstellt,
das ihren eigenen religiösen Vorschriften diametral widerspricht.
Doch genau darin zeigt sich ein wichtiges Merkmal von Verschwörungserzählungen.
Sie müssen nicht logisch sein, sie müssen nur emotional wirken. Wer Angst hat,
überprüft Behauptungen oft nicht mehr kritisch. Und wenn sich eine Geschichte oft genug wiederholt,
erscheint sie irgendwann glaubwürdig, selbst dann, wenn sie jeder Vernunft widerspricht.
Neben der Blutbeschuldigung kursierten noch zahlreiche weitere Vorwürfe. Man behauptete,
Juden würden fremde Götter verachten und deren Heiligtümer schänden. Man unterstellte ihnen,
sie seien Feinde aller anderen Völker, sie würden sich absichtlich von ihren Mitmenschen abgrenzen,
sie würden heimlich die bestehende Ordnung untergraben,
sie seien einer fremden Macht loyal und könnten deshalb niemals echte Mitglieder der Gesellschaft
sein. Kommt euch das bekannt vor?
Vielleicht denkt ihr jetzt an moderne Schlagworte wie Parallelgesellschaft,
geheime Eliten oder der tiefe Staat.
Natürlich unterscheiden sich diese historischen Kontexte erheblich,
doch die Struktur der Erzählungen ist nahezu identisch. Es wird behauptet,
eine klar erkennbare Minderheit arbeite im Verborgenen gegen das Gemeinwohl.
Die Belege dafür bleiben aus. Stattdessen verweist man auf angebliche Indizien,
Gerüchte oder geheime Informationen, die sich angeblich einer Überprüfung entziehen.
Das ist eines der Grundmuster nahezu aller Verschwörungstheorien.
Interessant ist auch ein weiterer Vorwurf aus der Antike. Einige Autoren behaupten tatsächlich,
Juden seien gar keine richtigen Menschen. Sie seien Dämonen, Monster oder stünden mit finsteren,
übernatürlichen Mächten im Bund. Auch das ist keineswegs zufällig. Bevor Menschen bereit sind,
anderen Menschen Gewalt anzutun, müssen diese häufig zunächst entmenschlicht werden.
Die Sozialpsychologie spricht hier von der Dehumanisierung. Das bedeutet,
einer Gruppe werden Eigenschaften abgesprochen, die wir normalerweise mit Menschen verbinden.
Sie gelten nicht mehr als Mitmenschen, sondern als Bedrohung, als Krankheit, als Ungeziefer,
als Monster oder eben als Dämonen.
Diese Mechanismen begegnen uns in der Geschichte leider immer wieder, nicht nur im Antisemitismus,
auch bei vielen anderen Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit.
Die Entmenschlichung erleichtert Gewalt, denn wer sein Gegenüber nicht mehr als Menschen wahrnimmt,
empfindet auch weniger Mitgefühl. Ein weiterer Vorwurf lautete, Juden betrieben Magie.
Sie würden über geheimes Wissen verfügen.
Sie könnten andere Menschen durch Zauber oder dunkle Rituale beeinflussen.
Auch hier lohnt sich ein Blick auf die damalige Welt. Die Antike war von Religion,
Aberglauben und Magie geprägt. Viele Menschen glaubten an Orakel, an Flüche, Dämonen oder gött--
oder göttliche Zeichen.
In einer solchen Welt war der Vorwurf der Zauberei außerordentlich wirkungsvoll.
Er machte aus einer religiösen Minderheit eine vermeintlich übernatürliche Gefahr.
Besonders bekannt wurde in diesem Zusammenhang der griechische Schriftsteller Apion.
Er lebte im ersten Jahrhundert nach Christus und verfasste zahlreiche Schriften über Juden,
die allerdings nur bruchstückhaft erhalten sind.
Wir kennen viele seiner Behauptungen vor allem deshalb,
weil der jüdische Historiker Flavius Josephus sie später ausführlich zitierte und widerlegte.
Apion war ein gebildeter Mann. Er war kein uninformierter Straßenredner.
Gerade deshalb ist sein Beispiel so interessant, denn es zeigt,
dass Verschwörungserzählungen keineswegs nur unter ungebildeten Menschen verbreitet werden.
Auch gebildete Autoren können Vorurteile übernehmen, ausschmücken und weiterverbreiten.
Manchmal sogar besonders wirkungsvoll,
denn ihre gesellschaftliche Stellung verleiht ihren Aussagen zusätzliche Glaubwürdigkeit.
Wenn wir heute auf soziale Medien blicken, beobachten wir Ähnliches.
Eine Behauptung wirkt auf viele Menschen überzeugender, wenn sie von einem Arzt, einem Professor,
einem Unternehmer oder einer prominenten Persönlichkeit stammen. Ob sie tatsächlich richtig sind,
wird dabei oft gar nicht mehr geprüft. Autorität ersetzt Evidenz.
Dieses psychologische Muster ist zeitlos.
Doch warum trafen diese Geschichten überhaupt auf fruchtbaren Boden?
Die Antwort liegt weniger im Judentum als in den Bedürfnissen der Mehrheitsgesellschaft.
Verschwörungserzählungen erfüllen fast immer eine Funktion. Sie vereinfachen eine komplizierte Welt.
Sie liefern scheinbar klare Schuldige. Sie geben einfache Antworten auf schwierige Fragen.
Wenn eine Gesellschaft wirtschaftliche Probleme erlebt,
politische Unsicherheit herrscht oder sich kulturelle Veränderungen vollziehen,
wächst häufig das Bedürfnis nach einfachen Erklärungen. Anstatt komplexe Ursachen zu akzeptieren,
erscheint es vielen Menschen beruhigender, an einen einzelnen Verantwortlichen zu glauben.
Genau deshalb richten sich Verschwörungstheorien so häufig gegen Minderheiten.
Minderheiten verfügen meist über weniger politische Macht. Sie unterscheiden sich in Sprache,
Religion oder Kultur von der Mehrheit. Dadurch eignen sie sich besonders gut als Projektionsfläche.
Historiker sprechen in diesem Zusammenhang häufig vom Sündenbockmechanismus.
Der Begriff geht auf ein altes Ritual aus dem Alten Testament zurück.
Symbolisch wurden die Sünden des Volkes auf einen Bock übertragen,
der anschließend in die Wüste geschickt wurde. Im übertragenen Sinne bedeutet das,
eine Gesellschaft lädt ihre Ängste, ihre Krisen und ihre Konflikte auf eine einzelne Gruppe ab.
Diese Gruppe wird für Probleme verantwortlich gemacht, die sie gar nicht verursacht hat.
Genau dieses Muster begegnet uns in Alexandria und es wird uns im weiteren Verlauf unserer Reise
immer wieder begegnen. Denn die eigentliche Tragik besteht nicht darin,
dass einzelne Menschen solche Geschichten erfanden. Die Tragik besteht darin,
dass Millionen andere bereit waren, sie zu glauben. Und manchmal genügte genau das,
um Gewalt auszulösen. Und die Ritualmordlegende oder die Blutbeschuldigung,
wie Historiker sie auch häufig nennen, war eben eine dieser Verschwörungserzählungen,
die über Jahrhunderte und Jahrtausende hinweg immer wieder diesen Hass aufflammen ließen.
Es handelt sich um eine der erfolgreichsten Propagandalügen der europäischen Geschichte.
Und das Wort erfolgreich benutze ich hier ganz bewusst nicht, weil die Geschichte wahr gewesen wäre,
ganz im Gegenteil, sondern weil sie über fast zweitausend Jahre hinweg immer wieder geglaubt wurde.
Sie überdauerte das Römische Reich, das Mittelalter, die Aufklärung.
Sie überdauerte sogar den Holocaust und bis heute taucht sie in immer neuen Varianten auf.
Das allein sollte uns nachdenklich machen,
denn normalerweise verschwinden falsche Behauptungen irgendwann, spätestens dann,
wenn sie immer wieder widerlegt werden. Warum also nicht diese? Um das zu verstehen,
müssen wir zunächst einen Blick auf ihren Ursprung werfen.
Die ältesten bekanntesten Fassungen dieser Geschichte reichen bis in die hellenistische Zeit zurück.
Bereits im dritten Jahrhundert vor Christus finden sich bei dem ägyptischen Priester Manetho
polemische Darstellungen des Judentums,
die später von anderen Autoren aufgegriffen und weiter ausgeschmückt wurden.
Manetho war kein Augenzeuge, er berichtete nicht über tatsächliche Ereignisse.
Er erzählte Geschichten. Geschichten, die das Judentum als fremd,
gefährlich und moralisch verkommen darstellen sollten.
Im ersten Jahrhundert nach Christus griff dann der bereits erwähnte Apion diese Erzählungen auf.
Er fügte weitere Details hinzu und machte sie einem breiteren Publikum bekannt.
Hier begegnen wir einer Geschichte,
die in ihrer Struktur bereits alle Elemente der späteren Ritualmordlegende enthalten.
Stellen wir uns einmal vor,
der syrische König Antiochus der Vierte Epiphanes soll den Tempel in Jerusalem betreten haben. Dort,
so behauptete die Erzählung, entdeckte er einen völlig entkräfteten griechischen Gefangenen.
Der Mann erzählt ihm eine schreckliche Geschichte. Er sei von Juden entführt worden.
Fast ein Jahr lang habe man ihn in einem geheimen Raum des Tempels festgehalten.
Man habe ihn mit besonders reichhaltigem Essen gemästet, nicht aus Mitgefühl,
sondern damit er kräftig genug für ein grausames Ritual sei. Einmal im Jahr,
so berichtet der angebliche Gefangene, würden die Juden einen Griechen auswählen.
Sie würden ihn töten, sein Fleisch essen und anschließend einen Eid schwören,
den Hass auf die Griechen niemals aufzugeben.
Antiochus habe den Mann im letzten Moment befreit und damit dieses schreckliche Geheimnis
aufgedeckt. Eine dramatische Geschichte. Nur hatte sie einen entscheidenden Nachteil:
Sie war vollständig erfunden. Es gibt keinerlei zeitgenössische Belege für ein solches Ereignis,
keine archäologischen Quellen, keine jüdischen Quellen, keine unabhängigen Berichte.
Historiker sind sich deshalb heute einig,
dass es sich hier um eine politische Propaganderzählung handelt.
Doch damit stellt sich sofort eine andere Frage: Warum erfand jemand eine derart absurde Geschichte?
Die Antwort ist wahrscheinlich einfacher, als man zunächst vermuten würde.
Propaganda funktioniert selten über nüchterne Argumente.
Sie arbeitet mit Emotionen und kaum etwas löst stärkere Emotionen aus,
als Geschichten über unschuldige Opfer. Je grausamer die angeblichen Verbrechen erscheinen,
desto leichter lässt sich Hass erzeugen. Bis heute kennen wir dieses Prinzip.
Denken wir nur an Falschmeldungen über angebliche Kindesentführungen,
Organhandel oder satanische Kulte. Kaum taucht irgendwo eine solche Behauptung auf,
verbreitet sie sich oft rasend schnell. Nicht, weil sie gut belegt wäre,
sondern weil sie unsere stärksten Gefühle anspricht: Angst, Empörung, Ekel.
Und genau diese Mechanismen wurden bereits vor über zweitausend Jahren genutzt.
Besonders bemerkenswert ist dabei ein Detail. Die Geschichte war von Anfang an so konstruiert,
dass sie kaum wige-widerlegt werden konnte.
Denn die angeblichen Verbrechen sollten im Geheimen stattfinden.
Nur wenige Eingeweihte sollten davon wissen.
Fehlende Beweise galten deshalb nicht als Gegenargument. Im Gegenteil: Wer keine Beweise fand,
konnte jederzeit behaupten, die Täter hätten sie eben besonders gut versteckt.
Vielleicht kommt euch auch dieses Muster bekannt vor.
Es begegnet uns in nahezu jeder modernen Verschwörungstheorie.
Die Verschwörung ist immer so mächtig, dass sie sämtliche Spuren beseitigen kann. Wer widerspricht,
gehört angeblich selbst dazu. Damit wird jede sachliche Diskussion praktisch unmöglich.
Genau deshalb sind solche Erzählungen so schwer zu widerlegen. Sie immunisieren sich gegen Kritik.
Ein weiterer Punkt verdient besondere Aufmerksamkeit. Die Geschichte zielte nicht einfach darauf ab,
den Juden irgendein Verbrechen zu unterstellen.
Sie stellte sie als das völlige Gegenteil einer zivilisierten Gesellschaft dar.
Sie sollten nicht bloß Gegner sein, nicht bloß Andersgläubige, sondern Wesen,
die jede moralische Grenze überschritten hätten. Menschen,
die angeblich Freude am Leid anderer empfanden. Genau das ist das Wesen der Dämonisierung.
Eine Gruppe wird nicht mehr als normaler politischer oder religiöser Gegner dargestellt,
sie wird zum personifizierten Bösen. Wenn dieser Schritt erst einmal vollzogen ist,
fällt es einer Gesellschaft erheblich leichter, Gewalt gegen diese Gruppe zu rechtfertigen.
Denn wer glaubt, gegen das absolut Böse zu kämpfen,
hält sich selbst oft für den Helden der Geschichte.
Dieses Muster begegnet uns leider bis in die Gegenwart. Nicht nur beim Antisemitismus,
sondern überall dort, wo Menschen anderen Gruppen jede Menschlichkeit absprechen.
Doch die antike Ritualmordgeschichte enthält noch einen weiteren interessanten Aspekt.
Sie verbindet nämlich zwei unterschiedliche Ängste miteinander.
Auf der einen Seite die Angst vor einer geheimen Verschwörung,
auf der anderen Seite die Angst vor der rituellen Entweihung des menschlichen Körpers.
Diese Kombination ist außerordentlich wirkungsvoll,
denn sie spricht gleichzeitig unseren Verstand und unsere Gefühle an. Sie suggeriert,
da geschieht etwas Grauenvolles, und zwar heimlich.
Und genau diese Verbindung wird uns in den kommenden Jahrhunderten immer wieder begegnen.
Mal geht es um Brunnenvergiftung, mal geht es um Hostienschändung, um Ritualmorde,
um die geheime Weltverschwörung. Doch immer wieder lautet die Botschaft dieselbe:
Es gibt einen unsichtbaren Feind, der mitten unter uns lebt.
Vielleicht erkennt ihr inzwischen bereits ein Muster.
Die eigentliche Geschichte verändert sich ständig. Das Grundgerüst bleibt jedoch erstaunlich stabil.
Eine Minderheit, ein geheimes Verbrechen, unschuldige Opfer,
ein finsteres Ritual und die Behauptung, nur wenige mutige Menschen hätten den Mut,
die Wahrheit auszusprechen.
Genau deshalb ist die Ritualmordlegende weit mehr als eine historische Kuriosität.
Sie ist gewissermaßen die Blaupause zahlreicher späterer Verschwörungserzählungen.
Und obwohl sie in der Antike entstand,
sollte ihre eigentliche Karriere erst viele Jahrhunderte später beginnen,
im christlichen Europa des Hochmittelalters.
Dort entwickelte sich aus einer antiken Propagandalüge eine der folgenreichsten Hasslegenden der
europäischen Geschichte. England, Frühjahr 1144, eine Woche vor Ostern.
Die Straßen der Stadt Norwich sind voller Menschen. Händler bieten ihre Waren an,
Glocken läuten zum Gottesdienst, Handwerker gehen ihrer Arbeit nach.
Von außen betrachtet scheint alles seinen gewohnten Gang zu gehen.
Doch plötzlich verschwindet ein Junge. Sein Name ist William und er ist etwa zwölf Jahre alt.
Er arbeitet als Lehrling bei einem Kürschner.
Einige Tage später wird seine Leiche in einem Wald außerhalb der Stadt gefunden.
Dass ein Kind ermordet wurde, war schon damals eine schreckliche Nachricht,
doch zunächst wusste niemand, was geschehen war. Es gab keine Augenzeugen, keine Geständnisse,
keine forensischen Untersuchungen, wie wir sie heute kennen.
Es gab nur einen toten Jungen und viele offene Fragen. Heute würde die Polizei den Tatort absperren,
Spuren sichern, Zeugen vernehmen und versuchen, den Täter anhand objektiver Beweise zu ermitteln.
Im zwölften Jahrhundert sah die Welt jedoch völlig anders aus.
Kriminalistik im modernen Sinne existierte nicht. Wenn Menschen nach Erklärungen suchten,
griffen sie häufig auf Gerüchte, religiöse Vorstellungen oder übernatürliche Deutungen zurück.
Genau das geschah auch in Norwich. Schon bald tauchte eine Behauptung auf. Nicht irgendein Mörder,
nicht irgendein Räuber, sondern die Juden der Stadt sollten William getötet haben.
Und nicht einfach ermordet, nein, sie sollten ihn gefangen genommen,
tagelang gefoltert und schließlich in einer Nachstellung der Kreuzigung Jesu getötet haben.
Es war die erste ausführlich überlieferte Ritualmordbeschuldigung des christlichen Europas und
deswegen sprechen Historiker häufig von einem Wendepunkt.
Denn obwohl einzelne ältere Vorwürfe existieren, entstand hier erstmals eine Erzählung,
die sich wie eine Vorlage über ganz Europa verbreiten sollte.
An dieser Stelle müssen wir allerdings sehr genau unterscheiden zwischen dem historischen Ereignis
und der späteren Legende. Historisch gesichert ist lediglich,
dass William starb und seine Leiche im Wald gefunden wurde.
Alles andere gehört in den Bereich der Legendenbildung. Es gibt keinerlei Beweise dafür,
dass Juden an seinem Tod beteiligt waren.
Zeitgenössische königliche Untersuchungen führten zu keiner Anklage, also gegen niemanden.
Auch der Sheriff von Norwich sah offenbar keinen Anlass, gegen die jüdische Gemeinde vorzugehen.
Eigentlich hätte die Geschichte damit ja auch beendet sein können. Doch sie begann erst.
Etwa sechs Jahre später trat ein Benediktinermönch auf den Plan. Sein Name war Thomas von Monmouth.
Er war nicht Zeuge des Geschehens gewesen. Als William starb,
lebte Thomas vermutlich noch gar nicht in Norwich. Dennoch begann er, Berichte zu sammeln.
Oder genauer gesagt, er sammelte Erzählungen, Gerüchte und Hörensagen.
Aus all diesen Fragmenten formte er schließlich eine ausführliche Geschichte.
Um das Jahr 1150 veröffentlichte er sein Werk The Life and Passion of Saint William of Norwich.
Der Titel verrät bereits, wohin die Reise gehen soll.
William sollte nicht einfach ein Mordopfer sein, er sollte ein Märtyrer werden, ein Heiliger.
Und genau das veränderte die ganze Geschichte,
denn mittelalterliche Heilige waren nicht nur religiöse Vorbilder,
sie waren auch wirtschaftlich bedeutsam. Wo sich ein Heiliger befand, kamen Pilger.
Mit den Pilgern kamen Spenden. Mit den Spenden konnten Kirchen erweitert,
Klöster finanziert oder neue Bauprojekte verwirklicht werden.
Man darf das nicht zynisch missverstehen. Viele Menschen glaubten damals aufrichtig an Wunder.
Aber gleichzeitig entwickelte sich um bedeutende Wallfahrtsorte ein regelrechter Wirtschaftszweig.
Thomas von Monmouth hatte also ein starkes Interesse daran,
William als außergewöhnlichen Märtyrer erscheinen zu lassen.
Und dafür benötigte er einen außergewöhnlichen Täter.
In seinem Buch schildert Thomas die angeblichen Ereignisse mit beeindruckender Detailfülle.
Gerade diese Detailfülle machte die Geschichte für viele Menschen glaubwürdig, denn bis heute gilt,
je genauer eine erfundene Geschichte erzählt wird, desto eher halten viele Zuhörer sie für wahr.
Thomas beschreibt angebliche Verhöre, geheime Treffen, Rituale, Gespräche, Gebete, Folter.
Sogar den Ablauf der vermeintlichen Kreuzigung schildert er Schritt für Schritt.
Für moderne Historiker ist allerdings genau diese Ausführlichkeit ein Warnsignal,
denn Thomas konnte von all diesen Dingen unmöglich Kenntnis gehabt haben. Es gab keine Zeugen,
keine Geständnisse, keine Prozessakten. Seine Erzählung ist deshalb kein Tatsachenbericht.
Sie ist Literatur und zwar Propagandaliteratur. Er behauptete,
die Ermordung Williams sei keineswegs ein Einzelfall gewesen.
Vielmehr existiere ein geheimer Rat der bedeutendsten jüdischen Gemeinden Europas.
Dieser Rat treffe sich jedes Jahr angeblich im südfranzösischen Narbonne und entscheide,
welche jüdische Gemeinschaft im jeweiligen Jahr ein christliches Kind opfern müsse. Warum?
Weil die Juden, so behauptet Thomas, glaubten,
nur durch regelmäßige Menschenopfer könnten sie ihre politische Macht zurückgewinnen und eines Tages
nach Jerusalem zurückkehren. An dieser Stelle lohnt es sich, kurz innezuhalten,
denn hier begegnen wir zum ersten Mal einem Motiv,
das später zu den bekanntesten antisemitischen Verschwörungserzählungen überhaupt gehören wird.
Die Vorstellung einer geheimen internationalen jüdischen Organisation. Ein geheimer Rat,
geheime Treffen, geheime Beschlüsse, eine weltweite Zusammenarbeit im Verborgenen.
Kommt euch das bekannt vor? Ja, natürlich.
Denn genau dieses Muster taucht Jahrhunderte später wieder auf in den sogenannten Protokollen der
Weisen von Zion.
In der Erzählung einer angeblichen jüdischen Weltverschwörung und bis heute in zahllosen modernen
Verschwörungstheorien. Thomas von Monmouth erfand also nicht nur eine Mordgeschichte,
er erfand gleichzeitig eine internationale Verschwörung.
Und genau deshalb ist sein Werk historisch so bedeutsam. Es markiert einen Punkt,
an dem mehrere ältere Vorurteile miteinander verschmolzen.
Aus der antiken Blutbeschuldigung wurde nun eine umfassende Verschwörungserzählung.
Sie erklärte angeblich nicht nur den Tod eines Kindes, sie erklärte gleich die gesamte Welt.
Das ist übrigens ein Kennzeichen vieler erfolgreicher Verschwörungstheorien.
Sie liefern keine Antwort auf eine einzelne Frage. Sie behaupten, fast alles erklären zu können.
Wer sie glaubt, hat das Gefühl, hinter die Kulissen der Geschichte zu blicken.
Plötzlich scheint alles zusammenzupassen. Politik, Religion, Krisen, Kriege,
alles wird Teil eines großen geheimen Plans.
Gerade deshalb üben solche Erzählungen eine enorme Faszination aus.
Sie reduzieren die Komplexität der Welt auf eine scheinbar einfache Erklärung.
Leider mit katastrophalen Folgen,
denn schon bald blieb die Geschichte von William nicht mehr auf Norwich beschränkt.
Prediger erzählten sie weiter. Pilger nahmen sie mit in andere Städte, Klöster schrieben sie ab,
Chronisten übernahmen sie und innerhalb weniger Jahrzehnte entstanden überall in Europa ähnliche
Geschichten. Immer wieder verschwand ein Kind,
immer wieder fehlten Beweise und immer wieder lautete die angebliche Antwort:
Es müssen die Juden gewesen sein. Eine Legende hatte begonnen,
Europa zu erobern und mit jeder Wiederholung wurde sie gefährlicher. Und überall, wo sie auftauchte,
folgte sie demselben Muster. Ein Kind verschwindet, eine Leiche wird gefunden,
die Bevölkerung verlangt nach einer Erklärung, Beweise gibt es keine.
Also richtet sich der Verdacht gegen die jüdische Gemeinde. Aus einem Verdacht wird ein Gerücht,
aus einem Gerücht wird eine Gewissheit und,
und aus dieser vermeintlichen Gewissheit entsteht Gewalt.
Dieses Muster wiederholt sich immer wieder, fast wie ein Drehbuch.
Historiker sprechen deshalb nicht von einzelnen Zufällen.
Sie erkennen ein gesellschaftliches Schema und genau dieses Schema wollen wir uns nun etwas genauer
anschauen. Beginnen wir im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation.
Im Jahr 1287 verschwindet in der Nähe von Bacharach am Rhein ein sechzehnjähriger Junge.
Sein Name ist Werner. Wenig später wird seine Leiche gefunden. Schon bald kursiert die Behauptung,
Juden hätten ihn aus rituellen Gründen ermordet. Was folgte,
war kein Gerichtsverfahren im modernen Sinne. Es gab keine kriminaltechnischen Untersuchungen,
keine objektive Beweisaufnahme.
Stattdessen verbreitete sich das Gerücht mit erstaunlicher Geschwindigkeit.
Innerhalb kurzer Zeit kam es zu Pogromen entlang des Mittelrheins.
Jüdische Gemeinden wurden überfallen, Menschen ermordet, Häuser geplündert,
viele Überlebende flohen. Später entwickelte sich um Werner sogar eine regelrechter Wallfahrtskult.
Kirchen wurden nach ihm benannt,
Gläubige pilgerten zu seinem Grab und obwohl es nie Beweise für die Anschuldigungen gegeben hatte,
hielt sich die Geschichte über Jahrhunderte.
Heute hat die katholische Kirche diesen Kult längst beendet,
doch über viele Generationen galt Werner von Oberwesel tatsächlich als Märtyrer. Allein das zeigt,
wie tief sich solche Legenden im kollektiven Gedächtnis verankern konnten.
Nur wenige Jahrzehnte später begegnet uns dasselbe Muster erneut. Diesmal in Trient.
Wir schreiben das Jahr 1475. Es ist die Karwoche. Der zweijährige Simon verschwindet.
Wenig später wird seine Leiche gefunden. Fast sofort geraten die Juden der Stadt unter Verdacht.
Diesmal kommt noch etwas hinzu: Unter der Folter werden Geständnisse erpresst.
An dieser Stelle müssen wir uns bewusst machen, was Folter im Mittelalter bedeutete.
Sie diente keineswegs dazu, die Wahrheit herauszufinden. Sie produzierte Aussagen.
Wer unvorstellbare Schmerzen erleidet, gesteht irgendwann fast alles. Nicht,
weil das Geständnis wahr wäre, sondern weil die Qual endlich enden soll.
Genau deshalb betrachten Historiker unter Folter erzwungene Aussagen heute grundsätzlich nicht als
glaubwürdige Beweise. Im Fall Simon von Trient führte dies dennoch zu einer Katastrophe.
Mehrere Mitglieder der jüdischen Gemeinde wurden hingerichtet, andere verloren ihren Besitz.
Die Gemeinde wurde praktisch ausgelöscht und doch, damit endete die Geschichte nicht.
Sie begann erst. Denn Simon wurde nun als Heiliger verehrt. Sein Bild erschien auf Altären,
seine Geschichte wurde weiter erzählt. Predigten griffen sie auf, Flugschriften verbreiteten sie.
Künstler stellten den angeblichen Ritualmord in drastischen Bildern dar.
Je häufiger die Geschichte erzählt wurde, desto glaubwürdiger erschien sie.
Dabei spielt ein psychologischer Mechanismus eine entscheidende Rolle. Menschen neigen dazu,
Informationen für wahr zu halten, wenn sie ihnen häufig begegnen.
Die Psychologie nennt dieses Phänomen den Illusory Trust Effect,
den Wahrheitseffekt durch Wiederholung. Eine Aussage wird nicht deshalb glaubwürdig,
weil sie gut belegt wäre, sondern weil unser Gehirn sie immer wieder hört.
Vertrautheit wird unbewusst mit Wahrheit verwechselt.
Genau deshalb sind ständige Wiederholungen in Propaganda so wirkungsvoll.
Sie ersetzen Beweise durch Gewöhnung.
Auch Simon von Trient wurde über Jahrhunderte hinweg immer wieder dargestellt,
immer wieder wurde seine Geschichte erzählt, immer wieder wurde er verehrt,
bis schließlich kaum noch jemand nach den tatsächlichen Beweisen fragte. Ein weiterer Fall,
der bis heute bekannt ist, stammt aus Tirol.
Dort soll im Jahr 1462 ein kleiner Junge namens Anderl von Rinn einem jüdischen Ritualmord zum Opfer
gefallen sein. Doch dieser Fall ist aus historischer Sicht be-besonders bemerkenswert. Warum?
Weil die eigentliche Ritualmordgeschichte erst mehr als zweihundert Jahre später entstand.
Es existieren keinerlei zeitgenössische Berichte über einen Ritualmord. Erst im 17.
Jahrhundert begann der Arzt Hippolyte Guarino, die Legende systematisch auszuschmücken.
Mit anderen Worten: Eine Geschichte über ein angebliches Verbrechen wurde erfunden,
lange nachdem die angeblichen Täter und Zeugen längst tot waren.
Und dennoch entwickelte sich daraus einer der bedeutendsten Wallfahrtsorte Tirols.
Noch bis weit ins 20. Jahrhundert pilgerten Gläubige nach Rinn.
Erst 1994 untersagte die katholische Kirche offiziell den Kult um Anderl von Rinn.
Das ist ein bemerkenswerter Zeitpunkt. Viele von uns haben damals bereits gelebt. Das bedeutet,
eine mittelalterliche Ritualmordlegende wurde kirchlicherseits erst vor gut drei Jahrzehnten
endgültig beendet. Allein daran erkennt man, wie langlebig solche Erzählungen sein können.
Betrachten wir diese Fälle gemeinsam, fällt etwas auf. Es spielt fast keine Rolle,
in welcher Stadt wir uns befinden. Norwich, Bacharach, Trier, Trier oder später Xanten und Konitz.
Die Namen ändern sich, doch die Geschichte kaum. Fast immer verschwindet ein Kind,
fast immer gibt es keine belastbaren Beweise, fast immer wird behauptet,
die Tat habe in geheimer Absicht stattgefunden, fast immer folgen Folter,
Pogrome oder Vertreibungen. Und fast immer entsteht anschließend ein Märtyrerkult.
Historiker sprechen deshalb von einem Erzählmuster, nicht von voneinander unabhängigen Ereignissen.
Es ist beinahe so, als würde ein Theaterstück immer wieder mit neuen Schauspielern aufgeführt.
Die Kulisse verändert sich, der Text bleibt aber derselbe.
Doch warum glaubten Menschen diese Geschichten eigentlich so bereitwillig?
Hier lohnt sich ein kurzer Blick auf die mittelalterliche Lebenswelt.
Für die meisten Menschen war Religion kein Teil des Lebens, sie war das Leben. Naturkatastrophen,
Krankheiten, Missernten, Kriege, alles wurde religiös gedeutet.
Gleichzeitig war die Kindersterblichkeit erschreckend hoch.
Seuchen konnten ganze Familien auslöschen.
Das Bedürfnis nach einfachen Erklärungen war entsprechend groß.
Wenn dann ein Kind verschwand oder ermordet wurde, suchten die Menschen nach einem Schuldigen.
Ein unbekannter Einzeltäter war schwer vorstellbar. Eine angebliche Gruppe,
geheime Gruppe dagegen bot eine scheinbar einfache Antwort. Je stärker die Angst,
desto größer die Bereitschaft, einfache Erklärungen anzunehmen.
Dieses Prinzip gilt übrigens bis heute.
Auch moderne Verschwörungstheorien gewinnen besonders in Zeiten gesellschaftlicher Unsicherheit an
Zustimmung. Die Mechanismen haben sich kaum verändert, nur ihre Verpackung.
Und genau diese Verpackung veränderte sich erneut, als Europa in die frühe Neuzeit eintritt.
Mit dem Buchdruck verbreiten sich Geschichten plötzlich schneller als je zuvor.
Aus lokalen Gerüchten werden europaweit bekannte Erzählungen und später wird eine politische
Bewegung diese alten Legenden gezielt nutzen, um Hass zu schüren.
Damit nähern wir uns einem der dunkelsten Kapitel dieser Geschichte,
der antisemitischen Propaganda der Neuzeit und schließlich des Nationalsozialismus.
Nachdem wir nun mehrere Jahrhunderte durchquert haben,
möchte ich an dieser Stelle eine kleine Pause in unserer historischen Reise einlegen.
Denn vielleicht stellt ihr euch inzwischen dieselbe Frage wie Historiker,
Psychologen und Soziologen seit Jahrzehnten: Wie konnte es eigentlich sein,
dass Menschen solche Geschichten glaubten? Denn seien wir doch mal ehrlich: Wenn wir heute hören,
eine religiöse Minderheit würde heimlich Kinder entführen,
ihr Blut trinken und sich in geheimen Versammlungen gegen die gesamte Gesellschaft verschwören,
erscheint uns das doch vollkommen absurd. Warum also glaubten intelligente Menschen so etwas?
Waren sie einfach ungebildet, naiv, leichtgläubig? Nein, zumindest nicht in dieser einfachen Form,
denn eines zeigt uns die Geschichte sehr deutlich:
Verschwörungstheorien sind kein Problem mangelnder Intelligenz.
Sie sind ein zutiefst menschliches Phänomen. Sie entstehen dort, wo unser Gehirn versucht,
Ordnung in eine komplizierte Welt zu bringen. Und genau das tut unser Gehirn ständig.
Stellt euch einmal vor, ihr geht nachts allein durch einen Wald. Plötzlich raschelt es im Gewisch.
Euer Gehirn stellt sich sofort eine Frage: Was war das? Der Wind? Ein Reh?
Oder eine tatsächliche Gefahr? Aus evolutionärer Sicht wäre es für unsere Vorfahren klüger,
einmal zu oft eine Gefahr anzunehmen, als einmal zu wenig. Wenn jedes Rascheln ignoriert wird,
hatte man unter Umständen schlechte Überlebenschancen.
Deshalb ist unser Gehirn darauf spezialisiert, Muster zu erkennen. Manchmal sogar dort,
wo gar keine sind. Psychologen sprechen hier von Mustererkennung oder Pattern Recognition.
Diese Fähigkeit hat der Mensch über Hunderttausende von Jahren entwickelt.
Sie hilft uns im Alltag ständig. Wir erkennen Gesichter, wir erkennen Sprache,
wir erkennen Zusammenhänge. Doch dieselbe Fähigkeit hat auch eine Schattenseite.
Wir erkennen manchmal Zusammenhänge, die überhaupt nicht existieren.
Wir verbinden Ereignisse miteinander, obwohl sie völlig unabhängig voneinander sind.
Aus Zufällen werden scheinbare Beweise und genau dort beginnt häufig eine Verschwörungserzählung.
Hinzu kommt ein zweiter Mechanismus: Menschen mögen keine Unsicherheit.
Unser Gehirn liebt Erklärungen.
Selbst schlechte Erklärungen erscheinen oft angenehmer als gar keine. Wenn ein Kind verschwindet,
möchten wir wissen, warum. Wenn eine Pandemie ausbricht, suchen wir nach Ursachen.
Wenn eine Wirtschaftsgröße Millionen Menschen betrifft, wollen wir Verantwortliche kennen.
Komplexität ist anstrengend. Sie verlangt Geduld. Sie verlangt,
verschiedene Faktoren gleichzeitig zu berücksichtigen.
Verschwörungstheorien bieten dagegen etwas sehr Verlockendes. Sie vereinfachen die Welt.
Plötzlich gibt es nur noch einen Schuldigen, eine Gruppe, eine Organisation, eine geheime Elite.
Alles scheint sich auf einmal logisch erklären zu lassen. Und genau darin liegt ihre Attraktivität.
Nicht ihre Wahrheit, sondern ihre Einfachheit.
Ein weiterer wichtiger Begriff aus der Psychologie lautet Bestätigungsfehler,
im Englischen Confirmation Bias. Damit ist gemeint, dass wir Informationen bevorzugen,
die unsere bereits vorhandenen Überzeugungen bestätigen. Nehmen wir ein einfaches Beispiel:
Angenommen, jemand ist überzeugt,
dass eine bestimmte Bevölkerungsgruppe grundsätzlich gefährlich sei.
Begeht nun ein Mitglied dieser Gruppe tatsächlich eine Straftat, wird dies als Beweis angesehen.
Tausende friedliche Mitglieder derselben Gruppe werden dagegen kaum wahrgenommen.
Unser Gehirn filtert Informationen. Es merkt sich bevorzugt das,
was in das bereits vorhandene Weltbild passt. Das ist keine Bosheit,
das ist menschliche Psychologie. Deshalb sollten wir alle vorsichtig sein.
Niemand ist vollständig gegen solche Denkfehler immun. Auch Wissenschaftler nicht.
Auch Historiker nicht. Auch ich nicht. Der Unterschied besteht lediglich darin,
dass wissenschaftliches Arbeiten versucht,
genau diese Denkfehler durch überprüfbare Methoden auszugleichen.
Es gibt einen weiteren Mechanismus, der für unser Thema besonders wichtig ist,
den sogenannten Sündenbockmechanismus. Stellt euch eine mittelalterliche Stadt vor.
Die Ernte ist schlecht, eine Seuche breitet sich aus, Kinder sterben, der Winter ist hart.
Niemand kennt Bakterien, Viren, niemand versteht das Klima. Die Menschen erleben nur eines:
Ihr Leben gerät aus den Fugen. Die Frage ist also: Wer ist schuld?
Die ehrlichste Antwort wäre natürlich gewesen: Wir wissen es nicht.
Doch genau diese Antwort fällt Menschen schwer. Also sucht man jemanden,
auf den sich die Angst richten kann. Eine Minderheit, Fremde, Menschen mit einer anderen Religion,
mit einer anderen Sprache, mit anderen Bräuchen. Sie fallen auf,
sie unterscheiden sich sichtbar von der Mehrheit.
Damit eignen sie sich hervorragend als Projektionsfläche.
Die eigentlichen Probleme verschwinden dadurch natürlich nicht,
aber sie erscheinen plötzlich erklärbar.
Der französische Philosoph René Girard hat diesen Mechanismus ausführlich beschrieben.
Er argumentierte, dass Gesellschaften in Krisenzeiten häufig versuchen,
ihre inneren Spannungen auf eine einzelne Person oder Gruppe zu übertragen.
Ob man seiner Theorie in allen Punkten folgt oder nicht, sie bietet einen hilfreichen Blick darauf,
warum Minderheiten in unterschiedlichen Zeiten immer wieder zu Sündenböcken wurden.
Vielleicht fällt euch inzwischen auf, dass wir über etwas sprechen,
das weit über den Antisemitismus hinausgeht.
Natürlich hat die Ritualmordlegende eine spezifische Geschichte,
aber die psychologischen Mechanismen dahinter finden wir auch an vielen anderen Stellen.
Hexenverfolgungen, Panik vor Geheimbünden, Gerüchte über Brunnenvergiftungen während der Pest,
die sogenannte Satanic Panic in den Vereinigten Staaten der 1980er Jahre oder moderne Behauptungen
über geheime Eliten, die angeblich im Hintergrund die Welt steuern. Die Namen ändern sich,
die psychologischen Grundmuster bleiben erstaunlich ähnlich.
Und dann gibt es noch einen letzten Punkt, den ich besonders wichtig finde. Viele Menschen glauben,
sie selbst würden niemals auf eine Verschwörungstheorie hereinfallen. Das klingt zunächst plausibel,
doch gerade diese Überzeugung kann gefährlich sein, denn sie vermittelt uns das Gefühl,
gegen Manipulation immun zu sein. In Wirklichkeit sind wir das nicht.
Jeder Mensch kann auf Falschinformationen hereinfallen. Ich eingeschlossen. Ihr eingeschlossen.
Der entscheidende Unterschied besteht nicht darin, niemals einem Irrtum zu unterliegen,
sondern darin, bereit zu sein, die eigene Meinung zu ändern, wenn neue belastbare Belege auftauchen.
Genau das ist wissenschaftliches Denken. Es bedeutet nicht, alles zu wissen. Es bedeutet,
Irrtümer korrigieren zu können. Verschwörungstheorien funktionieren genau umgekehrt.
Sie ändern ihre Meinung niemals. Wenn Beweise fehlen,
gilt das als Beweis für die Macht der Verschwörer. Wenn eine Behauptung widerlegt wird,
entsteht sofort die nächste. Dadurch werden solche Weltbilder nahezu unangreifbar.
Vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis dieses Kapitels.
Menschen glauben Verschwörungstheorien nicht in erster Linie, weil sie dumm wären. Sie glauben sie,
weil sie menschlich sind, weil unser Gehirn Muster sucht, weil wir Unsicherheit schlecht ertragen,
weil wir einfache Antworten bevorzugen und weil Angst unsere Fähigkeit zum kritischen Denken
beeinträchtigen kann. Genau deshalb lohnt sich historische Bildung. Nicht nur,
um die Vergangenheit besser zu verstehen, sondern auch, um die Gegenwart klarer zu sehen.
Denn wenn wir erkennen, nach welchen Mustern Verschwörungserzählungen funktionieren,
fällt es uns leichter, sie auch in modernen Varianten zu erkennen.
Und genau an diesem Punkt setzen wir unsere Reise fort. Denn im nächsten Abschnitt erleben wir,
wie Jahrhunderte alte Legenden plötzlich auf modernste Massenmedien treffen. Auf Zeitungen, Plakate,
Fotografie für Radio, Film.
Propaganda wird nun industriell produziert und die Ritualmordlegende erhält eine Reichweite,
wie sie sie zuvor niemals besessen hatte.
Wir nähern uns einem der dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte.
Wenn wir heute an Antisemitismus denken, denken viele Menschen zuerst an den Nationalsozialismus.
Das ist verständlich.
Schließlich stellt der Holocaust den grausamsten Höhepunkt des antisemitischen Hasses in der
europäischen Geschichte dar. Doch gerade deshalb ist es wichtig, sich auch eines bewusst zu machen:
Der Nationalsozialismus hat den Antisemitismus nicht erfunden und auch die Ritualmordlegende
entstand nicht erst im Dritten Reich. Hitler, Goebbels,
Streicher und ihre Mitstreiter mussten diese Geschichten gar nicht neu erfinden.
Sie lagen bereits fertig vor, seit Jahrhunderten. Sie mussten sie lediglich wieder hervorholen.
Bevor wir jedoch in die Zeit des Nationalsozialismus springen,
lohnt sich noch ein kurzer Blick auf das ausgehende 19. Jahrhundert.
Denn hier erleben wir etwas Bemerkenswertes. Europa befindet sich mitten in der Moderne.
Die industrielle Revolution verändert nahezu alle Lebensbereiche. Eisenbahnen verbinden Städte,
Telegrafen übermitteln Nachrichten in wenigen Augenblicken,
Zeitungen erscheinen in zehntausenden Auflagen.
Die Naturwissenschaften erleben einen beispiellosen Aufschwung.
Charles Darwin veröffentlicht seine Evolutionstheorie,
Louis Pasteur entdeckt die Bedeutung von Mikroorganismen,
Robert Koch identifiziert Krankheitserreger. Eigentlich könnte man erwarten,
dass mit diesem wissenschaftlichen Fortschritt auch alte Aberglauben verschwinden.
Doch genau das geschieht nicht, im Gegenteil.
Alte Vorurteile erhalten plötzlich neue Verbreitungswege.
Ein eindrucksvolles Beispiel liefert der sogenannte Xantener Ritualmordvorwurf.
Im Jahr 1891 wird in der niederrheinischen Stadt Xanten der fünfjährige Johann Hegemann tot
aufgefunden. Schon bald richtet sich der Verdacht gegen den jüdischen Metzger Adolf Buschhoff.
Die Anschuldigungen erinnern in erschreckender Weise an die mittelalterlichen Ritualmordlegenden.
Erneut wird behauptet,
ein jüdischer Täter habe ein christliches Kind aus religiösen Gründen ermordet.
Dabei gibt es keinerlei belastbare Beweise, dennoch greifen zahlreiche Zeitungen die Geschichte auf.
Gerüchte verbreiten sich weit über Xanten hinaus. Buschhoff wurde schließlich vor Gericht gestellt,
nach einem umfangreichen Verfahren aber glücklicherweise freigesprochen.
Es gab schlicht keine Beweise für die erhobenen Vorwürfe.
Doch der Freispruch bedeutete keineswegs das Ende der Geschichte.
Für überzeugte Antisemiten war der Freispruch kein Beweis für seine Unschuld.
Es galt vielmehr als Beleg dafür,
dass angeblich mächtige jüdische Kreise Einfluss auf Justiz und Politik genommen hätten.
Vielleicht erinnert ihr euch an unseren Abschnitt über die Psychologie von Verschwörungstheorien.
Genau hier begegnet uns wieder derselbe Mechanismus. Widersprechende Fakten werden nicht akzeptiert,
sie werden in die Verschwörung eingebaut. Damit wird das gesamte Weltbild gegen Kritik immun.
Nur wenige Jahre später folgt der nächste spektakuläre Fall: die sogenannte Konitzer Mordaffäre.
Im Jahr 1900 wird im westpreußischen Konitz der Gymnasiast Ernst Winter ermordet.
Sein Leichnam wird zerstückelt aufgefunden.
Die Bevölkerung reagiert natürlich entsetzt und wieder beginnt nahezu sofort die Suche nach einem
Schuldigen. Obwohl die Ermittlungen keinen Hinweis auf einen jüdischen Ritualmord ergeben,
verbreiten antisemitische Agitatoren entsprechende Gerüchte. Es kommt zu Ausschreitungen.
Jüdische Geschäfte werden angegriffen, Wohnungen verwüstet, Menschen bedroht.
Auch hier zeigt sich erneut ein Muster, das wir inzwischen gut kennen: Ein Verbrechen,
öffentliche Empörung, Gerüchte, antisemitische Hetze, Gewalt. Fast könnte man meinen,
Europa habe aus den vergangenen Jahrhunderten nichts gelernt.
Doch nun kommt eine neue Entwicklung hinzu: die Massenmedien.
Während sich mittelalterliche Legenden über Predigten oder handgeschriebene Chroniken verbreiteten,
konnten antisemitische Hetzer ihre Botschaften nun millionenfach drucken lassen.
Zeitungen wurden zum wichtigsten Propagandainstrument ihrer Zeit und niemand verstand dieses Medium
besser als ein Mann namens Julius Streicher.
Streicher war einer der fanatischsten Antisemiten des nationalsozialistischen Deutschlands.
Er war weder ein bedeutender Militär noch ein besonders einflussreicher Minister.
Seine eigentliche Waffe war die Propaganda. 1923 gründete er die Wochenzeitung Der Stürmer.
Schon der Name war Programm. Diese Zeitung wollte nicht informieren. Nein, sie wollte angreifen,
sie wollte verletzen, Hass erzeugen.
Der Stürmer war berüchtigt für seine drastische Sprache und seinen oft grotesken Illustrationsstil.
Juden wurden darin nicht als Menschen dargestellt. Sie erschienen als Dämonen, Parasiten, Raubtiere,
als moralisch verkommene Wesen. Besonders perfide war jedoch etwas anderes:
Immer wieder griff der Stürmer die Jahrhunderte alte Ritualmordlegende auf.
Artikel schilderten angebliche jüdische Ritualmorde in einer Ausführlichkeit,
die an mittelalterliche Heiligenlegenden erinnerte. Dabei wurden grausame Details erfunden.
Kinder wurden angeblich gefoltert, ihr Blut sollte für religiöse Rituale verwendet werden.
All diese Geschichten waren natürlich frei erfunden.
Doch genau wie im Mittelalter erzeugten sie starke Emotionen und genau das war auch ihr Zweck.
Streicher wusste sehr genau,
dass Angst und Ekel mächtigere politische Werkzeuge sein könnten als nüchterne Argumente.
Besonders erschreckend ist aus heutiger Sicht die Bildsprache.
Die Karikaturen im Stürmer zeigen übergroße Nasen, gierige Gesichter,
blutverschmierte Hände und dämonische Fratzen.
Sie knüpften bewusst an jahrhundertealte Stereotype an. Diese Bilder erfüllten einen klaren Zweck.
Sie sollten Juden nicht nur kritisieren, sie sollten sie entmenschlichen.
Denn wer Menschen dauerhaft als Monster darstellt, senkt die Hemmschwelle,
Gewalt gegen sie auszuüben. An dieser Stelle lohnt sich ein kurzer Blick auf die Sozialpsychologie.
Der amerikanische Psychologe Albert Bandura prägte später den Begriff der moralischen Entkoppelung
auf Englisch Moral Disengagement. Damit beschreibt er einen Prozess,
bei dem Menschen moralische Hemmungen verlieren,
weil sie ihre Opfer nicht mehr als gleichwertige Menschen wahrnehmen. Genau das leistet Propaganda.
Sie verändert nicht nur Meinungen, sie verändert moralische Maßstäbe. Aus Mitmenschen werden Feinde,
aus Feinden werden Ungeheuer und gegen Ungeheuer erscheint plötzlich nahezu jede Gewalt
gerechtfertigt. Das macht Propaganda so gefährlich. Sie bereitet Gewalt nicht erst vor.
Sie ist häufig bereits ein Teil der Gewalt. Denn bevor Menschen deportiert,
entrechtet oder ermordet werden, müssen sie zunächst sprachlich und bildlich entmenschlicht werden.
Die Ritualmordlegende spielt dabei eine besondere Rolle. Sie behauptet nicht nur,
Juden seien politische Gegner, sie unterstellt ihnen das schlimmste Verbrechen,
das sich Menschen vorstellen könnten, den Mord an Kindern.
Damit wurde jeder Gedanke an Mitgefühl nahezu unmöglich gemacht. Man muss sich vor Augen führen,
welche Wirkung das hatte. Wenn ein Mensch ernsthaft glaubt,
sein Nachbar entführe Kinder und trinke deren Blut,
wird er ihn kaum noch als schützenswerten Mitbürger ansehen.
Genau darin liegt die tödliche Macht solcher Erzählungen.
Sie verändert den moralischen Blick auf andere Menschen.
Und genau deshalb waren sie ein so wirkungsvolles Werkzeug nationalsozialistischer Propaganda.
Als schließlich 1933 die Nationalsozialisten die Macht übernahmen,
mussten sie der Bevölkerung den Antisemitismus nicht völlig neu erklären.
Viele Vorurteile waren längst vorhanden. Die Propaganda griff auf Bilder zurück,
die seit Jahrhunderten bekannt waren. Neu war lediglich ihre Reichweite durch Zeitung, Radio, Film,
Plakate, Schulbücher, Kinderbücher.
Nie zuvor hatte ein Staat über derart viele Möglichkeiten verfügt,
dieselben Lügen gleichzeitig millionenfach zu verbreiten.
Die Ritualmordlegende war damit endgültig von einer lokalen Hassgeschichte zu einem Bestandteil
staatlicher Massenpropaganda geworden.
Und genau diese Entwicklung ebnete den Weg für die größte Katastrophe der europäischen Geschichte,
den Holocaust. Über den Holocaust werden wir im nächsten Abschnitt nicht im Detail sprechen,
denn darüber ließen sich viele eigene Podcast-Folgen produzieren.
Uns interessiert vielmehr eine andere Frage:
Warum verschwanden die alten Verschwörungstheorien selbst nach Auschwitz nicht?
Warum tauchten sie wenige Jahre später erneut auf?
Und weshalb begegnen sie uns heute wieder in erstaunlich ähnlicher Form? Man könnte annehmen,
dass nach dem Zweiten Weltkrieg, nach den befreiten Konzentrationslagern,
nach den Millionen ermordeten Jüdinnen und Juden niemand mehr bereit gewesen wäre,
antisemitischen Verschwörungserzählungen Glauben zu schenken. Man sollte meinen,
dass Auschwitz das endgültige Ende solcher Legenden bedeutet hätte.
Doch genau das ist nicht geschehen. Und ich glaube,
genau diese Tatsache gehört zu den bedrückendsten Erkenntnissen der gesamten Geschichte,
die wir heute erzählen. Denn nach 1945 verschwand der Antisemitismus nicht.
Er veränderte lediglich seine Sprache, seine Bilder, seine Erzählungen.
Manche alten Mythen wurden leiser,
andere traten unter neuem Namen wieder hervor und einige verschwanden nie wirklich.
Sie warteten lediglich auf einen günstigen Moment, um erneut erzählt zu werden.
Vielleicht ist genau das eine der wichtigsten Lehren der Geschichte.
Vorurteile sterben nicht automatisch mit den Menschen, die sie verbreiten.
Sie können Generationen überdauern. Sie werden weitererzählt an Kinder, an Enkel, an Freundeskreise,
manchmal in der Familie, manchmal im Internet und manchmal sogar von staatlichen Institutionen.
Beginnen wir mit einem Beispiel, das viele Menschen überrascht.
Erinnert ihr euch an Anderl von Rinn, von dem ich euch vorhin erzählt hab?
Die historische Forschung hat längst gezeigt, dass die Erzählung keine Grundlage besitzt.
Sie entstand erst Jahrhunderte nach dem angeblichen Ereignis.
Dennoch entwickelte sich um Anderl über viele Generationen hinweg ein Wallfahrtskult.
Pilger kamen nach Rinn, Messen wurden gefeiert, Bilder des angeblichen Märtyrers schmückten Kirchen.
Und das Erstaunliche ist: Dieser Kult bestand nicht nur im Mittelalter, nicht in der frühen Neuzeit,
nicht einmal nur bis zum Zweiten Weltkrieg. Er dauerte bis in die Gegenwart.
Erst 1994 untersagte der zuständige Bischof offiziell die liturgische Verehrung Anderls von Rinn.
Das ist gerade einmal dreißig Jahre her. Vierzig Jahre. Viele Menschen,
die diesen Podcast heute hören,
waren damals bereits geboren und selbst nach diesem Verbot fanden zunächst noch private Wallfahrten
statt. Allein dieses Beispiel zeigt, wie außerordentlich langlebig solche Erzählungen sein können.
Sie verschwinden nicht einfach, weil Historiker sie widerlegen.
Geschichten besitzen eine erstaunliche emotionale Kraft, vor allem dann,
wenn sie über Generationen hinweg erzählt wurden.
Doch während in Europa viele Ritualmordlegenden zunehmend kritisch hinterfragt wurden,
entwickelten sie in anderen Teilen der Welt eine neue Dynamik.
Vor allem im Nahen Osten finden sich bis heute Ritualmordvorwürfe gegen Juden und gegen den Staat
Israel. An dieser Stelle ist eine sorgfältige Unterscheidung allerdings wichtig.
Natürlich kann man Kritik an der Politik der israelischen Regierung üben. Das ist legitim.
Wie jede demokratisch gewählte Regierung kann und muss auch sie kritisiert werden.
Etwas völlig anders sind jedoch Behauptungen,
die auf Jahrhunderte alten antisemitischen Mythen beruhen. Und genau diese begegnen uns bis heute.
Immer wieder wird behauptet, Israelis oder Juden würden palästinensische Kinder gezielt töten,
um deren Blut oder Organe für geheime Zwecke zu verwenden.
Natürlich gibt es für diese Behauptungen keinerlei belastbaren Belege.
Dennoch verbreiten sie sich immer weiter. Sie erscheinen in sozialen Netzwerken,
sie tauchen in Karikaturen auf.
Manchmal werden sie sogar in staatlich kontrollierten Medien einzelner Länder aufgegriffen.
Wer sich mit der Geschichte der Ritualmordlegende beschäftigt, erkennt diese Muster sofort wieder.
Lediglich die Namen wurden ausgetauscht, die Struktur blieb dieselbe.
Besonders deutlich wurde dies nach dem Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023.
Während Israel noch unter dem Schock des größten Massakers an jüdischen Zivilisten seit dem
Holocaust stand, verbreiteten sich bereits wenige Tage später erneut alte Ritualmordmotive.
Auf Demonstrationen waren Parolen wie Kindermörder Israel oder Babymörder Israel zu hören.
Solche Begriffe sind keineswegs bloße Schlagworte. Sie knüpfen an Jahrhunderte alte Erzählungen an,
in denen Juden als Mörder unschuldiger Kinder dargestellt wurden.
Noch deutlicher wurde dieses Motiv bei der propagandistischen Inszenierung der Übergabe der Leichen
der Familie Bibas durch die Hamas. Die Bilder gingen um die Welt.
Die Särge der ermordeten Geiseln wurden vor einer riesigen Kulisse präsentiert.
Auf dieser war der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu als blutsaugender Vampir
dargestellt. Warum gerade ein Vampir? Weil Vampire seit Jahrhunderten für den Raub von Blut stehen.
Historiker sprechen in solchen Fällen von Bildtradition. Bestimmte Symbole kehren immer wieder,
auch wenn sich ihr politischer Kontext verändert. Wer diese Bildsprache erkennt,
erkennt sofort die Verbindung zur mittelalterlichen Blutbeschuldigung.
Vielleicht fragt ihr euch inzwischen:
Warum greifen Menschen ausgerechnet auf solch uralte Bilder zurück? Warum nicht auf neue?
Die Antwort liegt vermutlich darin,
dass diese Erzählungen bereits tief im kulturellen Gedächtnis verankert sind.
Sie müssen nicht jedes Mal neu erfunden werden. Sie liegen gewissermaßen griffbereit.
Man aktiviert sie lediglich erneut.
Der amerikanische Historiker Gavin Langmuir beschrieb Antisemitismus einmal sinngemäß als ein System
irrationaler Vorstellungen,
das sich zunehmend von realen Erfahrungen löst und stattdessen eine eigene innere Logik entwickelt.
Genau das beobachten wir hier. Die Geschichten müssen nicht wahr sein.
Sie müssen lediglich an bereits bekannte Bilder anknüpfen. Und genau deshalb sind sie so gefährlich,
denn sie erscheinen vielen Menschen vertraut.
Vielleicht erinnert ihr euch an den Illusory-Trust-Effekt,
über den wir im vorigen Abschnitt gesprochen haben. Je häufiger wir einer Behauptung begegnen,
desto glaubwürdiger erscheint sie uns. Nicht weil neue Beweise hinzukommen,
sondern weil unser Gehirn Vertrautheit mit Wahrheit verwechselt. Das gilt nicht nur für Texte,
das gilt auch für Bilder. Ein Motiv, das über Jahrhunderte immer wieder auftaucht,
erhält dadurch eine enorme emotionale Kraft.
Und genau deshalb begegnen uns auch heute noch Darstellungen von Juden als Vampiren,
Kindermördern oder geheimen Drahtziehern. Sie sind keine neuen Ideen,
sie sind uralte Erzählungen in modernem Gewand. Vielleicht ist dies der richtige Moment,
um einen weit verbreiteten Irrtum anzusprechen. Viele Menschen glauben,
Antisemitismus sei ausschließlich ein Problem des Rechtsextremismus.
Historisch betrachtet ist das zu einfach. Ja,
rechtsextreme Bewegungen spielen bis heute eine zentrale Rolle bei der Verbreitung antisemitischer
Verschwörungstheorien. Aber sie sind nicht die einzigen.
Im Laufe der Geschichte finden wir antisemitische Motive in ganz unterschiedlichen politischen und
religiösen Milieus. Im mittelalterlichen Christentum, im modernen Rechtsextremismus,
im stalinistischen Antisemitismus,
im islamistischen Antisemitismus und auch in Teilen linker oder antiimperialistischer Bewegungen,
wenn Kritik an der Politik Israels in die Wiederholung klassischer antisemitischer Feindbilder
umschlägt. Die ideologischen Begründungen unterscheiden sich, die Erzählmuster erstaunlich wenig.
Gerade deshalb sollten wir Antisemitismus niemals ausschließlich als Problem einer einzelnen
politischen Richtung betrachten. Der Antisemitismus ist anpassungsfähig. Er verändert seine Sprache,
seine Symbole, seine Begründungen. Aber sein Kern bleibt oft derselbe.
Und genau deshalb lohnt sich unser Blick in die Geschichte, denn wer die modernen Varianten kennt,
erkennt ihre historischen Wurzeln häufig nicht. Wer dagegen die Geschichte kennt,
bemerkt sehr schnell, wenn eine uralte Lüge lediglich neu verpackt wird.
Und genau an diesem Punkt gelangen wir zum letzten großen Kapitel unserer Reise.
Denn im Internetzeitalter erlebt die Ritualmordlegende eine erstaunliche Wiedergeburt.
Nicht mehr in Klöstern oder auf Marktplätzen, sondern auf Facebook,
auf YouTube und auf Telegram und in den anderen sozialen Netzwerken.
Dort entsteht eine Verschwörungserzählung,
die Millionen Menschen erreicht und auf den ersten Blick völlig modern wirkt.
Schaut man jedoch genauer hin, erkennt man etwas Erstaunliches.
Sie erzählt dieselbe Geschichte wie vor zweitausend Jahren. Sie trägt lediglich einen neuen Namen.
Stellt euch einmal folgende Geschichte vor: Eine geheime Elite trifft sich im Verborgenen.
Nach außen wirken sie alle angesehen und erfolgreich. Politiker, Unternehmer, Prominente.
Niemand ahnt, was hinter verschlossenen Türen geschieht. Dort, so heißt es,
würden Kinder missbraucht, gequält und getötet.
Ihr Blut oder bestimmte Körperbestandteile würden für dunkle Rituale genutzt. Wer davon erfährt,
werde zum Schweigen gebracht. Die Medien vertuschten alles,
die Polizei sei Teil der Verschwörung und nur wenige mutige Menschen hätten den Durchblick.
Wenn ihr diese Beschreibung hört, an welche Zeit denkt ihr? Vielleicht an das Internet, an Telegram,
an Q-Anon, an Pizzagate.
Doch tatsächlich könnte dieselbe Geschichte auch aus dem ersten Jahrhundert nach Christus stammen
oder aus dem Mittelalter oder aus einer Flugschrift des 16. Jahrhunderts.
Denn ihre Struktur hat sich ja kaum verändert.
Genau das macht sie so bemerkenswert und genau deshalb endet unsere Reise dort, wo sie begonnen hat.
Nicht mit einer neuen Geschichte, sondern mit einer sehr alten Geschichte in neuem Gewand.
Im Herbst 2016, wenige Wochen vor der amerikanischen Präsidentschaftswahl,
tauchen im Internet erste Behauptungen auf.
E-Mails aus dem Umfeld von Hillary Clintons Wahlkampfmanager John Podesta waren zuvor durch einen
Hackerangriff veröffentlicht worden. In Internetforen beginnen Nutzer nun,
harmlose Begriffe aus diesen E-Mails umzudeuten. Das Wort Pizza soll plötzlich ein Geheimcode sein,
Pasta, Hotdog, Käse ebenso.
Alles wird angeblich zu verschlüsselten Hinweisen auf Kinderhandel erklärt.
Ein Restaurant in Washington D.C. namens Comet Ping Pong gerät ins Zentrum dieser Spekulationen.
Es soll, so behaupten einige Nutzer,
der geheime Treffpunkt eines internationalen Kinderhändlerringen sein.
Die Geschichte verbreitet sich mit enormer Geschwindigkeit.
Innerhalb weniger Tage wird sie millionenfach geteilt. YouTube-Videos erzielen hohe Aufrufzahlen,
Blogs greifen die Behauptungen auf, Influencer verbreiten sie weiter.
Immer neue angebliche Beweise tauchen auf. Fotos, Symbole, Einrichtungsgegenstände.
Jedes Detail wird plötzlich als Teil eines riesigen Puzzles interpretiert.
Doch bei genauerem Hinsehen fällt etwas auf:
Keiner dieser angeblichen Beweise ist tatsächlich einer. Es handelt sich um Vermutungen,
um Unterstellungen, um Fehlinterpretationen, um Zufälle.
Die Geschichte wächst nicht durch neue Fakten, sie wächst durch neue Deutungen.
Genau dieses Prinzip haben wir bereits mehrfach kennengelernt.
Im Mittelalter wurden Leichenfunde als angebliche Beweise jüdischer Ritualmorde interpretiert.
Heute werden E-Mails oder Fotos zu Beweisen einer geheimen Elite umgedeutet.
Die Ausgangspunkte unterscheiden sich, der Denkprozess bleibt derselbe.
Besonders deutlich wird dies bei einem zentralen Motiv: Kinder.
Kaum ein Thema löst stärkere Emotionen aus, als die Vorstellung, Kinder werde Gewalt angetan.
Wer behauptet, Kinder retten zu wollen, erhält fast automatisch moralische Zustimmung.
Und genau deshalb spielen Kinder in so vielen Verschwörungserzählungen eine zentrale Rolle. Nicht,
weil entsprechende Behauptungen wahr wären, sondern weil sie maximale emotionale Wirkung entfalten.
Psychologen sprechen hier von einem Moral Panic, einer moralischen Panik.
Dabei entsteht in einer Gesellschaft die Überzeugung,
eine bestimmte Gruppe bedrohe die grundlegenden Werte der Gemeinschaft, oft ohne belastbare Belege.
Die Angst wächst schneller als die Faktenlage.
Genau dieses Muster konnten wir bereits bei den Ritualmordlegenden beobachten.
Auch dort stand angeblich der Schutz unschuldiger Kinder im Mittelpunkt.
Im Dezember 2016 erreicht Pizzagate schließlich einen gefährlichen Höhepunkt.
Ein Mann fährt bewaffnet zum Restaurant Comet Ping Pong. Er ist überzeugt,
dort Kinder aus einem unterirdischen Gefängnis befreien zu müssen.
Er betritt das Restaurant mit seinem Sturmgewehr. Die Gäste fliehen, Schüsse fallen.
Zum Glück wird niemand verletzt. Und was findet der Mann? Nichts. Keine Kinder, keine Gefangenen,
keine geheimen Keller, keine Verschwörungen, nur ein Restaurant,
das weder einen geheimen noch einen realen Keller hat.
Doch selbst dieses Ereignis beendet die Erzählung nicht. Viele Anhänger behaupten anschließend,
die Beweise seien rechtzeitig beseitigt worden. Vielleicht erinnert ihr euch:
Genau dieses Muster haben wir bereits kennengelernt. Fehlende Beweise gelten nicht als Widerlegung.
Sie werden zum angeblichen Beweis für die Macht der Verschwörer.
Damit wird das gesamte Weltbild immun gegen jede Überprüfung.
Kurz darauf entsteht eine noch größere Bewegung: QAnon.
Sie beginnt mit anonymen Beiträgen eines Nutzers, der sich Q nennt und behauptet,
Zugang zu streng geheimen Informationen der amerikanischen Regierung zu besitzen.
Seine Botschaft lautet im Kern: Eine kleine Gruppe mächtiger Eliten kontrolliere die Welt.
Diese Elite missbrauche Kinder. Nur ein bevorstehender großer Umbruch werde sie aufhalten. Ja,
wenn euch diese Geschichte bekannt vorkommt, hat das einen Grund.
Historiker und Religionswissenschaftler weisen seit Jahren darauf hin,
dass QAnon zahlreiche Motive älterer Verschwörungserzählungen übernimmt.
Die Vorstellung einer geheimen Elite, geheime Rituale, Missbrauch von Kindern, Blut,
eine kleine Gruppe Eingeweihter, die angeblich die Wahrheit kennt und eine große Masse,
die angeblich getäuscht wird. Neu ist vor allem die Geschwindigkeit.
Wo Thomas von Monmouth noch Jahre benötigte,
um seine Geschichte über William von Norwich zu verbreiten, genügen heute wenige Stunden.
Ein Beitrag in den sozialen Medien, ein Video, ein Podcast, ein Messengerdienst.
Millionen Menschen können dieselbe Behauptung nahezu gleichzeitig erreichen.
Die Technik hat sich revolutionär verändert, die psychologischen Mechanismen erstaunlich wenig.
Es gibt allerdings noch einen weiteren Unterschied: Früher entschieden wenige Prediger,
Chronisten oder Verleger darüber, welche Geschichten verbreitet wurden.
Heute kann praktisch jeder zum Erzähler werden.
Das Internet hat die Verbreitung von Informationen demokratisiert. Das ist eine große Chance,
aber zugleich bedeutet es, dass auch Falschinformationen in nie dagewesenem Tempo verbreiten können.
Algorithmen verstärken diesen Effekt zusätzlich. Sie bevorzugen Inhalte,
die starke Emotionen hervorrufen. Empörung, Angst, Wut. Genau jene Gefühle also,
von denen wir inzwischen wissen, dass sie Verschwörungserzählungen besonders erfolgreich machen.
Vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis dieses gesamten Podcasts.
Die eigentliche Gefahr besteht nicht darin, dass sich einzelne Geschichten verändern.
Die eigentliche Gefahr besteht darin, dass wir ihre Struktur nicht erkennen.
Denn sobald wir nur auf Namen achten, erscheinen Verschwörungserzählungen immer neu.
Mal geht es um Juden, Freimaurer, dann um Hexen, Politiker, geheime Eliten.
Doch sobald wir die Erzählstruktur betrachten, erkennen wir ein erstaunlich stabiles Muster.
Es gibt einen unsichtbaren Feind. Er handelt im Geheimen. Er bedroht Kinder.
Er kontrolliert angeblich Politik oder Medien. Normale Ermittlungen reichen nicht aus.
Nur wenige Auserwählte kennen die Wahrheit. Und wer widerspricht,
gehört angeblich selbst zur Verschwörung.
Diese Struktur begegnet uns seit mehr als zweitausend Jahren. Nicht unverändert,
aber erstaunlich ähnlich. Und genau deshalb lohnt sich der Blick in die Geschichte.
Denn Geschichte ist nicht nur Vergangenheit,
sie ist oft auch eine Gebrauchsanweisung für die Gegenwart. Wer historische Muster erkennt,
wird neue Behauptungen vorsichtiger prüfen. Er fragt nach Quellen, nach Belegen,
nach unabhängigen Bestätigungen. Er fragt nicht nur: Ist diese Geschichte schockierend? Sondern:
Ist sie auch überprüfbar?
Vielleicht ist genau das der wichtigste Unterschied zwischen historischem Denken und
verschwörungsideologischem Denken. Das eine beginnt mit Fragen, das andere endet mit Gewissheiten.
Und genau deshalb schließt sich an dieser Stelle der Kreis.
Unsere Reise begann vor mehr als zweitausend Jahren in Alexandria mit Gerüchten, mit Angst,
mit erfundenen Geschichten. Sie führte uns über Norwich,
Trient und den Stürmer bis in die sozialen Netzwerke der Gegenwart. Die Technik hat sich verändert.
Die Kleidung, die Sprache, die Medien. Die Menschen sind jedoch dieselben geblieben,
mit denselben Hoffnungen, denselben Ängsten und derselben Fähigkeit,
sowohl Wahrheit als auch Lügen weiterzugeben. Welche von beiden sich durchsetzt,
hängt letztlich von uns selbst ab. Nun, unsere Reise ist am Ende angekommen. Eine Reise,
die uns über mehr als zweitausend Jahre geführt hat,
von den Straßen Alexandrias über die Klöster des Mittelalters,
durch die Städte Europas bis hin in unsere digitale Gegenwart.
Wenn wir auf diese lange Geschichte zurückblicken, fällt etwas Erstaunliches auf:
Die eigentliche Geschichte hat sich immer wieder verändert. Die Namen wechselten,
die Orte wechselten, die Religionen, die politischen Systeme, die Medien.
Aber die Erzählstruktur blieb erstaunlich ähnlich.
Immer wieder begegnet uns die Vorstellung einer geheimen Gruppe, einer kleinen Minderheit,
eine unsichtbare Macht, die angeblich im Verborgenen das Schicksal der Welt lenkt.
Immer wieder werden Kinder zum Mittelpunkt der Geschichte. Immer wieder wird behauptet,
nur wenige Menschen hätten den Mut, die Wahrheit auszusprechen.
Und immer wieder fehlt am Ende genau das, was eine ernsthafte Behauptung eigentlich ausmacht:
überprüfbare Belege. Vielleicht ist genau das die wichtigste Erkenntnis unserer gemeinsamen Reise.
Geschichte wiederholt sich selten Wort für Wort, aber sie wiederholt häufig ihre Muster.
Und genau deshalb lohnt es sich, historische Zusammenhänge zu kennen.
Nicht weil sich Vergangenheit eins zu eins auf die Gegenwart übertragen ließe,
sondern weil sie unseren Blick schärft. Wer einmal erkannt hat, wie die Ritualmordlegende entstand,
wird ähnliche Erzählmuster auch in der Gegenwart schneller bemerken. Wer verstanden hat,
wie Gerüchte funktionieren, wird vorsichtiger mit spektakulären Behauptungen umgehen. Wer weiß,
wie Propaganda arbeitet, wird weniger anfällig für ihre Methoden sein. Dabei geht es nicht darum,
grundsätzlich misstrauischer zu werden. Im Gegenteil, eine demokratische Gesellschaft lebt davon,
dass Menschen Informationen austauschen, diskutieren und auch Kritik üben.
Kritisches Denken bedeutet deshalb nicht, alles anzuzweifeln. Kritisches Denken bedeutet vielmehr,
gute Gründe von schlechten Gründen unterscheiden zu können. Es bedeutet, Fragen zu stellen.
Woher stammt diese Behauptung? Welche Quellen gibt es? Lässt sie sich unabhängig überprüfen?
Gibt es andere Erklärungen? Und vor allem: Bin ich bereit, meine Meinung zu ändern,
wenn neue Belege auftauchen?
Gerade dieser letzte Punkt unterscheidet wissenschaftliches Denken von verschwörungsideologischem
Denken. Die Wissenschaft geht grundsätzlich davon aus, dass jedes Er-Ergebnis überprüft werden kann.
Neue Erkenntnisse können alte Annahmen korrigieren. Das ist keine Schwäche,
das ist ihre große Stärke. Verschwörungserzählungen funktionieren genau umgekehrt.
Sie beginnen häufig mit einer festen Überzeugung und anschließend werden nur noch jene Informationen
gesammelt, die diese Überzeugung bestätigen. Widersprüche gelten als Täuschung,
Gegenbeweise als Teil der Verschwörung.
Damit entsteht ein geschlossenes Weltbild und genau deshalb ist es so schwer,
Menschen daraus wieder herauszuführen.
Vielleicht habt ihr euch während dieses Podcasts manchmal gefragt,
wie ihr selbst in einer bestimmten Epoche gehandelt hättet. Hättet ihr den Gerüchten geglaubt?
Hättet ihr widersprochen? Hättet ihr den Mut gehabt, euch gegen die Mehrheit zu stellen?
Das sind schwierige Fragen und ich glaube, niemand von uns kann sie mit Sicherheit beantworten,
denn wir alle sind Kinder unserer Zeit. Auch wir leben nicht außerhalb gesellschaftlicher Einflüsse.
Auch wir machen Denkfehler. Auch wir können auf überzeugend erzählte Geschichten hereinfallen.
Gerade deshalb ist historische Demut so wichtig. Sie erinnert uns daran,
dass Aufklärung kein Zustand ist, den man einmal erreicht und dann für immer besitzt.
Sie ist ein fortwährender Prozess. Jede Generation muss neu lernen, Informationen zu prüfen,
Behauptungen zu hinterfragen und zwischen plausiblen Erklärungen und bloßen Behauptungen zu
unterscheiden. Vielleicht ist das sogar die eigentliche Aufgabe historischer Bildung.
Nicht nur Jahreszahlen auswendig lernen, nicht nur Namen bedeutender Persönlichkeiten zu kennen,
sondern zu verstehen, wie Menschen denken, wie Gesellschaften funktionieren,
wie Vorurteile entstehen und wie leicht Angst den Blick auf die Wirklichkeit verändern kann.
Die Geschichte der Ritualmordlegende ist deshalb weit mehr als ein Kapitel jüdischer Geschichte.
Sie ist auch eine Geschichte über den Menschen, über unsere Fähigkeit, Geschichten zu erzählen,
über unsere Sehnsucht nach einfachen Antworten, über die Macht von Bildern und Emotionen,
aber ebenso über unsere Fähigkeit, Irrtümer zu erkennen und aus ihnen zu lernen.
Denn Geschichte macht uns nicht automatisch klüger. Sie bietet uns lediglich die Möglichkeit,
klüger zu werden. Ob wir diese Möglichkeit nutzen, liegt bei uns. Und ja, das ist anstrengend,
aber es lohnt sich. Vielleicht erinnert ihr euch noch an den Anfang dieses Podcasts.
Damals standen wir in Alexandria zwischen den engen Straßen einer pulsierenden Weltstadt.
Dort hörten wir die ersten Gerüchte. Sie klangen zunächst harmlos. Nur Worte, nur Geschichten.
Doch wir haben gesehen, was aus ihnen werden konnte. Aus Gerüchten wurden Vorurteile,
aus Vorurteilen wurde Hass, aus Hass wurde Gewalt und aus Gewalt entstand neues Leid.
Vielleicht ist genau das die wichtigste Warnung, die uns die Geschichte hinterlässt.
Gewalt beginnt selten mit einer Waffe. Sie beginnt oft mit einer Geschichte, mit einer Behauptung,
mit einem Gerücht, mit einem Satz wie: "Man sagt", oder,
"Ich habe gehört." Nicht jede falsche Behauptung führt zu Gewalt,
aber nahezu jede organisierte Gewalt beginnt irgendwann mit einer Erzählung,
die Menschen voneinander trennt. Deshalb lohnt es sich, genau hinzuhören. Nicht nur auf das,
was gesagt wird, sondern auch darauf, wie es gesagt wird. Wer wird zum Feind erklärt?
Wer wird entmenschlicht? Wer soll angeblich hinter all dem stecken? Welche Beweise werden genannt?
Und sind es tatsächlich Beweise oder lediglich Behauptungen?
Wenn uns dieser Podcast dazu angeregt hat,
künftig bei außergewöhnlichen Behauptungen einen Moment länger nachzudenken,
nach Quellen zu fragen und historische Parallelen zu erkennen, dann hat er sein Ziel erreicht.
Zum Schluss möchte ich euch noch einen Gedanken des Philosophen Karl Popper mit auf den Weg geben,
der sinngemäß sagte: „Der Versuch, Irrtümer zu vermeiden, indem man keine Fragen mehr stellt,
führt nicht zur Wahrheit. Fortschritt entsteht dadurch, dass wir bereit sind,
unsere Überzeugungen immer wieder an der Wirklichkeit zu messen." Vielleicht ist genau das der
größte Unterschied zwischen Geschichte und Verschwörungserzählungen. Geschichte fragt:
Was können wir wissen? Verschwörungserzählungen behaupten: Wir wissen bereits alles.
Und zwischen diesen beiden Haltungen liegt letztendlich der Unterschied zwischen Erkenntnis und
Gewissheit. Vielen Dank, dass ihr mich auf diese Reise begleitet habt. Ich hoffe,
wir hören uns in einer der nächsten Folgen wieder. Bis dahin bleibt kritisch,
bleibt neugierig und bleibt bereit, eure Meinung zu ändern, wenn es die Fakten verlangen.
Denn genau darin beginnt die Aufklärung und genau deswegen ist die Arbeit der GWUP so wichtig,
dass ihr sie durch eine Mitgliedschaft,
durch ein Skeptiker-Abonnement auf jeden Fall unterstützen solltet. Bis zum nächsten Mal,
euer Onkel Michael. [outro jingle]