Lanzarote wirkt kahl – und ist doch Zuflucht für eine endemische Gärtnerin auf der Mauer, einen Falken, der den Kalender umdreht, und einen der seltensten Haie der Welt. Eine Folge über die drei Bühnen des Lebens: an Land, im Dunkeln, im Meer.
Episode 14 • Erinnerung vom 2026-07-14 Duration: 12:05
Lanzarote wirkt kahl – und ist doch Zuflucht für eine endemische Gärtnerin auf der Mauer, einen Falken, der den Kalender umdreht, und einen der seltensten Haie der Welt. Eine Folge über die drei Bühnen des Lebens: an Land, im Dunkeln, im Meer.
Eine Eidechse auf schwarzem Lavastein – keine Handspanne lang, und doch eine der letzten Gärtnerinnen der Insel Die kargste Kanareninsel versteckt eine Fauna, die es nur auf dieser Insel gibt – von der Steppe bis in die Tiefsee, über drei Bühnen hinweg.
Geschichten mit Bernd ist ein von Matthias kuratierter und produzierter Podcast über Erinnerungen, Handwerk, Reisen, Familie und Lebensgeschichten rund um Bernd. Jede Folge beginnt bei einem konkreten Moment und öffnet daraus ein größeres Fenster in Geschichte, Kultur, Orte und verschwindende Welten.
Schwarze Erde, weisses Licht ist ein Reise-Podcast über Lanzarote, für Matthias, Waltraud, Marie und Julia. Vom 2. bis 16. Juli 2026 wohnen sie im Centro Antroposófico im Norden der Insel und nähern sich der Vulkaninsel Folge für Folge: dem Feuer von Timanfaya, dem Werk von César Manrique, den Pflanzen und Tieren der Lava, dem Wein von La Geria, der Geschichte der Insel, dem Tourismus und dem Wasser. Jede Folge ein Thema, dicht, überraschend und voller Vorfreude.
Fauna · Eidechsen, Falken und der blinde Krebs
Folge 14 | Erinnerung vom 2026-07-14
Schwarze Erde, weisses Licht – der Lanzarote-Podcast
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[00:08] Erzähler: Eine Steinmauer, irgendwo im Norden. Früher Morgen, die Sonne kriecht gerade über die Kante. Auf dem schwarzen Lavastein sitzt etwas – klein, braun, reglos. Zwei dunkle Augen, ein flacher Kopf, keine Handspanne lang. Ein Zucken – und weg.
[00:24] Gesa: Und was die meisten nicht ahnen: Dieses winzige Ding ist eine Gärtnerin. Auf einer Insel, wo grosse Samenverbreiter fehlen, frisst sie Beeren – zum Beispiel vom Kanaren-Bocksdorn –, verdaut das Fruchtfleisch und scheidet die Samen anderswo wieder aus. Sie pflanzt, ohne es zu wissen.
[00:44] Erzähler: Gallotia atlantica heisst sie. Und es gibt sie weltweit nur hier – nur auf Lanzarote, Fuerteventura und ein paar Inselchen ringsum. Sonst nirgends auf dem Planeten. Und sie ist nur der Anfang. Es gibt einen Wüstenvogel da draussen, den fast niemand je sieht. Einen blinden Krebs in einer Lavahöhle. Und im Meer einen der seltensten Haie der Welt.
[01:08] Gesa: Die eigentliche Frage ist grösser: Wie kommt so viel Leben auf eine Insel, die aussieht, als hätte jemand das Feuer gerade erst gelöscht?
[01:17] Gesa: Also, pass auf. Zwei Begriffe, die man für alles Folgende braucht. Erstens: Anpassung. Reptilien sind auf einer heissen, trockenen Insel schlicht im Vorteil. Sie sind wechselwarm – sie holen ihre Energie direkt von der Sonne statt aus dem Futter. Wo ein Säugetier literweise Wasser bräuchte, dreht eine Eidechse den Kopf in die Morgensonne und ist betriebsbereit.
[01:42] Erzähler: Klingt brutal effizient.
[01:43] Gesa: Ist es. Und zweitens: Endemismus. Die Gattung Gallotia – also die ganze Verwandtschaft dieser Eidechse – existiert ausschliesslich auf den Kanaren. Nicht auf dem Festland, nicht in Afrika, nirgends sonst. Wir haben in der letzten Folge über die Pflanzen gesprochen, die sich an die Kargheit angepasst haben – die Tiere hier haben genau dasselbe getan, nur länger und radikaler. Stellt euch ein Aquarium vor, das seit Millionen Jahren niemand ausgetauscht hat. Irgendwann schwimmen darin Tiere, die es in keinem anderen Aquarium der Welt gibt.
[02:20] Erzähler: Und wenn man so ein Tier hier verliert …
[02:23] Gesa: … dann verliert man es überall. Endemisch heisst: hier oder nirgends.
[02:28] Erzähler: Und das Schöne daran: Diesem Endemiten begegnet ihr garantiert. Jeden Tag, ohne jede Mühe. Gallotia atlantica sitzt auf jeder Mauer, auf jedem Lavastein, in jedem Garten. Morgens liegt sie reglos in der Sonne. Dann ein Schatten – und sie ist weg. Die Männchen sind grösser und auffälliger gefärbt, mit dunklen Kontrasten auf der Flanke.
[02:51] Gesa: Und dann kommt die Nachtschicht. Tarentola angustimentalis – der Ostkanaren-Gecko. Auch endemisch, auch nur auf Lanzarote und Fuerteventura. Abends klebt er kopfüber an der Hauswand, direkt im Lichtkegel der Lampe, und wartet auf Insekten, die ins Licht fliegen. Gut getarnt, fast unsichtbar – bis man weiss, wonach man schaut.
[03:13] Erzähler: Dieselbe Mauer, zwei Tiere, zwei Schichten.
[03:16] Gesa: Und das ist kein Zufall. Auf einer kargen Insel teilen sich die beiden die Mauer: Die Eidechse jagt tagsüber Insekten und frisst dazu Pflanzenkost, der Gecko übernimmt die Nachtschicht an denselben Wänden. Die Mauer neben eurer Tür ist ein Revier mit Schichtplan.
[03:35] Erzähler: Weg von der Mauer, raus in die Weite. Die flache, flirrende Sandebene von El Jable, zwischen dem Famara-Massiv und dem Süden. Schotter, ein paar karge Büsche, sonst nichts als Horizont und heisse Luft. Und irgendwo da draussen steht ein Vogel, den ihr nicht seht.
[03:53] Gesa: Die einzige Population dieser Art in ganz Europa steht genau hier draussen – und fast niemand bekommt sie zu sehen. Ein grosser Steppenvogel, sandfarben, so perfekt getarnt, dass er im Gelände buchstäblich verschwindet. Die Kragentrappe, Chlamydotis undulata fuertaventurae, eine Unterart nur der Ostkanaren.
[04:14] Erzähler: Und wenn sie balzt?
[04:15] Gesa: Dann stellt das Männchen eine irre Show an – aufgestelltes Hals- und Kopfgefieder, eine Art Federexplosion mitten in der leeren Ebene. Sehen tut das fast nur, wer mit Spektiv und Geduld draussen sitzt.
[04:29] Erzähler: Und genau diese Show wird seltener. Von dreiundachtzig bekannten Balzplätzen Ende der Neunzigerjahre waren gut zwanzig Jahre später nur noch neunundzwanzig besetzt – rund fünfundsechzig Prozent weg.
[04:43] Gesa: Bautätigkeit, Störung, Kollisionen mit Stromleitungen und Windrädern. Die offenen Ebenen sind genau die Flächen, die als Erstes verbaut werden. Und dieselbe Ebene teilt sie mit einem zweiten Spezialisten: dem Rennvogel, Cursorius cursor. Ein Sahara-Vogel auf langen Beinen, der über den Schotter spurtet. Die Kanaren sind der einzige Ort in Europa, an dem er brütet – geschätzt noch rund hundertzwanzig Individuen im ganzen Archipel.
[05:13] Erzähler: Von der Ebene an die Küste. Stellt euch die Klippen im Norden vor, das offene Meer, der Passat drückt. Hoch oben steht ein schlanker Falke – Falco eleonorae, der Eleonorenfalke. Er wartet. Und dann kippt er ab und greift sich aus der Luft einen erschöpften Singvogel, der gerade auf dem Weg zwischen Europa und Afrika ist.
[05:35] Gesa: Und jetzt kommt der Trick. Fast alle Vögel Europas brüten im Frühling. Dieser Falke brütet als einer der Spätesten überhaupt – ab Ende Juli bis in den Oktober. Warum? Weil genau dann der grosse Herbstzug der Kleinvögel über die Inseln läuft. Die Küken schlüpfen, wenn die Speisekammer am vollsten ist.
[05:56] Erzähler: Er legt die Brut also auf den Zugkalender. Und ist die Saison vorbei, ziehen die Falken selbst los – über achttausend Kilometer bis nach Madagaskar.
[06:06] Gesa: Und seine sichersten Brutplätze liegen auf den Felsinseln des Chinijo-Archipels – Alegranza, Montaña Clara, zwischen riesigen Seevogelkolonien. Eine Zählung damals, in den Achtzigerjahren, ergab allein dort dreiundsechzig Brutpaare.
[06:22] Erzähler: Und das alles beginnt auf ein paar Felsen vor der Nordküste, die man von Órzola aus mit blossem Auge sieht.
[06:29] Erzähler: Jetzt nach unten. Es gibt eine dritte Bühne auf dieser Insel – weder Land noch offenes Meer. Die Dunkelheit. Im Norden, in einer Lavahöhle, einem Teil des Túnel de la Atlántida, liegt ein stiller, glasklarer Salzwassersee. Und darin treibt ein winziges, weisses, augenloses Tier durch schwarzes Wasser.
[06:50] Gesa: Munidopsis polymorpha. Der jameito. Ein Springkrebs, kaum einen Zentimeter lang, blind und farblos. Wozu Augen oder Pigment in einer Röhre, die seit rund zwanzigtausend Jahren im Stockdunkeln liegt? Das Weibchen trägt oft nur zwei relativ grosse Eier – angepasst an einen Ort, an dem es fast nichts zu fressen gibt. Er ist das Wappentier der Insel Lanzarote.
[07:15] Erzähler: Und seine nächsten Verwandten –
[07:17] Gesa: – leben in der Tiefsee. In viertausend Metern Tiefe im Atlantik. Wie wir in Folge neun erzählt haben, beherbergt das Höhlensystem rund um die La-Corona-Röhre rund siebenundsiebzig Arten, davon etwa sechsunddreissig nur auf Lanzarote. Aber hier reicht der Krebs als Beweis: Diese Insel versteckt ihr Leben sogar im Dunkeln.
[07:40] Gesa: Und genau hier kippt die Geschichte. Raus aus der Höhle, raus aufs offene Meer. Da draussen liegt einer der seltensten Haie der Welt im Sand – flach, breit, mit flügelartigen Brustflossen, eingegraben, bis nur die Augen rausschauen.
[07:56] Erzähler: Der, der aussieht wie ein Rochen?
[07:59] Gesa: Ein Lauerjäger, ja – aber ein Hai. Squatina squatina, der Engelhai. Er hiess früher «gewöhnlicher Engelhai» – so häufig war er. Von Norwegen bis Nordafrika, quer durchs Mittelmeer.
[08:11] Erzähler: Und heute?
[08:12] Gesa: Über fast sein gesamtes früheres Verbreitungsgebiet verschwunden. Beifang in Grundschleppnetzen. Die IUCN stuft ihn als «vom Aussterben bedroht» ein – critically endangered. Und ausgerechnet die Gewässer um die Kanaren sind der letzte grosse Ort auf der Welt, an dem man ihn noch regelmässig antrifft. Ein Grund: Seit den Achtzigerjahren ist in kanarischen Gewässern die Grundschleppnetzfischerei verboten – genau die Fangmethode, die ihm am meisten zusetzt. Genetische Studien zeigen drei getrennte Bestände im Archipel, einer davon die Gruppe La Graciosa, Lanzarote, Fuerteventura.
[08:51] Erzähler: Moment. Wir schwimmen dort im selben Wasser.
[08:55] Gesa: Ja. Und dieselben flachen Sandbuchten, in denen der Engelhai seine Jungen absetzt, sind auch das Revier der Rochen – aus demselben Grund: warmer, weicher Sandboden zum Eingraben, flaches Wasser, kaum Fressfeinde. Was den einen die Kinderstube sichert, deckt den anderen den Tisch.
[09:14] Erzähler: Dieselbe abgelegene Ecke im Norden – oben auf den Felsen die Kinderstube der Falken, unten im Sand das Refugium des Engelhais. Ein einziges kleines Meeresgebiet, das eine erstaunliche Last an Leben trägt.
[09:28] Gesa: Und genau deshalb sind die Meeresschutzgebiete rund um den Chinijo-Archipel so wichtig. Ist der Sandboden in der Bucht geschützt, profitiert die ganze Nahrungskette darüber – vom Rochen bis zum Hai.
[09:42] Erzähler: Und dann gibt es noch ein Tier, das jeder sofort sieht. Eins, das sich nicht versteckt. Im Gegenteil – es kommt zu dir.
[09:50] Gesa: Oh nein. Du meinst das Hörnchen.
[09:52] Erzähler: Genau. An den Aussichtspunkten, vor allem drüben auf Fuerteventura, kommt ein gestreiftes Hörnchen aus den Steinen, setzt sich auf die Hinterbeine, legt den Kopf schief und bettelt um Futter. Alle zücken das Handy. Atlantoxerus getulus, das Barbary-Erdhörnchen – der heimliche Publikumsliebling.
[10:12] Gesa: Und hier gehört die ehrliche Seite dazu. Dieses Hörnchen stammt aus Nordafrika. Neunzehnhundertfünfundsechzig hat jemand ein einzelnes Paar als Haustier nach Fuerteventura gebracht. Ein Paar. Zwanzig Jahre später hatte es fast die ganze Insel besiedelt.
[10:30] Erzähler: Ein einziges Paar?
[10:31] Gesa: Ein Paar reicht, auf einer Insel ohne natürliche Feinde. Er frisst Samen, Feldfrüchte, gelegentlich Eier bodenbrütender Vögel. In Spanien ist er gesetzlich als invasive Art eingestuft – Besitz und Transport sind verboten. Auf Lanzarote ist er deutlich seltener als auf Fuerteventura, aber die Verschleppung zwischen den Inseln ist ein ständiges Risiko. Dazu kommen verwilderte Katzen, die Reptilien und Bodenbrütern schwer zusetzen – auf einer Insel, deren Fauna ohne solche Beutegreifer entstanden ist. Das Tier trifft keine Schuld. Es macht, was es kann.
[11:09] Erzähler: Also: so süss es auch bettelt – nicht füttern.
[11:13] Erzähler: Zählt zusammen: eine endemische Eidechse, ein Falke, der nach dem Vogelzug brütet, ein blinder Krebs in der Lavahöhle, ein Hai am Rand des Aussterbens. Alles auf einer Insel aus schwarzem Stein.
[11:26] Gesa: Die Insel ist karg genug, dass sich hier eigene, zähe Tiere entwickelt haben. Und abgelegen genug, dass hier Seltenes überlebt, das anderswo längst verschwunden ist. Beides zusammen macht Lanzarote zur letzten Zuflucht für mehr als ein Tier.
[11:43] Erzähler: Schaut die Eidechse auf der Mauer das nächste Mal etwas länger an. Eine winzige, endemische Gärtnerin – stellvertretend für eine ganze Insel voll Leben, das man leicht übersieht.
[11:55] Gesa: Und in der nächsten Folge fahren wir raus – rüber nach La Graciosa, auf die Insel hinter der Insel. Die Falken kennt ihr jetzt schon.
[12:04] Erzähler: Bis dann.
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Ende der Folge. Laufzeit 12:05.