Geschichte(n) aus dem Parlament

Nationalratsabgeordnete und Bundesratsmitglieder arbeiten vor allem im Parlament in Wien. Manchmal reisen sie im Rahmen ihrer parlamentarischen Tätigkeit aber auch ins Ausland. Und jeder weiß: wenn jemand eine Reise tut, dann kann er oder sie was erzählen! 
Mit diesen Erzählungen tauchen wir dieses Mal in die lustigen und manchmal kuriosen Erlebnisse von Abgeordneten auf Reisen ein. Und mache davon kennen wir alle: Koffer gehen verloren und Mitreisende sind plötzlich verschollen. Andere passieren nicht so oft, etwa wenn bei der Anreise ein Abgeordneter mit dem Nationalratspräsidenten verwechselt wird. Wie all das ausgegangen ist, hören Sie in der aktuellen Folge von „Geschichte(n) aus dem Parlament“.
 
Die Interview-Ausschnitte im Podcast stammen aus Videoaufnahmen des seit 2015 laufenden Oral-History-Projekts der Parlamentsdirektion, in dessen Rahmen ehemalige Parlamentarierinnen und Parlamentarier sowie Parlamentsbedienstete von ihren Erfahrungen und Erlebnissen im Parlament berichten. Moderiert wird dieser Podcast von Clemens Haipl. 
 
Die in der aktuellen Episode erwähnte Podcast-Folge über parlamentarische Freundschaftsgruppen finden Sie hier: https://www.parlament.gv.at/aktuelles/mediathek/podcasts/geschichten-aus-dem-parlament-folge-44
 
Auf der Webseite des Parlaments erhalten Sie weitere Informationen zum Oral-History-Projekt und können Interviews in voller Länge ansehen: https://www.parlament.gv.at/verstehen/historisches/oral-history/index.html   
 
Mehr Informationen rund ums österreichische Parlament und zur österreichischen Demokratie gibt es auf der Website: https://www.parlament.gv.at.
 
Besuchen Sie gerne unsere Social-Media-Kanäle:
https://www.facebook.com/OeParl  
https://bsky.app/profile/parlament.gv.at    
https://www.instagram.com/oeparl/ 
https://www.youtube.com/OeParl 
https://www.tiktok.com/@oeparl.at      
 
Fragen oder Anmerkungen zu „Geschichte(n) aus dem Parlament“ sind unter podcast@parlament.gv.at herzlich willkommen.
 

What is Geschichte(n) aus dem Parlament?

Willkommen im Gedächtnis des österreichischen Parlaments. Hier hören Sie persönliche Erinnerungen von ehemaligen Mitgliedern des National- und Bundesrats, ehemaligen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der parlamentarischen Klubs und der Parlamentsdirektion. Von amüsanten Redebeiträgen und geistreichen Schlagabtäuschen über Tiefpunkte und Sternstunden des Parlamentarismus bis hin zu geschichtsträchtigen Veränderungen des Parlaments – hier ist alles dabei. Moderator Clemens Haipl nimmt Sie mit hinter die Kulissen des Parlaments – hautnah erzählt von den Personen, die selbst Teil der Geschichte des Hohen Hauses sind.

Mehr Informationen rund ums österreichische Parlament und zur österreichischen Demokratie gibt es auf unserer Website: https://www.parlament.gv.at.

Besuchen Sie gerne unsere Social-Media-Kanäle:

https://www.facebook.com/OeParl
https://twitter.com/oeparl
https://www.instagram.com/oeparl/
https://www.youtube.com/OeParl

Rückmeldungen, Fragen oder Themenvorschläge zu dieser Podcast-Reihe sind unter podcast@parlament.gv.at herzlich willkommen.

Gerulf STIX: „Egal, was du redest, auf Deutsch natürlich", hat er gesagt, "ende jede Rede mit den Worten … stoß an, heb das Glas und sag: 'druschba i mir!'" Da sage ich: "Was heißt denn das?" Er sagt: "Freundschaft und Friede!" Das war der eine Ratschlag. Ich bin dem gefolgt, habe meine erste Tischrede in Bulgarien, in Sofia, beendet mit den Worten: "Stoßen wir an: Druschba i mir!" – Tobender Beifall. Da habe ich gewusst, das funktioniert.
Josef PFEIFER: Also, in Brüssel sind alle Koffer angekommen, nur der Mitterer hat keinen Koffer gehabt. Wir haben ihm dann natürlich freundschaftlich als Oppositionelle gesagt: „Herr Bundesminister, sollten Sie einen Rasierapparat brauchen oder vielleicht einen Pyjama von einem Kollegen, der Ihnen passt …“
Karl SMOLLE: […] ich sage auf Deutsch zu ihm: „Aber Herr Kardinal, wir saßen jetzt eine Stunde drinnen, und sie haben gesagt, das Wetter bleibt so wie es ist oder es wird anders.“ Da hat er gesagt: „Jetzt werde ich Ihnen etwas sagen. Jeden Morgen geht meine Haushälterin da rechts und links an den Blumen vorbei und zupft alle welken Blätter ab und so manches Drähtlein nimmt sie auch gleich mit raus. In dem Gang kann ich reden wie ich will.“
Clemens HAIPL: Der Arbeitsplatz von Nationalratsabgeordneten und Bundesratsmitgliedern ist in erster Linie das Parlament in Wien. Je nachdem, welche zusätzlichen Funktionen sie übernehmen, führt sie ihre Arbeit aber auch ins Ausland. Und auf solchen Reisen kann einiges passieren – vor allem Dinge, die in keinem offiziellen Reiseprogramm stehen. In dieser Folge hören wir von verlorenen Koffern, verschollenen Parteikollegen und sogar von einem Präsidenten, der kurzerhand abgehängt wurde. Also: Bitte anschnallen. Die parlamentarische Reise beginnt.
Jingle
HAIPL: In diesem Podcast hören Sie Anekdoten und persönliche Erinnerungen von ehemaligen Mitgliedern des National- und Bundesrats, Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der parlamentarischen Klubs und der Parlamentsdirektion. Die Aufnahmen stammen aus den Archiven des Parlaments aus den letzten Jahren und sie geben uns vor allem eines: Einblicke ins Parlament.
Vor einigen Folgen haben wir bereits über Auslandsreisen von Abgeordneten und Bundesratsmitgliedern gesprochen – damals im Zusammenhang mit den parlamentarischen Freundschaftsgruppen. Falls Sie diese Folge noch nicht gehört haben, können Sie das gerne nachholen, aber bitte nicht jetzt gleich. Den Link finden Sie in den Shownotes.
Diesmal geht es weniger um den offiziellen Zweck solcher Reisen als um das, was unterwegs passiert. Ganz nach dem bekannten Motto: Wenn jemand eine Reise tut, dann kann er oder sie etwas erzählen. Manchmal sogar mehr, als im Reisebericht steht.
Doch in welchem Rahmen reisen Abgeordnete überhaupt ins Ausland? Eine Möglichkeit ist die Mitarbeit in einer parlamentarischen Freundschaftsgruppe, eine andere die Mitgliedschaft im Außenpolitischen Ausschuss. Dort werden Staatsverträge, Gesetzesvorlagen und Anträge behandelt, die Österreichs Außenpolitik betreffen.
Wer diesem Ausschuss angehört, kann auch Teil einer parlamentarischen Delegation sein, die ins Ausland reist. Hans Hafner, ehemaliger Nationalratsabgeordneter der ÖVP, war Mitglied im Außenpolitischen Ausschuss. Er nahm in dieser Funktion an mehreren Reisen teil. Eine davon ist ihm besonders in Erinnerung geblieben:
Hans HAFNER: Ich war bei der ersten Parlamentsdelegation aus dem freien Europa, die nach Albanien einreisen durfte. […] Wir waren insgesamt acht Abgeordnete, die nach Albanien durften. Delegationsleiter: Stix – damals Dritter Parlamentspräsident. Zwei Jets in Schwechat, da sind wir halt eingestiegen, vier dort, vier da. Der Martin Wabl war mit, der war einmal Bundesrat. Wir steigen ein, da sagt der Pilot – der Jet ist ja offen, ich bin ja auch nur ein- oder zweimal mitgeflogen mit so einem Flieger –: „Ja, warum ist nicht der Stix bei euch dabei?“ Ich habe gesagt: „Da dürfen Sie mich nicht fragen, das müssen Sie den Stix selber fragen.“ Uns haben sie daher geschickt, die anderen, mit dem Stix, dorthin. „Ja“, sagt der Pilot, „aber ich bin der Schnellere!“ „Ja, gut, okay, dann werden wir das den anderen sagen.“ „Ich lass ihn starten, den Kollegen lass ich starten.“ Er hat ihn starten lassen, dann irgendwo über Istrien hat der Pilot gesagt: „Schaut’s obe, da unten ist der Stix, euer Präsident! Aber den überhol‘ ma jetzt, ich kann gar nicht so langsam fliegen mit der Maschin wie der.“ Jetzt kommen wir da runter am Flughafen in Tirana, die Piste war ein Wahnsinn. Der fährt mit seinem Jet schön langsam da rüber, wir schauen durch die kleinen Luken raus, sehen dort drüben eine Delegation von 50 Leuten, aufg’schnürlt. Ich sage zum Wabl – wer war denn noch mit, der Schwimmer Walter, glaube ich –: „Ja, was machen wir denn jetzt? Die wollen uns sprechen, die schauen schon.“ Der Flieger macht nicht auf. Da sagt, ich glaube, es war der Wabl, zum Piloten: „Aufmachen!“ – „Du Hafner, wir gehn ausse! Geh vor, geh als Erster.“ Ich sage: „Ja gut, okay.“ Wir gehen also raus. Der Außenminister: „Herr Präsident, ich begrüße Sie sehr herzlich!“ „Entschuldigen vielmals, der Herr Präsident ist noch in der Luft.“ […] Wir haben warten müssen, aber es hat sich alles irgendwann in Wohlgefallen aufgelöst.
HAIPL: Auch Nationalratspräsidentinnen und Nationalratspräsidenten unternehmen immer wieder Reisen in andere Länder. Gerulf Stix, der verspätete Präsident, von dem wir gerade gehört haben, kam schon bald nach seinem Antritt als Dritter Nationalratspräsident für die FPÖ in den Genuss seiner ersten Auslandsreise. Im Vorfeld erhielt er dafür noch einen wertvollen Tipp:
STIX: Meine allererste Auslandsreise hat mir Präsident Benya nach dem Motto "Ins-kalte-Wasser-werfen" sehr früh zugewiesen. Ich wurde Ende Mai Dritter Präsident, und im September war Bulgarien an der Reihe, und der Benya hat zu mir gesagt: "Das macht der Präsident Dr. Stix." Und jetzt habe ich zwei Dinge erlebt: Es hat sich also herumgesprochen, dass ich diese Delegation nach Bulgarien leite, da kam auf mich zu der Dr. Luis Ton… wir haben immer Luigi zu ihm gesagt… nein, jetzt fällt mir der Name nicht ein – er war sogar Botschafter … bekannt … […] Mir fällt der Name sicher noch ein, aber erst später. Und der hat die Freiheitlichen nicht gemocht. Der kam zu mir und hat gesagt: "Du, Gerulf" – die Tiroler sind alle per Du gewesen –, "du fährst in ein Ostblockland. Egal, was du redest, auf Deutsch natürlich", hat er gesagt, "ende jede Rede mit den Worten … stoß an, heb das Glas und sag: 'druschba i mir!'" Da sage ich: "Was heißt denn das?" Er sagt: "Freundschaft und Friede!" Das war der eine Ratschlag. Ich bin dem gefolgt, habe meine erste Tischrede in Bulgarien, in Sofia, beendet mit den Worten: "Stoßen wir an: Druschba i mir!" – Tobender Beifall. Da habe ich gewusst, das funktioniert.
HAIPL: Und auch Präsident Anton Benya hatte dafür gesorgt, dass Stix Unterstützung auf der Reise erhielt:
STIX: Selbe Reise. – Wir sitzen im Flugzeug nach Sofia, hinter mir die proporzmäßig zusammengesetzte Delegation, ich als Präsident vorneweg in der First Class und allein und etepetete … Plötzlich kommt einer von den sozialistischen Abgeordneten zu mir, ich sag‘ keinen Namen, es war ein Wiener Abgeordneter, sichtlich aus einem einfacheren Beruf, ich kannte ihn nicht näher, wirklich nur aus dem Parlament, und natürlich informiert man sich, wenn die Delegation zusammengesetzt wird, über die Biographie der einzelnen, baut sich vor mir auf und sagt: "Du, Präsident, da Benya hot zu mir g'sogt, i soll da die Leit herrichten!" Also, ich habe ein Pokerface gemacht und habe gesagt: "Ja, erklären Sie mir das bitte." "Ja, du, Präsident, sogst ma, was du wüllst, und i sorg dafür, die Leit mochn des." Da habe ich gesagt: "Gut, machen wir." Und dann ist es gegangen.
Und eine unserer ersten Tätigkeiten in Sofia war die Niederlegung des Kranzes am Grab des unbekannten Soldaten oder irgend so etwas. Und vorher habe ich mir den Abgeordneten geholt und habe zu ihm gesagt: "Du, 10 Minuten vor dem vereinbarten Treffpunkt möchte ich, dass alle Leut' da sind." "Moch i da!" Und so geschah es. Das hat während der ganzen mehrtägigen Reise funktioniert. (Heiterkeit.) Also so spielt sich das … In dem Moment, wo eine Delegation ins Ausland geht, ist ein Zusammenhalt da, da sind Parteisachen vergessen. Es wird auch parteipolitische Schmutzwäsche, die hier fleißig gewaschen, getrocknet und in den Wind gehängt wird, im Ausland nicht erwähnt.
HAIPL: Dass man die Kolleginnen und Kollegen der anderen Parteien beim Reisen besser kennen lernt und so manche Wäsche in den Wind hängt, diese Erfahrung machte auch Irmtraut Karlsson von der SPÖ:
Irmtraut KARLSSON: Dann gab es natürlich Sachen wie gemeinsame Reisen oder Wahlbeobachtungen. Und da lernt man die Menschen halt von einer ganz anderen Seite kennen, weil das war ja auch anstrengend. Ja, also die erste Rumänienwahl, da waren wir in Hotels untergebracht, wo man die Zimmer nicht absperren hat können. Und ich habe mich da schon gefürchtet, und habe da den Sessel vor die Türklinke gestellt. Also wirklich, und da lernt man dann einfach die Menschen kennen, ob man verträglich mit ihnen reisen kann oder nicht. Und das Zweite, was einen auch im Europarat, Parlamentarische Versammlung im Europarat, hatten wir zwei kleine Kämmerchen. Und dort ist man oft stundenlang gesessen und hat auf irgendeine Abstimmung gewartet. Und da sitzt man und hat eigentlich nichts zu tun, außer dass endlich diese Klingel da läutet und man hingehen kann und sein Händchen hebt. Und da kommen auch persönliche Gespräche zustande, da sieht man auch, wie verhalten sich gewisse Leute gegenüber dem Personal, den mitreisenden Beamtinnen und Beamten, kann man schmähführen, kann man nicht schmähführen, also das ist schon…
HAIPL: Ein weiterer Anlass für Auslandsreisen war und ist der Kontakt mit der Europäischen Union. Und diesen Austausch gab es schon lange vor Österreichs EU-Beitritt im Jahr 1995 – damals noch mit der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, also einer Vorläuferin der heutigen EU. Im Jahr 1966 reiste der SPÖ-Abgeordnete Josef Pfeifer nach Brüssel. Für ihn war es nicht nur eine politische Reise, sondern zugleich eine persönliche Premiere: Er saß zum ersten Mal in einem Flugzeug. Entsprechend dankbar war er für die Ratschläge eines Kollegen, der sich mit dem Fliegen bereits auskannte:
PFEIFER: Meine erste Flugreise – das muss ich auch noch einblenden – war 1966 im September nach Brüssel. Damals war natürlich die Alleinregierung der Österreichischen Volkspartei unter Josef Klaus, und der damalige Handelsminister Mitterer, er war Uhrmacher – Kollegen von der ÖVP nannten ihn den „Greißlerpapst“ –, hat sich uns natürlich gleich als Weltumsegler vorgestellt und gesagt, worauf man aufpassen muss, wenn man beim ersten Mal als junger Kollege da mitfliegt. […] Es ging also ab von Schwechat, und immer wieder hat uns der „Greißlerpapst“, der Herr Bundesminister, gesagt: „Bitte, das Allerwichtigste ist, dass Sie auf das Gepäck aufpassen. Seien Sie da wirklich vorsichtig, denn das ist wichtig.“ Ich habe gedacht, er ist ein Weltumsegler als Flieger, er wird es schon wissen, aber: Was soll ich denn da tun? Das Gepäck verschwindet und hoffentlich kommt es wieder. Also, in Brüssel sind alle Koffer angekommen, nur der Mitterer hat keinen Koffer gehabt. (Heiterkeit.) Wir haben ihm dann natürlich freundschaftlich als Oppositionelle gesagt: „Herr Bundesminister, sollten Sie einen Rasierapparat brauchen oder vielleicht einen Pyjama von einem Kollegen, der Ihnen passt …“ Also, sein Koffer war in Rom, er hat getobt auf Französisch und hat mit allen angedreht, lamentiert und gebrüllt. – Es hat nichts genützt, der Koffer ist zwei Tage später erst in Brüssel eingelangt. Das sind halt so Erlebnisse.
HAIPL: Als Teil einer österreichischen Delegation durfte Severin Renoldner bei einer Sitzung der UNO-Vollversammlung dabei sein und wurde dort Zeuge einer in diplomatischer Hinsicht interessanten Konversation:
Severin RENOLDNER: Es ist eine Anekdote aus der UNO, von meinem Besuch bei der UNO. Ich war in der Vollversammlung, saß mit der österreichischen Delegation. Damals war die Osttimor-Frage gerade akut und Österreich hatte sich sehr für die Unabhängigkeit von Osttimor von Indonesien eingesetzt. Es war aber noch nicht unabhängig. Und während der Plenumsdebatte war mein Sitznachbar der österreichische Botschaftsvertreter, es war nicht der Botschafter Sucharipa, sondern ein Mitarbeiter, als Redner gemeldet und zwar als der Drittnächste soweit ich mich erinnere. Das war für mich alles neu, also da hat man praktisch alle 190 Staaten der Welt und man erkennt das nicht gleich. Also Österreich sitzt neben Aserbaidschan mit Z, weil alphabetisch Austria. Und dann kommt einer und tuschelt mit dem und sagt: „Will you speak about Osttimor… East Timor“…ich kann mich jetzt nicht mehr an den Wortlaut erinnern. Ich hab mir gedacht, was reden die da jetzt? Und der sagt: „No, no no, I don't, I have…“, und dann hat der andere gesagt: „Ah, super, thank you, I‘ll have a coffee.“ Dann sagt der… frage ich: „Was hat der jetzt wollen?“ Er sagt: „Das ist der indonesische Delegierte. Er hat gesehen, ich bin auf der Rednerliste der drittnächste. Und er hat mich gefragt, ob ich in meiner Rede auf Osttimor eingehe, denn wenn ich das tue, dann müsste er sitzen bleiben und nachher den Protest der indonesischen Regierung dort einlegen. Ich habe ihm aber gesagt, ich habe heute andere Themen und er hat sich bedankt, weil jetzt kann er endlich einen Kaffee trinken gehen in die Cafeteria.“ Also sozusagen, es gab auch dort einen informellen Kontakt. Österreich ist Gegner Indonesiens in der Frage Osttimor, aber der kommt und sagt, du, was hast denn du vor, kommst du heute auf das zu sprechen? Sagt der andere, nein, heute komme ich auf das nicht zu sprechen. Ah super, dann kann ich einen Kaffee trinken. Das war für mich irgendwie interessant. Das war auch lehrreich.
HAIPL: Josef Pfeifer, der uns schon die Geschichte von seinem ersten Flug erzählt hat, reiste während seiner Zeit als Abgeordneter noch öfter als Teil von Parlamentsdelegationen in andere Länder. Eine dieser Reisen führte ihn nach China, wo sein Parteikollege Rupert Gmoser vorübergehend verschwand:
PFEIFER: Ich war mit dem Rupert in China, in Peking. Der Minister Haiden hat eine Parlamentsdelegation dort hingeführt – das war 1980. […] Da haben wir ein Programm gehabt, und der Rupert Gmoser, der ja von einer wirklich großen Gestalt war, einer mächtigen Gestalt war … Bei den Chinesen war es so, wenn du klein und blad warst, haben die natürlich geschaut, wenn du aber groß warst, dann haben die hinter jedem Pfeiler hervorgeschaut und dich besonders betrachtet.
Es war im August, es war wahnsinnig heiß. Der Herr Teng war unser Dolmetscher. Die haben uns auf die Pagoden hinaufgetrieben – 260 Stufen […] Und dann kamen wir … natürlich: Platz des Himmlischen Friedens, Tian‘anmen Platz und, und, und. Dann fliegt man ja alles, denn in dem Riesenreich geht das nicht anders. Und an diesem besagten Hitzetag … Wenn du Toiletten im Hotel besucht hast, ist sowieso einer dabei gewesen wie bei den Russen und hat mit der Zeitung geschaut, dass zufällig der Gang in Ordnung ist. Und auf einmal werden die Sicherheitsleute nervös: Es fehlt einer! Wir schauen: Ja, der Gmoser ist nicht da! Wo kann der sein?
Zwei Stunden war der unauffindbar. Dann kommen wir wieder in einen riesigen Park mit Planschbecken, ein paar hundert Kinder, es ist ja alles so gigantisch und riesig dort, und die planschen halt, und mitten unter den Kindern sitzt ein Riese von Gestalt – der Rupert Gmoser! Also, die Sicherheitsleute waren erleichtert: Der ist Gott sei Dank da, und es ist ihm nichts passiert.
Wir sagen: „Ruperl, was ist denn los mit dir?“ Wir schauen ihn an – na, wie schaut denn der aus? „Ja mei“, hat er gesagt, „mia woa so hoaß, hamma denkt, i geh an Sprung daune, dass i vielleicht was z’trinka krieag. I bi da eine ganga, hab ma denkt, da gibt’s was z’trinka, aber des woa net wos z’trinka, des war der Frisör. Er hot mi net verstanden und i hob eam net verstanden. Und da hat er ins Scheren ang’fangt, auf amoi schau i, der halberte Schädl scho wegg’wesen.“ Dann ist er im Parlament gesessen mit der Stoppelglatze. „Aber er war so niedlich“, hat er gesagt. – Der Ruperl!
HAIPL: Karl Smolle, ehemaliger Nationalratsabgeordneter der Grünen und des Liberalen Forums saß Ende der 80er Jahre im Parlament und erlebte eine politisch sehr spannende Zeit voller Umbrüche. Aus diesen Jahren ist ihm eine Begegnung von einem Besuch in der damaligen Tschechoslowakei noch gut in Erinnerung:
SMOLLE: Nun, die Entwicklung hat uns alle überholt: Jugoslawien zerfiel, die Berliner Mauer als Symbol fiel, Prag hat sich so und so entwickelt. Aber, man muss ganz ehrlich sagen, 1989 im Mai, als ich die letzte Reise in die Tschechoslowakei gemacht habe, war es noch nicht so sicher. Der einzige, der damals schon der Auffassung war, dass es zu einer Veränderung kommen wird, war Kardinal Tomášek. Das ist sein Wissen, das sind die Gruppierungen, mit denen er kooperiert. […] Ich gehe ihn besuchen, er ist ein ganz lieber Mensch, er trug Pantoffeln, und wie eben ein älterer Mann zog er die Füße ein bisschen hinterdrein, die Pantoffeln schliffen am Boden. Ich kam also auf Besuch, er war so froh, Österreich hin und her, ich habe Slowenisch gesprochen er Tschechisch, wir haben uns recht gut verstanden, ein bisschen haben wir uns auch auf Deutsch unterhalten, er hat auch Deutsch gekonnt.
Wir saßen in seiner Kanzlei und auf alle ernsten Fragen von mir sagte er: „Ja, ja. Nein, nein. Das weiß ich nicht. Das Leben ist halt so und so.“ Und ich habe mir gedacht, das ist der Kardinal, wo alle sagen, den musst du besuchen, der weiß alles.
Dann gehen wir hinaus, und da war so ein Gang und rechts und links waren Blumen. Und dann beginnt er mir zu erzählen: Die Entwicklung ist sehr weit gediehen, er hat gesagt, im November wird es ganz sicher krachen, da ist es zu Ende. Also er hat mir ein gutes Bild gezeichnet von den Dingen, die dann tatsächlich eingetreten sind. Und ich sage auf Deutsch zu ihm: „Aber Herr Kardinal, wir saßen jetzt eine Stunde drinnen, und sie haben gesagt, das Wetter bleibt so wie es ist oder es wird anders.“ Da hat er gesagt: „Jetzt werde ich Ihnen etwas sagen. Jeden Morgen geht meine Haushälterin da rechts und links an den Blumen vorbei und zupft alle welken Blätter ab und so manches Drähtlein nimmt sie auch gleich mit raus. In dem Gang kann ich reden wie ich will.“ Ich habe schallend gelacht. […] Er hat gelächelt und ist aus sich herausgegangen und hat mir sehr liebe Informationen und sehr wichtige Informationen und auch sehr persönliche für einige österreichische Persönlichkeiten mitgegeben. Es war ein wirklich gutes Gespräch, aber ermöglicht hat das seine Haushälterin.
HAIPL: Ich hoffe, unsere Reise ins Ausland der Vergangenheit hat Ihnen gefallen! Falls Sie das noch nicht getan haben, abonnieren Sie doch gerne unseren Podcast oder hinterlassen uns eine Bewertung. Darüber würden wir uns sehr freuen. Und falls Sie eine oder mehrere Fragen haben, oder etwas ergänzen möchten, können Sie uns einfach an diese E-Mail-Adresse schreiben: podcast@parlament.gv.at.
Weitere Informationen rund ums Parlament und seine Geschichte finden Sie auf den Social-Media-Kanälen des Parlaments und auf der Webseite www.parlament.gv.at. Dort finden Sie übrigens auch die Interviews in voller Länge, die diesem Podcast als Grundlage dienen. Ich danke Ihnen fürs Zuhören, freue mich aufs nächste Mal und sage Ciao.