Ein Sonntagsausflug mit der ganzen Familie nach Mailand: erst das Gedränge am Dom, dann rote Logen und Fagott-Klänge in der Scala. Wie eine Stadt ihre grössten Räume für die Kleinsten öffnet.
Episode 5 • Erinnerung vom 2019-09-29 Duration: 4:25
Ein Sonntagsausflug mit der ganzen Familie nach Mailand: erst das Gedränge am Dom, dann rote Logen und Fagott-Klänge in der Scala. Wie eine Stadt ihre grössten Räume für die Kleinsten öffnet.
Draussen Strassenkünstler in Gold, drinnen Kronleuchter und Samt – und sechs Kinder, die plötzlich still werden. Mailand zeigt an einem einzigen Nachmittag, was passiert, wenn eine Stadt ihre heiligsten Räume für alle öffnet – und warum genau das Grösse ist.
Geschichten mit Bernd ist ein von Matthias kuratierter und produzierter Podcast über Erinnerungen, Handwerk, Reisen, Familie und Lebensgeschichten rund um Bernd. Jede Folge beginnt bei einem konkreten Moment und öffnet daraus ein größeres Fenster in Geschichte, Kultur, Orte und verschwindende Welten.
Dieser Podcast ist für Bernd. Es gibt immer wieder Folgen zu Themen, die ihn interessieren.
Sechs Karten für einen Euro – Ein Nachmittag in der Scala
Folge 5 | Erinnerung vom 2019-09-29
Geschichten mit Bernd | Ein Podcast von Matthias
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[00:09] Erzähler: Auf dem Domplatz ist alles gleichzeitig los. Tauben, Selfie-Sticks, ein Straßenkünstler in Blau-Gold, Kinder, die schon wieder irgendwohin wollen. Und ein paar Stunden später sitzt dieselbe Familie in der Scala. Roter Samt. Gold. So ruhig, dass man vorne auf der Bühne wirklich das Einatmen hört.
[00:32] Gesa: Das ist schon ein harter Schnitt.
[00:35] Erzähler: Ja. Ende September 2019. Bernd, Matthias, die Kinder, sechs Karten für ein Kinderkonzert um vier. Und genau dieser Sprung ist die ganze Folge: draußen Mailand im Daürbetrieb, drinnen ein Raum, der plötzlich sagt: Jetzt hört mal zu.
[00:52] Erzähler: Und dann dieser Preis: ein Euro pro Kind. Wirklich ein Euro. Da merkst du sofort, dass das nicht nur noble Fassade sein soll. Die wollen, dass Kinder da reinkommen und merken: So ein Ort ist auch für euch da.
[01:08] Erzähler: Der Tag fängt erst mal ziemlich groß an. Domplatz, offene Fläche, Menschen überall, und mittendrin dieser Dom, der einfach nicht aufhört. Hundertfünfunddreißig Spitzen. Tausende Figuren. Und eine Baugeschichte, die so lang ist, dass man nach zwei Sätzen schon merkt: Das kriegt man an einem Nachmittag gar nicht in den Kopf.
[01:33] Gesa: Also wirklich so ein Bau, bei dem man nur noch hochschaut?
[01:38] Erzähler: Genau. Und Bernd war da nicht der Typ für großes Theater. Eher dieses genaü Schaün: Wo bleibt der Blick hängen? Wie wirkt Stein, wenn so viele Hände und so viel Zeit darin stecken? Und dann kam noch dazu, dass Mailand 2019 ohnehin voll auf Kultur gestellt war – Leonardo-Jahr, Ausstellungen überall, die Stadt hat sich selbst ziemlich offensiv als Kunststadt erzählt.
[02:06] Gesa: Und dann gehst du von so einem Platz rüber in die Scala. Fast absurd eigentlich.
[02:12] Erzähler: Ja, total. Draußen noch Platz, Lärm, Kostüme, Tauben. Und ein paar Minuten später gehst du in ein Haus, das sofort die Lautstärke rausnimmt.
[02:23] Gesa: Und schon das Reingehen macht was mit einem, oder?
[02:27] Erzähler: Sofort. Du bist plötzlich in diesem roten, geordneten Raum, und alle werden automatisch etwas leiser. Die Scala liegt nur ein paar hundert Meter vom Dom entfernt, aber sie fühlt sich komplett anders an. Älter, konzentrierter, fast wie ein eigener Temperaturwechsel.
[02:47] Gesa: Und trotzdem hat das Haus ja auch eine ziemlich harte Geschichte hinter sich.
[02:53] Erzähler: Ja. 1943 wurde die Scala bombardiert. Der Zuschaürraum war kaputt, das Dach weg. Und nur drei Jahre später hat Toscanini dort schon wieder dirigiert. Das sagt viel über so eine Stadt: Kultur wird da nicht als Schmuck behandelt, sondern als etwas, das sofort wieder stehen soll.
[03:14] Erzähler: Und dann sitzen da ausgerechnet Kinder für einen Euro. Fagotte vorne, die ja wirklich etwas leicht Komisches haben – brummen, quaken, fast wie Figuren. Das ist klug gemacht. Kein Einschüchterungsprogramm. Und irgendwann kam dieser Satz aus der Loge: Warum ist das so schön hier? Da war eigentlich alles schon gesagt.
[03:39] Gesa: Ja. Weil Kinder so einen Raum sofort entlarven. Entweder er macht zu. Oder er lässt sie rein.
[03:46] Erzähler: Genau. Und Bernd hat an solchen Stellen nicht groß formuliert. Aber man hat gemerkt, dass ihn das trifft: ein ernsthafter Ort, der nicht geschniegelt auf Distanz hält. Sondern sagt: Setzt euch. Hört zu. Nehmt das ruhig mit.
[04:04] Gesa: Und danach wirkt selbst der Domplatz kurz weniger anstrengend.
[04:09] Erzähler: Ja. Vielleicht bleibt genau deshalb nicht das Gold hängen, sondern dieser Wechsel. Draußen das volle Mailand. Drinnen ein Kind in einer Loge, das plötzlich flüstert. Viel besser wird so ein Tag eigentlich nicht.
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Ende der Folge. Laufzeit 04:25.