Ein Vulkan bohrt einen Tunnel bis unter den Atlantik, lässt darin ein blindes Tiefseetier zurück – und ein Künstler steigt in dieses Loch hinab und macht daraus Wasser, Licht und Musik. Jameos del Agua ist der Ort, an dem Natur und Kunst auf Lanzarote am engsten verschmelzen.
Episode 9 • Erinnerung vom 2026-07-09 Duration: 13:06
Ein Vulkan bohrt einen Tunnel bis unter den Atlantik, lässt darin ein blindes Tiefseetier zurück – und ein Künstler steigt in dieses Loch hinab und macht daraus Wasser, Licht und Musik. Jameos del Agua ist der Ort, an dem Natur und Kunst auf Lanzarote am engsten verschmelzen.
Ein blinder, farbloser Krebs in absoluter Dunkelheit – das Wahrzeichen eines Konzertsaals in der Lava Wie ein Vulkan einen Tunnel bis unter den Atlantik bohrte, darin ein Tiefseetier einschloss und ein Künstler daraus Musik, Licht und Wasser machte
Geschichten mit Bernd ist ein von Matthias kuratierter und produzierter Podcast über Erinnerungen, Handwerk, Reisen, Familie und Lebensgeschichten rund um Bernd. Jede Folge beginnt bei einem konkreten Moment und öffnet daraus ein größeres Fenster in Geschichte, Kultur, Orte und verschwindende Welten.
Schwarze Erde, weisses Licht ist ein Reise-Podcast über Lanzarote, für Matthias, Waltraud, Marie und Julia. Vom 2. bis 16. Juli 2026 wohnen sie im Centro Antroposófico im Norden der Insel und nähern sich der Vulkaninsel Folge für Folge: dem Feuer von Timanfaya, dem Werk von César Manrique, den Pflanzen und Tieren der Lava, dem Wein von La Geria, der Geschichte der Insel, dem Tourismus und dem Wasser. Jede Folge ein Thema, dicht, überraschend und voller Vorfreude.
Konzertsaal im Dunkeln – Jameos del Agua
Folge 9 | Erinnerung vom 2026-07-09
Schwarze Erde, weisses Licht – der Lanzarote-Podcast
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[00:08] Erzähler: Kein Wind. Kein Tageslicht. Nur ein Tropfen irgendwo in der Dunkelheit und das eigene Atmen, das plötzlich viel zu laut wird. Tief unter der Erde im Norden von Lanzarote liegt ein See, schwarz und spiegelglatt. Und im Wasser bewegen sich Dinge – winzige, weisse, fast durchsichtige Wesen, kaum so gross wie ein Reiskorn. Ohne Augen. Sie haben nie einen Sonnenstrahl gesehen.
[00:34] Gesa: Und sie existieren auf dem ganzen Planeten nur an diesem einen Ort. Nicht auf der Nachbarinsel, nicht im offenen Meer, nirgends. Nur in diesem einen Tunnel unter dieser einen Insel.
[00:46] Erzähler: Und jetzt das Verrückte – über diesem blinden Krebs, wenige Meter höher, sitzt ein Konzertsaal. Fünfhundertfünfzig Plätze, eine Bühne vor gewölbten Lavawänden. Der Ort heisst Jameos del Agua, und er ist das seltsamste Zusammentreffen von Natur und Kunst, das Lanzarote zu bieten hat.
[01:06] Gesa: Was wir hier aufmachen, ist eine doppelte Geschichte. Die eine hat ein Vulkan vor rund zwanzigtausend Jahren geschrieben – als flüssige Lava einen Tunnel bis unter den Atlantik bohrte. Die andere schrieb ein Mensch, der in dieses Loch hinabstieg und beschloss, daraus Wasser, Licht und Musik zu machen.
[01:26] Gesa: Okay, bevor wir über den Krebs oder den Konzertsaal reden, müssen wir verstehen, wo wir überhaupt stehen. Dafür gehen wir zwanzigtausend Jahre zurück. Im Norden der Insel bricht der Monte Corona aus – sein Krater ist heute noch gut zu sehen. Die Lava, die er ausspuckt, ist dünnflüssig, sogenannte Pahoehoe-Lava, und die fliesst wie ein Fluss den Hang hinunter Richtung Meer.
[01:52] Erzähler: Und daraus wird dann der Tunnel?
[01:54] Gesa: Der Trick ist, was danach passiert. Die Oberfläche kühlt an der Luft ab und erstarrt zur Kruste – aber darunter fliesst es weiter, heiss und isoliert wie in einem Rohr. Stellt euch einen zugefrorenen Bach vor: oben die Eisdecke, darunter das Wasser. Irgendwann hört der Nachschub auf, der Kanal läuft leer – und zurück bleibt ein hohler Gang aus Basalt, der Tausende von Jahren hält.
[02:21] Erzähler: Moment – das heisst, diese Höhle wurde nie gegraben und nie ausgewaschen. Die ist einfach der Abdruck eines Flusses, der weitergelaufen und verschwunden ist.
[02:32] Gesa: Die Form der Bewegung selbst, eingefroren in Stein. Und hier steht ihr in einer der längsten Lavaröhren der Welt.
[02:39] Erzähler: Einer der längsten der Welt – wie lang genau?
[02:42] Gesa: Da wird es richtig spektakulär. Das gesamte Röhrensystem des Monte Corona misst zwischen sechs und acht Kilometer. Und der Tunnel endet nicht an der Küste – er läuft unter dem Meer weiter. Der Unterwasserabschnitt heisst Túnel de la Atlántida und gilt als längste bekannte submarine Lavaröhre der Welt. Eineinhalb bis zwei Kilometer unter dem Atlantik, bis in rund vierundsechzig Meter Tiefe.
[03:09] Erzähler: Eineinhalb Kilometer unter dem Meer. Das ist fast so weit wie vom Zürcher Paradeplatz zum Bellevue – nur eben unter Wasser, in einem Lavaschlauch.
[03:20] Gesa: Und stellt euch vor, wie dieser Lavaschlauch im Dunkeln immer weiterläuft, vom Krater am Berg bis tief unter den Meeresboden – ein durchgehender Gang, dessen äusserstes Ende noch kein Mensch je gesehen hat.
[03:34] Erzähler: Jetzt kommt ein Wort, das dem Ort seinen Namen gibt: jameo. Und das ist kein Spanisch. Es stammt aus der Sprache der Ureinwohner – ein jameo ist eine Stelle, an der die Decke dieses Tunnels eingestürzt ist. Einfach nachgegeben, eingebrochen, und plötzlich fällt Tageslicht in die Dunkelheit.
[03:54] Gesa: In Jameos del Agua gibt es drei solche Einstürze: den Jameo Chico, durch den man hinabsteigt, den Jameo Grande, den grossen offenen Garten, und den Jameo de la Cazuela hinter der Bühne. Drei Löcher im Dach eines zwanzigtausend Jahre alten Tunnels – und durch diese Löcher betretet ihr ihn.
[04:14] Erzähler: Und jetzt kommt der Moment, auf den es ankommt. Ihr steht oben in der Julisonne, die Luft flimmert über der schwarzen Lava, dreissig, fünfunddreissig Grad. Und dann nehmt ihr die Treppe nach unten.
[04:28] Gesa: Und mit jedem Schritt wird es kühler. Der Basalt speichert die Kühle, in der Röhre bleibt es das ganze Jahr um die neunzehn Grad – während oben die Julisonne brennt.
[04:39] Erzähler: Die Sonne schrumpft zu einem hellen Fleck hinter euch. Die Luft wird feucht. Das Ohr stellt sich um – plötzlich hört ihr das eigene Atmen, ein Tropfen, sonst nichts. Und dann wird es ganz still.
[04:53] Gesa: Was Manrique hier gemacht hat, ist im Grunde genial einfach. Er hat den Weg so gelegt, dass man diesen Temperatursturz mit dem ganzen Körper erlebt. Einfach die Treppe so platziert, dass der Kontrast maximal wird. Das Stärkste an diesem Ort ist dieses Temperaturgefälle selbst, die Schwelle, die euch mit Haut und Ohren trifft.
[05:15] Erzähler: Unten wartet der See, schwarz und spiegelglatt. Und darin schwimmen die Tiere, die kein Mensch erfunden hätte.
[05:23] Gesa: Also – das Tier heisst offiziell Munidopsis polymorpha, aber auf Lanzarote sagt jeder einfach jameito, der kleine Bewohner des jameo. Er ist rund einen Zentimeter gross, selten mal knapp zwei. Und er ist das Wappentier der ganzen Insel.
[05:39] Erzähler: So klein. Und ausgerechnet das ist das Wahrzeichen der ganzen Insel.
[05:44] Gesa: Und er ist auf eine fast elegante Art perfekt angepasst. In absoluter Dunkelheit bringen Augen gar nichts – also hat die Evolution sie weggespart. Farbpigmente kosten Energie und schützen vor einer Sonne, die es hier nie gibt – also weg damit. Was übrig bleibt, ist ein weisses, fast durchsichtiges Tier, das sich über feinste Strömungen und seine Antennen orientiert. Blindheit ist hier die perfekte Lösung: im ewigen Dunkel führen feine Antennen und das Gespür für Strömung besser als jedes Auge.
[06:18] Erzähler: Aber wie kommt ein Meerestier in einen See, der kilometerweit vom offenen Ozean entfernt liegt?
[06:25] Gesa: Und genau hier wird es richtig verrückt. Die nächsten Verwandten des jameito leben in der atlantischen Tiefsee – in viertausend Metern Tiefe rund um die Kanaren. Viertausend Meter! Die gängige Erklärung: als die Lava die Röhre schuf und neue Küste aus dem Meer wuchs, wurde eine Population abgetrennt und eingeschlossen. In der dunklen, temperaturkonstanten Röhre fand sie tiefseeähnliche Bedingungen – und überlebte. Zwanzigtausend Jahre Isolation, zwanzigtausend Jahre Evolution im Dunkeln.
[06:59] Erzähler: Das ist im Grunde ein Tiefseetier, das in einem Vulkantunnel gestrandet ist und sich neu erfunden hat.
[07:06] Gesa: Und darum lebt er nur hier. Der Túnel de la Atlántida ist übrigens eines der artenreichsten Höhlen-Salzwasser-Systeme der Welt – siebenundsiebzig nachgewiesene Arten, einunddreissig davon Krebstiere, neunzig Prozent der Krebse kommen nirgends sonst vor. Der jameito ist nur ihr berühmtester Botschafter.
[07:27] Erzähler: Was mich verblüfft: der See sieht aus wie ein unterirdischer Tümpel. Aber er ist Salzwasser?
[07:33] Gesa: Salzwasser, ja – rund sieben Meter tief. Das Meer drückt durch das poröse Vulkangestein, unsichtbar, durch tausend kleine Ritzen und Spalten. Der Fachbegriff ist anchialines System: ein Gewässer mit unterirdischer Verbindung zum Meer, aber ohne offene Oberfläche. Und – das überrascht fast alle – man kann im See die Gezeiten beobachten. Bei Flut steigt der Pegel, bei Ebbe sinkt er.
[07:59] Erzähler: Gezeiten. In einer Höhle. Der Atlantik atmet da rein.
[08:03] Gesa: So robust der Ort aussieht – erstarrte Lava, Basalt, Jahrtausende alt –, so verletzlich ist das Leben darin. Der jameito reagiert empfindlich auf Licht, auf Lärm, auf jede Veränderung der Wasserchemie. Eine einzige Münze, die jemand als Glücksmünze ins Wasser wirft, gibt beim Korrodieren gelöstes Kupfer und Zink ab – und schon geringe Spuren dieser Metalle setzen so einem winzigen Krebs zu.
[08:30] Erzähler: Die gutgemeinte Geste ist die Gefahr.
[08:33] Gesa: Selbst Sonnencreme von einer Hand im Wasser gilt als Belastung. Also: nichts ins Wasser werfen, keine Hände rein. Den jameitos zuliebe.
[08:42] Erzähler: Das härteste Material der Insel beherbergt das Zerbrechlichste, was man sich vorstellen kann. Und in genau diese Naturbühne hat dann ein Mensch eingegriffen – behutsam, aber unverkennbar.
[08:56] Erzähler: Mitte der Sechzigerjahre stieg ein Mann in dieses Loch hinab – derselbe, über den wir in Folge acht gesprochen haben. César Manrique war gerade aus New York zurückgekehrt und suchte den Ort, an dem er seine Vision zum ersten Mal verwirklichen konnte. Und er fand ein eingestürztes Stück Vulkantunnel.
[09:16] Gesa: Was bemerkenswert ist: er hat den natürlichen Salzwassersee mit den jameitos gelassen, wie er war. Er hat nichts umgebaut, nichts überdeckt. Dann hat er im Jameo Grande, dem grossen Einsturz, Gärten angelegt – Palmen, subtropische Pflanzen im Halbschatten der Lavawände – und in die Mitte ein Becken gesetzt.
[09:38] Erzähler: Und dieses Becken! Strahlend weiss und türkis, zwischen schwarzem Fels, Palmen, blauer Himmel darüber. Man sieht es und denkt sofort: da will ich rein.
[09:48] Gesa: Und darf nicht.
[09:49] Erzähler: Denn der berühmteste Pool der Insel ist einzig zum Anschauen da. Manrique hat ihn als reinen Farbfleck entworfen – ein Schwimmbecken, das allein für das Auge existiert. Das siehst du auf keiner Postkarte so erklärt.
[10:04] Gesa: Wenn man den Farbklang betrachtet – schwarze Lava, weisser Putz, türkises Wasser, grüne Palmwedel –, sieht man den Maler. Er hat nie aufgehört, Maler zu sein. Er hat nur die Höhle zur Leinwand gemacht. Vier Farben in einem einzigen Blick, jede gegen die andere gesetzt.
[10:23] Erzähler: Und dann geht es noch tiefer. Hinter dem Pool, hinter den Gärten, tief in der Röhre, hat Manrique etwas gebaut, das eigentlich unmöglich klingt: einen Konzertsaal.
[10:34] Gesa: Fünfhundertfünfzig Sitzplätze, Bühne, Beleuchtung – eingebettet in die natürliche Basaltröhre. Die Wände sind gewölbt, unregelmässig, porös. Purer Vulkanfels.
[10:45] Erzähler: Hat jemand die Akustik konstruiert?
[10:47] Gesa: Nein. Und genau das ist der Punkt. Der poröse Basalt schluckt die harten hohen Frequenzen und wirft die tiefen zurück, die gewölbte Röhrenform verteilt den Schall gleichmässig – ein warmer, kurzer Nachhall von rund einer Sekunde, wie ihn ein Konzertsaal-Akustiker sonst mühsam berechnen muss. Hier hat ihn der Vulkan gleich mitgeliefert, Manrique hat die Stühle reingestellt.
[11:13] Erzähler: Stellt euch das vor: ihr sitzt in der Lava, über euch die Decke eines zwanzigtausend Jahre alten Tunnels, und ein Ton füllt diesen Raum – gehalten von Wänden, die glühendes Gestein geformt hat. Das Programm heisst Escena Lanzarote, dort finden bis heute Konzerte statt.
[11:32] Gesa: Und die Bühne grenzt an den dritten Einsturz, den Jameo de la Cazuela – der ist nur über Sonderführungen zugänglich. Die meisten ahnen gar nicht, dass hinter der Bühne die Höhle noch weitergeht.
[11:45] Erzähler: Jameos del Agua war Manriques allererstes grosses Werk. Er begann neunzehnhundertsechsundsechzig, im Jahr seiner Rückkehr, das Auditorium kam neunzehnhundertsiebenundsiebzig dazu. Alles, was danach kam – der Mirador del Río, der Jardín de Cactus –, hat hier seinen Prototyp. Die Keimzelle seiner ganzen Idee.
[12:06] Gesa: Direkt daneben liegen die Casa de los Volcanes, ein vulkanologisches Forschungszentrum zur Röhre, und die Cueva de los Verdes, ein trocken ausgebauter Abschnitt derselben Lava – beides lässt sich gut mit einem Besuch verbinden. Jameos del Agua ist ganzjährig geöffnet, der Eintritt liegt bei rund zehn bis fünfzehn Euro. Nur ein Tipp: kommt früh, der Ort zieht fast eine Million Besucher im Jahr an.
[12:34] Erzähler: Was bleibt, ist ein Bild: ein blinder, weisser Krebs, kaum sichtbar, seit Urzeiten in völliger Dunkelheit. Und darüber ein Tunnel voller Musik, Licht und Wasser. Zwei Welten, keine drei Meter dazwischen.
[12:48] Gesa: Das Älteste und das Neueste an diesem Ort liegen direkt übereinander. Ein Lebewesen, älter als jede menschliche Kunst, unter einem Konzertsaal, den ein Mensch erst gestern gebaut hat.
[13:01] Erzähler: Der Vulkan lieferte beides: die Bühne und das Publikum, das nie die Sonne sah.
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Ende der Folge. Laufzeit 13:06.