30. Juli 1991, zweiter Tag der Ostseetour: ohne Gepäck nach Wismar — über eine schwierige Strandroute, die fünfzehn Kilometer in zweieinhalb Stunden dehnt. Wismar gibt kurze Ruhe. Die Rückfahrt auf der Bundesstraße kommt schnell und laut. Aber am Abend warten Klippen und Sonnenuntergang — eine späte Belohnung, die genau deswegen so groß ist.
Dieser Podcast ist für Bernd. Es gibt immer wieder Folgen zu Themen, die ihn interessieren.
Wismar, Gegenwind und Abendlicht
Folge 4 | Erinnerung vom 1991-07-30
Geschichten mit Bernd | Ein Podcast von Matthias
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[00:08] Erzähler: Fünfzehn Kilometer. Zweieinhalb Stunden. Das Tagebuch schreibt das ohne Kommentar hin. Aber wer das liest, denkt erst: Wie? Fünfzehn Kilometer auf dem Rad — das ist doch kein halber Arbeitstag.
[00:21] Gesa: Es sei denn, der Weg existiert kaum.
[00:23] Erzähler: Genau das. 30. Juli 1991, zweiter Tag der Ostseetour. Vier Männer ohne Gepäck — das haben sie am Campingplatz gelassen — auf dem Weg nach Wismar. Strandnah, streckenweise kaum markiert, mit Sand und Gegenwind. Fünfzehn Kilometer in zweieinhalb Stunden. Und diese Langsamkeit ist nicht das Problem der Folge. Sie ist ihr Thema.
[00:45] Gesa: Weil sich am Ende der Tag trotzdem auszahlt?
[00:48] Erzähler: Weil Strecke und Zeit auf einer Radtour auseinanderfallen können — und wenn man das einmal wirklich spürt, versteht man danach Abende auf Klippen anders.
[00:58] Erzähler: Der Morgen fängt gut an. Frühstück, Schwimmen. Dann starten sie nach Wismar. Ohne Gepäck fühlt sich das Rad kurz leicht an. Der erste Strandabschnitt korrigiert das dann recht gründlich.
[01:11] Gesa: Wie muss man sich eine Strandroute in Mecklenburg im Sommer '91 vorstellen?
[01:16] Erzähler: Weit entfernt von geteert. Radwege an der Ostseeküste, ausgebaut für Freizeitradler — das gab es noch nicht. Man fuhr, wo man konnte: sandige Trampelpfade hinter dem Strand, kurze Wege, die plötzlich aufhörten, Grasbuckel statt Asphalt. Langsam. Manchmal schön, manchmal frustrierend, oft beides gleichzeitig.
[01:36] Gesa: Aber der Blick aufs Wasser hilft.
[01:38] Erzähler: Der Blick aufs Wasser hilft immer. Flaches Licht, Möwen, fast keine anderen Menschen. Aber der Wind kommt von vorn, und die Beine merken das nach einer Stunde sehr deutlich.
[01:50] Erzähler: Wismar ist dann erst mal Erleichterung: Stadt, Kopfsteinpflaster, Mittagessen. Eine Kirche — groß, kühl im Sommer. Und plötzlich ein anderer Rhythmus. Nicht Gegenwind, sondern Markt und Schatten.
[02:03] Gesa: Wismar war damals noch ganz anders als heute, oder?
[02:07] Erzähler: Ja. Sommer '91 — noch nicht saniert, noch nicht touristisch poliert. Verwitterte Fassaden, belebte Straßen, kein einziges Café mit Lavendelfarbe außen. Eine Stadt, die gerade erst für Westdeutsche zugänglich war und das noch nicht so ganz gemerkt hatte. Das hatte etwas Echtes.
[02:26] Erzähler: Die Rückfahrt ist das Kontrastprogramm. Selbe Strecke, andere Route: Bundesstraße. Fünfzehn Kilometer in fünfundvierzig Minuten. Also dreimal so schnell. Dafür: Lkw, Lärm, Gegenwind von der Fahrbahn.
[02:39] Gesa: Schnell und unangenehm.
[02:41] Erzähler: Genau so. Auf einer Radtour spürt man die Bundesstraße sehr direkt: links ein Lkw, rechts der Graben, der Rückspiegel eines Busses auf Schulterhöhe. Man kommt schnell an — und ist froh, als es vorbei ist.
[02:54] Gesa: Und dann kommt der Abend.
[02:56] Erzähler: Dann kommt der Abend. Im Tagebuch steht — nüchtern, fast ohne Ausrufungszeichen — «wunderbare Stimmung an den Klippen». Klippen an der Ostseeküste. Sonnenuntergang über dem Wasser. Nach dem Verkehrslärm, nach zweieinhalb Stunden Gegenwind, nach dem ganzen Tag: plötzlich Stille und Farbe.
[03:16] Gesa: Man hätte das auch mit einer halben Stunde Bundesstraße am Morgen haben können.
[03:21] Erzähler: Hätte man. Aber dann wäre es ein schöner Abend gewesen. Nicht dieser Abend. Die zweieinhalb Stunden auf dem Sandweg, der Wind gegen die Brust, die Erschöpfung — die sind nicht zufällig da. Sie gehören dazu. Weil man sich langsam vorgearbeitet hat, ist die Stille am Abend wirklich groß.
[03:40] Gesa: Also: langsamer Hinweg als Voraussetzung für den großen Abend.
[03:45] Erzähler: Nicht als Strategie — aber als Logik. Reiseglück kommt selten gleichmäßig. Es kommt schubweise. Manchmal erst ganz am Ende des Tages, wenn man schon fast nicht mehr damit rechnet. 30. Juli 1991: ein schwieriger Vormittag, ein ruhiges Wismar als Zwischenraum, und am Schluss — Klippen, Abendlicht, Ostsee.
[04:05] Gesa: Langsam fahren als Vorleistung.
[04:07] Erzähler: Fünfzehn Kilometer Gegenwind. Und am Abend: Klippen, Sonnenuntergang, Ostsee. Manchmal zahlt sich Langsamkeit erst aus, wenn man schon fast nicht mehr daran glaubt.
[04:18] Erzähler: Das war Geschichten mit Bernd. Wenn euch die Folge gefallen hat, abonniert den Podcast — und wir hören uns beim nächsten Mal.
[04:27] Erzähler: Geschichten mit Bernd. Leben, Handwerk und Geschichten aus vielen Jahrzehnten.
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Ende der Folge. Ca. 04:32 geschätzt.