In Raidsthemen spreche ich mit Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft, die Ecken und Kanten haben. Wir sprechen über Reizthemen in unserer Gesellschaft: Integration und Migration, über politische Parteien, Außen- und Sicherheitspolitik sowie über den Nahen und Mittleren Osten.
Herzlich willkommen zu einer neuen Folge von Raidsthemen. Heute haben wir Tim Breitkreuz da: junger Landtagsabgeordneter im Landtag von Baden Württemberg. Tim versteht Politik und seine Rolle derzeit wie ein Start-up. Er muss alles aufbauen, er muss eine Marke aufbauen, er muss Prozesse aufbauen und auch ein Geschäftsmodell. Was ein Abgeordneter alles machen muss, was seine Aufgaben sind, wie er sich in der Politik sieht und seine Generation Politik auch anders betrachtet und anders umsetzt, darüber sprechen wir heute mit ihm.
Raid:Herzlich willkommen, lieber Tim, bei uns. Du bist frisch gebackener Abgeordneter. Herzlichen Glückwunsch. Ich hatte dir vorher gratuliert, aber jetzt auch noch mal hier bei uns im im Studio. Und Du bist ja ein ein junger Abgeordneter.
Raid:Du bist gerade in den Landtag gewählt worden. Wie wird man eigentlich Politiker? Was hast Du vorher gemacht und wie kommt es dazu, dass man Politiker wird?
Tim:Ja, Raid, ich freu mich sehr, dass wir uns darüber heute austauschen können. Zunächst mal, es ist eine große Ehre und Freude, diese Rolle jetzt haben zu dürfen, für Baden-Württemberg was voranbringen zu dürfen, für meinen Wahlkreis Hohenlohe was voranbringen zu dürfen und Politik beginnt eigentlich, muss man sagen, durchweg im Ehrenamt. Also wir reden ja vom Politiker, der das Vollzeit macht, der im Landtag sitzt, der im Bundestag sitzt. Für mich sind auch Bürgermeister Politiker, weil sie gewählt worden sind für ein Amt, wo sie politisch was bewegen, was verändern. Und für mich beginnt das aber im Ehrenamt, so war's auch bei mir.
Tim:Ich hab irgendwann gesagt, so, ich will was tun, will was verändern in meinem Land, auch politisch, gesellschaftlich. Wie mache ich das am besten? Da bin ich mit 17 Jahren in die CDU eingetreten, war dann, hab da einfach mitgeholfen Pressearbeit zu machen, Veranstaltungen zu diskutieren, Themen zu setzen und das ist der Start eines Politikers und dann jetzt am Ende, aber auch noch mal konkret eine Frage zu beantworten, die Mitglieder in einem Wahlkreis nominieren ihren Abgeordneten. Also alle Mitglieder werden zusammengetrommelt, jeder hat eine Stimme, dann gibt's einen Kandidaten oder auch mal mehrere. Dann wird gesagt, wer soll auf dem Stimmzettel stehen? Und dann ist aber die Frage, wird man von den Bürgerinnen und Bürgern gewählt?
Raid:Genau, das heißt, am Ende ist Politik ja vor allem Vertrauen. Das Handwerkzeug lernt man sicherlich auch im Ehrenamt, aber die Parteien machen ja quasi oder stellen dann Kandidaten auf. Und da musst Du dich natürlich hervorheben durch aktive Arbeit. Und es ist eine lange, darf ich jetzt auch, wenn Du noch sehr, sehr jung bist, aber Du hast natürlich früh angefangen. Das heißt, wenn ich Politiker werden will, wenn ich etwas bewegen will, und das ist immer mein Credo, ich kann entweder ein Podcast machen oder ein Kanal machen oder aber und das ist viel wichtiger und das verbindet uns ja beide, wir sind auch beide in der politischen Partei, ganz zufällig auch in derselben, aber Du musst Parteiarbeit machen, wenn Du wirklich was verändern willst.
Tim:Genau so ist es. Und das der Gedanke war bei mir auch mit 17 Jahren. Gehe ich in einen Verein, in eine Organisation? Aber da ist es immer die Rolle, dass man die Themen an die Politik heranträgt. Mhm.
Tim:Und die Menschen, die eigentlich entscheiden, die sitzen dann entweder in den Parlamenten, in den Regierungen oder in der Verwaltung und deswegen war für mich klar, ich will dahin, wo man auch mitgestaltet, mitentscheidet und nicht nur anderen immer sagt, was man machen muss. Und natürlich gehört Vertrauen wirklich dazu, dass die Menschen auch den Eindruck haben, okay, wenn ich den jetzt wähle, wenn ich dem jetzt meine Stimme gebe, dann setzt der sich für mich ein. Mir wars auch immer ganz wichtig, auch im Wahlkampf, der ja sehr intensiv war. Also manche sagen, Tim, warum nennst Du das Wahlkampf? Das ist ja son fester Begriff, weil da fühlt sich das an wie ein Kampf, weil das rund die Uhr dann ist und man wirklich jede Stimme kämpft, ja, die dann wichtig ist.
Tim:Und mir war's aber auch wichtig, immer zu sagen, ich will mich für die und die Themen einsetzen, aber ich kann euch nicht versprechen, dass das alles kommt, wenn ich gewählt bin, weil ich ein viel zu kleines Licht bin. Und ich glaub, das gehört auch dazu, ehrlich zu sein, zu sagen, ich bring mich dafür ein, aber ich bin jetzt trotzdem einer von 157 Abgeordneten, dann gibt's noch zwischen 600 und 700 Bundestagsabgeordnete in Berlin, aber ich will meinen Beitrag leisten für Hohenlohe.
Raid:Ist Demut und Bescheidenheit, wie Du sie grad formuliert hast, also ich bin nur ein kleines Licht, ich steh am Anfang der Entwicklung. Ist es aber nicht auch das, was die Bürger erwarten, dass man sagt, ich will jemanden, der Realist ist, der mir nicht das Blaue vom Himmel verspricht und dann aber nichts liefert?
Tim:Das ist so beidseitig, ja. Also im im Populismus haben wir ja eigentlich, es wird alles versprochen, ja, wird was alles möglich ist, dann wird man gewählt und dann merkt man, okay, es kommt ja nichts, ja. Aber ich muss sagen, ich mein, wir kommen ja aus derselben Region, Heilbronn Franken. Ich find, die Menschen sind hier halt bodenständig und ehrlich, ja? Und die hinterfragen auch mal was und die lassen sich nicht einfach blenden von leeren Versprechungen und deswegen gehört es zur Ehrlichkeit dazu, das ist zumindest mein persönlicher Ansatz auch, auch eine gewisse Bodenhaftigkeit zu bewahren.
Tim:Das ist mir persönlich auch ganz wichtig. Also morgens bin ich im Anzug im Landtag und es kann sein, dass ich dann nachmittags in in der Arbeitshose entweder am Fahrrad rumschraube oder meinem Bruder auf der Baustelle helfe oder am Abend oder am Wochenende, ja? Und diese Mischung im Leben auch verankert zu sein, das ist ganz, ganz wichtig.
Raid:Ja. Vielleicht kannst Du uns noch mal ein bisschen zurück auf auf deine Reise vor der Politik. Wir kommen jetzt natürlich noch schnell dann zu deinem Abgeordnetendasein, wenn man so will. Was hast Du gelernt? Wie was bringst Du an Rüstzeug mit als Abgeordneter, auch Expertise oder Entscheidungsfähigkeit mit in den Job zu bringen?
Tim:Und dafür finde ich wichtig, das ganze Leben zu betrachten. Also wie ist man geprägt, was bringt man mit? Das bezieht sich ja nicht nur auf die Ausbildung, die ist ganz wichtig, aber auch darüber hinaus. Mhm. Ich war als als Jugendlicher stark kirchlich ehrenamtlich aktiv, hab da sehr viel gelernt, was mir Spaß macht, was nicht, wie man organisiert.
Tim:Mit 15 Jahren hab ich mit' Kumpel, wir mochten Musik und da haben wir irgendwann gesagt, komm, wir organisieren jetzt ein Konzert. Dann haben wir Bands zusammengetrommelt, Werbung gemacht, Sponsoren gesucht und hatten dann ein Konzert mit 300 Gästen und da lernt man auch schon viele Fähigkeiten. Dann bin ich groß geworden im Metallbaubetrieb, den mein Vater bis heute führt und auch auch das mit Händen was schaffen, was zu kreieren. Das Leben rund um dieses absolut wichtige Handwerk kennenzulernen, das hat mich ja auch bis heute geprägt, auch wenn ich irgendwann gemerkt hab, das können meine Geschwister besser als ich. Ich bin dann schnell in die politische Schiene.
Tim:Nach dem Abitur habe ich Politikwissenschaft und öffentliches Recht studiert und später noch internationale Beziehungen, weil ich halt einfach genau das besser verstehen wollte, was läuft politisch in unserem Land gesellschaftlich? Wie wie hängt das zusammen? Und dann bin ich beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge eingestiegen im Migrationsbereich. Also Migration wirklich konkret gestalten, zu verstehen, wie funktioniert unser System? Das Asylsystem, was läuft gut, was läuft schlecht?
Tim:Das war auch ein ganz, ganz wertvoller Einblick, bevor es immer mehr in die Politik ging.
Raid:Also Du Du bist quasi eigentlich in also von der von der von der Aufstellung her, ich würd jetzt sagen, typisch schwäbisch. Mittelstand, Kirche, Verein. Und bist dann in dem Bereich gewesen, der ja, die Kernfrage eigentlich oder eine der wichtigsten Kernfragen unserer Zeit, das Thema Migration, Integration. Ich hab ganz zum Schluss auch eine Spezialfrage mit aktuellem Bezug zu dem Thema. Aber mir ist aber auf der an der Stelle noch mal wichtig, weil das weil Du's vorhin eingangs ungefragt gesagt hast und jetzt auch noch mal in dem in deinem Lebenslauf auch sichtbar ist.
Raid:Du warst in der Kirche, ich bin selber auch kirchlich engagiert. Ich bin Diakon der syrisch-orthodoxen Kirche, also ich hab da auch ein aktiven Part. Das macht was mit einem. Was sind die die die Werte, die ich als als Abgeordneter brauche, in diesem ganzen Alltag auch zurechtzukommen? Es sind ja viele auch Grundsatzfragen, es sind viele auch Gewissensfragen.
Raid:Manchmal muss man auch Entscheidungen mittragen, die man vielleicht vom Bauch her oder von der Einstellung vielleicht anders machen will, wo man aber sagt, ich bin sozusagen in einer gewissen Disziplin. Also was was bringt dir da dein Glaube für diese politische Arbeit?
Tim:Ich glaub vor allem das Herz für die Sachen, für die für die Menschen. Also man muss als Politiker Menschen lieben, weil sonst muss man das einfach sein lassen. Man muss begeistert sein, morgens aufzustehen und zu sagen, so, heute versuche ich wieder, das Leben der Menschen ein Stückchen besser zu machen und meinen Beitrag zu leisten. Und ich glaub, das ist was, was natürlich die christliche Prägung auch verkündet, ja? Also dieses den Nächsten sehen, den Nächsten in den Blick, eben nicht sich selbst verleugnen, ja, sondern einfach auch den den Blick auf den Nächsten setzen und auch nicht auf immer nur auf den persönlichen Profit aus zu sein, ja.
Tim:Das das haben wir überall in der Gesellschaft und deswegen ist es ganz ganz wichtig einfach von sich wegzugehen und in der... In unserem Grundgesetz haben wir auch in der Präambel diesen Satz: "In Verantwortung vor Gott und den Menschen gibt sich das deutsche Volk dieses Grundgesetz." Und da steckt diese Verantwortung den Menschen gegenüber drin, aber auch Gott gegenüber und ich find selbst, wenn man kein Christ ist, finde ich es aber trotzdem wichtig für jeden in der Politik zu wissen, hey, da gibt's noch eine Ebene über mir, gegenüber der ich mich rechtfertigen muss, ja? Und das ist auch noch mal... Das prägt ganz anders Politik, wie ich Politik mache, dass ich immer das Ziel hab, die Menschen im Blick zu nehmen. Natürlich, manche Entscheidungen fallen wirklich schwer und das...
Tim:Politik besteht aus Dilemmata. Also wenn Du dich fürs eine entscheidest, entscheidest Du dich immer gegen was anderes und man muss einfach und ich seh aber in der Politik wirklich so viele Menschen, die so ehrlich nach der besten Lösung suchen und das mag von außen nicht immer so erscheinen, aber es ist wirklich so, die meisten Menschen, denen ich begegne, die wollen das Beste für fürs Land.
Raid:Jetzt bist Du Abgeordneter, bist grad gewählt. Wie muss man sich das vorstellen? Wie laufen die ersten Wochen ab? Das muss ja extrem spannend und aufregend sein. Plenarsaal, Büro aufbauen, Ausschüsse.
Raid:Wie hast Du diese Zeit als neuer Abgeordneter wahrgenommen? Du hast vorhin gesagt, es ist eine Ehre, den in einen Wahlkreis Menschen zu vertreten, ist auch eine Verantwortung. Wie nimmt man denn in den ersten Wochen so was wahr?
Tim:Also es war ganz schön wild, ja,
Raid:in den
Tim:ersten Wochen. Und ich würd sagen, manches fühlt sich immer noch an wie ein Start-up. Also es ist nicht alles gesetzt. Du gehst da rein wie ein alten wie einen neuen Job, da gibt's schon den Schreibtisch, da saß vielleicht jemand vor dir. Das sind deine Aufgaben.
Tim:Überhaupt nicht so, sondern das entwickelt sich Stück für Stück. Also erst mal war's noch wild nach der Wahl, weil ich noch in meinem alten Job drin war. Den hab ich dann noch einige Wochen gemacht und abgeschlossen. Dann ging's schon in Stuttgart los in Richtung Koalitionsverhandlungen. Die waren ja noch, wo ich auch dabei war, wo wir eine Woche intensiv das Thema Staatsmodernisierung, Bürokratieabbau vorangebracht und diskutiert haben.
Tim:Und dann geht's tatsächlich darum, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu suchen, ein Büro aufzubauen, die IT Technik zu machen, dann natürlich die ganzen Termine auch bei mir in der Heimat im Wahlkreis. Also die Menschen haben ja drauf gewartet, dass wenn der Breitkreuz gewählt ist, dem auch ihre Anliegen zu bringen und dafür bin ich gewählt. Deswegen war für mich klar, dass ich auch vom vom Wahltag an auch unterwegs bin. Bei den Menschen, die diese Themen aufnehme, guck, wie ich auch helfen kann, unterstützen kann bei ganz konkreten Themen. In Stuttgart haben wir da jetzt die Ausschüsse verteilt, das heißt auch die Themen, was ich bearbeite, die anderen Abgeordneten arbeiten übergreifend für ganz Baden Württemberg.
Tim:Da ist zum Beispiel bei mir, dass ich für Kinder- und Jugendpolitik zuständig bin oder auch für das Thema Weinbau, der ja auch in' großen Krise ist, genau. Aber es ist es ist super spannend, es macht ganz viel Freude und es sind auch sehr tolle Kollegen, mit denen man das zusammen jetzt voranbringt.
Raid:Du hast ein Schlagwort genannt, da will ich gleich einsteigen: Start-up. Ich glaub, kein anderer Politiker würde es so nennen, aber ich find das ein schöner, griffiger Begriff. Du fängst quasi an, eine eigene Marke, ein eigenes Unternehmen, eigene Prozesse aufzubauen. Vor einigen Tagen hat Markus Lanz in seinem Podcast gesagt, es gäbe oder er nimmt es so wahr, als gäbe es eine neue Abgeordnetengeneration von grade jungen Abgeordneten, die viele Themen abseits oder ja außerhalb der ausgetrampelten Pfade, so würd ich's jetzt mal formulieren, so hab ich's verstanden, wahrnehmen und auch bereit sind, im besten Sinne alte Zöpfe abzuschneiden und auch offen über Lösungen zu diskutieren, die ihre eigene Partei oder ihre eigene Klientel früher anders gesehen hätten. Gibt es so eine Startup-Generation , nenn ich sie jetzt mal, weil Du das Schlagwort genannt hast, gibt es so eine Startup-Generation auch im Landtag von Baden Württemberg und zählst Du dich selber dazu?
Tim:Das ist schön gesagt. Es gibt die Startup-Generation an neuen Politikern im Landtag von Baden Württemberg, davon bin ich überzeugt. Und ich bin jetzt 31 Jahre alt und es gibt einige, gerade auch bei uns in der CDU Fraktion, die auch in dem Alter sind und wir haben jetzt die Ausbildung hinter uns. Wir stehen jetzt, sagen wir mal, vor dem Leben, sind haben den Jobeinstieg schon und wir wollen noch einige Jahre und Jahrzehnte in' guten Deutschland und Baden Württemberg leben und unser Ansporn ist es jetzt auch was zu gestalten, was voranzubringen und ich find, das ist auch die Verantwortung meiner Generation, das Leben und unser Land in die Hand zu nehmen, was zu tun, was zu verändern in der Politik, aber auch im Verein, in der Kirche, in der Nachbarschaft, ja, in der Familie. Das liegt jetzt an uns, ja.
Tim:Und natürlich brauchen wir die anderen in jedem Alter, die sich auch einbringen, mit verändern. Und wir sind jetzt die, wir wir haben oft, jetzt sag ich mal, diese Bodenhaftung bekommen nach Ausbildung, Studium, Wegzug von zu Hause und blicken jetzt auf die nächsten Jahrzehnte. Und deswegen ist da der ganz große Anspruch von uns als Generation, jetzt was zu gestalten und voranzubringen.
Raid:Ihr macht einige Sachen anders. Da hab ich auch einen Punkt, den ich nachher noch besonders betonen will. Aber was ist anders, wenn Du dir etwas ältere Kollegen anschaust, wo ihr wo Du sagst, wie gehen die Dinge auch anders an? Also das Beispiel, das dann der Lanz genannt hat, waren die sogenannten Rentenrebellen. Es gab ja immer unter den jüngeren Abgeordneten immer mal wieder in allen Parteien Leute, die gegen die Parteilinie rebelliert haben.
Raid:Das gehört ja irgendwie auch so zur DNA von Nachwuchsorganisationen, dass die ja so ein bisschen auch vielleicht radikaler sind in ihren Ansichten oder konsequenter, sagen wir's mal so. Was macht diese Generation ganz besonders im Vergleich zu anderen? Weil Du siehst ja sozusagen jetzt zum ersten Mal, nimmst den politischen, den professionellen politischen Betrieb dann auch als Abgeordnete anders wahr.
Tim:Zunächst mal ist es eine große Bereicherung, Generationen auch im Parlament zu haben in der Fraktion. Also wir sind von 23 Jahren bis über 70 Jahren ist die Spannbreite bei uns in der Fraktion mit über 50 Abgeordneten. Das ist super wertvoll, diese unterschiedlichen Einblicke und Erfahrungen auch zu haben. Ich und wir sind die 25, die jetzt auch neu reingekommen sind in die Fraktion, neue Abgeordnete und wir Jungen, wir sind jetzt natürlich dran, erst mal auch so den Laden kennenzulernen. Also wie läuft was?
Tim:Wie macht man's? Es gibt ja immer unzählige ungeschriebene Gesetze und Regelungen, ja? Und einmal das jetzt Kennenlernen, aber dann auch direkt danach dann schon auch zu hinterfragen. Wollen wir das so? Also diesen frischen Blick auch von außen.
Tim:Wir sehen ja, dass viele Menschen zurecht unzufrieden sind, wie manches in Deutschland läuft, obwohl man auch ziemlich stolz auf Deutschland sein kann, haben wir trotzdem große Herausforderungen und das jetzt mutig anzugehen und auch Dinge, die man schon immer mal gemacht hat, wie man's gemacht hat, zu hinterfragen, ja. Und wie Du sagst, auch mal alte Zöpfe abzuschneiden mit Selbstbewusstsein auch, weil wir sagen, wir sind jetzt hier, was zu erledigen. Wir sind jetzt hier nicht im Parlament, meinen eigenen Job für die nächsten Jahrzehnte zu bauen, sondern die Themen anzupacken. Und das nehme ich wahr bei ganz vielen anderen Jungen und es gibt natürlich Schwung und Power, jetzt auch Dinge zu hinterfragen im konstruktiven Austausch und natürlich trotzdem die Erfahrung auch mit reinzunehmen von denen, die einfach Jahrzehnte schon dabei sind und manche Sachen auch schon ausprobiert haben und vielleicht auch schon gescheitert sind hier und da.
Raid:Ein Punkt, den ich ganz besonders hervorheben will, wo ich eine ganz starke Abweichung von euch Jungen sehe. Ich kenne ja auch den den politischen Betrieb. Ich weiß nicht, ob Du das weißt, ich war mal im Landtag auch. Während meiner Promotion war ich wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Uli Müller damals Vorsitzender des Umweltausschusses. Du kennst die ganzen Prozesse auch von der Partei etc. Mit, wir schreiben irgend ein Text, irgend eine Pressemitteilung, dann gibt's ein Freigabeprozess ne, und dann geht das hoch und dann wird da noch mal rumgefeilt et cetera. Und die hatten ein ganz anderen Zugang zu Medien, wir alle in unserer Generation. Und jetzt hast Du was was gemacht, was eigentlich ja früher so, wenn man sich so eine normale Logik anschaut, da kommt ein junger Abgeordneter, der hat irgend eine inhaltliche Idee, dann muss sie natürlich durch die Instanzen gehen.
Raid:Und Du bist jetzt hingegangen mit dem Abgeordneten aus Ludwigsburg, dem Niko und ihr habt einen eigenen Podcast gemacht. Das heißt, ihr habt einen eigenen Kanal aufgemacht, wo ihr selber eure Inhalte auch euch ausdenkt. Du hast ein viel direkteren Draht ohne diese ganzen alten Freigabeprozesse, die alle ihre Richtigkeit haben. Das heißt, ich hab ja ein Thema schon angegangen, was früher undenkbar war, dass ein Abgeordneter quasi eine eigene Kommunikationsstrategie macht, sich überlegt, wie komme ich in Kommunikation mit den Wählern? Wie gewinn ich auch Vertrauen und Glaubwürdigkeit bei den Wählern, eben nicht über Pressemitteilungen, sondern eben über ein Podcast?
Raid:Vielleicht kannst Du uns da mal mitnehmen, wie kamt ihr dazu? Wie läuft's und was können wir da noch erwarten von euch?
Tim:Wie Du sagst, Raid, als Start-up brauch ich meine eigene Kommunikation nach außen und ich find Kommunikation ändert sich. Früher hast Du in der Politik eine Pressemitteilung geschrieben, das kam in die Zeitung, wurde gedruckt oder auch nicht, ja. Aber über Social Media ist ja jeder zum Sender geworden und wir können nur bestehen, auch in der Politik, wenn wir auch senden und die Bürgerinnen und Bürger direkt erreichen und informieren. Und deswegen bin ich davon überzeugt, der moderne Politiker, der ist dann erfolgreich, wenn er auf Social Media erfolgreich ist, weil er dann zu den Menschen den Draht hat, weil er dann kommunizieren kann, weil er Vertrauen aufbauen kann. Und die anderen Kanäle brauchen wir natürlich auch noch. Über die Zeitung, über die Presse beispielsweise. Aber das wird immer schwächer und ein Weg ist auf Social Media ist natürlich so, dass wir die Reels bei 30 bis 60 Sekunden musst Du aufhören, sonst hör dir niemand mehr zu.
Raid:Genau.
Tim:Aber Politik ist sehr komplizierter und komplexer. Unsere gesellschaftlichen Prozesse sind komplexer und ich nehm das schon wahr bei den Menschen, dass sie immer mehr auch wieder das Bedürfnis haben, auch mal ein bisschen länger zuzuhören. Was tut sich denn da? Was sind denn Hintergründe auch mal zu verstehen? Und genau da haben mein Kollege Nico Gunzelmann, der jüngste Abgeordnete im Landtag von Baden Württemberg aus dem Enzkreis wirklich gesagt, so, wir starten einen Podcast Stockwerk Stuttgart heißt der, wo wir einmal unseren persönlichen Weg in den politischen Alltag beschreiben, Hintergründe erklären, auch absurde und abstruse Dinge erläutern. Also da gibt's auch manchmal ein Schmunzler.
Tim:Man kann gerne über Spotify und Youtube reinschauen oder reinhören und wir werden aber auch Themen aufgreifen, über die grad diskutiert wird und auch mal unsere Meinung austauschen und dadurch auch allen, die da Interesse dran haben, die Möglichkeit zu geben, Themen auch mal zu vertiefen und auch einen direkten Einblick zu geben und davon lebt Politik.
Raid:Stockwerk Stuttgart, also kleiner Werbeblock: Stockwerk Stuttgart gibt's bei YouTube, Spotify, wo noch?
Tim:Bisher nur bei YouTube und Spotify und ab und zu auf unseren Social Media Accounts bei und mir. Und warum heißt das Stockwerk Stuttgart? Wir sitzen meistens vor Aufzügen.
Raid:Okay. Wir suchen Vor demselben immer oder? Unterschiedlich.
Tim:Unterschiedlich. In unterschiedlichen Aufzügen. Wir hatten bisher noch keine Podcastgäste, aber wenn wir die haben werden, kommen die aus diesem Aufzug dann raus. So ist der Plan.
Raid:Gibt's eigentlich den Pater Noster in im Rathaus in Stuttgart noch?
Tim:Den gibt's noch, ja. Da waren wir noch nicht.
Raid:Ja, da müsste man nicht.
Tim:Aber der ist toll. Das ist richtig.
Raid:Genau.
Tim:Ja, wir sind jetzt in Berlin die Tage und da ist eine Feier in der baden- württembergischen Landesvertretung und dann wollen wir uns da während der Feier, ich hoffe das klappt, ein Aufzug suchen, wo wir dann unseren Podcast drehen können.
Raid:Das heißt, ihr wollt hoch hinaus?
Tim:Wir wollen solide Arbeit machen. Das ist das ist das Wichtigste und deshalb da verstehe ich jetzt auch meine Rolle drin. Dieses große Vertrauen, was die Menschen jetzt mir gegeben haben oder Nico Gunzelmann gegeben haben. Ich hab 38.8 Prozent der Erststimmen geholt bei mir im Wahlkreis. Ist wirklich eine Topzahl dank vieler Unterstützerinnen und Unterstützer.
Tim:Und dieses Vertrauen sehe ich aber als Auftrag, jetzt fundierte Arbeit zu machen. Jetzt nicht in irgendwelchen Höhen zu schweben, ja, sondern fundierte Arbeit inhaltlich vor Ort in Stuttgart, vor Ort im Wahlkreis präsent zu sein, ansprechbar zu sein, Politik auch wieder greifbar zu machen. Das bei mir im Wahlkreis will ich, dass niemand sagen kann in 5 Jahren, wo ist die Politik? Ich will, dass jeder weiß, da ist einer, den kann ich ansprechen, krieg ich eine Rückmeldung. Ich krieg vielleicht nicht immer die Antwort, die ich mir wünsche, ja.
Tim:Aber einer, der sich meldet und auf dem ich direkt auch zugehen kann, das will ich und da so verstehe ich auch meinen Auftrag.
Raid:Das ist ja manchmal als Ausrede wahrgenommen. Wir müssten die Politiker sagen, wir müssen unsere Politik besser erklären. Also wir haben gute Entscheidungen getroffen, wir müssen sie aber besser erklären. Ich glaub, meine persönliche Überzeugung, gute Politik, gute Entscheidungen, die zu guten Ergebnissen führen, sagen wir's mal so, und eine gute Erklärung sind zwei Seiten derselben Medaille. Und ich finde, viel zu oft, gilt übrigens nicht nur für Politik, sondern auch für Unternehmen, für Organisationen.
Raid:Gute Führung beinhaltet auch eine gute Kommunikation. Vor dem Hintergrund, find ich, müssten viel mehr Politiker ihren Job als Kommunikator verstehen, vielleicht sogar als im im Start-up in der Start up Welt zu zu sprechen, als Creator. Also das ist nämlich die Art und Weise, wie man heutzutage eben kommuniziert über Social Media direkt, dann auch in in zwei Richtungen. Ist das der Weg, den Du den Du gehen willst, auch in Zukunft, eben dieses Vertrauen in politische Entscheidungen? Wir haben ja vielfach nicht nur das Misstrauen in einzelne Entscheidungen, sondern das nehm ich auch wahr, wenn ich über generelle politische Themen auch Content bringe, dass bei vielen dieses grundsätzliche Vertrauen auch das Verständnis fehlt.
Raid:Ist das da , Du wo Du ansetzen würdest?
Tim:Ich gebe dir völlig recht, Politiker, ein Politiker muss Kommunikator sein und zwar in beide Richtungen. Und da ist Social Media, finde ich, Segen, aber auch ein bisschen Fluch. Segen, weil wir oder weil man als Politiker direkt zu den Menschen kommunizieren kann ohne Umwege. Da ist kein Fehler dazwischen, sondern der Mensch hört, was ich sage.
Raid:Und Du kannst Fehler machen, aber Du musst den Mut haben, vielleicht ein Fehler zu machen
Raid:wenn Du Social Media machst?
Tim:So ist es. Man muss auch den Mut haben, mal Fehler zu machen. Wenn man redet, redet man immer auch mal was, was man später bereut, Ja, das ist egal, ob man es dann aufzeichnet oder nicht, das ist einfach so. Ja und deswegen ist aber auch wichtig, diese Kommunikation zu nutzen und ich finde auch, dass die Parteien in der demokratischen Mitte das noch viel stärker nutzen müssen. Der der Vorteil ist aber auch, dass die Kommunikation in die andere Richtung funktioniert.
Tim:Also mich hat letztens einer angeschrieben über über Insta, dem habe ich geantwortet. Also wow, Tim, ich war mal gespannt, ob ich überhaupt eine Antwort bekomme oder von einem Mitarbeiter von dir. Nein, hier auf Insta, hier schreib ich selber. Ich kann kann nicht jeden Brief, der bei mir reinkommt, jede E-Mail, da kann ich mich mich nicht bei allem hinsetzen und das selber von vorne bis hinten beantworten. Da hab ich dann Unterstützung und am Ende ist aber das, was ich unterschreibe, das ist natürlich auch von mir, ja, das ist mein Wort.
Tim:Der Fluch bei Social Media ist aber, dass die, die populistisch und emotional und vereinfachend agieren, dass die ausgespielt werden durch den Algorithmus, ja? Und die, die sagen, nee, Politik ist komplex, man muss auch mal ein bisschen länger drüber reden und es ist nicht immer alles so einfach in eine Botschaft zu packen, die geraten ins Hintertreffen auf Social Media und das ist unsere große Herausforderung als Partei in der Mitte. Deswegen, ja, Social Media hat auch ein demokratiegefährdendes Element, ja? Weil genau das passiert als einfache Botschaften, die niemals umsetzbar sind, alles immer schlechtzureden, nur zu sagen, was Kacke läuft, den Schuldigen zu suchen, das läuft auf Social Media. Also zu sagen, was gut läuft, was will ich machen, was will ich verändern, auch mal zu erklären, das läuft nicht gut auf Social Media und das ist unser Problem und das versuchen wir, auch wir jungen Abgeordnete zu durchbrechen.
Raid:Du sprichst ein ganz wichtiges Thema an. Ich merk's auch bei meinen Videos, wenn ich verkürzte Aussagen ohne Einordnung bringe, mach ich ganz wenig. Also ich ordne es hintenrum immer ein, aber dann hören die meisten schon gar nicht mehr zu. Das merk ich dann auch an den Kommentaren. Also wenn dann Leute etwas antworten, was ich hinten eigentlich aufgelöst habe.
Raid:Das eine ist Handwerk, also eine gute Hook, eine gute Storyline, immer wieder Spannung zu erzeugen, schnelle Cuts und so weiter und so fort. Aber das andere ist die strukturelle Benachteiligung von, ich sag immer, von Mitte-Positionen. Also wenn ich jetzt in ein Mikro reinschreie: "Alle Ausländer müssen raus!" oder "Wir müssen sofort alle Kernkraftwerke abschalten oder alle Kohlekraftwerke und am liebsten so leben wie in der Steinzeit", dann hören mir alle zu, ja, die obwohl die Aussage keinen politischen Mehrwert hat, weil schlicht nicht umsetzbar ist. Wie gehst Du mit dieser strukturellen Benachteiligung, die übrigens wissenschaftlich nachgewiesen ist, in durch den Algorithmus und was sind deine Rezepte?
Tim:Also was wir versuchen, ist eine Mischung zu machen, eine Mischung aus Inhalten, aber auch humorvolle Dinge, die, sag ich mal, eher plakativ sind, die eher ausgespielt werden, manchmal auch mit einer Hook zu provozieren. Ich hatte letztens auch eine Hook, da ging das Reel dann durch die Decke. Es war wie sone Bildschlagzeile. Da muss man dann schon noch zuhören, zu verstehen, was es geht, was ich dann auch erklärt habe. Also diese Mischung zu machen, aber trotzdem Inhalte mit auch zu transportieren, ist mir ganz wichtig.
Tim:Nicht nur Inhalte, das funktioniert nicht. Auch mal was Witziges zu machen im Wahlkampf, waren wir mit' Bürgermeister und mit Manuel Hagel sogar, unserem Spitzenkandidaten, Boxauto fahren. Ja, dann haben wir da was Cooles draus gemacht, also mit einem Bürgermeister aufm Kinderkarussell und haben da ein Reel gemacht. Das ist nicht inhaltsstark, aber es zeigt, guck mal, der hat auch Spaß für Humor. Das lässt sich locker anschauen und es zeigt ja auch ein Teil von Politik.
Tim:Also Politik ist auch nicht nur Inhalt. Politik ist auch das Menschliche, das gemeinsame Erleben, unterwegs zu sein. Ich bin auf so vielen Festlichkeiten in der Region. Jetzt beginnt auch gerade im Hohenloschen oder hier in Heilbronn Franken wieder die Festlesaison. Richtig.
Tim:Ja? Das ist eine super Zeit, das ist supertoll und warum auch nicht darüber dann auch berichten? So finde ich das richtig oder wie was hast Du noch für Rezepte?
Raid:Das ist genau das. Also Du musst das Handwerk können. Du musst sehr stark zahlenorientiert vorangehen, also bei unseren Reels, die wir machen oder auch beim Podcast, da sind wir jetzt noch am Anfang, da schauen wir natürlich vor allem auf die Zahlen, also zu wissen sozusagen, also was will ich eigentlich damit erreichen? Ich finde halt auch und das ist das ist mein Punkt, ich finde, der moderne Abgeordnete muss ein Creator sein. Mhm.
Raid:Und das Plenum ist ein Podcaststudio. So müssen wir das sehen, wenn ich mir nämlich die Radikalen anschaue von beiden Seiten, ob jetzt die Linke und auf der einen Seite oder und die AFD auf der anderen Seite anschaue. Die leisten, das weiß ich von gemeinsamen Bekannten von uns, die im Bundestag sind oder auch im Europäischen Parlament, die inhaltliche Arbeit interessiert überhaupt nicht in den Ausschüssen. Die deren Basis sitzt hinter dem Smartphone oder sitzt auf' Couch und schaut sich Reels an und die haben's die haben's einfach durchexerziert. Leider muss man sagen, ich war neulich mit mit' alten Weggefährten, nicht mehr politisch aktiv ist, aus meiner Heimatregion Pullendorf saßen wir zusammen.
Raid:Dann hab ich ihn gefragt, weil ich hab natürlich dann den den den Überblick dann auch dort verloren oder den ganz aktuellen Einblick, ja, wo sitzen hier eigentlich die AfD Leute? Dann meinte er, kenn die überhaupt nicht. Die AfD und DIE LINKE, die agieren im Prinzip wie eine Marke. Die haben zwei, drei Galionsfiguren, deren Fokus ist: provozieren, deren Fokus ist der Algorithmus, den Algorithmus optimieren und das ist immer mein wichtigster KPI, wie viel Nicht Followern wird mein Video ausgespielt, ja? Und dann ist nämlich erfolgreich und so gehen die halt vor, denen fehlt aber die Basis.
Raid:Und deswegen sag ich: der moderne Politiker der politischen Mitte muss das Handwerkszeug eines Creators mitbringen, die Kommunikationsfähigkeiten eines Barack Obama und idealerweise die Haltung und den Mut, politische Entscheidungen wie ein Helmut Kohl zu treffen. Ich glaub, das wär die perfekte Kombination.
Tim:Das wär die perfekte Kombination und auch ich hab noch ein weiten Weg zu gehen, einmal so rhetorisch zu sein wie Barack Obama, ja? Aber das ist die, Du hast völlig recht. Also wir müssen gute Sachentscheidungen treffen, inhaltlich reinsteigen, fleißig sein. Aber da nicht stehen bleiben, sondern das dann auch zu kommunizieren auf die richtige Art und Weise. Ich kann jede Woche eine zehnseitige Pressemitteilung schreiben und rausschicken, aber es wird niemand mitbekommen und niemand lesen, wenn es überhaupt gedruckt wird und wenn dann auszugsweise.
Tim:Aber diese Kommunikationselement und ich find, das kommt auch neu hinzu bei der, ich sag mal, Jobbeschreibung eines Politikers, diese Kommunikation. Und ich find's schön, dass Du gesagt hast, das Plenum muss ein Podcast Studio sein, weil was aus meiner Sicht nicht werden darf, ist ein Tiktok Studio und das nutzen aber die Populisten am rechten und linken Rand. Die machen Anträge, die hauen da auf die Kacke innerhalb von wenigen Minuten, einfach ein Schnipsel zu haben für TikTok. Aber das so funktioniert unsere Demokratie nicht, so kann's funktionieren. Demokratie hört vom Austausch, vom Ringen das beste Argument und das macht mich traurig, dass die die diese Ränder auf beiden Seiten da teilweise, nicht durchweg, aber teilweise gar nicht mehr so interessiert dran zu sein scheinen, sondern einfach nur Reichweite auf die Kacke hauen und Klicks zu generieren.
Raid:Deswegen habe ich auch Podcaststudio gesagt, weil beim beim Podcast redet man nicht allein, sondern mit zwei.
Tim:So ist es.
Raid:Und man sieht's auch im im im Bundestag immer mal wieder, wenn die andere Seite, also nicht AfD oder nicht Linke darauf reagieren, wie viele inhaltliche Fehler, wie viele handwerkliche Fehler im, sag ich jetzt mal, politischen Handwerk gemacht werden. Dann aber nur, wenn dann die Frage gestellt wird oder wenn das dann diskutiert wird, ein kleinen Schnipsel zu haben und es interessiert die Antwort nicht. Also für eine Debattenkultur muss man aber eben beides können. Also man muss wissen, da steht jemand, der will nur diesen einen, ich sag jetzt mal, den den einen Moment Glorie, ja. Der Rest interessiert ihn aber nicht.
Raid:Und wir müssen dem etwas gegenüberstellen, etwas Attraktives, etwas Leichtverständliches und Griffiges, aber dann eben aber auch eben diesen diesen diesen Dialogcharakter beibehalten. Es ist ein schwieriger Spagat. Ja. Und das wünsche ich dir vor allem, es braucht ein langen Atem, aber muss anfangen. So ist es.
Tim:Man muss anfangen und deswegen ganz herzlichen Dank auch. Ich find's auch spannend, dass Du jetzt diese Arbeit hier aufgebaut hast, auch mit deinem Podcast auf Social Media, weil dieses Senden und Empfangen, das kann ja auch nicht nur von den Politikern sein. Da müssen sich auch die Menschen beteiligen und auch Menschen mit unterschiedlicher Meinung auch mitzudiskutieren. Wichtig ist natürlich, dass es nicht nur verkürzt ist auf Social Media, ist ja vieles auch dann in den Kommentaren, wo alle drauf einschlagen, so kommen wir auch nicht weiter. Aber Meinungen auch in die Welt zu setzen, auch mal eine Gegenmeinung in die Welt zu setzen das auch auszuhalten, davon lebt unsere Gesellschaft.
Raid:Übrigens ein guter Punkt, weil ich manchmal gefragt werde, warum machst Du das? Und für mich ist es so, ich fühle mich, auch wenn ich kein Berufspolitiker sind, aber ich sag das jedem Einzelnen, in der Zeit, wo ich mit meinem Smartphone potenziell die ganze Menschheit erreichen könnte, ist jeder Bürger in der Lage, Politiker zu sein. Also Politik zu gestalten, das ist für mich die Definition. Ich muss nicht im Landtag sitzen, ich muss nicht im Bundestag sitzen, ich muss kein Ministeramt innehaben oder irgendein Amt, sondern ich kann Politik mitgestalten, weil Politik in der Demokratie ist immer Dialog, Debatte. Damit fängt's an und natürlich klar, wenn ich dann mitbestimmen will, wie jetzt in deinem Fall, dann muss ich natürlich kandidieren.
Raid:Aber das ist mein Verständnis, dass ich Gesellschaft mitgestalten will, gesellschaftliche Debatten mitgestalten will und dafür mache ich auch diesen Kanal.
Tim:Politik lebt vom Mitmachen und unser Land lebt von Eigenverantwortung. Das ist ganz wichtig. Jeder kann sich einbringen. Jeder muss sich auch einbringen, der ein Thema hat und sei es im Verein, in' Organisation, in der Politik, durchs Wählen, Mitglied werden in' Partei, im Brief schreiben an den Abgeordneten, selber zu senden, wie Du sagst auf Social Media. Also jeder kann sich einbringen, jeder muss sich einbringen.
Tim:Und und das erwarte ich aber auch von den Menschen, nicht nur zu bruddeln, sondern auch selber zu überlegen, was kann ich für mein Land tun, ja? Nicht nur, was macht das Land für mich, sondern wo kann ich mich einsetzen, was kann für die Gesellschaft, für mein Land tun, an dieser Situation auch was zu verbessern. Und was wir auch von der rechten Seite hören, diese immer die ständige Suche nach dem Schuldigen. Wer also einmal zu sagen, alles ist schlimm und alles ist schlecht, wer ist schuldig und wir sind die Lösung? Das ist ja dieses Muster.
Tim:Aber das nimmt auch jeden raus aus dieser Eigenverantwortung. Natürlich kann ich gucken, wer ist schuld, aber die Frage ist, was kann ich denn dran ändern? Ja, und da müssen wir wieder hinkommen, dass wir uns als Menschen fragen, welchen Beitrag kann ich leisten für unser Land, für meine Nachbarschaft, für meine Straße? Ich glaub, das da kommen wir her in Deutschland, das steckt in uns und das wieder zu stärken, dann kommen wir wieder voran.
Raid:Apropos schöner Appell. Zum Schluss hab ich noch eine Frage, weil Du gesagt hast, jeder muss schauen, was er
Raid:selber machen kann und die Rechten schauen nur auf den den Schuldigen. Kenn ich auch von den Linken ganz aktuelles Beispiel. Der Vorsitzende der jungen Grünen hat einen Satz gesagt, wir können den Tweet auch nachher noch den Zuschauern zeigen. Für diejenigen, die die nur zuhören können, er hat das sch Wort genannt im Zusammenhang mit Deutschlandfahnen "Hängt eure scheiß Deutschlandfahnen wieder ab!" finde ich unter aller Sau. Er hat's in den Kontext gestellt, der aber nix mit dem Thema zu tun hat.
Raid:Haben wir in Deutschland ein Problem mit Patriotismus? Weil Du einen flammenden Appell am Anfang und jetzt grad eben noch mal zum Abschluss. Was macht das mit dir, wenn Du so einen Satz hörst? Und was bedeutet es eigentlich für uns im einundzwanzigsten Jahrhundert Patriotismus? Hat das noch für einen Wert?
Raid:Ist es nur eine WM-Sache , dass man dann während der WM schwarz rot gold und weiße Trikots sieht?
Tim:Also ich empfinde es als wirklich großes Glück, in Deutschland geboren zu sein. Also dieses Land hat mir schon so viel gegeben, diese Gesellschaft: Bildung, Gesundheit, Sicherheit. Ja, das findet man in vielen Teilen in der Welt halt eben nicht. Und deswegen bin ich wirklich glücklich drüber und auch stolz, hier in Deutschland leben zu dürfen. Und das dürfen wir auch doch zeigen, das dürfen wir doch spüren.
Tim:Und deswegen hab ich hab ich mich auch sehr gefreut, wie das Weltmeisterschaft ist, dass die Leute ihre Deutschlandflaggen auspacken, hochhängen, ins Gesicht schmieren und aufs Auto kleben. Dieses Mitfiebern ist natürlich für die Mannschaft, aber ist auch eine Identität zu sagen, hallo, ich gehöre jetzt bei der WM zu diesem Team. Ja, ich bin Deutscher, ich unterstütze die deutsche Mannschaft. Und genauso ist es doch auch richtig zu sagen, wir unterstützen auch Deutschland. Wir wollen, dass es Deutschland gut geht, weil dann geht's den Menschen gut, die darin leben.
Tim:Und das hab ich letztens so gehört und das finde ich völlig richtig in der WM und EM, wenn dann die Deutschlandflaggen jeder nutzt, das zeigt doch auch: Wir lassen uns diese Deutschlandflagge nicht von irgendwelchen rechten Spinnern klauen. Und wir haben Anspruch darauf und ich finde, die Deutschlandfahne gehört in die politische Mitte. Und es ist absurd, wenn von linker Seite, von ganz links kommt, ihr dürft diese Deutschlandfahne nicht nehmen oder wenn Grüne es nicht über die Lippen bringen zu sagen, ich bin stolz auf Deutschland, ja? Oder ich bin stolz, Deutscher zu sein. Das ist doch absurd.
Tim:Wir können doch glücklich sein. Das ist doch so eine große Freude und Ehre und das finde ich, das müssen wir auch wieder stärken und dann müssen wir uns aber auch wieder überlegen, was verspricht uns denn dieses Land? Also wofür steht das? Was haben wir davon? Und da müssen wir, glaube ich, auch wieder ein neues Narrativ entwickeln, eine neue Erzählung, was Deutschland auch bringt, worüber wir stolz sein dürfen.
Tim:Die Amis haben das ja richtig gut, die USA. Also jeder kann was schaffen, jeder kann was erreichen und es gibt ja auch Identität und ich find, das brauchen wir stärker für Deutschland.
Raid:Ich kenn das auch, wenn ich sag, ich bin stolz, Deutscher zu sein, dann rümpfen die Leute immer die Augenbrauen, also innerlich zumindest. Und das finde ich aber interessant und in meinem Podcast geht's ja auch das Thema Identität im Kontext von Integration und Migration. Ich kann ja meine Herkunft nicht abstreifen und ich sage auch immer, Herkunft ist kein Museum, das man sich anschaut, sondern es ist ein Auftrag und deswegen sehe ich's auch ein bisschen als meinen Auftrag, diese Diskussion auch zu führen. Ich find immer, Du hast die rationale Ebene von Patriotismus angesprochen. Also zu sagen, dieses Land gibt mir viel und ich selber hab das in meinem Werdegang vielleicht krasser wie wie andere.
Raid:Es gibt sicherlich andere, die es noch schwieriger hatten, aber wenn ich mir überlege, wo meine Eltern, als sie 87 nach Deutschland gekommen sind, wo sie gelebt haben und was ich jetzt erreichen konnte, weil die Konditionen, die Bedingungen eben so sind. Also es ist diese rationale Ebene, dieses Thema Dankbarkeit. Aber ich finde auch und da kommt's bisschen bei uns zu kurz und zwar von links wie von rechts. Es ist immer dieses Exklusive. Die einen wollen den Nationalismus oder Patriotismus in die Vergangenheit abschieben als etwas Negatives und die anderen, die wollen am besten selber definieren, wer dazugehört und wer nicht und scheitern letztendlich auch immer daran, weil es einfach nicht konsistent ist.
Raid:Und ich finde, wir tun gut daran, diese rationale und die emotionale Ebene zusammenzuführen. Und ich finde immer, also in der politischen Diskussion fehlt das Emotionale, weil wir natürlich immer bei uns diese geschichtliche Ebene mitschwingt zu sagen, ich kann ja nicht stolz auf irgendwas sein, was vollkommen schiefgegangen ist oder was Millionen Menschen das Leben gekostet hat. Und vor dem Hintergrund find ich, wir müssen Schwarz Rot Gold als das nehmen, was es ist, nämlich eine Erfolgsgeschichte seit 60 Jahren und darauf darf man stolz sein. Man darf sie auch stolz Deutscher nennen, ohne das Augenbrauen gerümpfen wird.
Tim:Genauso ist es. Und und wie Du auch sagst, das finde ich ganz wichtig. Also nur weil man sagt, ich bin dankbar, hier in Deutschland groß geworden zu sein, Deutscher zu sein, hier leben zu dürfen, heißt es ja nicht, dass ich mich über andere stelle. Also das ist eine ganz andere Komponente. Das hat damit aus meiner Sicht nichts zu tun.
Tim:Natürlich kann man das instrumentalisieren, aber ich bin trotzdem gerne in der Welt unterwegs und lern gerne Menschen kennen mit' anderen Hintergrund, ja und und schätze, was andere Länder haben. Also natürlich haben andere Länder Sachen, die wir nicht haben, auch neidisch drauf sein können und trotzdem und deswegen heißt es zu sagen, ich bin dankbar, ein Deutscher zu sein, heißt nicht, ich bin überheblich, sondern natürlich auf Augen auf Augenhöhe auch mit mit den anderen Menschen.
Raid:Vielen Dank, Tim. Ein sehr schöner Einstieg mit Start-up und ein Ausblick auch in die Zukunft. Ich wünsch dir weiterhin alles Gute. Ich bin mir ziemlich sicher, wir werden uns ganz oft sehen, hoffentlich auch noch mal hier im Podcast. Dein Podcast und auch der Podcast hier ist ja eine Endlosreihe hoffentlich. Deswegen ich hoffe, dass wir uns in paar Jahren oder weniger noch mal hier sehen und wir dann vielleicht ein kleines Zwischenfazit machen können.
Tim:Das würde mich sehr freuen, Raid, ganz herzlichen Dank für die Einladung und auch für den tollen Austausch.
Raid:Bis ganz bald.