Morbus Crime

Der Krebsapotheker - Wie ein Apotheker aus Bottrop zum größten Medikamentenskandal Deutschlands wurde
Er hat Menschen mit Krebs betrogen. Über Jahre. Tausendfach.
Peter Stadtmann war Apotheker in Bottrop - vertrauenswürdig, angesehen, mit einer eigenen Apotheke, die auf die Herstellung von Krebsmedikamenten spezialisiert war. Genau die Medikamente, die schwerkranke Patienten brauchten, um überhaupt eine Chance zu haben. 
In dieser Folge spreche ich über:
  • Wie das System funktioniert hat und wie lange es unentdeckt blieb
  • Welche Rolle ehemalige Mitarbeiter bei der Aufdeckung gespielt hat
  • Was das für die Patienten bedeutet hat, die auf diese Medikamente angewiesen waren
  • Wie der Fall vor Gericht endete - und warum das für viele nicht nach Gerechtigkeit aussah
Eine Geschichte über Vertrauen, Gier und ein Gesundheitssystem, das an einer entscheidenden Stelle blind war.
⚠️ Diese Folge behandelt Krebserkrankungen und Behandlungsbetrug. 

Idee & Konzept: Dr. medic. Emilie Strzoda
Drehbuch und Redaktion: Maria Ortese & Peter Elter 
Erzählerin: Dr. medic. Emilie Strzoda
Sound Design und Tonmischung: Jonas Meyer
Jingle-Produktion: Jonas Meyer
Produktion: buchfunk.studio Berlin

What is Morbus Crime ?

Morbus Crime ist mein Hörcast zwischen Podcast und Hörspiel - da wo Medizin und Verbrechen sich treffen.

Speaker 1:

Morbus Crime. Ein Hörcast von Doktor Emilie Strzoda. Produziert von Buchfunkstudio. Hi, ich bin Emilie und Ärztin. Es ist True Crime Tuesday bei Morbus Crime und ich erzähle heute einen medizinischen Kriminalfall der besonderen Art.

Speaker 1:

Es ist 12 Uhr 30 an einem sonnigen Sommertag. Martina sitzt im Behandlungsstuhl einer Arztpraxis und betrachtet eine Infusion, die in ihre Blutbahn tropft. Sie empfindet es als völlig absurd, dass an dieser durchsichtigen Flüssigkeit ihr Leben hängt. Sie weiß, es ist das, was zwischen ihr und dem Tod steht. Wir reisen zurück ins Ruhrgebiet der Achtzigerjahre, in die Stadt Bottrop.

Speaker 1:

Peter wird an diesem Tag 12 Jahre alt. Der kleine Peter beobachtet seine Mutter von Weitem, wie sie sich mit Kindern unterhält, die er noch nie gesehen hat. Was er nicht weiß, sie bietet den Kindern eine kostenlose Eiskugel an, damit sie ihrem Sohn zum Geburtstag gratulieren. Nach und nach sieht Peter, wie sich die Kinder mit seinem Vater anstellen und anschließend alle mit ihrer Eiskugel in der Hand zu ihm laufen, ihm alles Gute zu wünschen. Peter ist für sein Alter etwas dick und wird wegen seiner Prinz Eisenherz Frisur in der Schule gehänselt.

Speaker 1:

Freunde hat er kaum welche. Als ein Kind nach dem anderen zu ihm kommt, ihn zu gratulieren, schaut er seine Eltern fragend an. Doch dann begreift er es von ganz alleine und kommt zu der folgenreichen Erkenntnis, dass er mit Geld sogar Freunde kaufen kann. An Geld mangelt es der Familie Stabmann auch nicht. Seine Eltern sind die Eigentümer der Apotheke gegenüber, seit Generationen im Besitz der Familie Stadtmann.

Speaker 1:

Die alte Apotheke, ein Name, dem die Menschen in Bottrop vertrauen. Wir sind im Jahr 2009. Peter Stappmann hat die Apotheke seiner Eltern nach erfolgreicher Beendigung seines Pharmaziestudiums übernommen. So, wie es ihm in die Wiege gelegt wurde. Die markante Eisenherzmähne seiner Jugend ist längst Geschichte.

Speaker 1:

Jetzt Mitte 40 ist sein Haar einer kahlen Lichtung gewichen, die nur noch an den Seiten von einem schmalen Wal gerahmt wird. Er fliegt regelmäßig nach München, sich Fett absaugen zu lassen und hat eine Hündin, die auf den Namen Grace hört, wie Grace Kelly. Stadtmann findet nämlich, er sähe aus wie der Fürst von Monaco. Und in der Tat lässt es sich nicht abstreiten, dass das Leben, was er führt, als fürstlich bezeichnet werden kann. Peter Stappmann verdient Millionen.

Speaker 1:

Nach außen hin ist er der bürgernahe Philantroph. Beim Bottropper Spendenlauf wirft er für jeden, der die Ziellinie vor seiner Apotheke überquert, einen Euro in den Topf für das örtliche Hospiz. Aber wer Peter Stadtmann wirklich verstehen will, muss hinter die Fassade seiner Stadtvilla blicken. Dort, wo sein Ego aus Beton und Stahl gegossen wurde. Eine Rutsche führt vom Badezimmer direkt in den Pool im Erdgeschoss.

Speaker 1:

Im Keller rattern die Züge einer Modelleisenbahn. Im Garten stehen Kunstwerke aus Metall, die im Wind leise klingen. Die Geschäfte mit der Apotheke laufen also hervorragend. Zudem ist die alte Apotheke keine einfache Apotheke. Sie ist eine Zentralapotheker und verfügt über ein Hochsicherheitslabor, in dem Patienten individuelle Infusionslösungen hergestellt werden.

Speaker 1:

Dazu gehören auch Zytostatika, also Chemotherapeutika für Krebspatienten. Damit beliefert sie 38 verschiedene Arztpraxen in mehreren Bundesländern. Von außen betrachtet ist die Altapotheker ein Monument der Beständigkeit. Einem Prachtbau von achtzehnhundertvierundsechzig, der wie eine elegante Residenz aus der Gründerzeit über der Straße thront. Zwischen altrosa Fassaden und weißem Prunkstück windet sich eine meterhohe, bronzene Schlange die Mauer empor.

Speaker 1:

Sie wirkt wie ein Wächter der Gesundheit, ein Symbol für Heilung und Vertrauen. Alles an diesem Ort atmet Tradition und diskreten Wohlstand. Doch der Schein trügt. Hinter den herrschaftlichen Rundbogenfenstern, dort, wo das Licht der Straße nicht mehr hinreicht, verbirgt sich eine bittere und abgründige Wahrheit. In einem solchen Labor herrscht normalerweise nicht nur Sauberkeit, es ist ein Hochsicherheitsbereich, eine klinische Festung.

Speaker 1:

Hier darf kein Staubkorn oder falsches Molekül existieren. Haube, Mundschutz, Handschuhe, Schutzanzug. Jeder Schritt wird dokumentiert, jede Charge protokolliert. Krebspatienten sind immunschwach. Eine Verunreinigung kann töten.

Speaker 1:

Doch Peter Stadtmann nimmt es mit der Sterilität nicht so genau. In Straßenschuhen betritt er das Hochsicherheitslabor, oft begleitet von seiner Hündin Grace. Unangekündigte Kontrollen sind leider eine Seltenheit. An An seine Kollegen und Kolleginnen geht sein Verhalten nicht unbemerkt vorbei, doch kaum 1 traut sich, etwas zu sagen. Er beherrscht das Spiel aus Lob und Demütigung perfekt.

Speaker 1:

Absichtlich fein gelassene Stifte sollen von seinen Mitarbeitenden apportiert werden, als seien sie dressierte Hunde. Wer hier arbeitet, lernt schnell, den Kopf zu senken. Somit schweigen die meisten aus Angst oder Loyalität. Wir sind wieder zurück im Jahr 2014 bei Martina. Kurz nachdem sie die Diagnose bekommt, die ihr Leben in ein Davor und Danach teilt.

Speaker 1:

Monat für Monat bekommt sie ihre Infusion mit der Chemotherapie, individuell zusammengemischt aus der alten Apotheke. Doch der Arzt teilt ihr mit, dass das Medikament bei ihr nicht anzuschlagen scheint. Ihre Tumormarker sind schlimmer statt besser geworden. Martina versteht es nicht. Die Nebenwirkungen sind alle da, ihre Haare fallen aus, die Erschöpfung ist bleiern.

Speaker 1:

Und so wie Martina ergeht es zahlreichen weiteren Patienten. Sie bekommen eine Chemotherapie, aber die Wirkung bleibt aus. Wie ist das nun möglich? Zurück in der Apotheke. Die Zeit vergeht und die Fahrlässigkeit von Peter Stappmann nimmt zu.

Speaker 1:

Irgendwann stellt auch Martin Porwoll Ungereimtheiten fest. Als kaufmännischer Leiter ist er der Herr der Zahlen. 1 Tages fällt ihm auf, dass die Gewinne, die das Haus Monat für Monat verzeichnet, zu hoch sind, unnatürlich hoch. Er beginnt zu graben. Nachts, wenn die Flure leer sind, schleicht er sich an seinen Schreibtisch und öffnet Dateien, die eigentlich niemand hinterfragen sollte.

Speaker 1:

Martin beginnt nachzurechnen. Er stolpert in seinen Akten über eine Bestellung. 16 Gramm Zytostatika eingekauft, aber 52 Gramm bei der Krankenkasse abgerechnet. Allein bei diesem einen Wirkstoff liegt Stadtmanns Gewinn bei 615000 Euro. Er gräbt weiter, findet Muster.

Speaker 1:

Er sammelt über Monate Beweise, wie Peter Stadtbann sehr viel weniger Medikamente einkaufte, als später abrechnete. Und findet diese auch Jahre zurückliegend. Ein weiteres Beispiel ist Trapectidin, ein Wirkstoff zur Behandlung von Eierstockkrebs. Der Wirkstoff kostet über 2000 Euro pro Milligramm. Eine Patientin braucht pro Behandlung etwa 2 bis 3 Milligramm im Wert von 4 bis 6000 Euro.

Speaker 1:

Und Peter Stadtmmann fand einen Weg, dass die Infusionsbeutel zwar keine heilende Wirkung mehr bieten, dafür aber die volle Bandbreite an Nebenwirkungen, keinen Verdacht zu erregen. Mal lässt er 10 Prozent weg, mal 20, mal 60. Manchmal, wenn er Lust hat, wenn der Tag gut läuft, wenn seine Grace neben ihm liegt, lässt er den gesamten Wirkstoff weg. Den Rest des Beutels führt er mit NACL auf, mit Kochsalzlösung. Neben Porwolk gibt es eine 2.

Speaker 1:

Zeugin des schleichenden Verfalls, Maria Elisabeth Klein. Als pharmazeutisch technische Assistentin weiß sie, wie Reinheit klingt. Doch in Stadtmanns Labor hört sie nur die Missachtung. Sie beobachtet, wie er die Schleusen einfach offenstehen lässt. Protokolle, vertrauliche Dokumente.

Speaker 1:

Er klemmt sie einfach nass zwischen Wasserhahn und Becken ein. Es ist kein Labor mehr. Es ist eine Respektlosigkeit gegenüber jedem Leben, das dort gerettet werden sollte. Am fünfzehnten September 2016 bricht das Schweigen. Martin Porvold geht zur Polizei.

Speaker 1:

Er zeigt seinen Chef an. Doch was fehlt, ist der rauchende Cold. Ein Beweis, der nicht nur aus Zahlen besteht, sondern aus Fakten. Dann der entscheidende Schuss. Ein Anruf aus 1 Onkologiepraxis.

Speaker 1:

Eine Patientin ist zu schwach für ihre Behandlung, die Infusion wird ungeöffnet zurückgeschickt. Das ist die perfekte Gelegenheit. Maria Elisabeth Klein zögert keine Sekunde. Sie fängt den Beutel ab und bringt ihn zur Polizei. Die Analyse ist kurz, das Ergebnis vernichtend.

Speaker 1:

In der Infusion befindet sich nichts. Kein Wirkstoff, nur Kochsalz. Ob die Patientin in den Monaten davor ebenfalls Wirkungsläusebeutel erhielt, bleibt ein Rätsel. November 2016, die Ermittler stürmen die alte Apotheke. Was sie im Hochsicherheitslabor finden, übersteigt jede Vorstellungskraft.

Speaker 1:

Die Polizei ist fassungslos über den Zustand des Labors. Auf der Arbeitsplatte finden sie einen Koffer. Er ist umgekühlt und voll mit fertigen Zytostatika. Keine Daten, keine Kennzeichnung. 117 Beutel werden konfisziert.

Speaker 1:

Das Ergebnis der staatlichen Prüfung ist ein Massengrab aus Plastik. Über 50 Prozent sind gepanscht. Falsch dosiert, falsch gemischt. Besonders makaber, 29 Beutel sollten monotonale Antikörper enthalten, das teuerste, was moderne Medizin zu bieten hat. Von diesen 29 Beuteln erhielt genau 1 den Wirkstoff.

Speaker 1:

28 Menschen erhielten Hoffnung aus reinem Wasser. Peter Stadtmann wird festgenommen. Die Ära der alten Apotheke endet hinter Gittern. Martina saß vor dem Fernseher, als die Nachricht von Stabmanns Festnahme sie wie einen Schlag traf. Sofort dachte sie an die vielen Monate, in denen die Infusionen bei ihr keine Wirkung gezeigt hatten.

Speaker 1:

Ihr Onkologe reagierte ohne Zögern und bestellte ihre Medikamente augenblicklich bei 1 anderen Apotheke. Nach der ersten neuen Infusion reagierte Martinas Körper direkt. Zum ersten Mal seit Jahren sinkt der Tumormarker. Für Martina ist es eine Rettung in letzter Sekunde. Für andere Familien in Bottrop und Umgebung ist die Nachricht der Ermittler der Beginn einer Trauer, die keine Antworten mehr findet.

Speaker 1:

Eine junge Mutter, die ebenfalls Jahre in der alten Apotheke Patientin war, erfährt von dem Betrug. Doch für sie gibt es kein danach. Weniger als 3 Wochen nach der Festnahme Stabmanns erliegt sie ihrer Krankheit und hinterlässt eine vierjährige Tochter. Ein Kind, das aufwachsen wird, ohne zu wissen, ob das Medikament seiner Mutter eine Chance gegeben hätte. Im November 2017 beginnt der Prozess.

Speaker 1:

Es ist ein Verfahren der Superlative. 800 Seiten Anklage, fast 4000 betroffene Patienten, über 60000 Fälle von Betrug und Verstößen gegen das Arzneimittelgesetz. Doch hinter den gewaltigen Zahlen verbirgt sich eine juristische Ohnmacht. Viele Hinterbliebene hoffen auf eine Anklage wegen Totschlags oder Mordes. Sie wollen Gerechtigkeit für das Leben, das ihnen genommen wurde.

Speaker 1:

Doch das Gesetz verlangt Beweise, die das Verbrechen selbst unmöglich gemacht hat. Man müsste jede einzelne Infusion im Nachhinein analysieren, ein Ding der Unmöglichkeit. Die Mittel sind längst durch die Venen der Patienten geflossen, sind abgebaut und verschwunden. Der direkte kausale Zusammenhang zwischen 1 gestreckten Dosis und dem Tod 1 Menschen lässt sich vor Gericht nicht lückenlos beweisen. Peter Stadtmann wird für das System gerichtet, das er betrogen hat.

Speaker 1:

Das menschliche Leid findet in dem Paragrafen keine Entsprechung. Den Überlebenden bleibt nur ein bitterer Trost. Seien Sie froh, dass Sie noch leben. Doch hinter den Kulissen der alten Apotheke offenbart sich ein Abgrund, der über Peter Stadtmann noch hinausreicht. In den beschlagnahmten Protokollen finden die Ermittler die Unterschriften zweier Mitarbeiterinnen.

Speaker 1:

Sie haben an den verfälschten Infusionen mitgewirkt. Ein Schweigen, dass Stabmann sich teuer erkauft hat. Gehälterweit über Tarif, Nettoverdienste von bis zu 6000 Euro. Selbst nach der Festnahme arbeiten die Frauen weiter, unter der Leitung von Stabmanns Mutter. Eine Unterschrift auf einem fehlerhaften Protokoll, so das juristische Kalkül, ist noch kein Beweis für Vorsatz.

Speaker 1:

Das Urteil nach 44 Prozesstagen, 12 Jahre Haft. Lebenslanges Berufsverbot, doch Stadtmann hat vorgesorgt. Noch aus der Untersuchungshaft, verschiebt er Million, überschreibt die Apotheke und Grundstück an seine Mutter, sein Vermögen vor Entschädigungszahlungen zu retten. Erst ein Jahr später gelingt es der Justiz, 56000000 Euro sicherzustellen. Geld, das zum Großteil an die Krankenkassen zurückfließt.

Speaker 1:

Im Gefängnis erfreut sich Stabmann an seinen neuen Routinen. Er verliert 30 Kilo, ohne zu Fett absaugen zu müssen, bewegt sich regelmäßig anstelle den langen Stunden im Labor. Die Bilanz, über 4600 betrogene Menschen, 38 Praxen in 6 Bundesländern, 61980 Verstöße gegen das Arzneimittelgesetz. Peter Stadtmann hat Millionen verdient und vielleicht, das wird niemand je sicher wissen können, Hunderte von Menschen auf dem Gewissen. Es ist der größte Medizinskandal unserer jüngeren Geschichte.

Speaker 1:

Für mich bleiben unzählige Fragen zurück. Zu welchen monströsen Taten kann ein Mensch überhaupt fähig sein und lassen sich solche Abgründe tatsächlich alleine durch Gier und Egoismus erklären? Stadtmann hat sich übrigens nie zu diesen Vorfällen geäußert, bis heute nicht. Keine Erklärung, keine Entschuldigung und kein Motiv aus seinem eigenen Mund. Und seine Verteidigung hat vor Gericht sogar versucht, ihn für schuldunfähig erklären zu lassen.

Speaker 1:

Er sei wohl 2008 gestürzt und habe sich ein Schädel Hirn Trauma zugezogen. Und das hätte sein entscheidungsbezogenes Denken dauerhaft gestört. Klingt ja erst mal nach einem triftigen medizinischen Argument, oder? Also ein Frontalhirnschaden, ein sogenanntes hirnorganisches Psychosyndrom kann tatsächlich Impulskontrolle, Urteilsvermögen und moralisches Entscheiden beeinträchtigen. Das ist real, das gibt es.

Speaker 1:

Aber Zeitgenossen beschreiben statt man nach dem Sturz als nicht wesensverändert. Kein Kollege, kein Mitarbeiter, kein Bekannter hat eine Persönlichkeitsveränderung gemerkt. Und vor allem, was er getan hat, war kein Versehen. Er dosierte mal 10 Prozent weg, mal 60, mal alles. Das erfordert aktives, zielgerichtetes Handeln über Jahre.

Speaker 1:

Denn ein echter Frontalhirnschaden mit relevanter Auswirkung auf die Schuldfähigkeit geht typischerweise einher mit deutlich sichtbaren Veränderungen im Alltag, Impulsdurchbrüchen, die sich nicht verbergen lassen und einem konsistenten Bild in der neuropsychologischen Testung. Und davon war nichts klar belegbar. Vor Gericht kam sein forensisch psychiatischer Gutachter zu einem klaren Entschluss, voll schuldfähig. Und er ging sogar noch einen Schritt weiter und vermutete, dass Stadtmann sich in den Leistungstest bewusst schlechter dargestellt hatte. Und das Gericht folgte dieser Einschätzung.

Speaker 1:

Aber wie konnte das so lange unbemerkt bleiben, denn Stadtmann hat nicht alleine gearbeitet. Er hatte 60 Angestellte und einige von ihnen haben Dinge gesehen. Das unserer Bearbeiten, die fehlenden Protokolle, der Hund im Labor und die Unstimmigkeiten in den Bestellungen. Aber warum haben sich seine Mitarbeitenden erst so spät dagegen gewehrt? Eine mögliche Antwort darauf liefert das Stanley Mildrom Experiment von neunzehnhunderteinundsechzig.

Speaker 1:

Das ist 1 der bekanntesten und erschreckendsten Experimente der Psychologiegeschichte. Hier wurden Versuchspersonen gebeten, einem anderen Menschen Elektroschock zu verabreichen und zwar jedes Mal, wenn eine Frage falsch beantwortet wurde, sollte der Schock sogar noch stärker werden. Der andere Mensch war ein Schauspieler, die Schocks waren nicht echt, aber die Versuchspersonen wussten das nicht. Und ein Versuchsleiter im weißen Kittel saß daneben und sagte nur, machen Sie weiter. Das Ergebnis, über 60 Prozent der Teilnehmer verabreichen den höchstmöglichen Schock, also 450 Volt, weil eine Autoritätsperson es von ihnen verlangte.

Speaker 1:

Und dieses Experiment wurde seitdem vielfach wiederholt in verschiedenen Kulturen, verschiedenen Jahrzehnten, verschiedenen Kontexten und das Ergebnis bleibt stabil. Aber was hat das mit Stadtmann zu tun? Er trug einen weißen Kittel und war somit eine Autoritätsperson. Er duldete keine Widerrede. Er demütigte Angestellte öffentlich.

Speaker 1:

Er führte mit absoluten Hierarchiedenken. Und schließlich zahlte er auch noch gut. Das ist wirklich kein Umfeld, in dem man aufsteht und sagt, ey, ich glaube, hier stimmt etwas nicht. Besonders nicht, wenn man in einem Abhängigkeitsverhältnis steht. Das Milgram Experiment zeigt uns, die Menschen tun das nicht aus Bosheit und auch nicht aus Gleichgültigkeit, sondern weil Autorität besonders in professionellen Hierarchien eine psychologische Wirkung hat, der sich die wenigsten entziehen können.

Speaker 1:

Umso bedeutsamer ist es, was Martin Porwoll und Maria Elisabeth Klein getan haben. Sie gingen an die Öffentlichkeit und dafür erhielten sie 2017 auch den deutschen Whistleblower Preis. Was einem Menschen wie Stadtmann antreibt, das wissen wir nicht. Vielleicht werden wir es nie wissen. Er hat uns keinen Einblick gegeben und die Psychiatrie kann keine Diagnose aus der Distanz stellen.

Speaker 1:

Aber was zwei mutige Menschen erreichen können, das wissen wir. Und was ein System ermöglicht, in dem andere schweigen, das wissen wir auch. Manchmal ist die psychologische Frage nicht, was ist mit dem Täter passiert, sondern wie schaffen wir Räume, in denen Menschen früher sprechen können? Ich bin Doktor Emilie Strzoda. Das war Morbus Crime.

Speaker 1:

Danke fürs Zuhören und bis zur nächsten Folge.