Schwarze Erde, weisses Licht

Das Staffelfinale führt vom dunkelsten Himmel bewohnter Inseln über einen Nobelpreisträger, der aus Protest hierher zog, bis zur Stille des Nordens – und zieht dabei die Fäden aller neunzehn Folgen zusammen.

Show Notes

El Silencio · Saramago, Sterne und die Stille

Episode 20 • Erinnerung vom 2026-07-20 Duration: 11:50

Das Staffelfinale führt vom dunkelsten Himmel bewohnter Inseln über einen Nobelpreisträger, der aus Protest hierher zog, bis zur Stille des Nordens – und zieht dabei die Fäden aller neunzehn Folgen zusammen.

Warum diese Folge hängen bleibt

Stille auf schwarzer Lava, das Gesicht nach oben – und dann tritt die Milchstrasse hervor, als hätte jemand ein Licht eingeschaltet. Ein Dichter, ein dunkler Himmel und eine Insel, die dem Lärm bewusst nicht nachgab – drei Fäden, eine Wurzel.

Drei Dinge, die bleiben

  • Der dunkle Himmel ist kein Naturgeschenk – Manriques Werbeverbot hält das Streulicht klein
  • Lanzarote hat keine offizielle Starlight-Zertifizierung, trotzdem einen der dunkelsten Himmel bewohnter Inseln Europas
  • Am Timanfaya trifft bei Tag sechshundert Grad Hitze aus dem Boden auf bei Nacht einen der dunkelsten Himmel des Kontinents

Das Bild, das bleibt

  • Ein leeres Haus in Tías mit einer vollen Bibliothek, im Garten ein Ölbaum, unter dem die Asche eines Nobelpreisträgers ruht.
  • Emotionaler Bogen: Von stiller Kontemplation über intellektuelle Dichte zu einem warmen, würdigen Staffelabschied.

Ein Satz aus der Folge

  • "Und einen Nobelpreisträger, der auf dieser kargen Insel mehr Ruhe fand als überall sonst auf der Welt."

Über den Podcast

Geschichten mit Bernd ist ein von Matthias kuratierter und produzierter Podcast über Erinnerungen, Handwerk, Reisen, Familie und Lebensgeschichten rund um Bernd. Jede Folge beginnt bei einem konkreten Moment und öffnet daraus ein größeres Fenster in Geschichte, Kultur, Orte und verschwindende Welten.

What is Schwarze Erde, weisses Licht?

Schwarze Erde, weisses Licht ist ein Reise-Podcast über Lanzarote, für Matthias, Waltraud, Marie und Julia. Vom 2. bis 16. Juli 2026 wohnen sie im Centro Antroposófico im Norden der Insel und nähern sich der Vulkaninsel Folge für Folge: dem Feuer von Timanfaya, dem Werk von César Manrique, den Pflanzen und Tieren der Lava, dem Wein von La Geria, der Geschichte der Insel, dem Tourismus und dem Wasser. Jede Folge ein Thema, dicht, überraschend und voller Vorfreude.

El Silencio · Saramago, Sterne und die Stille
Folge 20 | Erinnerung vom 2026-07-20
Schwarze Erde, weisses Licht – der Lanzarote-Podcast

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[00:08] Erzähler: Stellt euch vor: Ihr liegt auf dem Rücken. Unter euch ist schwarze Lava, kühl, rau, ein bisschen wie grober Asphalt. Noch hört man den Wind – dieses leise, gleichmässige Summen, das hier nie ganz aufhört. Und dann legt er sich. Und plötzlich ist da … nichts. Kein Motor. Kein Handy, das vibriert. Kein Flugzeug. Nicht mal ein Licht am Horizont.

[00:33] Gesa: Und dann heben sich die Sterne raus, Schicht um Schicht. Erst die hellen – und dann, nach ein paar Minuten, wenn sich die Augen anpassen, zieht sich das Band der Milchstrasse quer über den Himmel. In Zürich oder Bern sieht man vielleicht zweihundert Sterne. Hier oben, in einer klaren Nacht bei Haría, sind es mehrere tausend.

[00:56] Erzähler: In den meisten Städten Europas ist dieser Himmel schlicht verschwunden. Hier ist er einfach da.

[01:03] Gesa: Okay, aber warum? Warum ist der Himmel ausgerechnet hier so schwarz? Das hat zwei Gründe, und der erste ist langweilig: Geografie. Trockene, klare Atlantikluft, wenig Dunst, kaum Wolken. Damit haben andere Inseln auch zu tun.

[01:19] Erzähler: Und der zweite?

[01:21] Gesa: Der zweite ist der spannende. Derselbe Mann, dem wir Folge acht gewidmet haben – César Manrique – hat seit neunzehnhundertsiebenundsechzig dafür gesorgt, dass auf dieser Insel keine grossen Leuchtreklamen stehen, keine grellen Werbetafeln, keine Hochhäuser mit Neonschrift. Und jetzt die Physik dahinter: Licht aus Reklamen strahlt nach oben und streut an Staubteilchen und Luftmolekülen zurück – es legt sich als milchiger Schleier über den ganzen Himmel und überstrahlt die schwächeren Sterne. Weniger Licht am Boden heisst dunklerer Hintergrund. Und dunklerer Hintergrund heisst: mehr sichtbare Sterne.

[02:03] Erzähler: Moment – der Mann hat nebenbei die Sterne gerettet?

[02:07] Gesa: Nebenbei, ja. Er wollte die Landschaft schützen. Dass der Nachthimmel davon profitiert, war ein Nebeneffekt. Aber ich muss euch auch etwas Ehrliches sagen: Lanzarote trägt keine offizielle Starlight-Zertifizierung. La Palma hat die – die haben dort oben das Roque-de-los-Muchachos-Observatorium, eines der wichtigsten weltweit. Fuerteventura und der Teide auf Teneriffa ebenfalls zertifiziert.

[02:34] Erzähler: Also ist der Himmel hier gar nicht so besonders?

[02:38] Gesa: Doch. Kein Etikett, aber messbar echt. Fachleute schätzen den Norden, fern der Ferienorte, auf etwa Bortle-Klasse zwei von neun – die zweitdunkelste Stufe, die es überhaupt gibt, einer der dunkelsten bewohnten Himmel Europas. Und die ganze Inselgruppe ist durch das kanarische Gesetz zum Schutz der astronomischen Qualität geschützt – das «Ley del Cielo» von neunzehnhundertachtundachtzig. Das gilt auch hier.

[03:06] Erzähler: Diese Folge ist die letzte unserer Staffel. Und sie handelt von etwas, das man nicht kaufen, nicht buchen und nicht fotografieren kann. Die Stille.

[03:17] Gesa: Drei Fäden, ein Gewebe: Ein Dichter, der auf dieser Insel die Ruhe zum Schreiben fand. Ein Himmel, der dunkel genug blieb, um die Sterne zu behalten. Und ein Norden, still genug, um sich selbst wieder zu hören.

[03:32] Erzähler: Das Erstaunliche ist – die haben alle dieselbe Wurzel.

[03:36] Gesa: Eine Insel, die dem Lärm bewusst nicht nachgab.

[03:39] Gesa: Neunzehnhundertzweiundzwanzig kommt in einem Dorf namens Azinhaga, nordöstlich von Lissabon, ein Junge zur Welt. José de Sousa Saramago. Die Eltern: landlose Bauern, arm. Sechsundsiebzig Jahre später bekommt er den Nobelpreis für Literatur – als bislang einziger portugiesischsprachiger Autor überhaupt.

[04:01] Erzähler: Der hätte nach Stockholm ziehen können, nach Paris, nach New York …

[04:06] Gesa: Er hätte. Aber er kam hierher. Und das hat eine Geschichte. Neunzehnhunderteinundneunzig veröffentlicht Saramago den Roman «O Evangelho segundo Jesus Cristo» – «Das Evangelium nach Jesus Christus». Darin erzählt er das Leben von Jesus neu, als zweifelnden, sehr menschlichen Charakter.

[04:26] Erzähler: Und das kam nicht gut an.

[04:28] Gesa: Überhaupt nicht. Die portugiesische Regierung unter Ministerpräsident Aníbal Cavaco Silva verhinderte neunzehnhundertzweiundneunzig, dass das Buch für den Europäischen Literaturpreis – den Aristeion-Preis – nominiert wurde. Die Begründung: für Katholiken anstössig.

[04:47] Erzähler: Das war dann … staatliche Zensur?

[04:49] Gesa: So hat Saramago es empfunden. Er kehrte Portugal den Rücken und zog im Februar neunzehnhundertdreiundneunzig mit seiner Frau Pilar del Río nach Tías. Auf eine karge Vulkaninsel im Atlantik. Siebzehn Jahre, bis zu seinem Tod zweitausendzehn. Ein Weltautor, der die Stille dem Applaus vorzog.

[05:10] Erzähler: Sein Haus in Tías heisst «A Casa». Heute ist es ein Museum und Sitz der Fundación José Saramago. Und es ist ein besonderes Haus. Man beschreibt es als «eine Bibliothek mit einer Wohnung drumherum» – auf Spanisch: «Una casa hecha de libros».

[05:27] Gesa: Das gefällt mir. Weil es stimmt. Die Bibliothek ist das Herz des Hauses. Er hat seine Bücher nicht einfach ins Regal gestellt – er hat sie nach Herkunftsländern der Autorinnen und Autoren sortiert, nach Themen wie Geschichte und Politik. Und Bücher von Autorinnen hat er bewusst gesammelt und alphabetisch zusammengestellt.

[05:50] Erzähler: Und das Arbeitszimmer?

[05:52] Gesa: Da hängt sein Leitspruch: «Escribir para comprender» – Schreiben, um zu verstehen. Nicht um berühmt zu werden. Nicht um Preise zu gewinnen. Um zu verstehen.

[06:03] Erzähler: Und dann der Garten. Den hat er selbst bepflanzt: Palmen, kanarische Kiefern, Quitten- und Ulmenbäume. Und mehrere Olivenbäume. Einer davon stammt aus Azinhaga – seinem Geburtsort in Portugal.

[06:16] Gesa: Unter diesem Ölbaum ruht ein Teil seiner Asche. Ein weiterer Teil ist in Lissabon. Der Mann, der aus Protest ging, blieb am Ende hier.

[06:26] Erzähler: Und er hat hier geschrieben?

[06:28] Gesa: Und wie. Ab neunzehnhundertdreiundneunzig führte er auf der Insel ein Tagebuch – die «Cadernos de Lanzarote», die Lanzarote-Tagebücher. Fünf Bände sind zu seinen Lebzeiten erschienen, jährlich veröffentlicht von vierundneunzig bis achtundneunzig. Und dann, zweitausendachtzehn, erschien posthum ein sechster Band: das «Último Caderno de Lanzarote», das letzte Tagebuch. Es behandelt genau das Jahr, in dem er den Nobelpreis bekam – neunzehnhundertachtundneunzig.

[07:01] Erzähler: Die Insel wurde also buchstäblich Teil der Weltliteratur.

[07:05] Gesa: Ja. Die Tagebücher mischen Alltag, Politik, Philosophie – Notizen zum ruhigen Dorfleben neben Gedanken über die Welt. Und über die Insel hat er gesagt – ich zitiere sinngemäss: Es sei hier, als wäre es der Anfang und das Ende der Welt.

[07:22] Erzähler: Der Anfang und das Ende der Welt. Das klingt dramatisch, aber wenn man abends in Tías steht und über die schwarze Erde schaut … versteht man sofort, was er meint.

[07:34] Erzähler: Und jetzt kommt der Moment, in dem sich etwas zusammenfügt. Erinnert ihr euch an den Timanfaya? Tagsüber spucken die Vulkane immer noch Hitze aus dem Boden – dreizehn Meter unter der Oberfläche herrschen sechshundert Grad, wir haben in Folge zwei ausführlich darüber gesprochen.

[07:54] Gesa: Und nachts, über genau derselben Lava, liegt einer der dunkelsten Himmel des Kontinents. Bei Tag: Feuer aus der Tiefe. Bei Nacht: Sterne aus der Höhe. Am selben Ort.

[08:06] Erzähler: Das Feuer von siebzehnhundertdreissig hat diese schwarze Bühne gebaut – jetzt spielt darauf der Himmel.

[08:13] Gesa: Und das kann man tatsächlich erleben. Es gibt geführte Sternenbeobachtungen im Umfeld des Nationalparks. Da steht einfach ein Mensch mit einem Teleskop und viel Geduld in der Dunkelheit, ganz ohne Lasershow. Das passt zur Idee des Biosphärenreservats: sanft, naturnah, leise.

[08:32] Erzähler: Braucht man da eigenes Equipment?

[08:35] Gesa: Nein. Das blosse Aufschauen genügt für die Milchstrasse. Aber: eine mondarme, klare Nacht wählen. Und auch im Sommer warm anziehen – der Passatwind kühlt nach Sonnenuntergang spürbar aus, gerade auf den Höhen. Die Peñas del Chache, der höchste Punkt der Insel, sind sechshundertsiebzig Meter hoch – etwa wie der Uetliberg, der Hausberg von Zürich – und dort oben weht es ordentlich.

[09:01] Erzähler: Und dann ist da der Norden. Etwas, das man weniger weiss als spürt. Haría, das Tal der tausend Palmen. Das kleine Máguez. Órzola am Wasser. Grüner als der Süden, windiger, und – stiller.

[09:15] Gesa: Die ganze Insel ist seit dem siebten Oktober neunzehnhundertdreiundneunzig UNESCO-Biosphärenreservat – als erste Insel weltweit, die diesen Status inklusive der bewohnten Ortschaften bekam. Das wisst ihr aus der Biosfera-Folge. Aber hier oben im Norden merkt man, was das konkret bedeutet: keine Hotelburgen, keine Lichtflut, kein Dauerlärm.

[09:39] Erzähler: Wisst ihr, was passiert, wenn man ein paar Tage an einem solchen Ort ist? Erst fehlt der Lärm – und das ist irritierend. Und dann, nach ein paar Abenden, hört man das, was er überdeckt hatte. Wind in den Palmen. Eine Ziegenglocke. Die eigene Stimme.

[09:58] Gesa: Und dann wird es ganz still.

[10:00] Erzähler: Was bleibt von dieser Insel? Wir haben in neunzehn Folgen viele Geschichten erzählt. Das Feuer, das die Insel formte und den Boden bis heute heizt.

[10:11] Gesa: Den Mann, der sie vor dem Beton rettete – und dabei, ohne es zu wollen, die Sterne gleich mit.

[10:17] Erzähler: Die Natur, die dem Ascheboden Wein abtrotzt – jede Rebe einzeln in einen Lavakrater gepflanzt, den Wind im Rücken.

[10:25] Gesa: Einen blinden Krebs in einer Lavahöhle, dessen Verwandte viertausend Meter tief im Atlantik leben.

[10:32] Erzähler: Und einen Nobelpreisträger, der auf dieser kargen Insel mehr Ruhe fand als überall sonst auf der Welt.

[10:40] Gesa: All das führt auf dasselbe hinaus. Diese Insel ist mehr als ein Strandziel. Sie ist ein Ort, der einem etwas zurückgibt, das man in der Schweiz – zwischen Terminen, Strassenlärm und dem nächsten Zug – irgendwann verliert.

[10:56] Erzähler: In der ersten Folge sind wir über eine Insel aus erstarrter Lava geflogen – schwarz, ocker, rostrot – und haben gefragt, warum sie aussieht wie kein anderer Ort in Europa. Jetzt, am Ende, kennen wir die Antworten. Der Wind hat sich gelegt. Über Máguez wird es dunkel, ein Stern nach dem anderen tritt hervor, bis der ganze Himmel offen daliegt. Irgendwo unten, in Tías, steht ein leeres Haus mit einer vollen Bibliothek, und ein Ölbaum hält Wache.

[11:27] Gesa: Danke. Für die ganze Reise – durch Feuer, Kunst, Wasser und Stille. Es waren zwanzig Folgen, und jede einzelne war für euch.

[11:37] Erzähler: Sucht euch irgendwann eine dunkle, mondarme Nacht und schaut nach oben. Den Rest macht der Himmel von allein.

[11:44] Gesa: Buen viaje.

[11:45] Erzähler: Das war «Schwarze Erde, weisses Licht» – Feuer, Kunst und Stille.

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Ende der Folge. Laufzeit 11:50.