Wie aus der grössten Vulkankatastrophe Lanzarotes eine der eigenwilligsten Weinlandschaften der Welt entstand – und warum die Reben hier nicht gegossen werden, sondern die Nachtluft trinken.
Episode 4 • Erinnerung vom 2026-07-04 Duration: 11:27
Wie aus der grössten Vulkankatastrophe Lanzarotes eine der eigenwilligsten Weinlandschaften der Welt entstand – und warum die Reben hier nicht gegossen werden, sondern die Nachtluft trinken.
Eine einzige grüne Rebe am Grund eines schwarzen Trichters, mannshoch, mehrere Meter breit – und das tausendfach bis zum Horizont. Die Asche, die 1730 alles begrub, ist exakt der Grund, warum hier heute Wein wächst. Ohne die Katastrophe gäbe es La Geria nicht.
Geschichten mit Bernd ist ein von Matthias kuratierter und produzierter Podcast über Erinnerungen, Handwerk, Reisen, Familie und Lebensgeschichten rund um Bernd. Jede Folge beginnt bei einem konkreten Moment und öffnet daraus ein größeres Fenster in Geschichte, Kultur, Orte und verschwindende Welten.
Schwarze Erde, weisses Licht ist ein Reise-Podcast über Lanzarote, für Matthias, Waltraud, Marie und Julia. Vom 2. bis 16. Juli 2026 wohnen sie im Centro Antroposófico im Norden der Insel und nähern sich der Vulkaninsel Folge für Folge: dem Feuer von Timanfaya, dem Werk von César Manrique, den Pflanzen und Tieren der Lava, dem Wein von La Geria, der Geschichte der Insel, dem Tourismus und dem Wasser. Jede Folge ein Thema, dicht, überraschend und voller Vorfreude.
La Geria · Wein aus der Asche
Folge 4 | Erinnerung vom 2026-07-04
Schwarze Erde, weisses Licht – der Lanzarote-Podcast
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[00:08] Erzähler: Stell dir einen Trichter vor. Tiefes Schwarz, zwei, drei Meter breit, mannshoch. Der Boden besteht aus nichts als dunkler, poröser Asche. Und ganz unten, im Windschatten, wächst ein einziges grünes Blatt. Eine Rebe. Eine einzige.
[00:23] Gesa: Und wenn du hochschaust – dasselbe Bild, tausendfach. Bis zum Horizont. Schwarze Krater, in jedem ein Fleck Grün. Dahinter die Vulkankegel von Timanfaya.
[00:34] Erzähler: Das ist La Geria. Eine Weinlandschaft, die aussieht wie eine Mondlandschaft. Und das Verrückte daran – sie dürfte es eigentlich gar nicht geben.
[00:43] Gesa: Weil hier fast nie Regen fällt. Lanzarote bekommt weniger als hundertfünfzig Millimeter im Jahr – an manchen Stellen nur an sechzehn Tagen. Zum Vergleich: Zürich hat achthundert. Und es gibt keinen einzigen Fluss, keine Quelle, kein Grundwasser, das man anzapfen könnte.
[01:02] Erzähler: Kein Tropfen künstliche Bewässerung. Trotzdem wächst hier einer der eigenwilligsten Weine der Welt. Wie geht das?
[01:09] Gesa: Die Antwort liegt unter deinen Füssen. In der Asche selbst.
[01:13] Erzähler: Aber dafür müssen wir kurz zurück. Wie wir in der Timanfaya-Folge gehört haben – von siebzehnhundertdreissig bis siebzehnhundertsechsunddreissig riss die Erde entlang einer langen Spalte auf, und aus Dutzenden Schloten quollen Lava und Asche. Sechs Jahre lang. Ein Viertel der Insel verschwand darunter, darunter das fruchtbarste Ackerland.
[01:36] Gesa: Für die Bauern war das der Ruin. Wo vorher Getreide gewachsen war, lag jetzt schwarzer Kies. Meterdick.
[01:43] Erzähler: Und dann, irgendwann in den Jahren danach, macht jemand eine Beobachtung, die alles ändert. Jemand gräbt durch die Asche, kommt an den alten Boden darunter – und der ist feucht. Obwohl es nicht geregnet hat.
[01:57] Gesa: Die Asche, die alles erstickt hat – hält Wasser?
[02:00] Erzähler: Genau das. Und aus dieser Beobachtung entwickeln die Bauern ein komplettes Anbausystem – das enarenado, wörtlich: «das Übersanden». Die berühmten Weinfelder von La Geria gäbe es ohne die Vulkankatastrophe schlicht nicht. Dieselbe Asche, die einst alles begrub, wurde zum Fundament einer neuen Landwirtschaft.
[02:21] Gesa: Die FAO nennt das eine «landwirtschaftliche Revolution». Und hat das Ganze im Mai zweitausendfünfundzwanzig als weltweit bedeutendes Agrar-Erbe ausgezeichnet – GIAHS, neben gut hundert anderen Systemen weltweit.
[02:35] Gesa: Und die Physik dahinter ist wirklich elegant. Der schwarze Kies, Picón nennt man ihn hier, oder Rofe – poröser, aufgeschäumter Basalt in Korngrössen von etwa zwei bis vierundsechzig Millimetern. Stell dir erstarrten Lavaschaum vor, voller winziger Hohlräume.
[02:52] Erzähler: Und tagsüber knallt die Sonne auf dieses Schwarz. Nachts kippt es dann ins Gegenteil.
[02:58] Gesa: Er kühlt aus. Massiv. Die dunkle Oberfläche heizt sich tagsüber brutal auf und strahlt die Wärme nachts genauso schnell wieder ab. Fällt sie unter den Taupunkt – der Passat bringt ja ständig feuchte Atlantikluft –, schlägt sich Feuchtigkeit direkt an den kalten Steinchen nieder. Viel ist das nicht, in einer guten Nacht vielleicht ein paar Zehntelmillimeter, und wie viel netto wirklich dazukommt, ist unter Fachleuten umstritten.
[03:27] Erzähler: Die Reben werden also nicht gegossen –
[03:30] Gesa: – sie trinken die Nachtluft. Der Picón hat eine riesige innere Oberfläche, tausende winzige Poren; die halten die Feuchtigkeit fest, statt sie abperlen zu lassen. Der grössere Gewinn kommt aber tagsüber: dann liegt dieselbe Schicht wie ein Deckel über dem feuchten Boden darunter.
[03:48] Erzähler: Die Schicht arbeitet also in beide Richtungen – nachts fangen, tagsüber bewahren.
[03:54] Gesa: So ist es – die groben Körner bilden keine feinen Kapillaren, also kann das Wasser aus der Tiefe nicht nach oben verdunsten. Derselbe Effekt wie Rindenmulch im Garten, nur aus Stein. Und dieser Verdunstungsschutz ist der eigentliche Grund, warum das System trägt; der Tau ist eher das Sahnehäubchen. Die Asche hält den Boden feucht und riegelt ihn zugleich ab – Erntemaschine und Tresor in einem.
[04:21] Erzähler: Leg mal die Hand auf diesen Stein ... Man spürt sofort, wie schnell er die Wärme abgibt. Und jetzt wird klar, warum die Landschaft so aussieht, wie sie aussieht.
[04:32] Gesa: Die Gruben – hoyos – sind der erste Teil. Für jede einzelne Rebe gräbt man durch die Ascheschicht bis zum nährstoffreichen alten Boden. In La Geria, wo die Auflage am dicksten liegt, sind die Gruben zwei bis vier Meter breit und gut zwei Meter tief.
[04:49] Erzähler: Die Rebe wurzelt also unten, wo es feucht ist, und die Aschewand ringsum schirmt sie ab. Und dann der zweite Trick – der zoco. Dieser Halbmond aus dunklen Lavasteinen, den man vor jede Grube setzt.
[05:02] Gesa: Der steht immer auf der Nordostseite. Weil der Passat – die Alisios – von dort kommt, ständig, manchmal kräftig. Ohne den Schutz würde der Wind die Triebe austrocknen und die ganze Verdunstung antreiben. Der zoco bricht die Strömung, und weil er aus lose geschichteten Steinen besteht, dämpft er den Wind, ohne gefährliche Wirbel zu erzeugen.
[05:25] Erzähler: Und von oben – stell dir eine Drohnenaufnahme vor – siehst du tausende schwarze Halbmonde, alle in dieselbe Richtung geöffnet. Als hätte jemand ein Muster über die ganze Talschaft gezeichnet.
[05:38] Gesa: Es sieht aus wie Land Art, und ist doch reine Funktion – jeder Halbmond eine von Hand gesetzte Antwort auf Durst und Wind.
[05:46] Erzähler: Und jetzt der Teil, der mich am meisten berührt. In diese Trichter kommt keine Maschine. Kein Traktor, keine Erntemaschine – die Gruben sind zu tief, zu steil, zu eng.
[05:58] Gesa: Jede Rebe wird einzeln gepflanzt, einzeln beschnitten, einzeln von Hand gelesen. Da kniet jemand in einem zwei Meter tiefen Loch und schneidet Trauben. Bei über zehntausend solcher Gruben.
[06:10] Erzähler: Das ist harte, heisse Arbeit, und sie lohnt sich wirtschaftlich kaum. Wer in so einem Loch kniet und bei praller Sonne Trauben schneidet, tut das aus Sturheit und Stolz.
[06:22] Gesa: Die Pflanzdichte sagt alles: zweihundert bis vierhundert Reben pro Hektar. In Bordeaux oder im Burgund stehen viertausend bis achttausend auf derselben Fläche.
[06:33] Erzähler: Zehnmal weniger Reben, und jede einzeln per Hand. Wer das aufgibt, dessen Gruben verwildern, und die Landschaft verschwindet. La Geria existiert nur, solange jemand bereit ist, diese Arbeit zu tun.
[06:46] Gesa: Die Ernte zweitausendfünfundzwanzig – also letztes Jahr – fiel nach anhaltender Dürre auf unter sechshunderttausend Kilogramm. Die kleinste des einundzwanzigsten Jahrhunderts. Das Ganze arbeitet am äussersten Rand des Möglichen.
[07:02] Gesa: Und gerade weil diese Arbeit so hart ist, lohnt der Blick nach unten in den Trichter. Denn was da wächst, gibt's so nirgendwo sonst. Die Leitsorte heisst Malvasía Volcánica. Genetisch ist sie wahrscheinlich eine Kreuzung aus Malvasía Aromática und der lokalen kanarischen Bermejuela.
[07:21] Erzähler: Also eine Sorte, die auf Lanzarote zu Hause ist, nicht importiert?
[07:25] Gesa: Na ja, ursprünglich kam die Malvasía im fünfzehnten Jahrhundert über Madeira auf die Kanaren. Aber was sich hier entwickelt hat, ist eigenständig. Sie macht rund fünfundsiebzig Prozent der Rebfläche aus. Daneben findest du Listán Negro für Rotweine und Diego und Moscatel für weitere Weisse.
[07:45] Erzähler: Und warum erzählen alle von der Konzentration im Glas?
[07:48] Gesa: Die Winzer sagen: weniger Trauben pro Stock, dafür mehr Konzentration pro Beere. Wissenschaftlich ist dieser Zusammenhang gar nicht so eindeutig, aber der Stress ist unbestritten – eine einzelne alte Rebe in einem tiefen Loch, mit wenig Wasser und viel Sonne. Der Ertrag liegt bei rund tausend bis fünfzehnhundert Kilogramm pro Hektar. In einer guten Lage in der Schweiz holst du das Achtfache.
[08:15] Erzähler: Also wenig Wein, aber mit Haltung.
[08:17] Gesa: So ist es. Wenig Wein, aber mit einer Herkunft, die sich nirgends kopieren lässt.
[08:22] Erzähler: Und jetzt der Moment, auf den das alles zuläuft. Im Glas: eine kühle, goldene Malvasía Volcánica. Zitrus, weisse Blüten, reife Steinfrüchte – und dann diese salzige, fast mineralische Note, als hätte der schwarze Boden mitgekeltert.
[08:38] Gesa: Das ist der Punkt, an dem Geologie zum Geschmack wird. Den vulkanischen Untergrund, die Meeresnähe, den Salzwind – all das schmeckst du. Es gibt sie trocken, seco, halbtrocken und als dulce, süss ausgebaut.
[08:53] Erzähler: Und wenn ihr vor Ort in einer Bodega steht und das erste Glas in der Hand habt – denkt an die Nacht davor, als die Asche das Wasser geholt hat, das jetzt in der Traube steckt.
[09:04] Gesa: Apropos Bodega – El Grifo. Gegründet siebzehnhundertfünfundsiebzig. Eine der ältesten Bodegas der gesamten Kanaren.
[09:12] Erzähler: Moment – siebzehnhundertfünfundsiebzig? Das ist keine zwei Generationen nach dem Ausbruch.
[09:18] Gesa: Und rechne mal nach: Die Eruption endet siebzehnhundertsechsunddreissig, vierzig Jahre später steht dort ein Weingut. Die Menschen haben fast sofort auf der frischen Asche angefangen zu keltern. Und im Keller liegen noch zwei Fässer Malvasía von achtzehnhunderteinundachtzig.
[09:37] Erzähler: Okay – für euch vier praktisch. Vom Centro in Máguez sind es je nach Route rund vierzig bis fünfzig Minuten mit dem Auto nach La Geria, Richtung Süden, vorbei an San Bartolomé.
[09:48] Gesa: Drei Bodegas, die sich lohnen: Bodega La Geria liegt mitten in der Landschaft, mit Terrasse und Blick über die Grubenfelder. El Grifo hat das Weinmuseum – da seht ihr die Geschichte, die wir gerade erzählt haben, als Objekt. Und Bodegas Rubicón hat ein starkes Verkostungsangebot.
[10:07] Erzähler: Die meisten bieten Führungen und Degustationen an. Und ja, ihr zwei Jüngeren – ihr seid achtzehn, das zählt hier. Spanien ab achtzehn.
[10:16] Gesa: El Grifo bewirtschaftet rund hundert Hektar, die Hälfte davon biozertifiziert. Und das kleine Teufelchen auf dem Etikett – das Logo stammt von César Manrique.
[10:27] Erzähler: Und das Ganze ist seit vierundneunzig geschützte Kulturlandschaft – der Paisaje Protegido de La Geria, gut fünfzig Quadratkilometer. Geschützt wird hier ausdrücklich das Zusammenspiel von Mensch und Vulkan, die Hände, die diese Felder überhaupt erst gemacht haben.
[10:45] Gesa: Und wie kleinteilig das ist, sieht man an der Ursprungsbezeichnung, der Denominación de Origen Lanzarote: rund siebzehnhundert eingetragene Winzer, im Schnitt jeder mit gerade mal einem Hektar. Lauter kleine Handschriften nebeneinander.
[11:00] Erzähler: Die ganze Folge in einem Schluck: Was ihr seht, ist eine Landschaft, die ein Vulkan zerstört hat – und die Menschen daraus neu gebaut haben. Grube für Grube, Stein für Stein, Rebe für Rebe.
[11:14] Gesa: Kein Regen, kein Fluss, keine Maschine. Nur die Nachtluft, die Asche und zweihundertfünfzig Jahre Geduld.
[11:21] Erzähler: In diesem Glas steckt die ganze Insel. Ihr Feuer, ihr Wind, ihre Stille. Salud.
[11:26] Gesa: Salud.
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Ende der Folge. Laufzeit 11:27.