Schwarze Erde, weisses Licht

Fünfundzwanzig Minuten Fähre, und die asphaltierte Welt hört auf. La Graciosa ist die einzige bewohnte Kanareninsel ohne befestigte Strasse, umgeben von einem der grössten Meeresschutzgebiete Europas. Eine Folge über eine Insel, auf der das Wichtigste das ist, was man bewusst nicht gebaut hat.

Show Notes

Sand, wo Teer sein müsste – La Graciosa

Episode 15 • Erinnerung vom 2026-07-15 Duration: 12:01

Fünfundzwanzig Minuten Fähre, und die asphaltierte Welt hört auf. La Graciosa ist die einzige bewohnte Kanareninsel ohne befestigte Strasse, umgeben von einem der grössten Meeresschutzgebiete Europas. Eine Folge über eine Insel, auf der das Wichtigste das ist, was man bewusst nicht gebaut hat.

Warum diese Folge hängen bleibt

Der erste Schritt von der Fähre landet nicht auf Asphalt, sondern im Sand. Keine Strasse, keine Ampel, kein Motorenlärm. Fünfundzwanzig Minuten genügen, um von der erschlossenen Welt in einen Ort zu gelangen, an dem bewusst fast nichts gebaut wurde – und ringsum liegt mehr geschützte Wildnis im Wasser als Land an Land.

Drei Dinge, die bleiben

  • La Graciosa wurde erst zweitausendachtzehn als achte Kanareninsel anerkannt – obwohl dort längst siebenhundert Menschen lebten
  • Das Meeresschutzgebiet des Chinijo-Archipels umfasst rund siebenhundert Quadratkilometer – mehr geschützte Fläche im Wasser als die Insel Land hat
  • Die Wasserleitung vom Festland fiel zweitausendzweiundzwanzig sechsmal aus – siebenhundert Menschen ohne verlässliches Trinkwasser

Das Bild, das bleibt

  • Die Fähre legt ab, die Tagesgäste sind weg, und La Graciosa fällt in eine Stille zurück, die man auf einer Ferieninsel sonst nie erlebt – nur Wind, Sand und das Klappern eines Fahrrads.
  • Emotionaler Bogen: Von der Begeisterung über die wilde Schönheit der Playa de las Conchas zur ernsten Warnung: dieser Strand ist lebensgefährlich zum Baden.

Ein Satz aus der Folge

  • "Das ist der eigentliche Widerspruch. Die Leute kommen wegen der Leere – und bringen die Fülle mit."

Über den Podcast

Geschichten mit Bernd ist ein von Matthias kuratierter und produzierter Podcast über Erinnerungen, Handwerk, Reisen, Familie und Lebensgeschichten rund um Bernd. Jede Folge beginnt bei einem konkreten Moment und öffnet daraus ein größeres Fenster in Geschichte, Kultur, Orte und verschwindende Welten.

What is Schwarze Erde, weisses Licht?

Schwarze Erde, weisses Licht ist ein Reise-Podcast über Lanzarote, für Matthias, Waltraud, Marie und Julia. Vom 2. bis 16. Juli 2026 wohnen sie im Centro Antroposófico im Norden der Insel und nähern sich der Vulkaninsel Folge für Folge: dem Feuer von Timanfaya, dem Werk von César Manrique, den Pflanzen und Tieren der Lava, dem Wein von La Geria, der Geschichte der Insel, dem Tourismus und dem Wasser. Jede Folge ein Thema, dicht, überraschend und voller Vorfreude.

Sand, wo Teer sein müsste – La Graciosa
Folge 15 | Erinnerung vom 2026-07-15
Schwarze Erde, weisses Licht – der Lanzarote-Podcast

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[00:08] Erzähler: Ihr geht von Bord, und der erste Schritt landet im Sand. Kein Asphalt, kein Gehsteig, kein Bordstein. Nur heller, weicher Sand, und darauf ein paar Fahrräder, die an einer weissen Mauer lehnen. La Graciosa. Die einzige bewohnte Kanareninsel ganz ohne befestigte Strasse.

[00:27] Gesa: Warte – gar keine? Auch nicht eine einzige im Ort?

[00:30] Erzähler: Keine einzige. Die Gassen in Caleta de Sebo sind Sand. Die Wege über die Insel sind Sand. Das Einzige, was hier vier Räder hat, sind ein paar zugelassene Allrad-Taxis, die über Pisten zu den Stränden fahren.

[00:45] Gesa: Und das ist keine vergessene Insel am Ende der Welt. Das sind fünfundzwanzig Minuten Fähre ab Órzola.

[00:52] Erzähler: Genau. Fünfundzwanzig Minuten über die Meerenge El Río, und die asphaltierte Welt hört auf. Was danach kommt, ist das Gegenteil einer erschlossenen Ferieninsel – rund siebenhundert Einwohner, kein Durchgangsverkehr, kein Motorenlärm. Und ringsum liegt ein Meeresschutzgebiet, das grösser ist als alles, was man an Land sieht.

[01:14] Erzähler: Aber der Reihe nach. Stellt euch vor: ihr steht in Órzola, dem nördlichsten Fischerdorf Lanzarotes, und wartet auf die Fähre. Zwei Reedereien fahren die Strecke, Líneas Marítimas Romero und Biosfera Express, mehrmals täglich.

[01:30] Gesa: Und während die Fähre ablegt, dreht ihr euch um und seht das Famara-Massiv von unten – diese gewaltige Steilküste, die wie eine Mauer aus dem Meer steigt. In der Mirador-Folge habt ihr von oben runtergeschaut, von Manriques Fenster in den Fels. Jetzt seid ihr unten, auf der anderen Seite.

[01:50] Erzähler: Genau. Von oben war La Graciosa eine Landkarte im blauen Meer. Von unten ist sie ein Ort. Und ein Ort mit einer seltsamen Geschichte, denn offiziell gab es ihn bis vor Kurzem gar nicht.

[02:03] Gesa: Stimmt. Jahrzehntelang lernten alle Schulkinder: Die Kanaren, das sind sieben Inseln. La Graciosa lief einfach als Anhängsel von Lanzarote mit. Verwaltet von der Gemeinde Teguise – der alten Hauptstadt drüben auf der grossen Insel.

[02:19] Erzähler: Und dann, zweitausendachtzehn, hat der spanische Senat La Graciosa einstimmig als achte bewohnte Kanareninsel anerkannt. Aus sieben wurden acht.

[02:29] Gesa: Wobei – anerkannt heisst hier nicht neu entdeckt. Da lebten längst siebenhundert Menschen. Es heisst nur: man hat endlich hingeschaut. Und am Alltag hat sich wenig geändert, die Verwaltung läuft nach wie vor über Teguise.

[02:44] Erzähler: Aber das Erstaunlichste an diesem kleinen Fleck liegt gar nicht an Land. Es liegt im Wasser drumherum.

[02:51] Gesa: Da muss ich kurz übernehmen. Also: La Graciosa ist nur die Spitze. Die Insel gehört zum Chinijo-Archipel, und der umfasst noch vier weitere Inseln und Felsen – Montaña Clara, Alegranza, Roque del Este und Roque del Oeste. Alles unbewohnt. Alles vulkanisch. Alles streng geschützt.

[03:11] Erzähler: Wie gross ist dieses Schutzgebiet?

[03:13] Gesa: Rund siebenhundert Quadratkilometer. Um das einzuordnen: das ist etwas mehr als die Fläche des Kantons Glarus. Dieses Gebiet gilt als eines der grössten Meeresschutzgebiete Europas. Neunzehnhundertfünfundneunzig eingerichtet, als Fischerei- und Meeresreservat.

[03:31] Erzähler: Siebenhundert Quadratkilometer geschütztes Meer – und die Insel selbst hat gerade mal rund achtundzwanzig Quadratkilometer Land.

[03:40] Gesa: Das ist der Kern. Die eigentliche Wildnis liegt unter Wasser – unsichtbar.

[03:45] Erzähler: Was lebt da draussen, auf diesen unbewohnten Felsen?

[03:48] Gesa: Vögel. Unglaublich viele Vögel. Auf den Felsen des Chinijo brütet die grösste Kolonie des Gelbschnabel-Sturmtauchers in ganz Spanien – zwischen siebentausendfünfhundert und zehntausend Brutpaare. Diese Vögel brauchen absolute Ruhe, und die finden sie hier, weil kein Mensch auf die Felsen darf.

[04:09] Erzähler: Zehntausend Paare? Auf ein paar Felsen mitten im Atlantik?

[04:13] Gesa: Und nicht nur die. Der Eleonorenfalke brütet hier – erinnert ihr euch, aus der Fauna-Folge? Der Falke, der absichtlich spät brütet, damit die Küken genau auf den Herbstzug der Kleinvögel fallen. Deswegen ist der ganze Archipel auch Vogelschutzgebiet.

[04:31] Erzähler: Und im Wasser?

[04:32] Gesa: Über zweihundert Fischarten, dazu Meeresschildkröten. Und der Engelhai, der angel shark, findet hier einen seiner letzten Rückzugsräume. Um den Roque del Este gibt es eine integrale Schutzzone: kein Fischen, kein Tauchen, Zutritt nur für Forschung.

[04:49] Erzähler: Okay, zurück an Land. Zurück nach Caleta de Sebo, dem einzigen richtigen Ort auf der Insel. Weisse Häuser, sandige Gassen, eine Schule, ein paar Läden. Es gibt noch Pedro Barba im Nordosten, aber das ist kaum mehr als eine Handvoll Ferienhäuser.

[05:06] Gesa: Also praktisch alle siebenhundert Einwohner auf einem Fleck.

[05:10] Erzähler: Genau. Man bewegt sich zu Fuss oder per Fahrrad. Das Fahrrad ist König auf La Graciosa – aber ehrlich: der tiefe Sand macht jeden Kilometer anstrengend. Das ist kein Radweg, das ist ein Workout.

[05:23] Gesa: Und Touristen dürfen kein Auto auf die Fähre stellen. Es gibt ein paar zugelassene Allrad-Taxis – die bringen einen zu den entfernteren Stränden. Aber die Gassen von Caleta de Sebo: die geht man. Im Sand.

[05:37] Erzähler: Das Verrückte ist: die fehlende Infrastruktur ist hier kein Mangel. Wo anderswo eine Uferpromenade wäre, ist Sand. Wo anderswo ein Parkplatz wäre, ist Sand. Und genau das zieht die Leute an.

[05:50] Erzähler: Und wenn man mit dem Rad oder zu Fuss losfährt, Richtung Nordwesten, dann landet man irgendwann an einem Strand, der einem den Atem nimmt. Playa de las Conchas. Heller, goldener Sand, ein türkisblaues Meer, und im Hintergrund der Vulkankegel Montaña Bermeja. Kaum ein Mensch.

[06:09] Gesa: Und dann das Schild.

[06:11] Erzähler: Ja. Rote Flagge, quasi Dauerzustand. Dieser Strand ist lebensgefährlich zum Baden. Die Strömung zwischen La Graciosa und Montaña Clara, der kleinen Insel gegenüber, ist heftig. Es gab tödliche Badeunfälle.

[06:26] Gesa: Das ist keine Übervorsicht. Die Nordwestseite bekommt die volle Wucht des offenen Atlantiks, dazu den Passat. Die Passage zwischen den Inseln wirkt wie ein Trichter – das Wasser wird zusammengedrückt und beschleunigt. Wer da reinschwimmt, kommt unter Umständen nicht mehr raus.

[06:45] Erzähler: Das siehst du auf keiner Postkarte. Als Landschafts- und Fotomotiv ist die Playa de las Conchas grandios. Aber zum Schwimmen: Nein.

[06:54] Gesa: Wer baden will, geht auf die geschützte Südseite. Playa Francesa – ruhiger, deutlich sicherer. Oder die Playa de la Cocina, eine kleine Bucht am Fuss der Montaña Amarilla.

[07:06] Erzähler: Die Montaña Amarilla – woher kommt eigentlich dieser gelbe Berg auf einer schwarzen Vulkaninsel?

[07:13] Gesa: Das ist mein Lieblingsstück auf La Graciosa. Also: die meisten Vulkankegel hier sind klassisch strombolianisch – heisses Magma, das an die Luft kommt und dunkle Schlacke bildet. Die Montaña Amarilla ist anders. Da ist Magma auf Wasser getroffen. Auf Meerwasser.

[07:31] Erzähler: Eine Explosion unter Wasser?

[07:33] Gesa: Genau, ein sogenannter hydromagmatischer Ausbruch, surtseyanischer Typ. Das Magma verdampft das Wasser schlagartig, es gibt eine Dampfexplosion, und das aufgeschleuderte Material verbackt zu hellem Tuffstein – Palagonit. Deswegen ist der Berg gelb und nicht schwarz. Die Farbe erzählt die Geschichte.

[07:53] Erzähler: Also gelb gleich Wasser, schwarz gleich Luft.

[07:57] Gesa: Vereinfacht, ja. Und obendrauf liegt dann wieder dunkles Material – dort wurde der Ausbruch strombolianisch, als kein Meer mehr da war. Man kann die Schichten lesen wie ein Buch. Überhaupt: La Graciosa ist im Grunde ein paar Vulkankegel, zwischen die der Wind seit Jahrtausenden Sand geweht hat. Drei Materialien – gelber Tuff, schwarzes Lavagestein, heller Flugsand. Daraus ist die ganze Insel gebaut.

[08:25] Erzähler: Und der höchste Punkt?

[08:26] Gesa: Las Agujas, gut zweihundertsechzig Meter – der höchste Punkt der Sandinsel. Kein grosser Berg. Aber auf einer so flachen Insel ragt er wie eine Landmarke in den Himmel.

[08:38] Gesa: Was mich bei La Graciosa aber wirklich beschäftigt, ist die Verletzlichkeit. Siebenhundert Menschen auf einer flachen, trockenen Insel mitten in einem Schutzgebiet – und alles hängt an einer einzigen Verbindung.

[08:53] Erzähler: Die Fähre.

[08:53] Gesa: Und nicht nur für Menschen und Waren. Strom kommt seit neunzehnhundertfünfundachtzig über ein Seekabel von Lanzarote. Trinkwasser wird auf Lanzarote entsalzt und über eine Unterwasserleitung nach La Graciosa gepumpt. Eine Art Nabelschnur.

[09:10] Erzähler: Das heisst, wenn die Leitung ausfällt –

[09:12] Gesa: – hat die Insel kein Wasser. Und genau das ist zweitausendzweiundzwanzig passiert: die Leitung fiel sechsmal aus. Siebenhundert Menschen, zeitweise wochenlang ohne verlässliche Wasserversorgung. Eine eigene Entsalzungsanlage ist in Planung, aber noch nicht gebaut.

[09:31] Erzähler: Das verändert den Blick. Diese Abgeschiedenheit, die so schön aussieht – die hat einen Preis. Und der Preis ist Abhängigkeit.

[09:40] Gesa: Gleichzeitig: die Insel wird in Spitzenmonaten von deutlich über zweihundertfünfzigtausend Besuchern im Jahr überrollt. Juli, August, Ostern – dann sind es ein Vielfaches der Einwohner. Es gibt eine laufende Debatte über eine Begrenzung der täglichen Besucherzahlen.

[09:58] Erzähler: Das ist der eigentliche Widerspruch. Die Leute kommen wegen der Leere – und bringen die Fülle mit.

[10:05] Erzähler: Aber es gibt einen Moment, in dem die Leere zurückkommt. Nachmittags, wenn die letzte grosse Fähre ablegt. Die Tagesgäste steigen ein, die Motoren brummen los, das Boot wird kleiner. Und dann wird es ganz still.

[10:20] Gesa: Kein Motorenrauschen. Keine Strandbar-Musik. Man hört das eigene Gehen im Sand.

[10:26] Erzähler: Nur Wind. Das Meer. Irgendwo das Klappern eines Fahrrads. Wer bleibt – wer übernachtet statt nur rüberzufahren –, erlebt eine andere Insel als der Tagesgast. Die stille, die echte.

[10:38] Gesa: Das ist der Moment, in dem La Graciosa zu dem wird, was der Name verspricht. Die Anmutige. Endlich redet nichts mehr dazwischen.

[10:47] Erzähler: Ich glaube, das ist der Kern dieser Insel. Man kommt so leicht her wie zu kaum einem anderen wilden Ort. Auto in den Norden, Fähre, fertig. Und findet das Gegenteil einer erschlossenen Welt.

[11:01] Gesa: Und genau diese Nähe ist Gefahr und Schutz zugleich. Weil La Graciosa so nah und so klein ist, könnte man sie in einem einzigen Sommer kaputtbauen. Und weil man das weiss, lässt man sie in Ruhe. Kein Asphalt, keine Touristenautos, begrenzter Zugang.

[11:19] Erzähler: Die Kunst dieses Ortes ist eine Unterlassung. Was ihn ausmacht, ist das, was man bewusst nicht gebaut hat.

[11:26] Gesa: Und auf der Rückfahrt, wenn La Graciosa kleiner wird und die Steilküste des Famara wieder heranwächst – dann bleibt das Grösste unsichtbar zurück. Die Vogelfelsen am Horizont, und darunter ein Meer voller Leben, das kaum ein Besucher je zu Gesicht bekommt.

[11:45] Erzähler: Sand unter den Füssen beim Ankommen, Stille beim Gehen. Dazwischen lag ein kurzer Besuch in einer Welt, die es fast nicht mehr gibt.

[11:54] Gesa: Nehmt die Stille mit zurück in den Norden.

[11:57] Erzähler: Bis zum nächsten Mal bei Schwarze Erde, weisses Licht.

[12:00] Gesa: Bis bald.

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Ende der Folge. Laufzeit 12:01.