Die älteste Stadt Lanzarotes versteckte sich vierhundert Jahre vor dem eigenen Meer. Hinter den weissen Kolonialmauern von Teguise liegen Piratenüberfälle, eine Majo-Prinzessin und eine Gasse, deren Name mehr Legende als Geschichte ist.
Episode 7 • Erinnerung vom 2026-07-07 Duration: 12:50
Die älteste Stadt Lanzarotes versteckte sich vierhundert Jahre vor dem eigenen Meer. Hinter den weissen Kolonialmauern von Teguise liegen Piratenüberfälle, eine Majo-Prinzessin und eine Gasse, deren Name mehr Legende als Geschichte ist.
Eine Gasse, die nach frischem Brot riecht und Blutgasse heisst – der Widerspruch, der alles öffnet. Warum eine Sonneninsel ihre wichtigste Stadt absichtlich vor der eigenen Küste versteckt – und was passiert, wenn der Grund dafür wegfällt.
Geschichten mit Bernd ist ein von Matthias kuratierter und produzierter Podcast über Erinnerungen, Handwerk, Reisen, Familie und Lebensgeschichten rund um Bernd. Jede Folge beginnt bei einem konkreten Moment und öffnet daraus ein größeres Fenster in Geschichte, Kultur, Orte und verschwindende Welten.
Schwarze Erde, weisses Licht ist ein Reise-Podcast über Lanzarote, für Matthias, Waltraud, Marie und Julia. Vom 2. bis 16. Juli 2026 wohnen sie im Centro Antroposófico im Norden der Insel und nähern sich der Vulkaninsel Folge für Folge: dem Feuer von Timanfaya, dem Werk von César Manrique, den Pflanzen und Tieren der Lava, dem Wein von La Geria, der Geschichte der Insel, dem Tourismus und dem Wasser. Jede Folge ein Thema, dicht, überraschend und voller Vorfreude.
Blutgasse und Brotduft – Teguises doppelter Boden
Folge 7 | Erinnerung vom 2026-07-07
Schwarze Erde, weisses Licht – der Lanzarote-Podcast
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[00:08] Erzähler: Stellt euch eine Gasse vor. Schmal, weiss getüncht, Sonnenlicht fällt schräg auf die Kalkwände. Es riecht nach frischem Brot, nach Grillrauch, irgendwo spielt Musik. Kinder rennen durch. Die friedlichste Gasse der Welt. Und über dieser Gasse hängt ein Schild: Callejón de la Sangre. Die Blutgasse.
[00:28] Gesa: Callejón de la Sangre? In diesem Postkarten-Städtchen?
[00:31] Erzähler: Genau das ist Teguise. Vierhundert Jahre lang die Hauptstadt von Lanzarote. Und unter den weissen Mauern stecken Geschichten, die alles andere als friedlich sind.
[00:42] Gesa: Die Frage, die mich beschäftigt, seit ich zum ersten Mal davon gelesen habe: Wie kommt eine Gasse, die nach Brot riecht, zu einem Namen, der nach Blut klingt? Und was erzählt das über eine ganze Stadt?
[00:56] Erzähler: Das klären wir. Aber zuerst müssen wir eine noch verrücktere Frage beantworten. Weil Teguise macht etwas, das auf keiner Ferieninsel der Welt Sinn ergibt.
[01:06] Gesa: Ja, und diese Frage ist eigentlich die wichtigste der ganzen Folge. Schaut euch mal an, wo Teguise liegt. Lanzarote hat Traumstrände, Häfen, eine endlose Küste. Und die Hauptstadt – die wichtigste, reichste, mächtigste Stadt der Insel – liegt nicht am Wasser. Sondern mitten im kargen Inneren. Am Fuss eines erloschenen Vulkans. Ausser Sichtweite des Meeres.
[01:30] Erzähler: Freiwillig dreht keine Hafenstadt dem Wasser den Rücken zu. Wer am Meer baute, baute in Reichweite der Korsaren. Also legten sie die Hauptstadt dorthin, wo man sie vom Wasser aus weder sah noch schnell erreichte.
[01:45] Gesa: Und das war die bewussteste Standortentscheidung der ganzen Inselgeschichte. Die Korsaren kamen regelmässig, über Jahrhunderte. Bleibt nur die Frage, wie das karge Innere überhaupt eine reiche Stadt tragen konnte. Die Antwort ist Wasser: unterirdische Zisternen, die Aljibes, sammelten den seltenen Regen, und die zentrale Senke gab den besten Ackerboden weit und breit. Darüber ein Vulkankegel als natürliche Wache.
[02:13] Erzähler: Eine ganze Stadt, aus Angst gebaut. Eine Sonneninsel, die ihre wichtigste Stadt vor der eigenen Küste versteckt. Und diese Angst erklärt am Ende alles an Teguise: die Lage, die Mauern, die Festung, sogar ihren Untergang. Aber der Reihe nach.
[02:29] Erzähler: Zuerst will ich auf den Marktplatz. Weil da steht ein Name, über den kein Mensch nachdenkt, und dabei ist er die ganze Inselgeschichte in einem Wort. Die Stadt heisst Teguise. Und Teguise war eine Frau.
[02:43] Gesa: Eine Majo-Prinzessin.
[02:44] Erzähler: Genau. Teguise war, so die Überlieferung, die Tochter des letzten Majo-Königs Guardafía. Also eine Prinzessin genau des Volkes, das wir aus Folge fünf kennen – die Ureinwohner, die ohne Boote auf der Insel lebten. Um vierzehnhundertfünfzehn wurde sie die Frau von Maciot de Béthencourt, einem Verwandten des normannischen Eroberers.
[03:07] Gesa: Also die Tochter des letzten Königs heiratet in die Familie des Eroberers. Und die neue Hauptstadt der Eroberer bekommt dann ausgerechnet ihren Namen. Das ist – ja, das ist eine Art Denkmal für die Verlierer. Alles Sichtbare an dieser Stadt ist spanisch-kolonial. Aber der Name gehört dem Volk, das verschwunden ist.
[03:28] Erzähler: Es gibt auch eine linguistische Deutung, wonach der Name vom berberischen Tiguis kommt, Ort des Wassers. Aber die überlieferte Version ist die Benennung nach der Prinzessin. Und ehrlich – die ist auch die bessere Geschichte.
[03:44] Gesa: Die beiden schliessen sich ja nicht aus. Eine Frau, deren Name vielleicht schon Wasser bedeutet, an einem Ort, der wegen seines Wassers gewählt wurde.
[03:54] Gesa: Okay, jetzt schaut euch die Häuser rund um den Platz an. Teguise trägt sein Alter offen: ein geschlossenes koloniales Ensemble, weiss gekalkt, casas señoriales mit kühlen Innenhöfen hinter schweren Portalen. Diese Dichte an Herrenhäusern baut niemand in ein armes Fischerdorf. Das war eine reiche Stadt mit Rang.
[04:15] Erzähler: Und eines davon steht heute noch offen am Platz. Der Palacio Spínola. Gehen wir rein.
[04:21] Gesa: Achtzehntes Jahrhundert, schwarzer behauener Vulkanstein am Portal, dahinter ein stiller Innenhof mit eigener Zisterne. Eines der frühesten städtischen Herrenhäuser der kleineren Kanareninseln. Wer durch das Tor tritt, steht mitten in der Zeit, als Teguise die reichste Adresse der Insel war.
[04:40] Erzähler: Und den alten Mauern sieht man die Überfälle an. Kirche und Klöster wurden über die Jahrhunderte geplündert, gebrannt und wieder aufgebaut.
[04:50] Gesa: Genau. Jede Ausbesserung markiert einen Überfall. Man kann die Angst der Stadt an den Fassaden ablesen wie an einem Kalender.
[04:58] Erzähler: Und jetzt gehen wir hoch. Über der Stadt erhebt sich der Guanapay, ein erloschener Vulkankegel, so um die vierhundertfünfzig Meter hoch. Auf dem Gipfel steht das Castillo de Santa Bárbara. Und von dort oben –
[05:13] Gesa: – siehst du alles. Küste in alle Richtungen. Von vierhundertfünfzig Metern reicht der Blick gut fünfundsiebzig Kilometer weit bis zum Horizont. Ein weisses Segel dort draussen hiess: die Korsaren brauchen noch Stunden bis zur Landung. Genau diese Stunden entschieden über Leben und Tod. Man entzündete das Warnfeuer, und die Menschen konnten sich verstecken oder fliehen, bevor die Boote den Strand erreichten.
[05:40] Erzähler: Ein Frühwarnsystem, Jahrhunderte vor jeder Sirene. Und der Bau da oben ist selbst ein Rekord, wenn ich das richtig weiss.
[05:48] Gesa: Der älteste Teil geht auf einen Wachturm aus dem frühen vierzehnten Jahrhundert zurück, womöglich noch aus der Zeit des Genuesen Lancelotto Malocello. Über die Jahrhunderte wuchs er zur heutigen Festung, dem Castillo de Santa Bárbara. Das älteste Kastell der ganzen Kanaren.
[06:07] Erzähler: Die älteste der ganzen Kanaren? Sieben Inseln, und das älteste Kastell steht auf dem Vulkan über dieser kleinen Stadt?
[06:15] Erzähler: Und dieser Wachposten hat eines Tages gesehen, was er nie sehen wollte. Fünfzehnhundertsechsundachtzig landete der algerische Korsar Morato Arráez mit seiner Flotte. Er überfiel Teguise, zerstörte die Festung auf dem Guanapay und – das ist das Detail, das hängenbleibt – verschleppte die Frau und die Tochter des ersten Marqués der Insel.
[06:38] Gesa: Die Familie des mächtigsten Mannes der Insel. Selbst die war nicht sicher.
[06:43] Erzähler: Und dann kam sechzehnhundertachtzehn. Der schlimmste Tag in der Geschichte der Insel. Die Korsaren Tabac Arráez und Soliman fielen mit einer gewaltigen Streitmacht ein – die Quellen sprechen von bis zu sechsunddreissig Galeeren und rund dreitausend Mann. Teguise wurde geplündert und niedergebrannt.
[07:03] Gesa: Und die Bevölkerung – rund neunhundert Menschen wurden verschleppt und versklavt. Bei einer Gesamtbevölkerung von vielleicht zweitausend. Das ist fast die Hälfte der Insel. Als die spanische Marine die Piratenflotte dann abfing, sanken Schiffe mit Gefangenen an Bord. Ein Teil der Verschleppten ertrank. Rund zweihundert wurden befreit. Viele der Übrigen, vor allem Frauen, kamen auf die Sklavenmärkte von Tunis und Algier. Für die Barbaresken war das ein Geschäft: reiche Gefangene wurden gegen Lösegeld freigekauft, alle anderen als Arbeitskräfte verkauft. Die Kanaren lagen dafür günstig – nah genug an Nordafrika, schwach genug bewacht, um sich zu lohnen.
[07:48] Erzähler: Eine einzige Nacht. Danach war Teguise ein anderer Ort.
[07:52] Gesa: Das muss man erst mal sacken lassen. Und genau vor diesem Hintergrund will ich jetzt auf die Blutgasse zurückkommen. Auf den Cold Open, der noch offen ist. Weil an der Blutgasse kann man etwas Wichtiges zeigen: wie man Legende von Beleg trennt, ohne der Geschichte den Reiz zu nehmen.
[08:12] Erzähler: Also – was ist verbürgt, und was ist Sage?
[08:14] Gesa: Der Rahmen ist verbürgt. Die schweren Überfälle haben stattgefunden. Teguise wurde geplündert, Menschen wurden getötet und verschleppt, das ist dokumentiert. Die Gasse selbst ist real – rund fünfzig Meter lang, hinter der Kirche, auf einem alten Bachbett angelegt. Legende dagegen ist die konkrete Erzählung: so viel Blut sei durch diese eine Gasse geflossen, dass sie davon ihren Namen bekam. In einer ausgeschmückten Version läutete ein Franziskaner-Mönch die Alarmglocken und wurde von einem Pfeil getötet, und die Verteidiger hätten rund hundertsiebzig Piraten in der Gasse erschlagen.
[08:55] Erzähler: Hundertsiebzig – das klingt nach einer Zahl, die mit jeder Generation gewachsen ist.
[09:00] Gesa: Wahrscheinlich. Die Quellen widersprechen sich in Datum, Namen und Zahlen. Und genau das ist typisch für eine Sage. Aber eine Legende ist kein Schwindel. Sie ist die Art, wie eine Stadt eine reale Erfahrung über Jahrhunderte wachhält. Das Blut in der Gasse ist Sage. Der Schrecken dahinter ist echt.
[09:21] Erzähler: Und Teguise steckt voller solcher Geschichten. Enge Gassen, tiefe kühle Schatten hinter den Kalkmauern, leere Klöster, ein Marktplatz, der nachts nur dem Wind gehört. Geschichten von Schritten in leeren Häusern, von der Blutgasse nach Einbruch der Dunkelheit.
[09:38] Gesa: Klar – das sind Sagen, kein Beleg. Aber Sagen sind selbst eine Quelle. Sie zeigen, was eine Stadt nicht loslässt. Ihre Angst, ihre Toten, ihr Gedächtnis. Die Geister von Teguise sagen mehr über die Lebenden als über die Toten.
[09:54] Erzähler: Und jetzt die grosse Wende. Wenn Teguise so wichtig war – vierhundert Jahre Hauptstadt, Festung, Kirchen, Klöster – warum ist dann heute Arrecife die Hauptstadt?
[10:05] Gesa: Und genau hier kippt die Geschichte. Erinnert ihr euch an den Grund, warum Teguise überhaupt im Inneren lag? Die Angst vor dem Meer. Solange das Meer Feinde brachte, war ein sicherer Berg Gold wert. Aber als der Frieden aufs Meer kam und Handel und Hafen wichtiger wurden als Schutz, wog ein guter Hafen plötzlich schwerer als ein sicherer Berg. Achtzehnhundertzweiundfünfzig ging der Hauptstadtrang offiziell an Arrecife über.
[10:34] Erzähler: Also war es am Ende der Frieden, der Teguise die Krone nahm.
[10:38] Gesa: Derselbe Grund, der die Stadt einst gross gemacht hat, hat sie eingeholt. Die Stärke von gestern wurde zur Schwäche von heute.
[10:46] Erzähler: Aber etwas hat Teguise dem Rest der Insel noch voraus. Und das hört man, bevor man es sieht. Aus einem offenen Fenster in der Altstadt kommt ein Klang – hell, perlend, wie eine winzige Gitarre.
[11:00] Gesa: Der Timple. Das kleine fünfsaitige Zupfinstrument, das Volksinstrument der Kanaren. Seine Wurzeln liegen in den spanischen Vihuelas und Barockgitarren, die mit Siedlern auf die Inseln kamen. Und Teguise hat ihm ein eigenes Haus gewidmet – die Casa-Museo del Timple im Palacio Spínola, genau am Hauptplatz. Eine grosse Sammlung, Konzerte, der ganze Bauprozess dokumentiert.
[11:25] Erzähler: Ausgerechnet aus der stillen alten Hauptstadt kommt der hellste Klang der Insel.
[11:30] Gesa: In der Casa del Timple kann man den Instrumentenbauern über die Schulter schauen, wie aus einem Stück Holz so ein Klang wird. Mitten in der alten Hauptstadt, an ganz normalen Werktagen.
[11:43] Erzähler: Und dann ist Sonntagvormittag. Ab etwa neun Uhr verwandelt sich die stille Altstadt in den grössten Freiluftmarkt der Kanaren. Dreihundert bis vierhundert Stände, Kunsthandwerk, Keramik, Käse, Wein, Aloe-Produkte, Kaktus-Erzeugnisse, Grillrauch, Live-Musik. Die Quellen sprechen von über zehntausend Besuchern pro Sonntag.
[12:04] Gesa: Ein Tipp: früh hin, wegen Andrang und Hitze. Der Markt geht bis etwa vierzehn Uhr. Und danach – dann kommt der eigentliche Moment. Wenn die Stände abgebaut sind und die Altstadt wieder still wird. Dann habt ihr die weissen Gassen für euch allein.
[12:21] Erzähler: Genau die Gasse aus dem Cold Open, die sonntags nach Brot riecht. Jetzt wisst ihr, was ihr Name bedeutet. Jede Schicht dieser Stadt ist eine Narbe. Und Teguise trägt sie alle, ohne sie zu verstecken.
[12:35] Gesa: Und trotzdem lebt diese Stadt. Jeden Sonntag, mit Musik und Brotduft und zehntausend Menschen. Teguise vergisst seine schwere Geschichte nicht – aber es feiert trotzdem weiter.
[12:47] Erzähler: Und dann wird es ganz still.
[12:49] Gesa: Bis zum nächsten Mal. Ciao.
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Ende der Folge. Laufzeit 12:50.