Der einzig wahre skeptische Podcast der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) mit dem legendären Blogger Onkel Michael.
Wir widmen uns vielen verschiedenen Themen aus dem Bereich der Parawissenschaften und berichten, was wirklich dahinter steckt. Egal ob die so genannte Alternativmedizin, Verschwörungstheorien oder andere Mythen: wir sagen euch Bescheid!
Herzlich willkommen, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer da draußen im weiten Podcast-Land. Mein Name ist Michael Scholz und dies ist die 23. Folge des Skepti-Talks, des einzig gewahren skeptischen Podcasts der GWOP, der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften. Wie immer gilt, wenn ihr Vorschläge, Anregungen, Wünsche, Lobkritik oder Beschimpfungen habt, Schickt sie mir an skeptytalk.gwup.org oder meldet euch auf unseren Social-Media-Kanälen. Heute nun die Folge 2 unserer kleinen Neuschwabenland-Serie. Ich hoffe, ihr habt die dicken Socken eingepackt, denn heute geht es tatsächlich ins ewige Eis der Antarktis. In der ersten Folge haben wir gesehen, warum die deutsche antarktische Expedition von 1938-39 überhaupt stattfand. Es ging um Walfang, Rohstoffe, Autarkiepolitik, territoriale Interessen und um echte wissenschaftliche Forschung. Am 17. Dezember 1938 verließ die Schwabenland Hamburg und heute begleiten wir sie ins Eis.
Die Route führte durch den Ärmelkanal nach Süden, vorbei an den Kanarischen Inseln und den Kap Verden über den Äquator nach Ascension, weiter nach Tristan da Cunha und zu den Bouvet-Inseln. Von dort begann die letzte Etappe Richtung Antarktis. Insgesamt waren es auf der Hinfahrt mehr als 8000 Seemeilen. Wenn man die Strecke in einzelnen Etappen betrachtet, wird erst deutlich, welche Dimension diese Fahrt hatte. Von Hamburg bis Uschand waren es ca. 600 Seemeilen. Von dort bis zu den Kanaren ungefähr 1420. Weiter über die Cap Verde nach Ascension noch einmal rund 1840 Seemeilen. Und die längste Etappe führte von Ascension nach Tristan de Cunha mit etwa 2250 Seemeilen.
Danach kamen weitere 1240 Seemalen bis zu den Bouvet-Inseln und schließlich noch einmal ungefähr 870 bis zum eigentlichen Arbeitsgebiet. Das war also keine Fahrt, bei der man eben mal eben in der Antarktis vorbeischaut. Schon die Anreise war ein logistisches Unternehmen von mehreren Wochen. Unterwegs wurde die Expedition immer mehr zu dem, was sie sein sollte, ein schwimmendes Forschungslabor. Messreihen liefen, Wetterbeobachtungen wurden notiert, ozeanografische Daten gesammelt. Für die Flugmannschaften war die Fahrt zugleich Vorbereitung auf das eigentliche Arbeitsprogramm. Sie mussten sich mit den besonderen Bedingungen vertraut machen, Geräte kontrollieren und die Abläufe zwischen Schiff, Katapult, Flugboot und Funk einspielen. Die Reise verlief zunächst erstaunlich ruhig. An Bord begann schon unterwegs die wissenschaftliche Arbeit. Meteorologische und ozeanografische Messungen liefen regelmäßig. Die Besatzung gewöhnte sich an den Alltag und sogar für Geselligkeit blieb Zeit.
Weihnachten wurde gefeiert, ebenso wie die traditionelle Äquatortaufe, in diesem Fall kombiniert mit den Silvesterfeierlichkeiten. Am 19. Januar 1939 erreichte die Schwabenland schließlich die antarktische Schelfeisküste. Schon am nächsten Morgen startete die Boreas zu ihrem ersten Flug. Und damit begann der Kern der Expedition. Die beiden Dornier-Walboote Boreas und Passat flogen systematisch über das Hinterland. Ihre Aufgabe war es, Luftbilder anzufertigen, geografische Strukturen zu erfassen und große Flächen fotogrammetisch aufzunehmen. Insgesamt wurden sieben große Messflüge durchgeführt. Dazu kamen weitere Sonderflüge. Am Ende waren ungefähr 350.000 Quadratkilometer aus der Luft dokumentiert. Eine beachtliche Leistung für die damalige Zeit. Die Flugzeuge waren dabei nicht nur wissenschaftliche Arbeitsplattformen, sie dienten auch der politischen Symbolik. Entlang der Flugrouten sollten spezielle Abwurfpfeile mit Reichsflaggen niedergehen. An bestimmten Punkten wurden Fahnen auch bei Landungen aufgestellt.
Diese Flaggen sind bis heute eines der bekanntesten Bilder der Expedition. Und genau um sie hat sich später eine kleine eigene Legende gebildet. Wo sind sie geblieben? Die Frage klingt zunächst banal, aber sie zeigt sehr schön, wie schwierig historische Rekonstruktion werden kann, wenn unterschiedliche Berichte nicht vollständig zusammenpassen. In veröffentlichten Expeditionsunterlagen heißt es, Pfeile und Flaggen seien wie vorgesehen abgeworfen worden. In einer späteren Karte finden sich sogar zahlreiche eingezeichnete Flaggenstandorte. Bei genauerer Recherche ergibt sich jedoch ein anderes Bild. Die Historikerin Cornelia Lüdecke hat handschriftliche Unterlagen und Originalskizzen ausgewertet. Demnach geriet die Boreas bei einem Flug über ansteigenden Inlandeis in schwierige Wetterbedingungen. Nebel und eine näher kommende Gebirgskette zwangen die Besatzung, rasch Höhe zu gewinnen. Um gewichtlos zu werden, warf man entbehrlichen Ballast ab. Darunter auch die Markierungspfeile und die Flaggen.
Die geplante regelmäßige Markierung der Umkehrpunkte konnte damit nicht mehr so durchgeführt werden, wie ursprünglich vorgesehen.
In den Unterlagen lassen sich nur wenige Stellen sicher nachweisen, an denen Fahnen tatsächlich in den Schnee gesteckt wurden.
Besonders auffällig ist, dass eine später veröffentlichte Karte mehr Flaggenstandorte verzeichnete, als die Expedition überhaupt an entsprechenden Flaggen mitgeführt hatte. Die wahrscheinlichste Antwort auf die Frage nach dem Verbleib der Fahnen ist deshalb wenig romantisch. Ein großer Teil wurde vermutlich zusammen mit anderen Ballastwehren des Fluges abgeworfen und liegt heute irgendwo bedeutungslos unter Schnee und Eis. Keine geheime Markierung eines unterirdischen U-Boot-Hafens, keine mystische Grenzlinie, einfach Ausrüstung, die in einer schwierigen Flugsituation geopfert wurde. Die Expedition blieb insgesamt nur 19 Tage vor der antarktischen Küste. Das ist ein Detail, das man sich merken sollte. 19 Tage. In dieser Zeit wurde geflogen, fotografiert, gemessen und kartiert. Wer später behauptete, dieselben Leute hätten nebenbei eine gigantische unterirdische Stadt gebaut, muss erklären, wie das in diesem Zeitraum möglich gewesen sein soll. Während dieser 19 Tage blieb die Schwabenland nicht einfach an einer Stelle liegen. Sie kreuzte entlang der Küste, suchte geeignete Bedingungen für Starts und Landungen und diente als Basis für die Flugoperationen. Die Flugzeuge starteten vom Katapult, erkundeten das Hinterland und kehrten anschließend zum Schiff zurück.
Die Bilder, die dabei entstanden, waren für die damalige Kartografie von enormem Wert. Besonders das Wohltatmassiv und die später so bezeichnete Schirmmacher Seenplatte wurden zu markanten geografischen Bezugspunkten. Und hier begegnen wir einem weiteren hübschen Detail der realen Geschichte. Während die Deutschen noch versuchten, ihre Ansprüche symbolisch mit Flaggen zu markieren, hatte Norwegen das Gebiet bereits offiziell als Königin Mordland beansprucht. Die deutsche Seite widersprach später dem norwegischen Anspruch, aber eine formelle deutsche Inbesitznahme erfolgte nie. Schon der territoriale Erfolg der Expedition war also deutlich begrenzter, als die spätere Legende suggeriert.
Am 5. Februar 1939 trat die Schwabenland an die Heimreise an. Zunächst ging es nach Kapstadt, wo Ersatzteile übernommen wurden. Danach führte die Route über den Südatlantik zurück Richtung Europa. Auch die Rückreise war lang. Von Neuschwabenland nach Kapstadt waren es ungefähr 1800 Seemeilen. Danach über den Atlantik weiter Richtung Trinidad und Pernamumco, von dort über die Kapverden und Kanaren zurück nach Europa. Zusammengenommen war die Rückfahrt sogar noch länger als die Hinfahrt und solange man sich in anaktischen Gewässern befand, liefen die Messungen vollkommen weiter.
Die Expedition war also von Anfang bis Ende auf Datensammlung ausgelegt. Am 10. April erreichte das Schiff wieder die deutschen Gewässer. Einen Tag später wurde die Expedition offiziell empfangen. Die politische Inszenierung gehörte selbstverständlich dazu. Es gab Glückwünsche, Empfänge und ein Telegram Hitlers. Aber nach der Rückkehr begann vor allem eine weniger glamouröse Arbeit, die wissenschaftliche Auswertung. Die Ergebnisse waren umfangreich. In der Geografie ging es um Karten- und Luftbildauswertungen. Meteorologen untersuchten Wetter und Atmosphäre. Ozeanografen bewerteten Echolotungen, Temperaturmessungen und Wasserbeobachtungen. Geophysiker beschäftigten sich mit Erdmagnetismus und Strahlungsmessungen. Biologen untersuchten Wale, Robbenvögel und Plankton.
Nautische Geräte und Karten wurden überprüft. Schon wenige Monate nach der Rückkehr erschien ein Vorbericht. 1942 folgte der erste große Band mit dem Titel »Die wissenschaftlichen und fliegerischen Ergebnisse der Deutschen Antarktischen Expedition 1938-39«. Ein Bild- und Kartenteil ergänzte die Texte. Der zweite große Komplex der Auswertung zog sich wegen des Krieges und seinen Folgen über viele Jahre hin. Und hier entstehen die nächsten Lücken, die später von Verschwörungserzählungen ausgenutzt werden konnten. Wissenschaftler fielen im Krieg, Institute wurden bombardiert, Material ging verloren. Unter anderem wurden tausende Negative der Luftbildaufnahmen vernichtet. Das geophysikalische Material, das in Leipzig lag, wurde bei einem Luftangriff zerstört. Ein Teil der Forschung konnte deshalb nur noch anhand vorläufiger Auswertungen rekonstruiert werden. Das ist historisch und wissenschaftlich tragisch, aber kein Indiz für eine Vertuschung. Trotzdem funktioniert genauso ein Verlust in verschwörungstheoretischen Erzählungen wie ein Magnet. Die Unterlagen sind weg, wird nicht als Folge des Bombenkrieges und des Chaos gelesen, sondern als Beweis dafür, dass jemand etwas verschwinden lassen wollte. Noch interessanter wird es bei den Plänen für eine zweite Expedition.
Die Auswertungen wurden zusätzlich dadurch erschwert, dass der Krieg die beteiligten Wissenschaftler selbst traf. Mehrere von ihnen kamen als Soldaten ums Leben. Andere Bearbeiter mussten später die Unterlagen übernehmen, ohne an der ursprünglichen Expedition beteiligt gewesen zu sein.
Das war wissenschaftlich mühsam und erklärt, weshalb Teile des Expeditionswerks erst in den 50er-Jahren abgeschlossen werden konnten. Kapitän Ritscher veröffentlichte 1939 einen Vorbericht. 1941 erschien von dem Geografen Ernst Herrmann ein populärer Bericht mit dem Titel »Deutsche Forscher im Südpolarmeer«. 1942 folgte dann, wie gesagt, der erste wissenschaftliche Hauptband. Ein weiterer Teil der Ergebnisse kam erst nach dem Krieg heraus. Und gerade diese lange Publikationsgeschichte macht deutlich.
Die Expedition verschwand keineswegs in einem schwarzen Loch der Geheimhaltung. Über sie wurde publiziert, diskutiert und kartografisch bearbeitet. Direkt nach der Rückkehr begann man tatsächlich mit Vorbereitungen für eine zweite Expedition für 1939-40. Diese zweite Fahrt sollte technisch anspruchsvoller werden. Man dachte an leistungsfähigere Flugzeuge, bessere Fotoausrüstung und mehrere Lager im Landesinneren. Eine sollte nahe der Schelfeiskante liegen, ein weiteres auf der Schirmacher Seenplatte, ein drittes in Richtung Wohltatmassiv. Meteorologen, Geologen, Geografen und andere Wissenschaftler sollten zeitweise dort arbeiten. Das klingt in einzelnen Sätzen erstaunlich nahe an dem, was spätere Verschwörungstheoretiker behaupten. Lager im Inneren des Kontinents, Flugzeuge, Nachschub aus der Luft, möglicherweise spätere Überwinterungen. Der entscheidende Unterschied aber lautet, das waren nur Pläne. Sie wurden nicht umgesetzt.
Kapitän Ritscher beschrieb diese Folgeplanungen später erstaunlich konkret. Die drei vorgesehenen Lager sollten miteinander befunk, verbunden sein und jeweils mit wenigen Personen besetzt werden. Versorgungsgüter sollten zum Teil per Fallschirm abgeworfen werden. Man dachte über Hundeschlitten, leichte Fahrzeuge und sogar einen kleinen Hubschrauber nach. Der Aufenthalt im Landesinneren sollte zunächst nur einige Wochen dauern. Erst für spätere Unternehmungen war eine Überwinterung ernsthaft vorgesehen. Gerade diese Details sind für unsere spätere Spurensuche Gold wert, denn sie zeigen, was Ende der 30er Jahre technisch überhaupt als nächster Schritt gedacht war. Kleine Lager, wenig Personen, Nachschub per Abwurf, kurze Aufenthalte.
Wer daraus eine unterirdische Stadt mit U-Boot-Hafen, Fabriken und Zehntausenden Bewohnern macht, überspringt nicht einen Entwicklungsschritt, sondern gleich ein ganzes Industriezeitalter. Mit dem Kriegsausbruch im September 1939 war die geplante Expedition praktisch erledigt. Ritcher hoffte zwar noch eine Zeit lang auf eine Fortsetzung, doch die Realität des Krieges zerstörte diese Hoffnung. Das Expeditionsbüro wurde schließlich geschlossen. Das Deutsche Reich erhob übrigens auch später keinen formellen Besitzanspruch auf Neuschwabenland. Es widersprach zwar dem norwegischen Anspruch und behielt sich Handlungsmöglichkeiten vor, aber eine förmliche deutsche Innenbesitznahme erfolgte nie. Damit könnte die Geschichte eigentlich enden. Eine kurze, wissenschaftlich bedeutende Expedition, nicht umgesetzte Folgepläne. Krieg, Ende, Schluss, aus. Klappe zu, Schrödingers Katze ist tot. Oder ist Schrödingers Katze vielleicht doch nicht tot? Sie ist ja auf jeden Fall in der Box.
Aber dann kamen die Amerikaner. Acht Jahre nach der Richard-Expedition startete die US Navy, eine der größten Anarktis-Unternehmen ihrer Zeit, die Operation Highjump. Und jetzt wird es für spätere Verschwörungserzählungen richtig interessant. Der Name Highjump klingt im Rückblick fast schon wie für eine Verschwörungserzählung erfunden. Aber die Operation war eine groß angelegte militärische Erprobungs- und Forschungsfahrt. Die einzelnen Gruppen hatten klar zugewiesene Räume. Eine westliche und eine östliche Gruppe sollten Küstenabschnitte aus der Luft und von See aus erfassen.
Die zentrale Gruppe konzentrierte sich auf das Rossmeer und die Einrichtung der Basis. Die USS Philippine Sea diente als Flugzeugträger, andere Schiffe als Tender, Tanker, Versorger oder Eisbrecher. Die Größe der Flotte hatte also einen ganz praktischen Grund. Wer tausende Menschen Flugzeuge, Treibstoffe, Proviant und wissenschaftliche Ausrüstung in eine der lebensfeindlichsten Regionen der Erde bringt, braucht eine gewaltige Logistik. Genau diese Logistik wird später aber umgedeutet. Wenn so viele Schiffe und Flugzeuge unterwegs waren, so die verschwörungstheoretische Logik, dann müsse es einen gewaltigen Gegner gegeben haben. Das ist ein klassischer Fehlschluss. Eine große Expedition ist zunächst nur eine große Expedition. Highjump begann Ende 1946. Etwa 4700 Menschen, 13 Schiffe und 33 Flugzeuge waren beteiligt. Die Flotte war in mehrere Gruppen gegliedert, die verschiedene Teile der antarktischen Küste bearbeiten sollten.
Es gab Seeflugzeugtender, Versorgungsschiffe, Zerstörer, Tanker, Eisbrecher, ein U-Boot und einen Flugzeugträger. Eine Basisgruppe errichtete Little America 4 bzw. Die Highjump-Basis im Bereich des Rossmeers. Wer diese Zahlen ohne Kontext liest, kann leicht beeindruckt sein. Mehrere tausend Soldaten, Kriegsschiffe, Flugzeuge, ein U-Boot, Antarktis und nur zwei Jahre nach Kriegsende. Für Verschwörungstheoretiker ist das beinahe schon ein fertiges Drehbuch. Die reale Zielsetzung war jedoch dokumentiert. Die US Navy wollte Personal und Material unter extremen Kältebedingungen erproben. Man wollte Erfahrungen sammeln, wie militärische Operationen in Polarregionen überhaupt möglich wären. Gleichzeitig wurden große wissenschaftliche Programme durchgeführt. Geografische, meteorologische, hydrographische und geologische Daten wurden gesammelt. Außerdem spielte natürlich auch die geopolitische Frage eine Rolle, welchen Einfluss die Vereinigten Staaten in der Antarktis haben würden. Die Erinnerungen an den gerade beendeten Weltkrieg und der beginnende Konflikt mit der Sowjetunion bildeten den Hintergrund. Militärstrategen mussten sich fragen, ob die Pole in einem zukünftigen Krieg zu Durchflugräumen oder Operationsgebieten werden könnten.
Die Reichweite moderner Flugzeuge wuchs, Entfernungen, die früher als natürlicher Schutz gegolten hatten, verloren an Bedeutung. Die westliche und östliche Gruppe arbeiteten sich entlang verschiedener Küstenräume vor. Am Ende näherten sie sich einander bis auf einige hundert Seemeilen. Die Mittelgruppe errichtete ihre Basis nördlich des älteren Little America. Doch schon Ende Februar wurde die Lage durch zunehmendes Packeis kritisch.
Das Rossmeer kann Schiffe einschließen und genau das wollte die Navy vermeiden. Der Rückzug war deshalb keine Kapitulation vor einem Gegner, sondern eine Entscheidung gegen das Eis. Der deutsche Polarforscher Kurt Rute fasste die Ergebnisse schon 1947 zusammen. Er hob hervor, dass ein erheblicher Teil der Küstenlinie neu aufgenommen wurde.
Millionen Quadratkilometer aus der Luft fotografiert und zahlreiche geografische Objekte kartiert wurden. Dazu kamen meteorologische Forschungen, etwa zu den Wegen antarktischer Polarstürme und Messungen zum Erdmagnetismus.
Das alles passt ziemlich schlecht zu einer Flotte, die angeblich in einer geheimen Luftschlacht vernichtet oder vertrieben worden sein soll. Die Operation war wissenschaftlich außerordentlich ergiebig. Ein großer Teil der antarktischen Küstenlinie wurde neu aufgenommen oder korrigiert. Millionen Quadratkilometer wurden aus der Luft fotografiert, Gebirgszüge, Inseln, Gletscher, Buchten und Kaps wurden kartiert.
Meteorologische und erdmagnetische Beobachtungen kamen hinzu. Gerade der berühmte Absturz der George I wurde später in manchen Darstellungen ebenfalls in eine Kampferzählung hineingezogen. Dokumentiert ist dagegen ein Flugunfall unter extremen antarktischen Bedingungen. Drei Männer, Wendell Henderson, Frederick Williams und Maxwell Lopez, kamen ums Leben. Solche Unfälle zeigen, wie gefährlich die reale Antarktis schon ohne geheime Gegner war. Kälte, Wetter, Navigation und Technik reichten vollkommen aus, um Menschenleben zu fordern. Noch ein Punkt ist für das Verständnis wichtig. Heidschamp fand nicht ausschließlich im Gebiet von Neuschwabenland statt. Die Operation umfasste riesige Bereiche des antarktischen Kontinents. Die Vorstellung, eine amerikanische Flotte sei gezielt zu einer deutschen Basis im Königin Mordland gefahren, verkleinert die tatsächliche Geografie der Unternehmung auf einen einzigen mythologisch aufgeladenen Punkt. In Wirklichkeit verteilten sich die Gruben über Normedistanzen.
Das ist überhaupt eine gute Faustregel bei dieser Geschichte. Karten anschauen, Entfernungen nachmessen, Jahreszeiten beachten. Sobald man das tut, verliert manches Abenteuer erstaunlich schnell seinen Zauber. Antarktika ist kein kleiner Eisberg, hinter dem man ein U-Boot versteckt. Es ist ein Kontinent. Entfernungen von 1000 oder 3000 Kilometern sind dort keine Nebensache. Und dazu kommt noch, dass die Expedition filmisch begleitet wurde. Aus dem Material entstand der Dokumentarfilm The Secret Land, der später sogar einen Oscar erhielt. Auch das ist ein bemerkenswertes Detail. Eine angeblich streng geheime Schlacht gegen eine Nazifestung wurde von Kamerateams begleitet und anschließend als Dokumentarfilm ausgewertet. Verschwörungserzählungen lösen diesen Widerspruch meist dadurch, dass sie zwischen offiziellem Film und einer, in Anführungszeichen, wirklichen geheimen Geschichte unterscheiden.
Das Praktische daran ist, dass damit jede Gegenquelle einfach Teil der Vertuschung wird. Highjump endete früher, als mancher erwartet hätte.
Schon Anfang März 1947 wurde die Operation beendet. In späteren Mythen heißt es daraus, die Amerikaner seien von deutschen Flugscheiben angegriffen, schwergeschlagen und zum Rückzug gezwungen worden. Die dokumentierte Erklärung ist weniger aufregend. Der antarktische Wind ersetzte ein, das Pac-Eis wurde gefährlicher und die Schiffe mussten das Gebiet verlassen, bevor sie eingeschlossen wurden. Genau diese Gefahr war bei Polarexpeditionen real und keineswegs ungewöhnlich. Zum wichtigsten Baustein der späteren Heidschamp-Legende wurde jedoch ein Interview von Admiral Richard E. Byrd auf der Rückreise. Byrd sagte sinngemäß, die Vereinigten Staaten müssten sich darauf einstellen, dass sie in einem zukünftigen Krieg von Flugzeugen angegriffen werden könnten, die über einen oder beide Pole kämen.
Die Weltschrumpfe durch moderne Technik und die alten geografischen Sicherheiten seien vorbei. Aus heutiger Sicht ist das eine ziemlich nachvollziehbare militärstrategische Aussage. In der früheren Phase des Kalten Krieges lag besonders ein Angriff über die Arktis im Bereich des Denkbaren. Die USA verstärkten später ihre Verteidigungsplanung im Hohen Norden. In der Neuschwabenland-Legende wird Birds Aussage jedoch umgedeutet. Plötzlich soll er vor den Flugscheiben der Eisnazis gewarnt haben. Nur das hat er nicht gesagt. Ich habe mir den Originalartikel von der Zeitung, in der diese Aussagen getätigt wurden, besorgt. Ich habe ihn mehreren Banish-Native-Speakern vorgelegt.
Und keiner hat irgendwelche geheimen oder hinterdeutigen Sätze darin finden können. Er hat einfach nur gesagt, ja, es ist möglich, dass über die Pole ein Angriff erfolgt. Mehr nicht. Aber Byrds eigene Biografie trägt wahrscheinlich zu dieser Wirkung bei. Er war bereits vor Highjump berühmt. 1926 hatte er behauptet, gemeinsam mit Floyd Bennett den Nordpol überflogen zu haben, wobei später Zweifel an dieser Darstellung aufkamen. Unabhängig davon war Byrd einer der bekanntesten amerikanischen Polarforscher seiner Zeit. Er leitete mehrere Antarktisexpeditionen und verband in seiner Person Forschung, Luftfahrt und Marine. Genau so jemand eignet sich hervorragend für eine Legende. Wenn ein berühmter Admiral etwas über die Pole sagt, lässt sich der Satz Jahrzehnte später leicht mit allem aufladen, was man gerne hineinlesen möchte. Wenn man die Chronologie nüchtern nebeneinander legt, entsteht also kein verborgenes Kriegskapitel. 1939 endete die deutsche Expedition, der geplante Nachfolger fällt dem Krieg zum Opfer, 1946-47 führen die USA eine eigene Großexpedition mit ganz anderen Dimensionen durch und zwischen beiden liegen Krieg, der Zusammenbruch des Deutschen Reiches und ein vollständig veränderter geopolitischer Kontext.
Erst die spätere Erzählung macht daraus zwei Akte desselben geheimen Konflikts. Damit haben wir jetzt die beiden großen historischen Bausteine zusammen, aus denen der Mythos Neusparbenland später gebaut wird. Auf der einen Seite die deutsche Expedition von 1938-39, Flaggen, Flugzeuge, Geheimhaltung, territoriale Pläne und verlorene Unterlagen.
Auf der anderen Seite die amerikanische Operation Highjump von 1946-47. Tausende Militärangehörige, Schiffe, Flugzeuge, frühes Ende und Birds Warnung vor Angriffen über die Pole. Wenn man diese beiden Geschichten miteinander verklebt, einzelne Sätze aus ihrem Zusammenhang löst und die sieben Jahre dazwischen mit Fantasie aufwüllt, bekommt man fast automatisch die Erzählung von einer geheimen Nazi-Basis, die nach dem Krieg von den Amerikanern angegriffen worden sei. Historisch belegt ist diese Verbindung nicht.
Aber ab jetzt betreten wir genau diese Welt. In der nächsten Folge geht es dann um Neuberchtesgaden, angebliche britische SAS-Angriffe und die berühmten deutschen U-Boote U-530 und U-977, die Monate nach Kriegsende in Argentinien auftauchen. Das ist der Punkt, an dem aus realen Ergebnissen endgültig eine Verschwörungserzählung wird. Wenn ihr auch mithelfen möchtet, solche Verschwörungserzählungen zu debanken, wie man heute so schön sagt, zu widerlegen, dann solltet ihr auch Mitglied der GWOP werden. Denn Skeptizismus ist wie ein Kneipenabend. Je mehr dabei sind, desto schöner wird's. Bis zum nächsten Mal. Euer Onkel Michael.