Skeptitalk

Wer war Kaspar Hauser? Der Erbprinz von Baden oder ein Betrüger? Was hat es mit den homöopathischen Versuchen an ihm auf sich? All das und noch viel mehr erfahrt hier im Podcast.

Hier gehts zur Studie: https://www.cell.com/iscience/fulltext/S2589-0042(24)01764-4?_returnURL=https%3A%2F%2Flinkinghub.elsevier.com%2Fretrieve%2Fpii%2FS2589004224017644%3Fshowall%3Dtrue

Hier gehts zur Pressemitteilung des Informationsdienstes Wissenschaft: https://nachrichten.idw-online.de/2024/08/06/kaspar-hauser-war-zu-999994-prozent-kein-prinz?groupcolor=3

Creators and Guests

Host
Onkel Michael
Blogger und Podcaster

What is Skeptitalk?

Der einzig wahre skeptische Podcast der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) mit dem legendären Blogger Onkel Michael.
Wir widmen uns vielen verschiedenen Themen aus dem Bereich der Parawissenschaften und berichten, was wirklich dahinter steckt. Egal ob die so genannte Alternativmedizin, Verschwörungstheorien oder andere Mythen: wir sagen euch Bescheid!

Herzlich willkommen, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer da draußen an den Empfangsgeräten im weiten Podcast-Land.
Mein Name ist Michael Scholz und dies ist die dritte Folge des Skeptitalks, des einzig wahren skeptischen Podcasts der GWUP, der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften.
Wie immer gilt, wenn ihr Vorschläge, Anregungen, Wünsche, Lob, Kritik oder Beschimpfungen habt, schickt sie mir an skeptitalk.gwop.org oder meldet euch auf unseren Social-Media-Kanälen.
Ja, unser Thema, das wir uns heute vornehmen werden, begleitet mich jetzt mittlerweile bereits seit gut 40 Jahren.
Seit der vierten Klasse der Grundschule, besser gesagt. Und zwar hatten wir damals bei uns im Klassenzimmer so eine kleine Bibliothek, wo man sich Bücher ausleihen konnte beim Lehrer.
Und da war ein Buch dabei, ein kleines rotes Taschenbuch. Ich habe es mir natürlich später mal antiquarisch besorgt und halte es jetzt hier gerade in Händen.
Und das hat mich immer sehr fasziniert. Es ist 1976 im Lesen- und Freizeitverlag erschienen. und heißt »Der Schatz auf Oak Island und andere rätselhafte Geschichten«, geschrieben von Bob Hoare.
Und auf Seite 77 finden wir unser heutiges Thema, nämlich »Die seltsame Geschichte des Kaspar Hauser«.
Es ist nun fast 200 Jahre her, seit auf dem Unschlittplatz in Nürnberg ein junger Mann stand, kaum fähig, sich zu artikulieren, einen Zettel in der Hand haltend und niemand konnte ahnen, welche geheimnisse um den jungen Mann gewoben wurden und vor allem ahnte niemand, dass sein Schicksal selbst heute noch Menschen interessieren würde.
In diesen fast zweihundert Jahren Seit die Ereignisse in der ehemals freien Reichstatt ihren Anfang genommen hatten, wurden mehr als 2000 Bücher und über 15.000 Artikel über ihn verfasst.
Kaspar Hauser war der Name des rätselhaften Findlings. Es gab und gibt zahlreiche Theorien über seine Abstammung, wovon einige selbst den deutschen Hochadel der damaligen Zeit beteiligen.
Aber fangen wir am besten am Anfang an. Und diesen Anfang finden wir am 26. Mai 1828, dem Pfingstmontag jenes Jahres und damit einem Feiertag, als der Schuhmacher Meister Georg Leonhard Weichmann in aller Herrgottsfrühe auf dem Unschlittplatz in Nürnberg den etwa 16-jährigen Kaspar Hauser stehen sieht.
Diesen Namen kennt er natürlich nicht und auch in der kurzen Unterhaltung, die die beiden führen, er nicht auf der junge gab an, aus Regensburg zu kommen und in die Neue Torstraße zu wollen.
Er gab Weichmann einen Brief, der an den Rittmeister der vierten Eskadron im sechsten Chevauxleger Regiment adressiert war Chevauxleger hieß zur damaligen Zeit die mittelschwere Kavallerie im Königreich Bayern.
Es waren also Soldaten zu Pferde. Der Name des Offiziers war allerdings nicht vermerkt, aber der bekannteste Satz, den der junge in dieser Unterhaltung sagte, es überliefert und der lautete Weichmann brachte Hauser zur Wohnung von Rittmeister Friedrich von Wessenig dem Rittmeister also, an den der Brief gerichtet war.
Rittmeister, das war ein militärischer Rang, ein und entspricht dem heutigen Hauptmann. Dieser Wessening nun machte kurzen Prozess und ließ den Jungen zur Gendarmerie verbringen, wo dieser befragt wurde.
Als Namen schrieb er Kaspar Hauser auf einen Zettel, und zwar war sein Wortschatz sehr eingeschränkt, aber er konnte immerhin Gebete aufsagen, etwas lesen und wusste, was Geld ist.
Auch die Papiere, die er bei sich trug, wurden hier nun genauer gelesen. Im ersten Brief hieß es, dass der Knabe dem unbekannten Schreiber im Oktober 1812, ich zitiere, gelegt wurde und dieser ihn dann aufgezogen habe und ihm auch etwas lesen, schreiben und das Christentum gelehrt habe.
Da der Knabe nun ein Reiter werden wolle, habe man ihn weggebracht. Als Absender trug der Brief die Angabe von der bayerischen Grenz, Das Orte ist unbenannt.
Das zweite Schreiben stammte angeblich von der Mutter des Findlings und darin wurde angegeben, dass der junge Kaspar heiße und am 30. April 1812 geboren sei. Als Vater wurde ein Chevalier des 6. Regiments angegeben, der aber bereits verstorben sei. Bemerkenswert war daran, dass in dem zweiten Brief der Dialektausdruck Schwolische benutzt wurde, eine Dialektverballhornung von Chevalier, die in keinem fränkischen Dialekt verwendet wird.
Nach einem Schriftvergleich ging man aber davon aus, dass beide Zettel von derselben Person geschrieben worden waren.
Nach seinem Aufenthalt bei der Gendarmerie wurde Kaspar Hauser ins Gefängnis Lug ins Land verbracht, wo der Gefängniswärter Andreas Hiltl sich um ihn kümmerte.
Hauser erhielt nun auch Sprachunterricht, wobei noch anzumerken ist, dass er seine altbayerische Dialektfärbung beibehielt, obschon er sich nun in einer fränkischen Umgebung aufhielt.
Auch ärztlich wurde er untersucht, wobei festgehalten wurde, dass seine Muskeln unter- und seine Sinne überentwickelt seien.
Ebenfalls wurde eine Impfnarbe festgestellt, Also musste Hauser zumindest in den ersten drei Jahren seines Lebens in Kontakt mit der königlich-bayerischen Bürokratie gekommen sein.
Bürgermeister Jakob Friedrich Binder führte viele Gespräche mit Kaspar, die er in einer öffentlichen Bekanntmachung vom 7. Juli 1828 veröffentlichte. Darin wurde erstmals angegeben, dass der Junge bisher in einer sitzenden Stellung in einem fast gänzlich dunklen Raum gelebt habe.
Weiter heißt es, dass er während des Schlafes mit Brot und Wasser versorgt worden sei und ihm auch im Schlaf die Haare und Nägel geschnitten wurden.
Die nötige Tiefe des Schlafes wurde mit Opiumgaben erklärt. Anzeichen für einen derartig umfangreichen Opiummissbrauch gab es allerdings zu keiner Zeit.
Als Toilette diente ihm angeblich ein Gefäß in einer Bodenvertiefung, das ebenfalls während des Schlafes geleert wurde.
Sein erster Kontakt mit anderen Menschen sei erst kurz vor seiner Freilassung gewesen. Es sei ein Mann gewesen, dessen Gesicht er nie gesehen habe, der ihm das Schreiben seines Namens und den Satz, dass er ein Reiter werden wolle, beigebracht habe.
Ein Satz, dessen Sinn er aber nie ganz erfasst habe. Dieser Unbekannte habe ihn auch bis kurz vor Nürnberg gebracht und erst auf dem Weg habe er stehen und gehen gelernt.
Um Kaspar besser betreuen zu können, wurde er am 18. Juli 1828 dem Gymnasialprofessor Georg Friedrich Daumer übergeben, in dessen Haus er seitdem wohnte.
Daumer gab Hauser Unterricht, führte mit ihm aber auch esoterisch-homöopathische Experimente durch.
Und es lohnt sich, Herrn Daumer mal ein bisschen genauer anzuschauen. Georg Friedrich Daumer wurde am 5. März 1800 in Nürnberg geboren und wurde hauptsächlich als Religionsphilosoph und Lyriker bekannt.
Er verstarb am 13. Dezember 1875 in Würzburg an den Folgen eines Schlaganfalls. Zuerst studierte er Theologie in Erlangen, das brach er aber ab und wechselte zu einem Philologiestudium nach Leipzig.
Nachdem er sein Studium dann erfolgreich beendet hatte, kehrte er in seine Heimatstadt Nürnberg zurück und wurde dort 1822 Lehrer an der Lateinschule und nur ein Jahr später Professor am Egidien-Gymnasium, das heute Melanchthon-Gymnasium heißt.
Dort hatte Daumer selbst sein Abitur abgelegt. Aus gesundheitlichen Gründen wurde er 1828 vorläufig pensioniert. Da er hierdurch freie Ressourcen hatte, wurde er durch den Rat der Stadt Nürnberg mit der Betreuung und Erziehung Kaspar Hausers beauftragt, der vom Juli 1828 bis Oktober 1829 dann tatsächlich bei ihm lebte.
Über seinen Schützling verfasste Daumer mehrere Bücher. Der Pädagoge hatte einen ausgeprägten Hang zur Mystik und zur Esoterik So beschäftigte er sich auch intensiv mit Themen wie Hypnose, Mesmerismus oder Homöopathie und führte auch an Kaspar Hauser solche Versuche durch.
Schauen wir uns dies einmal genauer an. Kaspar Hauser, so schreibt Daumer in seinen Mitteilungen über Kaspar Hauser, zeigte angeblich starke Wechselwirkungen mit diversen Substanzen.
Dies konnten Blumen, Spinnen, Mineralien, Metalle oder auch Glas sein. Daumer führte hier nun Untersuchungen durch, welche Wirkungen bei welcher Substanz eintraten.
Hierbei nahm er Rücksicht auf die vorgeblich schwächliche Konstitution seines Probanden. Auffällig bei diesen Versuchen ist nun auch, dass Hauser diese Substanzen in den seltensten Fällen auch direkt berührte, Angeblich zeigte sich die Wirkung bereits auf große Entfernung, was auch zu einigen Anekdoten führte, die Daumer berichtete, etwa da Silbergeld oder Diamanten und Gold, das sich im gleichen Raum oder sogar im Nebenraum befand, körperliche Reaktionen bei Hauser hervorriefen.
Aus Gläsern konnte Hauser angeblich nur unter Schmerzen trinken und die Berührung mit einem Diamanten durchzog den Arm, In die Brust und Versuch verursachte Herzschmerzen.
Liest man sich die Berichte Daumers durch, so reagierte Hauser auf alle möglichen Gegenstände äußerst heftig.
Darunter hauptsächlich Metalle wie Kupfer. Selbst wenn, wie oben berichtet, kein physischer Kontakt vorlag, zeigte er Krankheitssymptome.
Es reichte bereits, dass er an einer Kirche vorbeilief, schon spürte er angeblich den... Atem der Toten aus der Krypta und er zeigte Symptome. Also ein prächtiger Kandidat für homöopathische Versuche.
Bei diesen Versuchen verwendete Daumer auch höhere Potenzierungen als heute üblich sind. Auch legte er hohen Wert auf die schon genannte Feststellung, dass Kaspar Hauser diese homöopathischen Essenzen niemals eingenommen habe, sondern die Reaktion lediglich durch Riechen erfolgte.
Teilweise roch Hauser an den Essenzen selbst, teilweise an den Stöpseln der Gefäße. Bei der Gabe von Ipequahania zum Beispiel wird angegeben, dass Hauser aus zwei Schritten Entfernung an den Zuckerkügelchen roch.
So soll Hauser auch etwa bei einem Versuch mit Silicea, also Kieselerde-Globuli, aus mehreren Schritten Entfernung an den Streukügelchen gerochen haben und noch zwölf Tage später starke Symptome gezeigt haben.
Also erst zwölf Tage später klangen diese Symptome ab. Darunter waren starke Kopfschmerzen, Augentränen, ein roter Bodensatz im Urin oder Haarausfall.
Über die an Kaspar Hauser unternommenen Versuche tauschte sich Darmer auch mit Samuel Hahnemann aus, der sich wirklich begeistert zeigte.
Fraglich ist jetzt hier nur, wer hier wen veralbert hat. War Kaspar Hauser ein abgebrühter Betrüger, der dem naiven Esoteriker genau das vorspielte, was jener sehen wollte?
Oder war er ein argloser Tor, der von skrupellosen Homöopathen für ihre Zwecke missbraucht wurde? Oder war es eine Mischung aus beiden, eine Zweckgemeinschaft?
Jedenfalls ist es Hane Büchner Blödsinn, wenn Hauser behauptete, dass schon das Riechen auf mehrere Schritte Entfernung an einer millionenfach potenzierten Substanz derart heftige Reaktionen hervorruft und es gehört auf der anderen Seite schon eine gute Portion Naivität oder Dummheit dazu, dies auch noch zu glauben.
Samuel Hahnemann jedenfalls zieht Rückschlüsse aus diesen Versuchen und baut diese in das theoretische Gerüst seiner damals noch jungen Lehre der Homöopathie mit ein.
Doch damit stellte er seine Lehre auf sehr tönende Füße. Aber während Kaspar Hauser bei Georg Daumer nun lebte, gab es noch einen weiteren mysteriösen Vorfall.
Was war geschehen? Nun, am 17. Oktober 1829 kam es zu diesem Zwischenfall. Gegen Mittag wurde Kaspar Hauser im Keller von Daumers Haus aufgefunden, eine blutende Schnittwunde an der Stirn.
Hauser sagte aus, von einem maskierten Mann auf dem Abtritt, also der Toilette, überrascht worden zu sein.
Dieser Mann habe ihm gedroht, dass er sterben müsse, bevor er Nürnberg verlassen könnte. Laut Hausers Angaben soll der Maskierte derselbe Mann gewesen sein, der ihn nach Nürnberg gebracht habe.
Blutspuren zufolge lief Hauser aber zuerst in den ersten Stock, drehte dann aber um, und stieg durch eine Bodenloge in den Keller.
Dies tat er, obwohl sich im ersten Stock Menschen aufhielten, die ihm hätten helfen können. Mysteriös. Nach diesem Zwischenfall wurde Kaspar Hauser im Haus der Familie Biberbach einquartiert, um ihn besser schützen zu können.
Aus demselben Grund waren nun auch ständig zwei Gendarmen bei Hauser. Aber auch hier kam es zu einem weiteren Zwischenfall, denn am 3. April 1830 fiel in seinem Zimmer ein Schuss. Hauser war angeblich auf einen Stuhl gestiegen, um ein Buch erreichen zu können.
Der Stuhl sei umgefallen und er versuchte, sich an der Pistole festzuhalten, die an der Wand hing. Dabei löste sich angeblich der Schuss. Hauser wies eine blutende Wunde auf der rechten Seite des Kopfes auf, von der aber fraglich ist, ob sie von dem Schuss stammte.
Da bereits vor diesem Vorfall die Beziehungen zur Familie Biberbach getrübt waren, kam Hauser nun zu seinem eigentlichen Vormund, Gottlieb von Tucher.
Zu dieser Zeit lernte er auch Philip Henry, Earl Stanhope kennen, einem britischen Adligen und Gelehrten der zahlreiche Reisen auf den europäischen Kontinent und insbesondere in die deutschen Länder unternahm.
Zum Zeitpunkt, als er Kaspar Hauser kennenlernte, war er auch Präsident der Medico Botanical Society of London.
Stanhope zeigte großes Interesse an und große Zuneigung zu Kaspar Hauser und bemühte sich auch darum, seine Pflegschaft zu übernehmen, was ihm 1831 auch gelang.
Damit war auch wieder ein Wohnungswechsel verbunden. Auf Vorschlag von Anselm von Feuerbach zog Hauser nach Ansbach in das Haus des Lehrers Johann Georg Mayer.
Feuerbach übernahm auch die Fürsorge für Hauser, wenn Stanhope auf Reisen war. Stanhope erhielt von Feuerbach auch volle Einsicht in die Ermittlungsakten zum Fall und er stellte hohe Geldbeträge zur Verfügung, um die Herkunft von Kaspar Hauser zu ergründen.
Unter anderem stellte er auch Ermittlungen in Ungarn an, da Hauser angeblich auf ungarische Worte reagierte.
Diese Ermittlungen verliefen aber im Sande und erste Zweifel kamen in Stanhope auf. Der Earl versprach Hauser, ihn mit nach England zu nehmen, wozu es aber nie kam.
Anfang des Jahres 1832 reiste Stanhope ab, um nie wieder zurückzukehren. Allerdings übernahm er auch weiterhin die Kosten für Hausers Lebensunterhalt.
Dieser arbeitete auf Vorschlag von Anselm von Feuerbach am Appellationsgericht in Arnsbach, wo Feuerbach Präsident war.
Nur knapp ein Jahr später, am 17. Dezember 1833, starb Kaspar Hauser an den Folgen einer Stichwunde, die er drei Tage vorher am 14.
Dezember erlitt. Seiner Darstellung nach war er von einem Unbekannten eingeladen worden, den Arthesischen Brunnen im Hofgarten zu besichtigen.
Dort sei aber niemand gewesen und er sei dann zum Utzdenkmal gegangen, wo ihn ein Mann mit Bart angesprochen habe.
Dieser Mann soll ihm dann einen Beutel gereicht haben und als er seine Hand ausstreckte, habe der Fremde mit einem Messer zugestochen.
Der Beutel wurde auch gefunden, es war ein lila Damenbeutel, der einen Zettel enthielt, in dem in Spiegelschrift angegeben war, dass Hauser den Mann kenne, dass dieser von der bayerischen Grenze komme und seine Initialen M.L.Ö. seien. Die Ärzte konnten allerdings nicht sicher sagen, ob die Wunde, an der Hauser starb, auf ein Verbrechen zurückzuführen sei oder von eigener Hand zugefügt war.
Auch das Kreis- und Stadtgericht Ansbach war sich hier nicht sicher, ob es sich um ein Verbrechen handelte.
Der bayerische König Ludwig I. setzte jedenfalls eine Belohnung von 10.000 Gulden zur Ergreifung des Täters aus. Am 20. Dezember 1833 wurde Kaspar Hauser auf dem Stadtfriedhof in Ansbach begraben.
Auf seinem Grabstein steht »Hic jacet Kasparus Hauser« Hier liegt Kaspar Hauser, ein Rätsel seiner Zeit, Herkunft unbekannt, Tod geheimnisvoll.
In der Nähe des angeblichen Tatortes wurde ein Denkmal mit der Inschrift: Hier wurde ein geheimnisvoller auf geheimnisvolle Weise getötet.
Tja, was uns geblieben ist von Kaspar Hauser sind auf jeden Fall die Diskussionen um seine tatsächliche Herkunft.
In den vergangenen 200 Jahren kamen die seltsamsten Theorien auf. So zum Beispiel, dass Kaspar Hauser eine Reinkarnation von Jesus Christus sei und die heutige Reinkarnation dann Camilla Parker Bowles wäre.
Das wäre eine Theorie wie viele andere, die zu vernachlässigen wäre. Schauen wir uns dafür lieber mal die drei bekanntesten Theorien an, die Betrügertheorie, die Erbprinzentheorie und die Tiroltheorie.
Beginnen wir mit der Betrügertheorie, da sie auch die erste war, die publiziert wurde. Es war nämlich der Berliner Polizeirat Merker, der 1830 in seinem Buch »Caspar Hauser – Nicht unwahrscheinlich ein Betrüger« ausführt, ich zitiere, »Es hat einigen Anschein, als hätte ein recht verschmitzter Schulbube, dem viele Romane gewisser Klassen in die Hände fielen, gegen Wissen und Willen seiner Angehörigen Kavallerist werden wollen.« ist nun aber durch die eigentümliche Wendung der Vorgänge in Nürnberg in seine jetzige rolle hineingeraten, die ihm bis zum Kinde von Europa erhebt.
Begründet wurde dies mit dem Zweifel an der Kerkerdarstellung, vor allem aus medizinischer Sicht. Ausgeführt wurde hier hauptsächlich, dass eine derartige Gefangenschaft viel größere Schäden an Organen, Psyche, Muskeln und Skelett hervorgerufen haben müsste als bekannt war.
Auch hätte eine lange Opiumgabe unweigerlich zu einer Sucht geführt, die bei Kaspar Hauser allerdings nicht vorlag.
Auch werden die Attentate angezweifelt und es wird davon ausgegangen, dass Hauser sich die Verletzungen selbst beigebracht hat, um sich interessant zu machen bzw. ein Publikum zu bekommen oder das schon vorhandene Publikum dann eben mit neuen Geschichten zu versorgen.
Das letzte Attentat nun sei eine Selbstverletzung ohne Tötungsabsicht gewesen, wie Polizeirat Merker ausführt.
Viele Vertreter der Betrugstheorie gehen dabei davon aus, dass Kaspar Hauser tatsächlich ausgesetzt wurde und dann erst im Laufe der Ereignisse begann, seine Umgebung auszunutzen oder dass er auch selbst von den Ereignissen überrollt wurde und sich immer tiefer in seine Rolle hineinverstrickte.
Die nächste Theorie, die wir uns anschauen, ist die sogenannte Erbprinzen-Theorie. Sie ist wohl die bekannteste der Abstammungstheorien um Kaspar Hauser, deren Widerlegung schon bald geschah und bis heute vehement ignoriert wird.
Die Erbprinzen-Theorie kann auch als echte Verschwörungstheorie angesehen werden. Ihre Grundlage ist die Tatsache, dass Großherzog Karl Friedrich von Baden zweimal verheiratet war.
In erster Ehe mit Caroline Luise von Hessen-Darmstadt und in zweiter Ehe mit Luise Caroline Geier von Geiersberg, Reichsgräfin von Hochberg.
In beiden Ehen zeugte er männliche Nachkommen. Sein direkter Nachfolger wurde sein ältester Sohn aus erster Ehe, Karl Ludwig Friedrich von Baden.
Karl Ludwig Friedrich wiederum heiratete Stéphanie de Pornès, eine Adoptivtochter Napoleon Bonapartes, die ihm am 29.
September 1812 einen Sohn, also den Thronfolger, den Ersehnten, gebar. Dieser verstarb aber am 16. Oktober 1812 schon. Hier gehen nun die Vertreter der Erbprinzen-Theorie davon aus, dass die Gräfin Hochberg, das Kind von Stefanie und Karl, gegen einen todkranken Säugling ausgetauscht und den gesunden Erbprinzen verschwinden hat lassen.
Hierdurch sollte die Linie der ersten Ehe aussterben und die Linie der zweiten Ehe auf den Thron kommen.
Diese Hoffnung lag darin begründet, dass Großherzog Karl Friedrich die Thronfolge seiner Söhne aus zweiter Ehe für den Fall vorgesehen hatte, dass seine Söhne aus erster Ehe ohne Nachfolger aussterben sollten.
Sein direkter Nachfolger Karl, ein Nachkomme aus seiner ersten Ehe, bestätigte dies durch ein Haus- und Familienstatut vom 4. Oktober 1817. Ein Jahr später wurde dies auch Teil der Badischen Verfassung und während des Aachener Kongresses von 1818 wurde dies auch von den dort anwesenden europäischen Monarchen bestätigt.
Diese Anerkennung der Erbwürdigkeit der Hochberger durch die europäischen Herrscher war deshalb notwendig, da die Ehe mit der Gräfin Hochberg nach den damaligen Maßstäben nicht standesgemäß war und der Nachkommen dann durch die Monarchen anerkannt werden musste.
Spätestens ab diesem Moment aber wäre der vertauschte Erbprinz zur Zeitbombe für die Hochberger geworden und eine Gefahr für die eigene Thronfolge.
Warum ihn dann noch am Leben lassen? Einige Anhänger der Erbprinzen-Theorie gehen davon aus, dass sich das Bayerische Staatsministerium den vertauschten Thronfolger verschafft hätte, um ihn als Druckmittel im Streit mit dem Großherzogtum Baden um die rechtsrheinische Pfalz, die erst seit 1803 zu Baden gehörte, zu benutzen.
Aber auch dieser Streit wurde während des Aachener Kongresses 1818 endgültig zugunsten Badens entschieden.
Somit hätte der Thronfolger überhaupt keinen politischen Wert mehr gehabt. Hätte es nur einen Hauch der Möglichkeit gegeben, über Hauser an die Pfalz zu kommen, hätte König Ludwig I. von Bayern sicherlich alle Hebel in Bewegung gesetzt. Vielmehr wurde 2003 nachgewiesen, dass Ludwig I. erst nach dem Tod Hausers von den Erbprinzengerüchten um diesen erfuhr.
Einige Vertreter der Erbprinzentheorie interpretieren unter anderem auch die Impfnarbe, die an Kaspar Hauser gefunden wurde als Indiz für die adelige Abstammung des Jungen.
Nur höhere Stände, so die Interpretation, wurden damals geimpft. Hartnäckig wird die Tatsache ignoriert, dass im Königreich Bayern bereits seit dem 26. August 1807 eine Impfpflicht gegen Pocken bestand, die auch äußerst strikt bei allen Ständen durchgeführt und überwacht wurde.
Auch in eroberten oder während der Neuordnung des Wiener Kongresses zugesprochenen Gebieten wurde die Impfpflicht streng überwacht.
Vor allem ist doch die Frage, warum Kaspar Hauser überhaupt geimpft worden ist, wenn er denn der vertauschte Erbens gewesen sei.
Warum so viel Sorge um einen eingesperrten Jungen? Bereits im 19. Jahrhundert wurde die Erbprinzen-Theorie durch Otto Mittelstädt und Antonius van der Linden auch von anderer Seite aus her entkraftet.
Beide Autoren wiesen nach, dass ein Austausch des Säuglings nur unter größtem Aufwand eher gar nicht möglich war.
Hauptzeugin hierbei war die Markgräfin Amalie, die Großmutter des Säuglings. Sie war bei der Geburt des Kindes selbst zugegen, war während des gesamten Krankheitsverlaufs immer wieder anwesend und auch während des Todes des Säuglings und danach dabei.
Die alte Markgräfin hatte selbst sieben Kinder und ihr wäre ein Austausch sicherlich als erster aufgefallen.
Ebenso verhält er sich mit dem Kindermädchen und den Ärzten, also wann hätte es dann passieren sollen.
Der Todesstoß für die Erbprinzen-Theorie dürfte aber eine DNA-Analyse aus dem Jahr 1996 sein, deren Grundlage eine Probe der blutverschmierten Kleidung ist, die Kaspar Hauser trug, während er seine tödliche Verletzung erlitt.
Diese Probe wurde in München am Institut für Rechtsmedizin der Universität und in Birmingham am Forensic Science Service Laboratory untersucht.
Das Fazit vom leitenden Wissenschaftler Bark war, dass er sagte, unter Eid vor jedem Gericht bezeugen würde, dass das Blut nicht von einem Sohn der Stéphanie de Beauharnais stammt.
Verglichen wurde das Blut der Kleidung mit Blutproben von zwei direkten weiblichen Nachkommen der Stieftochter Napoleons.
Da der Weg von Hausers Kleidung über die Jahrhunderte lückenlos dokumentiert werden konnte, kann davon ausgegangen werden, dass diese Untersuchung stichhaltig ist.
Auch Gerüchte, die Blutflecken während durch Fremdblut aufgefrischt worden, wurde bei der Untersuchung ausgeräumt.
Im Jahr 2002 erfolgte eine weitere DNA-Analyse im Auftrag des ZDF, die allerdings zu einem in sich widersprüchlichen Resultat führte.
Verglichen wurden Haarproben aus verschiedenen Quellen sowie Blut von der Hose Hausers mit dem Blut eines weiblichen Nachkommens der Stephanie de Beauharnais.
Teilweise unterschieden sich die Proben aber sowohl untereinander als auch mit den Proben von 1996.
Also kein direktes Ergebnis, das man hier erzielen konnte. Eine weitere Studie von 2024, die DNA-Analysen von 2019 aus Innsbruck und 2020-21 aus Potsdam beinhaltete, zeigte dann aber doch mit einem beeindruckenden Sicherheitslevel von 99,9994%, dass Kaspar Hauser definitiv kein Nachfahre von Stéphanie de Beauharnais war.
Für diejenigen, die sich das genaue Vorgehen der Wissenschaftler anschauen möchten, verlinke ich die Studie sowie eine ausführliche Pressemitteilung des Informationsdienstes Wissenschaft in den Shownotes.
Tja, wir sehen, die Erbprinzen-Theorie ist löchrig wie ein Schweizer Käse und weist mehr Fragen als Antworten auf.
Wie sollte der Austausch der Kinder stattgefunden haben? Wo kam das Austauschkind her? Warum wurde der Erbprinz nicht einfach getötet? Warum wurde Hauser gerade in Nürnberg freigesetzt?
Warum war sein Schreiben explizit an dieses Regiment adressiert? Bei logischer und vor allem unsentimentaler Betrachtung zeigt sich, da schon von der rein praktischen Seite her ein derartiger Austausch unmöglich war.
Auch wenn man sich betrachtet, wie viele Menschen an dieser Verschwörung hätten beteiligt sein müssen, ist es doch unwahrscheinlich, dass ein derartiges Geheimnis nicht vorher offenbart worden wäre.
Alles in allem stellt die Erbprinzen-Theorie eine nette Abenteuergeschichte dar, die dem romantischen Zeitgeist der Biedermeier-Epoche entsprang.
Die letzte und auch jüngste Theorie, die wir uns anschauen werden, ist die sogenannte Tirol-Theorie.
Diese geht auf den Karlsruher Neurologen Günther Hesse zurück, der davon ausgeht, dass Hauser aus Tirol stammt und der Sohn einer Magd und eines bayerischen Soldaten war.
Er gründet diese Theorie vor allem auf medizinische Beweise, die er aus dem Obduktionsbericht und aus Beschreibungen des Bewegungsablaufes Hausers ableitet.
So bezieht sich Hesse zum Beispiel auf krankhafte Veränderungen des Gehirns, die bei der Obduktion gefunden wurden.
Dies weise auf ein erbliches Symptom Epidermolys bolosa hin, das in Tirol vermehrt auftrete, in der Zähringer Linie des badischen Großherzogshauses allerdings nicht zu finden gewesen sei.
Weiter gründet Hesse seine Theorie auf die Pockenschutzimpfung Hausers und auf dessen altbayerischen Dialekt, den er auch im Fränkischen immer beibehalten hat.
Auch die Adressierung der beiden Begleitschreiben Hausers, speziell an den Rittmeister der 4. Eskadron des 6. Chevalier-Regiments, weise auf Tirol hin, da diese Truppe während des Tiroler Volksaufstandes dort eingesetzt war.
Hauser muss zur gleichen Zeit geboren worden sein, somit sei es wahrscheinlich, dass er ein, in Anführungszeichen, Besatzungskind sei, das nun zurückgeschickt wurde.
Hesse zieht daraus den Schluss, Kaspar sei kein Spross des Hauses Baden gewesen, sondern wahrscheinlich ein armer, kranker Junge aus Tirol und nicht zuletzt das Opfer einer Clique von Esoterikern, die in eigener Sache an ihm herumexperimentierten.
Tja, über Kaspar Hauser wurde viel geschrieben und viele, zum Teil sehr skurrile Theorien gebildet.
Eine, um nochmal eine zu nennen, war, dass Hauser der letzte Bewohner von Atlantis war. Derartige Auslassungen entlarven sich natürlich schon von alleine als Unfug.
Was der Forschung und Debatte um Kaspar Hauser aber fehlt, ist eine sachliche und unsentimentale Herangehensweise an das Thema.
Natürlich ist die Geschichte von einem vertauschten Erbprinzen spannend. Hier liegt das Flair von Alexandre Dumas und seinem Zauberer, Mann mit der eisernen Maske in der Luft.
Wie kann da ein etwas zurückgebliebener und ausgesetzter Sohn eines Taglöhners zum Beispiel mithalten?
Bei allem Verständnis für den Hang zu Abenteuern und Verschwörungen darf doch darunter der wissenschaftliche Diskurs nicht leiden.
Fakten müssen Fakten bleiben und dürfen nicht mit Indizien, Halbwissen und Wunschdenken in den Mixer gesteckt und so lange verquirlt werden, bis sie die Theorie ergeben, die man sich wünschte.
Besonders die Rolle von Hausers Umfeld und seiner Betreuer und ihrer Eigeninteressen wird bis heute nicht besonders beleuchtet.
Aber genau deswegen solltet ihr Mitglied der GWUP werden, damit man euch keinem Betrüger für einen Erbprinzen vormachen kann.
Bis zum nächsten Mal, euer Onkel Michael. Vielen Dank.