Seit neunzehnhundertdreiundneunzig ist die gesamte Insel Lanzarote UNESCO-Biosphärenreservat – mitsamt ihren Supermärkten, Hotels und hundertvierzigtausend Einwohnern. Was klingt wie ein Widerspruch, ist ein Experiment mit offenem Ausgang: Schutz und Leben auf engstem Raum.
Episode 18 • Erinnerung vom 2026-07-18 Duration: 12:04
Seit neunzehnhundertdreiundneunzig ist die gesamte Insel Lanzarote UNESCO-Biosphärenreservat – mitsamt ihren Supermärkten, Hotels und hundertvierzigtausend Einwohnern. Was klingt wie ein Widerspruch, ist ein Experiment mit offenem Ausgang: Schutz und Leben auf engstem Raum.
Die meisten Schutzgebiete haben einen Zaun. Dieses hier hat einen Supermarkt, einen Flughafen und drei Millionen Gäste im Jahr. Wie kann eine ganze bewohnte Insel Naturschutzgebiet sein – und was verlangt der Titel wirklich?
Geschichten mit Bernd ist ein von Matthias kuratierter und produzierter Podcast über Erinnerungen, Handwerk, Reisen, Familie und Lebensgeschichten rund um Bernd. Jede Folge beginnt bei einem konkreten Moment und öffnet daraus ein größeres Fenster in Geschichte, Kultur, Orte und verschwindende Welten.
Schwarze Erde, weisses Licht ist ein Reise-Podcast über Lanzarote, für Matthias, Waltraud, Marie und Julia. Vom 2. bis 16. Juli 2026 wohnen sie im Centro Antroposófico im Norden der Insel und nähern sich der Vulkaninsel Folge für Folge: dem Feuer von Timanfaya, dem Werk von César Manrique, den Pflanzen und Tieren der Lava, dem Wein von La Geria, der Geschichte der Insel, dem Tourismus und dem Wasser. Jede Folge ein Thema, dicht, überraschend und voller Vorfreude.
Kein Zaun, kein Tor – warum die ganze Insel ein Schutzgebiet ist
Folge 18 | Erinnerung vom 2026-07-18
Schwarze Erde, weisses Licht – der Lanzarote-Podcast
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[00:07] Erzähler: Die meisten Schutzgebiete der Welt haben einen Zaun. Sie haben ein Tor, einen Ranger und ein Schild: Bitte nicht betreten. Dieses hier hat einen Supermarkt. Einen Flughafen. Drei Millionen Gäste im Jahr.
[00:21] Gesa: Moment – du redest von einem Schutzgebiet, in dem Leute einkaufen gehen?
[00:26] Erzähler: Ich rede von Lanzarote. Der Supermarkt in Arrecife steht im selben Schutzgebiet wie die Feuerberge des Timanfaya. Die Ferienwohnung, die Tankstelle, der Weinberg – alles geschützt. Die ganze Insel.
[00:39] Gesa: Die ganze Insel? Nicht ein Nationalpark, nicht ein Naturreservat am Rand – die komplette Insel mit allem drauf?
[00:47] Erzähler: Seit dem siebten Oktober neunzehnhundertdreiundneunzig. Der internationale Rat des UNESCO-Programms «Der Mensch und die Biosphäre» hat die gesamte Insel Lanzarote zum Biosphärenreservat erklärt. Mitsamt den Häfen, den Dörfern und den knapp hundertfünfundvierzigtausend Menschen, die hier leben. Es war laut UNESCO einer der ersten Fälle weltweit, in dem eine ganze bewohnte Insel diesen Titel bekam.
[01:13] Gesa: Und das wirft natürlich sofort die Frage auf: Was bedeutet dieser Titel eigentlich – wenn er nicht «Zutritt verboten» heisst?
[01:22] Gesa: Also, pass auf. Das Missverständnis ist immer dasselbe: Man hört «Reservat» und denkt an eine Käseglocke über der Natur. Menschen raus, Tiere rein. Aber ein Biosphärenreservat ist das Gegenteil davon.
[01:35] Erzähler: Ernsthaft?
[01:36] Gesa: Das UNESCO-Programm heisst «Man and the Biosphere» – der Mensch steht im Namen. Gestartet neunzehnhunderteinundsiebzig. Die Idee ist: Schutz, nachhaltige Nutzung und Forschung zusammen. Der Mensch gehört ausdrücklich dazu, er steht sogar im Programmnamen. Der Titel belohnt also keine unberührte Wildnis. Er belohnt den Versuch, Natur und menschliches Leben dauerhaft in Einklang zu bringen.
[02:03] Erzähler: Das dreht die Sache ja komplett um. Dann ist eine bewohnte Insel kein Widerspruch zum Reservat –
[02:09] Gesa: – sondern die Voraussetzung. Genau. Ein leeres Lavafeld kann man leicht schützen. Die Herausforderung ist: Schütze dasselbe Feld, wenn hundertvierzigtausend Leute drauf wohnen und drei Millionen es besuchen.
[02:23] Gesa: Und damit das nicht ins Chaos kippt, hat jedes Biosphärenreservat weltweit dieselbe Struktur. Drei Zonen, wie Ringe einer Zwiebel.
[02:31] Erzähler: Okay, fang innen an.
[02:33] Gesa: Innen die Kernzone. Streng geschützt, rechtlich gesichert. Hier wird nichts gebaut, nichts abgebaut, nichts entwickelt – nur bewahrt. Auf Lanzarote ist das vor allem der Timanfaya.
[02:45] Erzähler: Das Herz aus Feuer, das wir in Folge zwei beschrieben haben – über dreihundert Austrittsstellen, sechs Jahre lang.
[02:52] Gesa: Genau. Drum herum der zweite Ring: die Pflegezone. Da darf geforscht werden, sanfte Nutzung ist erlaubt, aber alles muss mit dem Schutzziel verträglich sein. Und dann der äussere Ring – die Entwicklungszone. Da lebt ihr. Da leben die Leute. Da stehen die Hotels, die Schulen, die Weingüter.
[03:12] Erzähler: Also der Zaun steht nicht um die Insel – er verläuft mitten durch sie. Unsichtbar.
[03:18] Gesa: Exakt. Deshalb darf man im Timanfaya keinen Schritt vom Weg ab, aber in La Geria Wein keltern. Verschiedene Zonen, verschiedene Regeln – und alles zusammen ist das Reservat.
[03:30] Erzähler: Aber ein Titel allein schützt ja nichts. Wer sorgt denn dafür, dass diese drei Ringe auch halten?
[03:36] Gesa: Der Cabildo de Lanzarote, die Inselregierung. Die haben einen eigenen Reservatsrat geschaffen – den Consejo de la Reserva de la Biosfera – mit einem wissenschaftlichen Beirat. Und das entscheidende Werkzeug ist der Raumordnungsplan, der sogenannte PIO, Plan Insular de Ordenación.
[03:55] Erzähler: Also ein Plan mit Zähnen.
[03:56] Gesa: Na ja – wie viele Zähne der hat, ist die ewige Frage. Aber das Prinzip steht: Was gebaut werden darf, wie hoch, wo, wie viele Betten die Insel verträgt – das wird entschieden, nicht dem Markt überlassen.
[04:10] Erzähler: Und diese ganze Strenge – keine Hochhäuser, keine Leuchtreklame, weisse Häuser, Respekt vor der Vulkanlandschaft – war einmal die Privatmeinung eines einzigen Mannes.
[04:21] Gesa: Manrique.
[04:22] Erzähler: Wie wir in Folge acht erzählt haben. Schon neunzehnhundertsiebenundsechzig, über fünfundzwanzig Jahre bevor die UNESCO überhaupt anklopfte, hat César Manrique beim Cabildo ein Reglement durchgesetzt: Schutz der Landschaft und der volkstümlichen Architektur. Aus dem Geschmack eines Künstlers wurde eine Vorschrift für alle.
[04:43] Gesa: Wobei man ehrlich sagen muss: Das Erbe ist kein abgeschlossenes Kapitel. Die Fundación César Manrique kritisiert bis heute, dass am Flughafen wieder grosse Werbetafeln stehen.
[04:55] Erzähler: Ausgerechnet am Flughafen. Das Erste, was drei Millionen Gäste im Jahr zu sehen bekommen.
[05:01] Gesa: Okay, ich will euch jetzt mal mitnehmen – einmal quer über die Insel, durch die Schutzgebiete. Weil «die ganze Insel ist geschützt» stimmt, aber darunter liegen noch viel ältere, konkrete Schutzschichten. Wie geologische Schichten, nur juristisch.
[05:17] Erzähler: Juristische Geologie. Fang an.
[05:19] Gesa: Also. Im Westen der Timanfaya-Nationalpark, seit neunzehnhundertvierundsiebzig – der einzige Nationalpark der Insel. Er schützt das Gebiet der grossen Ausbrüche von siebzehnhundertdreißig bis siebzehnhundertsechsunddreißig, bei denen sich über fünfundzwanzig Krater bildeten und rund hundertsechsundvierzig Quadratkilometer unter Lava verschwanden. Direkt angrenzend der Naturpark Los Volcanes, der das Areal ergänzt. Zusammen ein riesiges, zusammenhängendes Schutzgebiet.
[05:50] Erzähler: Und ganz im Norden hört die Insel nicht einfach auf. Da schieben sich noch ein paar kleine Eilande ins Meer.
[05:58] Gesa: Der Chinijo-Archipel. Allen voran La Graciosa, dazu ein paar unbewohnte Eilande und das Famara-Massiv. Und jetzt die Zahl, die mich umgehauen hat: Das Meeresschutzgebiet rund um Chinijo umfasst rund siebzigtausendsiebenhundert Hektar.
[06:14] Erzähler: Das sind über siebenhundert Quadratkilometer. Das ist ja mehr Schutzfläche im Wasser als die Insel Land hat.
[06:21] Gesa: Und das ist eines der grössten Meeresschutzgebiete Europas. Die flachen Sandböden zwischen den Inseln sind eine Kinderstube: Genau hier zieht der stark bedrohte Engelhai seinen Nachwuchs gross, dazu Delfine, Wale, Meeresschildkröten. Und wenn ihr mit der Fähre ab Órzola übersetzt, fahrt ihr mitten hinein.
[06:41] Erzähler: Und dann ist da La Geria. Das Weinbaugebiet, das wir in Folge vier beschrieben haben – tausende schwarze Halbmonde aus Lavaasche, jeder mit einer Rebe drin.
[06:52] Gesa: Und La Geria ist für mich der schönste Beweis, dass das Konzept funktionieren kann. Denn La Geria ist beides gleichzeitig: geschützte Landschaft und bewirtschafteter Weinberg. Schutzgebiet und Nutzung sind dasselbe Feld. Wenn Leute fragen, was «nachhaltige Nutzung» konkret heisst – da könnt ihr einfach hinfahren.
[07:13] Erzähler: Also insgesamt: zwischen einem Drittel und über vierzig Prozent der Landfläche stehen unter formalem Schutz – je nachdem, wie man zählt. Plus seit zweitausendfünfzehn ist das Ganze auch noch UNESCO Global Geopark.
[07:27] Gesa: Dreizehn einzelne Schutzräume im kanarischen Netz, zusammengehalten vom Dach des Biosphärenreservats. Das Reservat ist die Klammer um alle anderen.
[07:37] Erzähler: Aber jetzt die ehrliche Seite. Denn ein Reservat auf dem Papier hilft wenig, wenn die Zahlen dagegen drücken.
[07:45] Gesa: Und die Zahlen drücken.
[07:46] Erzähler: Rund drei Millionen Touristinnen und Touristen pro Jahr – zweitausenddreiundzwanzig waren es drei Komma eins Millionen, über acht Millionen Passagiere am Flughafen. Gegen knapp hundertfünfundvierzigtausend Einwohner. Das sind rund zwanzig Gäste pro Bewohnerin und Jahr. Wie wir in Folge sechzehn erzählt haben – der Preis des Paradieses.
[08:09] Gesa: Und jeder einzelne Gast will duschen. Auf einer Insel, die keinen einzigen natürlichen Fluss hat, wie wir in Folge siebzehn besprochen haben. Über achtzig Prozent des Trinkwassers kommen aus Meerwasserentsalzung. Und die Entsalzung frisst über zwanzig Prozent des gesamten Stromverbrauchs der Insel.
[08:29] Erzähler: Und Entsalzung frisst Strom. Also hängt am Wasser sofort die nächste Frage: Woher kommt der?
[08:35] Gesa: Rund neunzig Prozent aus Ölkraftwerken. Nur etwa neun Prozent aus Wind und Sonne. Das ist die unbequeme Zahl hinter dem grünen Titel. Ein Biosphärenreservat, das seinen Strom fast komplett aus fossilem Öl bezieht.
[08:49] Erzähler: Und wir müssen das sagen, ohne mit dem Finger zu zeigen. Weil wir selbst Teil dieses Drucks sind. Jede und jeder von uns, die nach Lanzarote fliegt, verschiebt die Waage ein kleines Stück.
[09:03] Gesa: Der Titel ist kein Sieg. Er ist eine Dauerbaustelle.
[09:06] Gesa: Aber – und das ist wichtig – die Insel steckt nicht den Kopf in den Sand. Zweitausendfünfundzwanzig wurde Lanzarote die erste Kanareninsel, die mit der kanarischen Regierung Beschleunigungszonen für erneuerbare Energien vereinbart hat. Neue Windparks in Teguise, Arrecife, San Bartolomé – insgesamt rund neun Megawatt geplant, plus Solarflächen.
[09:29] Erzähler: Neun Megawatt, bei neunzig Prozent Fossilen – das ist ein Anfang, kein Durchbruch.
[09:35] Gesa: Richtig. Aber der Startpunkt ist jetzt gesetzt. Und es gibt andere Hebel: Besucherlenkung, damit sich der Andrang nicht überall gleichzeitig breitmacht. Schutz der traditionellen Landwirtschaft. Und übrigens – erinnert ihr euch an das enarenado in La Geria? Die Lavaasche, die tagsüber die Verdunstung bremst und die nächtliche Feuchtigkeit aus der Atlantikluft im Boden hält? Das ist Kreislaufwirtschaft, die seit Jahrhunderten funktioniert. Ohne Strom, ohne Pumpe, ohne Leitung.
[10:07] Erzähler: Die Bauern haben das Problem der Wasserknappheit gelöst, bevor es überhaupt den Begriff «Nachhaltigkeit» gab.
[10:14] Gesa: Genau. Und das zeigt: Die Idee des Reservats ist keine Erfindung von neunzehnhundertdreiundneunzig. Die Praxis ist viel älter. Die UNESCO hat nur einen Namen dafür gefunden.
[10:26] Erzähler: Und dann gibt es noch eine Nebenwirkung, mit der niemand gerechnet hat.
[10:31] Gesa: Die Sterne.
[10:31] Erzähler: Die Sterne. Weil Manrique Leuchtreklame verboten hat und die Bebauung niedrig blieb, ist die Lichtverschmutzung auf Lanzarote gering. Der dunkle Nachthimmel ist kein Zufall der Natur – er ist die Nebenwirkung einer Vorschrift von neunzehnhundertsiebenundsechzig.
[10:49] Gesa: Naturschutz und Astronomie hängen am selben Schalter. Oben am Peñas del Chache im Famara-Massiv, dem höchsten Punkt der Insel – knapp sechshundertsiebzig Meter über dem Atlantik –, da könnt ihr in klaren Nächten die Milchstrasse sehen. Ohne Teleskop, einfach so.
[11:07] Erzähler: Und Astrotourismus – also Leute, die wegen der Sterne kommen – gilt als Musterbeispiel für schonende Nutzung. Man «verbraucht» die Dunkelheit ja nicht. Man schaut einfach hoch.
[11:19] Gesa: Das verbraucht exakt null Liter Wasser.
[11:21] Erzähler: Da kann kein Hotelpool mithalten.
[11:24] Erzähler: Am Mirador del Río: unter euch das geschützte Meer, hinter euch die Vulkaninsel, ringsum Menschen in weissen Dörfern. Kein Zaun, kein Tor – nur die Übereinkunft, diesen Ort mit Sorgfalt zu bewohnen.
[11:37] Gesa: Und diese Balance stellt sich nie von allein ein. Jeder neue Windpark, jedes Hotel, jede Fähre voller Gäste rückt sie ein Stück. Ein ganzer Lebensraum als Versuch, es besser zu machen.
[11:50] Erzähler: Dieser Ort ist eine Waage, die nur hält, solange jemand sie hält.
[11:55] Gesa: Und wenn ihr dort steht und runterschaut aufs Meer – dann wisst ihr, was dieser Titel wirklich meint.
[12:02] Erzähler: Bis zum nächsten Mal.
[12:03] Gesa: Bis bald.
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Ende der Folge. Laufzeit 12:04.