César Manrique verwandelte eine ausgebeutete Abbaugrube in seinen letzten und schönsten Garten. Zwischen viereinhalbtausend Kakteen verbirgt sich eine doppelte Geschichte: wie Pflanzen die Trockenheit überleben – und wie eine winzige Laus auf genau diesen Kakteen das leuchtendste Rot der Welt lieferte.
Episode 11 • Erinnerung vom 2026-07-11 Duration: 12:13
César Manrique verwandelte eine ausgebeutete Abbaugrube in seinen letzten und schönsten Garten. Zwischen viereinhalbtausend Kakteen verbirgt sich eine doppelte Geschichte: wie Pflanzen die Trockenheit überleben – und wie eine winzige Laus auf genau diesen Kakteen das leuchtendste Rot der Welt lieferte.
Das Rot in eurem Campari war einmal lebendig – eine zerriebene Schildlaus vom Kaktus Ein Garten in einer Müllkippe, ein Abschiedswerk, und die Pflanze darin erzählt zwei Geschichten: Überleben und das rote Gold
Geschichten mit Bernd ist ein von Matthias kuratierter und produzierter Podcast über Erinnerungen, Handwerk, Reisen, Familie und Lebensgeschichten rund um Bernd. Jede Folge beginnt bei einem konkreten Moment und öffnet daraus ein größeres Fenster in Geschichte, Kultur, Orte und verschwindende Welten.
Schwarze Erde, weisses Licht ist ein Reise-Podcast über Lanzarote, für Matthias, Waltraud, Marie und Julia. Vom 2. bis 16. Juli 2026 wohnen sie im Centro Antroposófico im Norden der Insel und nähern sich der Vulkaninsel Folge für Folge: dem Feuer von Timanfaya, dem Werk von César Manrique, den Pflanzen und Tieren der Lava, dem Wein von La Geria, der Geschichte der Insel, dem Tourismus und dem Wasser. Jede Folge ein Thema, dicht, überraschend und voller Vorfreude.
Stacheln, Läuse, rotes Gold – der Garten im Loch
Folge 11 | Erinnerung vom 2026-07-11
Schwarze Erde, weisses Licht – der Lanzarote-Podcast
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[00:08] Erzähler: Okay, pass auf. Das Rot in eurem Campari – dieses satte, leuchtende Rot – das war mal lebendig.
[00:14] Gesa: Ist es immer noch. Ein Tier. Eine winzige Schildlaus, getrocknet und zerrieben. Und für ein einziges Kilogramm dieses Farbstoffs braucht man rund siebzig- bis hunderttausend davon.
[00:26] Erzähler: Hunderttausend Läuse für ein Kilo Farbe?
[00:29] Gesa: Und die Kakteen, auf denen diese Läuse sitzen, stehen zu Tausenden rund um einen Ort bei Guatiza – im Nordosten Lanzarotes.
[00:37] Erzähler: Einen Ort, der heute ein Garten ist. Aber vor vierzig Jahren? Ein Loch im Boden. Eine ausgebeutete Grube, eine Wunde in der Landschaft. Und der Mann, der daraus seinen letzten und schönsten Garten machte, war César Manrique.
[00:53] Gesa: Sein letztes grosses Werk. Und die Pflanze, die er dort zu Tausenden setzte, erzählt zwei Geschichten auf einmal – wie Leben in der Trockenheit überlebt, und wie aus einer Laus das leuchtendste Rot der Welt wurde.
[01:07] Erzähler: Also – Guatiza, Gemeinde Teguise, flaches, karges Land im Nordosten. Überall diese niedrigen, flachen Feigenkakteen in Reihen, die heissen hier tunera. Und mitten in der Landschaft lag ein sogenannter rofero – eine Grube, aus der man jahrzehntelang Picón geschürft hat.
[01:25] Gesa: Das kennt ihr aus der La-Geria-Folge – das schwarze Vulkangranulat, das die Bauern als Mulch auf ihre Felder streuen, damit der Boden nachts Feuchtigkeit aus der Luft zieht.
[01:37] Erzähler: Nur: Wenn der Picón weg ist, bleibt ein Loch. Terrassenförmig ausgehöhlt, kahl. Und irgendwann hat man die Grube auch noch als Müllkippe benutzt.
[01:47] Gesa: Und genau da geht einer hin und sieht in dieser Müllkippe schon einen Garten?
[01:52] Erzähler: Genau das hat Manrique gemacht. Er hat die Form der Grube gelassen, wie sie war. Die Terrassen, die der Abbau hinterlassen hatte, wurden die Stufen seines Gartens.
[02:04] Gesa: Genau wie in Tahíche – dort hat er die fünf Lavablasen unter dem weissen Haus zu Wohnräumen gemacht. Er sah in solchen Orten immer schon, was sie werden konnten.
[02:15] Erzähler: Die Idee reicht zurück in die sechziger Jahre. Die alte Windmühle am Rand der Grube hat Manrique schon neunzehnhundertdreiundsiebzig restaurieren lassen. Aber die eigentliche Bauphase kam erst Ende der Achtziger in Fahrt – die erste Pflanzung ist dokumentiert im Januar neunzehnhundertneunundachtzig.
[02:35] Gesa: Und dann ging es schnell. Am siebzehnten März neunzehnhundertneunzig hat das Cabildo de Lanzarote den Jardín de Cactus eröffnet.
[02:44] Erzähler: Manrique war einundsiebzig. Es war sein letztes grosses Werk – die Summe seiner Lebensidee, verdichtet auf einem einzigen, kleinen Rund. Keine zweieinhalb Jahre später, am fünfundzwanzigsten September neunzehnhundertzweiundneunzig, starb er bei einem Autounfall, nicht weit von seiner Stiftung in Tahíche.
[03:05] Gesa: Der Garten, den ihr betretet, ist das Letzte, was er der Insel geschenkt hat.
[03:11] Erzähler: Wer hier durch die Terrassen geht, geht durch ein Abschiedswerk. Also gehen wir hinein, so wie er es wollte – dieses Werk muss man mit dem Körper erleben.
[03:22] Erzähler: Ihr steht oben am Rand und schaut hinunter. Terrasse über Terrasse aus schwarzem Vulkangestein, und auf jeder Stufe Formen, die ihr so noch nie gesehen habt – Kugeln, Säulen, Fächer. Manche mannshoch, manche faustklein. Rund viereinhalbtausend Kakteen aus etwa vierhundertfünfzig verschiedenen Arten, gesammelt von mehreren Kontinenten.
[03:45] Gesa: Zusammengetragen vom Botaniker Estanislao González Ferrer – aus Nord- und Südamerika, Afrika, Madagaskar, von den Kanaren selbst. Das erste gepflanzte Exemplar war ein Euphorbia-Kandelaber, sechs bis sieben Meter hoch.
[03:59] Erzähler: Und unten in der Mitte, auf dem Grund der alten Grube, stehst du wie in einem Amphitheater. Die Pflanzen staffeln sich ringsum wie ein stilles Publikum. Grün und Rostrot gegen tiefes Schwarz, und über allem das Klappern der Windmühle im Passat.
[04:16] Gesa: Was viele nicht wissen: Vieles, was hier wie ein Kaktus aussieht, ist gar keiner. Die echten Kakteen – Familie Cactaceae – kommen fast ausschliesslich aus Amerika. Aber daneben stehen Euphorbien aus Afrika und Madagaskar, die exakt gleich aussehen. Der einfachste Test im Garten: Ein echter Kaktus trägt kleine filzige Polster, aus denen die Stacheln wachsen, die Areolen. Bricht man dagegen eine Euphorbie an, tritt weisser, oft giftiger Milchsaft aus.
[04:47] Erzähler: Gleiche Form, völlig andere Familie?
[04:49] Gesa: Konvergente Evolution. Die Wüste stellt überall dieselben Probleme – zu wenig Wasser, zu viel Sonne, hungrige Tiere. Und völlig verschiedene Pflanzenfamilien haben unabhängig voneinander dieselbe Lösung erfunden: dick, stachelig, wasserspeichernd. Der Garten zeigt dir das auf einen Blick – besser als jedes Lehrbuch.
[05:11] Gesa: Okay, jetzt kommt das, was man diesen Pflanzen ansieht und trotzdem falsch versteht. Jeder schaut auf die Stacheln und denkt: Schutz gegen Tiere. Stimmt auch – aber die Stacheln sind keine Stacheln. Es sind Blätter.
[05:25] Erzähler: Moment – die Dornen sind Blätter?
[05:28] Gesa: Umgebaute Blätter. Stell dir einen Laubbaum vor: grosse, flache Blätter wie offene Hände in die Sonne. Riesige Oberfläche, riesige Verdunstung. Ein Kaktus hat diese Hände zur Faust gemacht und jeden Finger zur Nadel gespitzt. Kaum noch Oberfläche, kaum noch Wasserverlust. Photosynthese und Wasservorrat übernimmt jetzt der grüne Stamm – ein einziger Regen reicht ihm für Monate. Die Rippen funktionieren dabei wie eine Ziehharmonika: bei Regen quillt er auf, bei Trockenheit schrumpft er zusammen, ohne Schaden. Darüber eine dicke Wachsschicht, die alles drinnen hält wie in einer versiegelten Feldflasche.
[06:09] Erzähler: Der ganze Körper – ein Vorratskrug mit Stacheln.
[06:12] Gesa: Aber der eigentliche Trick steckt im Stoffwechsel – und der läuft im Dunkeln.
[06:17] Gesa: Also – jede Pflanze muss ihre Poren öffnen, um CO zwei aus der Luft zu holen. Ohne das kein Wachstum, keine Photosynthese. Aber wenn du die Poren am heissen Mittag aufreisst, verdunstet Wasser – sehr viel Wasser.
[06:32] Erzähler: Und der Kaktus löst das wie?
[06:34] Gesa: Er dreht die Uhr um. Er öffnet seine Poren nur nachts, wenn es kühl und feucht ist. Sammelt das CO zwei und lagert es als Säure ein. Am Tag bleiben die Poren dicht, und die Pflanze verarbeitet in der Sonne den Vorrat von gestern Nacht. Fachleute nennen das CAM-Photosynthese – Crassulacean Acid Metabolism.
[06:54] Erzähler: Der atmet, während wir schlafen.
[06:56] Gesa: Und spart damit gegenüber einer Pflanze, die tagsüber atmet, einen Grossteil ihres Wassers – je nach Bedingungen bis zu neunzig Prozent. Deshalb kann ein Kaktus dort stehen, wo eine Wiese längst verdorrt wäre.
[07:11] Erzähler: Diese Überlebenskünstler hat Manrique nicht nur gepflanzt – er hat ihnen am Eingang ein Denkmal gesetzt. Und oben auf der Terrasse steht noch etwas, das man nicht übersehen kann.
[07:23] Erzähler: Schon von der Strasse aus seht ihr es: eine rund acht Meter hohe Metallskulptur in Form eines Kaktus. Hunderte Stacheln, rostig-warm im Licht, ernst und verspielt zugleich – eines der letzten Werke, die Manrique auf der Insel selbst ausgeführt hat.
[07:40] Gesa: Das einzige Exemplar im ganzen Garten, das der Künstler mit eigener Hand geformt hat. Viereinhalbtausend hat der Botaniker gepflanzt – eines hat Manrique geschmiedet.
[07:51] Erzähler: An den Mauern und Toren wiederholt er das Motiv: Schmiedeeisen-Gitter in Pflanzenformen, diese typische Manrique-Handschrift. Und ganz oben, auf der höchsten Terrasse, steht die Windmühle.
[08:04] Gesa: Die ist begehbar – eine geschwungene Holztreppe führt hoch zum Mahlwerk und zum grossen Lava-Mühlstein. Dort oben fasst man das ganze Rund mit einem Blick. Gemahlen wurde geröstetes Korn zu Gofio, dem kanarischen Grundnahrungsmittel – eine der letzten erhaltenen Mühlen der Insel.
[08:24] Erzähler: Drei Schichten an einem Ort. Die Geologie im schwarzen Gestein, die alte Landwirtschaft in der Mühle, die Kunst in der Skulptur. Das ist Manriques Verdichtung.
[08:34] Gesa: Und jetzt lösen wir endlich das Rätsel vom Anfang ein.
[08:38] Erzähler: Die Kakteen ringsum – die flachen Feigenkakteen auf den Feldern von Guatiza und Mala – die waren einmal eine Fabrik.
[08:46] Gesa: Auf den flachen Blättern der Opuntien, die hier tuneras heissen, sitzt ein unscheinbares Tier: die Cochenille-Schildlaus, Dactylopius coccus. Das Weibchen hockt bewegungslos auf dem Blatt, eingehüllt in weissen Wachsflaum, und saugt Pflanzensaft. In seinem Körper bildet es Karminsäure – einen Frassschutz, der Ameisen und andere Insekten abschreckt.
[09:10] Erzähler: Und wenn man so eine graue Laus zwischen den Fingern zerdrückt?
[09:14] Gesa: Ein tiefes, leuchtendes Blutrot. Man streift die Läuse von den Blättern, trocknet sie zehn bis zwanzig Tage, zerreibt sie – und hat Karmin. Den intensivsten natürlichen Rotfarbstoff, den es gibt.
[09:27] Erzähler: Und dieses Karmin war einmal so wertvoll wie Gold. Die Azteken färbten damit; nach der Eroberung Amerikas verschifften die Spanier den Farbstoff ab fünfzehnhundertdreiundzwanzig nach Europa und hüteten das Geheimnis seiner Herkunft wie einen Staatsschatz. Vorher war leuchtendes Rot ein Privileg – Könige, Adel, Kirche.
[09:49] Gesa: Im neunzehnten Jahrhundert wurde die Cochenille-Zucht dann zum Exportschlager der Kanaren. Guatiza und Mala lebten davon – das Rot ging an die Textilindustrie in Frankreich und Grossbritannien. Ganze Landstriche wurden wegen einer Laus reich.
[10:05] Erzähler: Und dann kam der Absturz. Ab achtzehnhundertsechsundfünfzig kamen die ersten synthetischen Anilinfarben auf – zuerst ein Violett, in den Jahrzehnten danach auch billige rote Farbstoffe. Sie überschwemmten den Markt, und die Cochenille brach zusammen. Für die Familien hier war das verheerend.
[10:25] Gesa: Die Zahlen zeigen es: Neunzehnhundertachtzig erntete die Region noch rund vierzehntausend Kilogramm pro Jahr. Heute sind es zweitausend bis dreitausend auf zwanzig bis dreissig Hektar. Aber verschwunden ist die Zucht nie ganz – weil Karmin als Lebensmittelfarbe E hundertzwanzig bis heute in Joghurt, Getränken und Kosmetik steckt. Überall, wo natürliches Rot drinstecken soll.
[10:51] Erzähler: Zum Garten selbst: Eintritt rund neun Euro, geöffnet täglich von zehn bis siebzehn Uhr. Plant mindestens eine gute Stunde ein – mit der Windmühle eher anderthalb.
[11:02] Gesa: Und wenn ihr aus dem Garten kommt, schaut euch die Kaktusfelder ringsum an. Die sind der sichtbare Rest dieser ganzen Farbstoff-Wirtschaft. Dieselbe junge, karge Vulkanerde, die in La Geria Reben trägt, bringt hier Stacheln hervor – und auf den Stacheln sass das Gold.
[11:20] Erzähler: Manrique begann in einer Lavaröhre, die der Vulkan gegraben hatte, und endete hier, in einer Aschegrube, die der Mensch gegraben hatte. Immer derselbe Griff: ein verwundetes Stück Erde nehmen und es zum lebendigsten weit und breit machen.
[11:37] Gesa: Und sein letztes Werk füllte er mit den zähesten Überlebenskünstlern, die es gibt. Pflanzen, die Tag und Nacht vertauscht haben, die ihre Blätter zu Nadeln geschrumpft haben, die jeden Tropfen festhalten. Für einen Mann am Ende seines Lebens ein stilles, treffendes Bild.
[11:55] Erzähler: Sein Schöpfer ist seit über dreissig Jahren tot. Der Garten wächst jeden Tag ein Stück weiter. Und dann wird es ganz still.
[12:04] Gesa: Beim nächsten roten Drink wisst ihr, woher das Rot kommt – und in welchem Loch voller Stacheln diese Geschichte angefangen hat.
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Ende der Folge. Laufzeit 12:13.