Juli 1991: Vier Männer starten mit überladenen Fahrrädern am Hamburger Hauptbahnhof. Über Lübeck und sandige Feldwege geht es in ein Mecklenburg, das gerade erst offen ist — bis abends eine stille Bucht an der Ostsee alles verändert.
Dieser Podcast ist für Bernd. Es gibt immer wieder Folgen zu Themen, die ihn interessieren.
Wackelndes Gepäck und warmes Wasser
Folge 3 | Erinnerung vom 1991-07-29
Geschichten mit Bernd | Ein Podcast von Matthias
---
[00:09] Erzähler: Stellt euch ein Fahrrad vor, das sich wehrt. Die Packtaschen hängen schief, der Lenker zieht nach links, bei jeder Bodenwelle schaukelt die ganze Fuhre — und man hat noch keinen einzigen Kilometer geschafft.
[00:26] Gesa: Ein Fahrrad mit eigener Meinung.
[00:28] Erzähler: Genau das. Hamburger Hauptbahnhof, 29. Juli 1991, kurz vor Mittag. Vier Männer treffen sich: Bernd, Matthias, Christian und Jürgen. Zwölf Tage Ostsee, mit dem Rad, durch Mecklenburg-Vorpommern. Und das erste Problem ist nicht der Wind und nicht die Strecke — sondern das Gepäck.
[00:51] Gesa: Mecklenburg im Sommer '91 — das war doch gerade mal ein knappes Jahr nach der Wiedervereinigung?
[00:58] Erzähler: Genau. Und das merkt man an diesem ersten Tag auf eine sehr konkrete Art: an den Straßen, an den Wegen, an dem, was es gibt und was nicht. Aber der Reihe nach.
[01:12] Erzähler: Erster Halt: Lübeck. Markt, Mittagspause, Döner Kebab. Und dann die Marienkirche.
[01:19] Gesa: Döner und Marienkirche — das ist eine Kombination.
[01:23] Erzähler: So fangen Radtouren an. Man ist hungrig, man nimmt, was da ist. Und danach geht man in eine der größten Backsteinkirchen der Welt. Die Marienkirche in Lübeck, über hundert Meter hoch, vierzehn Kapellen. Im Krieg schwer zerstört, dann wieder aufgebaut — und man steht da drin mit müden Beinen und Dönergeruch am Hemd.
[01:48] Gesa: Und dann raus aus Lübeck Richtung Osten?
[01:51] Erzähler: Ja — aber das klingt einfacher als es ist. Im Tagebuch steht: am Dom am See entlang, durch die östlichen Vorstädte. Schlutup. Dann Selmsdorf, Schönberg, Dassow. Das sind keine Orte, die man kennt. Aber genau das macht den Reiz. Man fährt durch Orte, die vor zwei Jahren noch hinter einer Grenze lagen.
[02:16] Gesa: Und wie hat sich das angefühlt — diese Grenze, die es nicht mehr gab?
[02:22] Erzähler: Nicht wie ein großer Moment. Eher wie ein langsames Kippen. Die Bundesstraßen sind voll befahren, laut, anstrengend mit dem Rad. Also weichen die vier auf kleinere Wege aus. Und da verändert sich alles. Die Straßen werden zu Feldwegen. Sand, Steine, Schlaglöcher. Und trotzdem kommen einem Autos entgegen.
[02:47] Gesa: Autofrei war die Idee. Autofrei war es nicht.
[02:50] Erzähler: So ist das in Mecklenburg, Sommer '91. Die Infrastruktur ist offen, aber noch nicht fertig. Groß Voigtshagen, Hof Gutow, Damshagen — das sind kleine Dörfer mit Kopfsteinpflaster und Sandpisten, nicht mit frisch geteerten Radwegen. Man spürt, dass diese Landschaft lange für sich war.
[03:13] Erzähler: Natürlich. Den ganzen Tag. Aber es gibt ein schönes Detail: Schon nach dem ersten Tag verteilen sie das Gewicht um. Besser gepackt, besser ausbalanciert. Man lernt auf einer Radtour schneller als zu Hause. Nach dreißig Kilometern Feldweg weiß man mehr als nach jedem Ratgeber.
[03:35] Gesa: Was hat Bernd denn sonst aus dem Tag mitgenommen? Gibt es Bilder, die hängengeblieben sind?
[03:42] Erzähler: Störche. Die werden im Tagebuch ausdrücklich erwähnt. Irgendwo auf diesen kleinen Wegen zwischen Dassow und Wohlenberg — Störche auf den Feldern. Und dann, gegen halb acht abends, der Campingplatz an der Wohlenberger Wiek.
[04:01] Gesa: Wie war der?
[04:02] Erzähler: Einfach. Keine Duschen. Aber das Wort, das im Tagebuch steht, ist: gemütlich. Und dann kommt der Satz, der den Tag dreht.
[04:12] Erzähler: Herrliche Bucht. Flaches Wasser. Schön warm. Das ist das Bild vom ersten Abend. Nach einem Tag voller Asphalt, Schlaglöcher, zu schwerem Gepäck und müden Beinen — stehen vier Männer an einer stillen Bucht an der Ostsee, und das Wasser ist warm.
[04:32] Gesa: Es ist eigentlich ein ziemlich körperlicher Umschlag, oder? Den ganzen Tag kämpft man mit dem Rad, und dann kommt plötzlich — Wasser.
[04:43] Erzähler: Ja. Und vielleicht steckt da etwas drin, das für die ganze Tour gilt. Ein guter erster Tag darf ruhig hart sein, solange er am Abend kippt. Erst wackelt alles. Und später steht man im warmen Wasser und weiß: Das hier trägt.
[05:02] Gesa: Und aus einer Strecke wird eine Erinnerung.
[05:05] Erzähler: Wohlenberger Wiek, Juli 1991. Erster Abend. Und es kommen noch elf Tage.
[05:12] Erzähler: Das war Geschichten mit Bernd. Wenn euch die Folge gefallen hat, abonniert den Podcast — und wir hören uns beim nächsten Mal.
[05:22] Erzähler: Geschichten mit Bernd. Leben, Handwerk und Geschichten aus vielen Jahrzehnten.
---
Ende der Folge. Laufzeit 05:28.