Sechs Jahre lang riss die Erde unter Lanzarote auf. Ein Pfarrer schrieb es nieder, weil ihm sonst niemand glauben würde. Fast dreihundert Jahre später glüht der Boden immer noch – und kocht das Mittagessen.
Episode 2 • Erinnerung vom 2026-07-02 Duration: 13:10
Sechs Jahre lang riss die Erde unter Lanzarote auf. Ein Pfarrer schrieb es nieder, weil ihm sonst niemand glauben würde. Fast dreihundert Jahre später glüht der Boden immer noch – und kocht das Mittagessen.
Erster September siebzehnhundertdreißig, kurz nach neun Uhr abends: Die Erde reißt auf, und in einer Nacht wächst ein Berg aus dem Boden. Sechs Jahre Eruption, ein Viertel der Insel unter Lava, kein einziger direkter Toter – und unter der Oberfläche ist das Feuer nie erloschen.
Geschichten mit Bernd ist ein von Matthias kuratierter und produzierter Podcast über Erinnerungen, Handwerk, Reisen, Familie und Lebensgeschichten rund um Bernd. Jede Folge beginnt bei einem konkreten Moment und öffnet daraus ein größeres Fenster in Geschichte, Kultur, Orte und verschwindende Welten.
Schwarze Erde, weisses Licht ist ein Reise-Podcast über Lanzarote, für Matthias, Waltraud, Marie und Julia. Vom 2. bis 16. Juli 2026 wohnen sie im Centro Antroposófico im Norden der Insel und nähern sich der Vulkaninsel Folge für Folge: dem Feuer von Timanfaya, dem Werk von César Manrique, den Pflanzen und Tieren der Lava, dem Wein von La Geria, der Geschichte der Insel, dem Tourismus und dem Wasser. Jede Folge ein Thema, dicht, überraschend und voller Vorfreude.
Sechshundert Grad unter deinen Füßen – Timanfaya und das Feuer, das nie ausging
Folge 2 | Erinnerung vom 2026-07-02
Schwarze Erde, weisses Licht – der Lanzarote-Podcast
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[00:08] Erzähler: Erster September, siebzehnhundertdreißig. Irgendwann zwischen neun und zehn Uhr abends. In Yaiza, einem kleinen Ort im Süden Lanzarotes, tritt der Pfarrer Andrés Lorenzo Curbelo vor seine Kirche. Er hört ein Grollen aus dem Westen – tief, lang, wie nichts, was er kennt. Zwei Wegstunden entfernt reißt die Erde auf. Und in einer einzigen Nacht wächst aus dem Riss ein Berg.
[00:34] Gesa: Aus seiner Spitze schlagen Flammen. Und die brennen neunzehn Tage lang ununterbrochen. Curbelo greift zur Feder – sein Eröffnungssatz steht bis heute in vulkanologischen Fachartikeln.
[00:46] Erzähler: Neunzehn Tage Flammen – und das war der Anfang?
[00:50] Gesa: Der Anfang von sechs Jahren. Von siebzehnhundertdreißig bis siebzehnhundertsechsunddreißig hat die Erde hier nicht aufgehört. Am Ende lag rund ein Viertel der Insel unter Lava – über zweihundert Quadratkilometer. Das ist fast so viel Fläche wie der Kanton Zug.
[01:08] Erzähler: Und ausgerechnet die fruchtbarsten Böden der Insel, im Westen und Zentrum. Die Felder, von denen die Menschen gelebt haben.
[01:16] Gesa: Was davon übrig blieb, seht ihr heute im Timanfaya-Nationalpark. Einundfünfzig Quadratkilometer Krater, Schlackenkegel, erstarrte Lavaströme. Schwarz, Ocker, Rostrot, Schwefelgelb. Kein Baum. Kein Grashalm. Nur Wind über nackter Schlacke.
[01:33] Gesa: Pass auf, weil das ist der Teil, den die meisten Leute falsch verstehen. Wenn du Vulkanausbruch hörst, denkst du an einen Kegel, der explodiert. Pompeji. Krakatau. Timanfaya war etwas völlig anderes.
[01:47] Erzähler: In welchem Sinn?
[01:48] Gesa: Eine Spalteneruption. Das Magma ist hier nicht durch einen Schlot aufgestiegen, sondern entlang von Bruchzonen in der Erdkruste, über Kilometer. Die Spalte wanderte – wo sie aufriss, entstand ein neuer Krater. In sechs Jahren haben sich über dreihundert Austrittsstellen geöffnet und rund fünfundzwanzig größere Schlackenkegel aufgebaut.
[02:12] Erzähler: Dreihundert Stellen - und die alle auf einmal?
[02:15] Gesa: Nacheinander, nicht gleichzeitig – das ist der Schlüssel. Und das Magma war basaltisch: dünnflüssig, zwischen tausend und zwölfhundert Grad heiß. Dünnflüssige Lava fließt weit und flach, statt einen steilen Kegel aufzutürmen. Deshalb diese endlosen Lavafelder.
[02:33] Erzähler: Aber wenn die Lava so dünnflüssig war – warum gab es dann trotzdem Explosionen und Aschewolken?
[02:39] Gesa: Zwei Gründe. Erstens: Wo sich Gas im Magma staut und schlagartig freisetzt, entstehen Lavafontänen – strombolianische Phasen, die die Schlackenkegel aufbauten. Und zweitens: Wo aufsteigendes Magma auf Grundwasser traf, verdampfte das Wasser explosionsartig. Die Eruption gilt als drittgrößte Spalteneruption an Land in den letzten elfhundert Jahren. Gleiche Liga wie die großen isländischen Ausbrüche. Rund ein Kubikkilometer Material – eine Milliarde Kubikmeter.
[03:12] Erzähler: Und genau hier kippt die Geschichte – denn wir haben einen Augenzeugen. Curbelo, der Pfarrer von Yaiza, hat die Eruption Woche für Woche festgehalten. Sein spanischer Eröffnungssatz: 'La tierra se abrió de pronto cerca de Timanfaya.' Die Erde öffnete sich plötzlich nahe Timanfaya.
[03:31] Gesa: Was seine Chronik so wertvoll macht: Er beschreibt die Abfolge. Wie sich drei neue Öffnungen oberhalb von Santa Catalina auftaten, wie dichter Rauch, Schlacke und Asche über die ganze Insel getrieben wurden. Das ist Feldforschung avant la lettre, von einem Dorfpriester.
[03:50] Erzähler: Er schildert glühende Ströme über Felder und Vieh, das in der Ferne durch Dämpfe verendet. Und dann, Ende Juni siebzehnhunderteinunddreißig, ein Detail, das mir echte Gänsehaut gemacht hat.
[04:04] Gesa: Die Fische?
[04:04] Erzähler: An den Weststränden lagen plötzlich unzählige tote Fische – darunter Arten, die kein Inselbewohner je zuvor gesehen hatte. Der Ausbruch reichte bis unter den Meeresboden und trieb Tiere aus der Tiefe an die Oberfläche.
[04:20] Gesa: Phreatomagmatische Explosionen. Wenn Magma unter dem Meeresboden austritt, verdampft Meerwasser schlagartig. Die Druckwellen und die Hitze treiben alles nach oben, was im Weg ist.
[04:32] Erzähler: Irgendwann hat Curbelo seine Chronik abgebrochen und Yaiza selbst verlassen. Der Mann, der alles aufschrieb, weil er wusste, dass sonst niemand glauben würde – am Ende konnte er nicht mehr bleiben.
[04:46] Erzähler: Mehr als zwanzig Ortschaften verschwanden unter der Lava. Timanfaya selbst, Rodeo, Santa Catalina, Mazo, Tingafa. Höfe, Kirchen, Brunnen – Meter um Meter unter Schlacke begraben.
[04:59] Gesa: Und doch – und das ist erstaunlich – gibt es keine dokumentierten unmittelbaren Todesopfer. Kein einziger Mensch ist direkt in den Lavaströmen umgekommen. Die Erde gab genug Vorwarnung: Beben, Grollen, aufsteigende Gase. Die Lava floss langsam genug, dass die Menschen fliehen konnten.
[05:18] Erzähler: Fliehen ja. Aber wohin? Ein großer Teil der Bevölkerung ist in den folgenden Jahren ausgewandert. Nach Gran Canaria, manche bis nach Amerika. Zurück blieben Hunger und Viehsterben. Und wer heute durch diese Landschaft fährt und staunt, vergisst leicht: Für die Menschen damals war jeder Krater ein begrabenes Zuhause.
[05:41] Gesa: Was mich seit der Recherche beschäftigt: Was macht man mit einem Land, das die eigene Geschichte verschluckt hat? Weil das, was unter dieser Oberfläche liegt, ist ja nicht einfach vergangen. Die Wärme, die man dort noch spürt, stammt genau von dem Ausbruch, der damals alles genommen hat.
[06:01] Erzähler: Und das führt uns genau dorthin.
[06:04] Gesa: Also: Warum ist der Boden am Timanfaya nach fast dreihundert Jahren noch heiß? Das ist der Kern der ganzen Sache. Am Islote de Hilario, dem Herzstück des Parks, wurden in dreizehn Metern Tiefe über sechshundert Grad gemessen. Sechshundert. Das schmilzt Blei und Zink - und röstet jedes Steak in Sekunden.
[06:25] Erzähler: Dreizehn Meter – so tief wie ein vierstöckiges Haus hoch ist. Und da unten sechshundert Grad.
[06:32] Gesa: Und der Grund ist überraschend: Es ist keine aktive Magmakammer direkt unter den Füßen. Geophysikalische Studien haben einen erkaltenden Lavakörper in rund einem Kilometer Tiefe lokalisiert. Der stammt von den Eruptionen siebzehnhundertdreißig und achtzehnhundertvierundzwanzig. Und Gestein leitet Wärme extrem schlecht – ein Körper dieser Größe braucht Jahrhunderte, um auszukühlen. Dreihundert Jahre sind geologisch ein Wimpernschlag.
[07:02] Erzähler: Aber reine Wärmeleitung – würde die Hitze dann überhaupt so nah an die Oberfläche kommen?
[07:08] Gesa: Reine Wärmeleitung würde nicht reichen, richtig. Es gibt ein zweites System: Luft dringt durch das poröse Vulkangestein ein, wird am heißen Körper aufgeheizt und steigt als Konvektion wieder auf. So trägt sie die Hitze aus einem Kilometer Tiefe nach oben, und hält das Gestein noch dreizehn Meter unter der Oberfläche auf sechshundert Grad. Ein sogenanntes Hot-Dry-Rock-Feld.
[07:34] Gesa: Und jetzt der Beweis, dass es wirklich Restwärme ist: Die austretenden Gase sind fast reiner Stickstoff, rund achtundneunzig Prozent. Normale Luft hat schon achtundsiebzig Prozent Stickstoff. Was hier fehlt, ist der Sauerstoff, der im heißen Gestein verbraucht wird. Übrig bleibt aufgeheizte Luft, kein Schwefel, kein Magmagas, nichts, was verbrennt. Timanfaya gilt als eines der bedeutendsten oberflächennahen Hot-Dry-Rock-Felder weltweit.
[08:04] Erzähler: Und aus genau diesem Katastrophengebiet, das Curbelo als Weltuntergang beschrieb, ist etwas geworden, das er sich nie hätte vorstellen können: der Timanfaya-Nationalpark. Menschen aus aller Welt gehen durch das, was einmal das Ende der Welt war. Und das Erste, was ihr dort spürt: Der Boden ist noch warm.
[08:26] Erzähler: Leg mal die Hand auf diesen Stein – am Islote de Hilario spürt ihr das durch die Schuhsohlen. Und die Parkranger machen es sichtbar.
[08:35] Gesa: Trockenes Reisig in eine flache Bodenmulde – nach wenigen Sekunden brennt es von selbst. Kein Streichholz, nur Bodenhitze.
[08:43] Erzähler: Dann gießt jemand einen Eimer Wasser in ein Bohrloch. Erst ein leises Zischen, dann ein Fauchen – und eine Dampffontäne schießt meterhoch heraus. Ein künstlicher Geysir, mitten in der Schlackenwüste.
[08:57] Gesa: Und dann – mein Favorit – der Erdwärme-Grill. Im Restaurant El Diablo liegt ein gusseiserner Rost über einem senkrechten Schacht im Gestein. Am Grund: vierhundertfünfzig bis fünfhundert Grad. Vierundzwanzig Stunden am Tag, das ganze Jahr. Kein Gas, keine Kohle. Die Erde grillt.
[09:16] Erzähler: Ein Steak, gegart von einer fast dreihundert Jahre alten Eruption. Es fühlt sich fast falsch an, ausgerechnet hier zu staunen, und genau dieser Zwiespalt gehört zu Timanfaya.
[09:29] Erzähler: Und das Gebäude selbst ist von César Manrique – um neunzehnhundertsiebzig herum gestaltet. Rund, flach, mit Panoramaverglasung. Absichtlich niedrig, es duckt sich in die Landschaft, statt sie zu überragen.
[09:43] Gesa: Und das rot-schwarze Teufelchen-Logo auf allen Parkschildern? Auch Manrique. Der Mann, der Lanzarote das Hochhaus verbot, hat den Feuerbergen ihr Maskottchen gegeben. Aber über den reden wir noch in einer eigenen Folge.
[09:58] Gesa: Was mich an Timanfaya am meisten beschäftigt: Wie kommt das Leben zurück auf nackte Lava? Wenn ihr durch die Felder fahrt, denkt ihr, hier wächst nichts. Aber das stimmt nicht.
[10:11] Erzähler: Was wächst auf nacktem Basalt?
[10:13] Gesa: Flechten. Die absoluten Pioniere – Lebensgemeinschaften aus Pilz und Alge, die kahlen Stein besiedeln, wo sonst nichts existieren kann. Die auffälligste Art heißt Stereocaulon vesuvianum – sie gibt den nördlichen Lavafeldern diesen weißlich-grauen Schleier. Und jetzt die Zahl, die mich umgehauen hat: Unter Flechtenbewuchs misst man eine Verwitterungsrinde von zweihundertvierundfünfzig Mikrometern. Auf unbesiedeltem Gestein: sechzehn. Die Flechten zersetzen den Stein fünfzehnmal schneller als die pure Witterung.
[10:49] Erzähler: Fünfzehnmal schneller – und trotzdem dauert es Menschenalter, bis da ein Zentimeter Boden liegt.
[10:56] Gesa: Genau deshalb ist der Park so streng geschützt. Seit neunzehnhundertvierundsiebzig Nationalpark, unter den meistbesuchten Spaniens mit über anderthalb Millionen Besuchern im Jahr. Aber kein Stein, keine Flechte darf mit. Was hier wächst, ist unersetzlich.
[11:13] Erzähler: Und der Untergrund ruht auch nicht wirklich. Achtzehnhundertvierundzwanzig brach es nochmal auf – drei Monate, drei neue Vulkane: Tao, Nuevo del Fuego, Tinguatón. Schwächer als siebzehnhundertdreißig, aber eine Erinnerung daran, dass diese Erde nicht fertig ist. Seither – Stille an der Oberfläche. Aber darunter kühlt der Lavakörper noch immer aus.
[11:38] Erzähler: Zur Orientierung: Vom Norden her seid ihr in gut einer Stunde am Parkeingang bei Mancha Blanca. Der Park öffnet täglich gegen halb zehn, Eintritt rund zweiundzwanzig Euro, Kinder die Hälfte.
[11:51] Gesa: Die Kernzone erlebt ihr auf der Ruta de los Volcanes – vierzehn Kilometer Rundfahrt per Parkbus, dreißig bis vierzig Minuten. Im Bus inbegriffen. Tipp aus der Erfahrung: rechte Fensterseite für die besten Krater-Ausblicke.
[12:06] Erzähler: Am Fuß der Berge beim Echadero de los Camellos könnt ihr auf Dromedaren reiten – Einhöckrige, die hier jahrhundertelang als Lasttiere die Felder pflügten, lange bevor sie Besucher den Hang hinauftrugen. Die Ritte gehen so zwanzig bis fünfundzwanzig Minuten.
[12:24] Erzähler: Anfang Juli ist Hochsaison, also früh kommen, gegen neun, halb zehn. Und packt Sonnenschutz, Kopfbedeckung und Wasser ein. Die schwarzen Flächen reflektieren die Hitze von unten, und Schatten gibt es –
[12:38] Gesa: Keinen. Null. Ihr steht auf einem schwarzen Ofen unter der Atlantiksonne.
[12:43] Erzähler: Wenn ihr am Islote de Hilario steht, die Hand über der warmen Erde – dann wisst ihr: Dreizehn Meter tiefer glüht noch immer das Feuer, das Curbelo vor dreihundert Jahren beschrieb. Und es kocht euch das Mittagessen.
[12:58] Gesa: Ein paar Meter Boden dazwischen. Und dreihundert Jahre Zeit.
[13:03] Erzähler: Nächstes Mal nehmen wir euch mit nach La Geria, in die Weinberge, die im Lavakies wachsen. Bis dahin.
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Ende der Folge. Laufzeit 13:10.